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Schaut her, was Aiwanger oder Reichelt gerade getwittert haben!!

von | Jan 26, 2023 | Analyse

Studie: unsinnige oder falsche Sachen sagen ist ein Geschäftsmodell

Schon den letzten rassistischen Shit vom Oppositionspolitiker, den misogynen Kommentar vom konservativen Hetzblatt-Journalisten, die Relativierung der menschengemachten Klimakrise vom Regionalpolitiker oder das transphobe Whistleblowing der abgedrifteten Feministin gelesen? Hast du schon gesehen, dass Reichelt wieder Klimalügen verbreitet? Dass Aiwanger Unsinn über Insektenessen verbreitet? Vielleicht sogar sich darüber lustig gemacht und mit Kommentar retweetet, der den Unsinn entlarvt? Schon sind 30 Minuten vergangen, deine Konzentration ist im Eimer und geschafft hast du noch nichts? Dann mangelt es wohl auch dir an einer Fähigkeit, die Wissenschaftler:innen als eine Kernkompetenz für den Aufenthalt in der digitalen Welt bezeichnen: Das kritische Ignorieren.

Das meint zumindest ein Team von Psycholog:innen, das sich mit der Verarbeitung von Informationen im digitalen Raum beschäftigt haben. Sie sagen: Manche Informationen bewusst zu ignorieren, ist eine wichtige Fähigkeit im digitalen Raum. Denn es gibt Personen, die mit Absicht dumme oder falsche Sachen sagen, weil sie nur deine Aufmerksamkeit wollen. Sie hilft uns, fokussiert zu bleiben, falsche Informationen schneller zu erkennen und Statements von böswilligen Akteuren keine weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Wir stellen euch die Forschung vor und geben euch wichtige Tipps an die Hand fürs Aufmerksamkeitsmanagement in der digitalen Welt. 

Sie wollen alle nur das eine: Deine Aufmerksamkeit

Soziale Netzwerke sind vor allem eins: Ein Schlachtfeld um deine Aufmerksamkeit. Das liegt zum einen daran, dass die Unternehmen mit der Zeit, die wir auf der Plattform verbringen, Geld verdienen. Je mehr Zeit du auf der Plattform verbringst, desto mehr Werbung können sie schalten. Entsprechend sind die Algorithmen so gestaltet, dass dir Inhalte angezeigt werden, die dafür sorgen, dass du möglichst lang auf der Plattform bleibst. 

Aber auch unabhängig von den Algorithmen dreht sich alles um Aufmerksamkeit. Jeder Post, der veröffentlicht wird, soll von möglichst vielen Menschen gesehen werden. Viele Accounts wollen dir wichtige und spannende Inhalte vermitteln – aber eben nicht alle. Dazu kommen zahlreiche Akteure, die falsche Informationen verbreiten. Entweder, weil sie sie für wahr und relevant halten, oder weil sie ganz gezielt täuschen wollen. 

Wie sich falsche Nachrichten verbreiten

Menschen, die falsche Nachrichten verbreiten, wenden verschiedene Taktiken an, um ihren Themen zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Sie fluten Diskurse mit falschen Behauptungen, fordern Beweise zu den banalsten Tatsachen ein oder ergehen sich im Online-Mobbing. Das Forscher:innenteam stellt fest:

“Diese Taktiken erzeugen ein Übermaß an widersprüchlichen und irrelevanten Informationen, um Zweifel zu schüren, eine gemeinsame Wahrnehmung der Realität zu untergraben oder einfach die Aufmerksamkeit der Menschen abzulenken.”

Umgang mit diesen Herausforderungen wurde bisher in erster Linie versucht, Inhalte zu moderieren, Faktenchecks entgegen zu stellen und Nutzer:innen zum kritischen Denken anzuregen – also zum Hinterfragen der gelieferten Informationen. 

Die Forscher:innen schlagen nun aber zusätzlich eine weitere Kompetenz vor: Gezieltes Ignorieren. Sie argumentieren, dass durch die kritische Auseinandersetzung mit Falschinformationen unsere Aufmerksamkeit bereits ausgebeutet wird. Deswegen bedeutet Social Media Kompetenz für sie auch, bestimmte Nachrichten gezielt ignorieren zu können. 

