Zu Risiken & Corona-Nebenwirkungen fragen Sie nicht Sahra Wagenknecht!

| Faktencheck | 8. November 2021

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„Das schadet“: Karl Lauterbach klagt haltlose Corona-Aussagen Wagenknechts an

Lange Zeit galt sie als das Aushängeschild der Linken: Sahra Wagenknecht. Seit ihrem Auftritt bei Anne Will vom 31.10.2021 ist die Politikerin der Partei „die Linke“ erneut in aller Munde. Falsche Aussagen, unfundierte Behauptungen und das bewusste Anreden gegen wissenschaftliche Erkenntnisse. Nach ihrem Auftritt kann man sich – kopfschüttelnd und die Hände über den Kopf schlagend – nur noch fragen, ob die Politikerin wirklich glaubt, was sie da erzählt. Denn wie falsch ihre Aussagen über Corona, Impfungen und die Bekämpfung des Virus sind, zeigt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach noch während der Sendung auf. Er kritisiert die Behauptungen der Politikerin. Auch ihre eigene Partei distanziert sich von ihr – erneut (Quelle).

Denn längst ist es keine Neuigkeit mehr, dass Wagenknecht Kritik aus eigenen Reihen erntet. Immer wieder trifft sie Aussagen, die weit von der parteiinternen Haltung entfernt sind – wir erinnern uns an ihre Vorschläge zur Asylpolitik und ihre Abneigung gegen offene Grenzen 2018 (Quelle). Und nicht nur eine solidarische Haltung gegenüber Geflüchteten, auch ihre eigene Partei sieht Wagenknecht mehr als kritisch. In ihrem neusten Buch „die Selbstgerechten“ spricht sie von „Lifestyle-Linken“ und einem unsympathischen „Links“ (Quelle).

Doch auch die falschen Aussagen Wagenknechts rund um das Corona-Virus sind nicht neu. Und diese gehen weit über persönliche Meinungen und Kritik an der eigenen Partei hinaus. Etwa bei ihrem neusten öffentlichen Auftritt. Dort wirft sie Behauptungen in den Raum, die so unfundiert sind, dass sie von SPD-Politiker Lauterbach korrigiert und richtiggestellt werden müssen. Müssen, damit nicht weitere Unwahrheiten nach außen posaunt werden. Schließlich sollte man meinen, dass dieser Job bereits von anderen gut abgedeckt wird. Doch die Linken-Politikerin scheint sich anschließen zu wollen.

Impfen ist eine Frage der Solidarität, Frau Wagenknecht!

So erklärt sie, dass Impfen nichts mit Solidarität zu tun habe (Quelle). Eine Aussage, die mit Blick auf die steigenden Inzidenzen an Ironie kaum zu übertreffen zu sein scheint (Quelle). Ihr Argument: Wer sich impfen lässt, schützt vor allem sich selbst. Das ist falsch. Nach wie vor ist das Risiko für Geimpfte geringer, PCR-positiv zu werden. Und auch wenn Geimpfte das Virus weitergeben können, wird dieses Risiko laut RKI vermindert (Quelle). Impfungen dämmen demnach die Pandemie ein (Quelle).

Auch wenn es vermehrt zu Impfdurchbrüchen – also Erkrankungen trotz Impfung – kommt (Quelle), verlaufen diese in der Regel milder (Quelle). Das hat zur Folge, dass es zu weniger schweren Verläufen kommt, die daher weniger intensive Behandlungen etwa in Krankenhäusern benötigen. Das entlastet das Gesundheitssystem für uns alle. Doch dies scheint Sahra Wagenknecht egal zu sein. Denn wir erinnern uns an ihre Worte „Impfen hat nichts mit Solidarität zu tun“. Interessant ist hierbei auch, dass die Linken-Politikerin sich etwa 2017 noch gegen den Pflegenotstand aussprach und ihn als „Schande“ bezeichnete (Quelle). Diese Solidarität mit Pflegekräften ist anscheinend einige Jahre später in Vergessenheit geraten. Denn schon Anfang des Jahres leugnete sie die Extremsituationen in Krankenhäusern – unsolidarisch gegenüber der Pflege:

Hilferuf der Intensivmedizin: Aber Wagenknecht würde lieber Pflegekräfte verheizen?

Aktuell wolle sich die Politikerin selbst nicht impfen lassen. Vielleicht, weil sie den „neuartigen“ Impfstoffen wie mRNA- und Vektor-Impfstoffen nicht traut. Sie würde sich eher mit einem „Totimpfstoff“ impfen lassen. Diese sind allerdings in der EU noch nicht zugelassen – frühestens ab Ende des Jahres der Impfstoff Novavax (Quelle).

Die von ihr als neuartig bezeichneten Impfstoffe werden – wie Lauterbach erklärt – jedoch schon länger auch gegen andere Viren eingesetzt. So erklärt er, dass etwa Vektorimpfstoffe (wie Johnson&Johnson und AstraZeneca) bereits gegen Viren wie Ebola, Marburg- oder Zika-Virus angewendet wurden (Quelle). Auch die mRNA-Technik sei eine bekannte Methode, die nun dank großer Investitionen zur Pandemiebekämpfung für die Impfstoffherstellung genutzt werden kann (Quelle). Umgekehrt ist die Sicherheit der Impfungen inzwischen schon sehr gut erforscht:

Kimmich: Wenn nur „Langzeitfolgen“ euer Problem sind, können wir euch beruhigen

Gefährliche Unwahrheiten

Doch damit nicht genug. In ihrem Rundumschlag lässt es sich die Politikerin auch nicht nehmen, Long-Covid infrage zu stellen. Die Folgen der Erkrankung bezeichnet sie als „umstritten“. Auch hier scheint Wagenknecht keinen Bezug zur Wissenschaft zu nehmen. So zeigte etwa eine Studie aus China im August 2021, dass rund ein Drittel der Corona-Erkrankten auch ein Jahr nach der Erkrankung noch unter Kurzatmigkeit leiden (Quelle).

