Faktencheck: Die meisten Opfer von Terroranschlägen sind Muslime

Analyse, Kolumne Schwer verpetzt

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Terroristen gegen alle anderen

Ich habe es in meinen Beiträgen der vergangenen Tage geschrieben: Der rechtsextreme Terrorist von Christchurch entstammt aus einer Online genährten und gewachsenen Hass-Kultur, die eine fremdenfeindliche, faschistische, frauenfeindliche und Islam-hassende Ideologie hervorgebracht hat. Aus dieser Ideologie bedienen sich viele erstarkte rechte Bewegungen wie in Trumps Anhängerschaft, aber auch die „Identitäre Bewegung“ und die AfD.

6 Dinge, die der Christchurch-Terrorist mit AfD & Co. gemeinsam hat

Extremismusforscher sehen ebenfalls klare Parallelen (Quelle). Sascha Lobo hat in seiner gestrigen SPIEGEL-Kolumne das ebenfalls noch einmal aufgegriffen (Hier). Ich empfehle die Lektüre, denn darin erklärt er, dass der moderne Online-Faschismus sich zwischen Ironie, Memes und Trolling bewegt. Das Manifest des Mörders sollte und darf man auf keinen Fall immer wörtlich nehmen.

Es ist extra so ausgelegt, um Medien hereinzulegen und zu ködern. Wer das Manifest, Ausschnitte davon oder Grundaussagen daraus unkritisch verbreitet, macht versehentlich Werbung für diese faschistische Ideologie. Oder nimmt es bewusst in Kauf. Wie man über Christchurch reden kann, ohne sich zum Helfershelfer des Terrors zu machen, hat Lobo so schön zusammengefasst, ich will ihn hier einmal zitieren:

  • alles vermeiden, was die Erzählung „Wir (Weißen) gegen die (alle Muslime)“ unterstützt
  • nicht ohne Kenntnis und Einordnung Zitate aus dem Manifest verbreiten
  • die Videoaufnahme der Tat nicht verbreiten
  • nicht den Schock als Einzeltat einsortieren und kommunizieren, sondern als Ergebnis einer gefährlich weit verbreiteten Ideologie – siehe NSU, siehe „Hannibal“
  • nicht den Namen und das Foto des rassistischen Massenmörders leichtfertig verbreiten.



Muslime kämpfen nicht gegen uns

Die Springer-Presse hat schamlos Namen und Bild des Terroristen verbreitet, insbesondere die Berliner BZ hat mitsamt Selfie des Täters und Foto seines Gewehrs getitelt: „Er tötete Unschuldige als Rache für den Terror am Breitscheidplatz“. Das ist fatal, es ist falsch und es ist der größte Sieg des Terroristen. Seine Neonazi-Propaganda hat es auf die Titelseite einer deutschen Zeitung geschafft. Warum das so fatal ist?

Man muss selbst kein Faschist sein, um versehentlich Dinge zu glauben oder zu verbreiten, die den nächsten rechtsextremen Terroristen hervorbringen könnten. Die Ideologie des Terroristen von Christchurch basiert auf verschiedenen Verschwörungstheorien, Fake News und falschen Zusammenhängen und Vorstellungen. Sie basiert nicht in der Realität. Und wer diese falschen Vorstellungen verbreitet, bereitet den Boden für diese Ideologie.

Ganz grob zusammengefasst glauben Neofaschisten wie der Terrorist, dass „die Muslime“ zusammen mit „anti-weißen Eliten“ (auch ein Codewort für „Weltjudentum“) aus irgendwelchen Gründen Weiße bekämpfen wollten und dass es Masseneinwanderung nach Europa gäbe, obwohl die Einwanderungs- und Fluchtzahlen auf neuen Tiefstständen sind (Quelle). Deswegen denken diese Mörder, sie dürften Muslime umbringen. Und alle, die sie für verantwortlich halten: „Linke“, Journalisten, Merkel.

Muslime sind die größten Opfer

An diesen fiktiven Erzählungen stimmen so einige Behauptungen nicht, auf einige bin ich hier (Link) eingegangen und habe auch gezeigt, wo unter anderem die AfD diese Verschwörungstheorien verbreitet. Ich möchte hier jedoch auf das  „Wir (die Weissen) gegen die (alle Muslime)“ eingehen. Insbesondere auf die wahnwitzige Vorstellung, dass das Umbringen von völlig unschuldigen Menschen am anderen Ende der Welt irgendwie Morde in Deutschland rächen kann.

Das unterstellt, dass über 1 Milliarde Menschen in allen Ländern der Welt (!) alle irgendwie gemeinsam etwas miteinander zu tun hätten. Man kann nicht einmal wirklich von der gleichen Religion sprechen, denn auch wenn alle mehr oder weniger unter das Label „Muslim“ fallen, gibt es von Land zu Land und auch innerhalb drastische Unterschiede im Glauben, geschweige denn in buchstäblich jeder anderen denkbaren Kategorie.

Und jetzt zu den Fakten zum Terror: Laut den aktuellsten Zahlen des Global Terrorism Index (Quelle) ist die Gesamtzahl aller Tode durch Terror stark gefallen, sie sind wieder auf dem niedrigsten Stand seit 2013. Besonders die – im Vergleich zu anderen Regionen ohnehin schon niedrigen – Todeszahlen von Terror in Europa sind drastisch gefallen. 0,43% aller Todesopfer von Terror starben in Europa. Und davon auch nicht alle durch Islamisten, dazu später mehr. Die meisten Menschen starben in Afghanistan, Irak, Syrien und Nigeria.

Rechtsextremer Terror nimmt zu

Allein dieser kleine Einblick lässt bereits klar werden: Terror findet vor allem in Kriegs- und Krisengebieten in Ländern mit muslimischer Mehrheit statt. Dementsprechend sind die meisten Opfer natürlicherweise andere Muslime. 84% aller Todesopfer stammen aus den zehn gefährdetsten Ländern, von denen die meisten eine muslimische Mehrheit haben. Mit einem Bruchteil aller Angriffe im Westen kann dies unmöglich ein Angriff „der Muslime“ auf „den Westen“ sein. Diese Unterstellung ist lächerlich und falsch. Die Anzahl der rechtsextremen terroristischen Gruppen und Anschläge hat hingegen jedoch zugenommen, vor allem in Europa und den USA.

Wer dieses Narrativ verbreitet – absichtlich oder nicht – hilft nicht nur rechtsextremen Mördern wie dem Christchurch-Terroristen, sondern auch islamistischen Mördern. Diejenigen, die in Europa Anschläge verüben, hätten das nämlich auch gern, aus anderen Gründen. Denn rechtsextreme Angriffe auf Muslime könnten diese wiederum in die Arme von Islamisten treiben. Sie brauchen sich gegenseitig und wir dürfen ihnen bei ihrem Versuch, uns alle da mit hineinzuziehen, nicht helfen.

Wir alle, wir friedlichen Menschen, egal was unsere Hautfarbe ist oder unsere Religion, wir alle werden von den Terroristen angegriffen, egal ob sie Nazis sind oder Islamisten. Keiner der Terroristen darf für uns sprechen. Und wir dürfen ihre Lügen nicht verbreiten. Es gibt keinen Krieg zwischen uns. Wir dürfen sie und ihre Behauptungen nicht ernst nehmen. Sie kämpfen gegen uns, und wir sind weiß, nicht-weiß, Christen, Atheisten oder Muslime. Sie sind Terroristen.

Artikelbild: Michael W NZ, shutterstock.com

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