Ignorieren als grundlegende menschliche Fähigkeit

Aus dem Übermaß an Eindrücken, die auf uns einprasseln, jene auszuwählen, die wir für relevant erachten, ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit. Ohne sie wären wir komplett unfähig zu handeln. Unser Gehirn ist ständig damit beschäftigt, bestimmte Informationen zu ignorieren. Vorrang gibt es jenen Informationen, die eine Gefahr signalisieren oder die einen besonders hohen emotionalen Wert transportieren. Denn wo Emotionen im Spiel sind, geht es um zwischenmenschliche Beziehungen und Anerkennung, und das sind wesentliche menschliche Bedürfnisse. In der Onlinewelt jedoch können genau diese Mechanismen, die unser Gehirn als besonders relevant erachten – also etwa der Fokus auf negative Inhalte und Emotionen – ausgenutzt werden, um irrelevanten oder falschen Nachrichten mehr Reichweite zu verschaffen. 

Das absichtliche Ignorieren ist deswegen eine grundlegende Fähigkeit im digitalen Raum, die unsere Aufmerksamkeit und unsere zeitlichen Ressourcen schützt.

Absichtliches Ignorieren im digitalen Raum

Die Forscher:innen definieren kritisches Ignorieren als:

„eine Art absichtliches Ignorieren, bei dem Informationen selektiv gefiltert und blockiert werden, um die eigene Informationsumgebung zu kontrollieren und die Exposition gegenüber falschen und minderwertigen Informationen zu verringern.“

Erst durch das kritische Ignorieren bestimmter Informationen wird es möglich, den übrigen und als wichtig erachteten Informationen die nötige kritische Aufmerksamkeit zu geben. Der Pool an zu bearbeitenden Informationen wird kleiner und tatsächlich handhabbar. Aber was genau soll man denn nun ignorieren?

Ironischerweise, so die Forscher:innen, setzt die Fähigkeit des kritischen Ignorierens gerade voraus, die Warnzeichen für geringe Vertrauenswürdigkeit zu erkennen. 

Wie man kritisch ignoriert – drei Strategien

Die Forscher:innen schlagen drei Strategien vor, die in verschiedenen Situationen angewandt werden können um die Flut an Informationen zu bewältigen. 

Self-nudging: Aufmerksamkeitsfresser abschalten

Unter nudging versteht man subtil gesetzte Reize, die eine bestimmte Entscheidung wahrscheinlicher machen, ohne dass dabei Zwang oder Druck ausgeübt wird. Mit dem Begriff self-nudging schlagen die Forscher:innen vor, das eigene Umfeld so zu gestalten, dass man verführerischen Informationen möglichst wenig ausgesetzt ist. Denn mit Clickbait-Überschriften und ähnlichem verhält es sich wie mit Süßigkeiten: Sind sie erstmal direkt vor der Nase, ist es viel schwerer zu widerstehen, wie wenn man sie gar nicht erst sieht. 

“Das Hauptziel von Self-Nudging”, so das Forschungsteam, “ist nicht die Optimierung des Informationsverbrauchs, sondern vielmehr das Angebot einer Reihe von Maßnahmen, die Menschen dabei helfen können, die Kontrolle über ihre Informationsumgebungen zurückzugewinnen und diese Umgebungen an ihren Zielen auszurichten”

Taktiken können etwa sein, bestimmte Social Media Apps zu deinstallieren oder feste Zeitlimits zu ihrer Nutzung einzurichten, den Bildschirm auf Graustufen umzustellen, Benachrichtigungen auszustellen, bestimmte Apps erst in der zweiten Hälfte des Tages zu verwenden, usw. Oder: Blockiert gezielt die üblichen Verdächtigen, die derartige Strategien nutzen und ruft andere auf, das ebenfalls zu tun.

Lateral Reading  – was sagen andere?

Akteure, die falsche Informationen verbreiten, geben sich oft selbst ein möglichst offizielles und vertrauenswürdiges Erscheinungsbild. Es werden Links als vermeintliche Quellen angegeben und die Sprache ist scheinbar präzise und wenig hetzerisch. Tricks, die beim schnellen Erkennen von klassischen Trollen helfen, scheitern dann oft. In diesen Fällen kann es helfen, gewissermaßen um die Information herum zu lesen. Denn oft haben sich andere bereits die Mühe gemacht, Informationen zusammenzutragen (wie Volksverpetzer 😉 ). Anstatt sich also mit den gemachten Behauptungen zu befassen und diese im Detail zu überprüfen, sucht man lieber erst einmal nach der Autor:in, dem Medium, in dem die Nachricht verbreitet wurde, oder der Organisation, die dahinter steht.