Zwar stimmt es, dass Symptome wie „Chronic Fatigue Syndrom“ (CFS) nicht erstmalig nach Corona-Erkrankung auftraten, sondern auch durch andere Virusinfektionen hervorgerufen können (Quelle). Doch die aktuellen Folgen nach Corona-Infizierungen sind gravierend. Das zeigen auch die extra für Patient:innen mit diversen Spätfolgen eingerichteten Corona-Ambulanzen deutschlandweit (Quelle).

Schon lange auf der falschen Spur

Doch die Einschätzung Wagenknechts, die die Wirkung von Impfungen immer wieder klein redet, ist nicht neu. Die Extreme und Schärfe nimmt jedoch mit Dauer der Pandemie immer weiter zu.

In der Markus-Lanz-Sendung vom 13. Juli 2021 hat sich Wagenknecht bereits kritisch zu neuartigen Impfstoffen, der Abwägung des eigenen Risikos von Impfung und Erkrankung – und möglichen Folgen – geäußert sowie der öffentlichen Förderung für die Entwicklung der Impfstoffe (Quelle). Die Sendung stand im Kontext der EM und des Vorgehens Englands. Hier schildert Wagenknecht dies allerdings ohne die Schärfe vom 31.10.2021 aus der Sendung Anne Will und auch differenzierter. Doch auch hier offenbarte sich, dass sie dem Präventionsparadox erlegen ist. So erklärte sie im Juli, dass die dritte Welle nicht so hoch wie prognostiziert gewesen sei und dass der „Alarmismus“, den sie Lauterbach vorwirft, daher übertrieben sei.

Richtig ist, dass die Welle nicht so hoch war wie in ersten Prognosen erwartet. Richtig ist aber auch, dass die Welle nicht so hoch war, weil eben – die von ihr kritisierten – Maßnahmen ergriffen wurden und so die Infektionen eingedämmt werden konnten. Jene Maßnahmen waren es, die Wagenknecht auch Anfang des Jahres kritisierte. Kritik an Corona-Maßnahmen, eine bessere Lösung jedoch auch nicht parat, das beschreibt es vermutlich recht passend:

„Verantwortungslos“: Sahra Wagenknechts zweifelhafte Kritik an den Corona-Maßnahmen

Auch verteidigte sie in der Lanz-Sendung einen Facebookpost von Linken-Politiker Oskar Lafontaine vom 08.07.2021 (Quelle). In diesem nennt er Karl Lauterbauch eine „Covid-Heulboje“. Weiter schlägt er einen Bogen zur großen „Pharmalobby“, die einflussreich für die Politik sei und von öffentlichen Geldern profitiere. An dieser Stelle berücksichtigt weder Lafontaine noch Wagenknecht, dass die Versorgung von Covid-Erkrankten im Krankenhaus deutlich mehr Geld in die Kassen spült als die Impfung (Quelle).

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Lauterbach muss gegen Falschaussagen intervenieren

Und auch, dass Karl Lauterbach sie für ihre Äußerungen in Bezug auf Corona kritisiert, scheint bekannt. Am 12. Oktober twitterte sie etwa, dass die Zahl von Infizierten, die trotz Impfung erkrankten, höher seien als gesagt. Lauterbachs Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Nur wenige Stunden später antwortet Lauterbach mit einem Tweet:

Gegenüber dem Spiegel verrät Lauterbach, dass er die Vermutung habe, Wagenknecht handelt nicht etwa aus Unwissenheit, sondern stelle die Fakten bewusst falsch dar (Quelle). Seine Vermutung scheint nahezuliegen. Denn wie sonst sollte sie etwa darauf kommen, dass sich nur ältere Menschen oder Risikogruppen impfen lassen müssten? Er ist sich sicher: Solche öffentlichen Aussagen schaden – auch wenn er Wagenknecht als Politikern schätze.

Kritik aus eigenen Reihen

Dass Wagenknecht mit ihrer Meinungen nicht die ihrer Partei vertritt, machen ihre Kolleg:innen mehr als deutlich. Am Montagmorgen – nur wenige Stunden nach der Ausstrahlung – twittert der Vorsitzende der Linksfraktion seine klare Haltung für das Impfen. Er betont dabei, dass Impfen für ihn sehr wohl ein Akt der Solidarität ist.

Die Linken-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow möchte sich in der allwöchentlichen Pressekonferenz nicht einmal mehr zu Sahra Wagenknecht äußern. Sie könne und wolle Wagenknecht nicht mehr erklären, sagt Wellsow (Quelle). Vorstandsmitglied Katrin Lompscher fand klare Worte und schrieb: „Wagenknecht bei Anne Will spricht nicht in meinen Namen und schon gar nicht für die Linke“ (Quelle).

Es bleibt also festzuhalten: Nicht nur Karl Lauterbach kämpft gegen die falschen Äußerungen Wagenknechts an. Ihre Haltung in der Pandemie ist klar: gegen die Wissenschaft und gegen Zahlen und Belege. Was bleibt also zu hoffen? Vermutlich nicht viel. Nicht in Bezug auf eine Einsicht oder Wende Wagenknechts.

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Artikelbild: Screenshot Anne Will

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