So stellt man vielleicht schon mit einer Google-Suche fest, dass das “Institut for Critical Climate Studies” (fiktives Beispiel) zum einen ein selbsternanntes Institut ist, dass an keine Universität angebunden ist, und zum anderen von Wissenschaftler:innne bereits grundsätzlich kritisiert wurde, weil keine wissenschaftlichen Standards eingehalten werden. Mit diesem Wissen lohnt es sich nicht mehr, die verbreiteten Informationen tatsächlich in aller Tiefe verstehen zu wollen, sondern du kannst den Artikel getrost links liegen lassen.

Trolle bitte nicht füttern!

Wir haben bereits festgestellt, dass die Währung in Social Media deine Aufmerksamkeit ist. Und dass Menschen vieles tun, um sie zu erreichen. Zum Beispiel auch: Nachrichten verbreiten, die so böswillig oder unsinnig sind, dass sich garantiert alle darüber aufregen werden – und sie so noch weiter streuen. Diskriminierende Inhalte zu verbreiten oder längst anerkannte Tatsachen zu leugnen kann eine Taktik sein, um Aufregung und damit Reichweite zu generieren. Aber diese Taktik verfolgt noch einen zweiten Zweck: In dem Menschen nun lautstark widersprechen und Gegenargumente liefern, entsteht eine Diskussion über etwas, was eigentlich nicht diskutiert werden sollte, weil es nichts daran zu diskutieren gibt.

Das Forschungsteam erklärt das so: 

“Obwohl sie eine Minderheit sind, können Verschwörungstheoretiker und Wissenschaftsleugner lautstark genug sein, um Schaden anzurichten. Ihre Strategie besteht darin, die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen, indem sie den Anschein einer Debatte erwecken, wo keine existiert”

Wenn Aufmerksamkeit die wichtigste Währung ist, dann gilt es vor allem, Trollen keine weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Die “Trolle-Nicht-Füttern-Heuristik” besagt deswegen zwei Dinge:  

“Erstens: Reagiere nicht direkt auf Trolle; Korrigiere sie nicht, beteilige dich nicht an Diskussionen, räche dich nicht und trolle nicht zurück. Zweitens: Blockiere sie stattdessen und melde sie der Plattform.”

So erhöht man die Reichweite von Trollen nicht weiter, ihre Aussagen bekommen nicht die erhoffte Aufmerksamkeit. Und vielleicht lässt sich so sogar der eine oder andere entmutigen und Social Media wird wieder zu einem Ort, an dem ein tatsächlicher qualifizierter inhaltlicher Austausch stattfinden kann.

Mit dem Neuland leben lernen

Klar, das Internet ist für uns alle Neuland. Aber es hat sich doch ziemlich schnell gezeigt, dass nicht alle, die hier so unterwegs sind, nur unser Bestes im Sinn haben. Gerade Social Media ist so konstruiert, dass wir abhängig werden und immer mehr Zeit dort verbringen. Dabei werden wir mit Informationen geflutet, und verlieren nicht nur unsere Aufmerksamkeit, sondern auch den Durchblick. Wir brauchen Strategien, die uns helfen, unsere Konzentration, unsere Zeit und unsere Nerven zu schonen. Zu wissen, welche Informationen unsere Aufmerksamkeit nicht wert sind und wir sie getrost ignorieren können, ist eine wichtige Kompetenz.

Ja, wir bei Volksverpetzer behandeln offensichtlich auch Desinformationsverbreiter oder Trolle. Aber ihr wisst gar nicht, wie viele Tweets, Seiten und Fake News wir bewusst ignorieren. Wir behandeln gewisse Themen erst, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen – wenn sie richtig Mainstream werden oder wenn wir ein gutes Gegenframing finden, um die Fakten viral gehen zu lassen und nicht die Fakes. Wir können auch mehr links (oder eher rechts) liegen lassen, wenn ihr alle auch besser im kritischen Ignorieren werdet.

In dieser Grafik sind die drei Strategien des Critical Ignoring noch einmal zusammengefasst:

Artikelbild: Uwe Lein/dpa (Aiwanger); Screenshot