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Warum Zehdenick für die AfD eine Ausnahme bleiben wird

12. Mai 2026 | Analyse

Geschätzte Lesezeit: 13 min

Die AfD hat eine Wahl in Zehdenick in Brandenburg gewonnen. Kennt man jedoch die Hintergründe, sieht man, dass die AfD kommunal ein riesiges Problem hat. Von einem "Dammbruch" zu reden, ist jedoch Quatsch. Die AfD hat 2025 jede einzelne Wahl verloren und 2026 bereits 23 weitere. Zehdenick wird eine Ausnahme bleiben. Und wir haben das in der Hand:

Am Sonntag ist im brandenburgischen Zehdenick das passiert, was bei vergangenen Wahlen in Ostdeutschland oft befürchtet wird und bisher nur selten gelang: Der AfD-Kandidat René Stadtkewitz hat die Wahl zum Bürgermeister im ersten Wahlgang mit 58,4 Prozent der Stimmen gewonnen. Das sind keine guten Nachrichten für die Demokratie und die 7.843 wahlberechtigten Zehdenicker:innen (inklusive Nichtwähler:innen), die ihn nicht gewählt haben. Ob es für seine 3.411 Wähler:innen auf Dauer eine gute Nachricht sein wird, muss sich noch zeigen.

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Aber ist das jetzt auch der "Dammbruch", nach dem die AfD ein Rathaus nach dem anderen einnehmen wird, wie AfD und Welt-Politikredakteur Maximilian Heimerzheim behaupten? Der Vorsitzende der gesichert rechtsextremen Brandenburger AfD, René Springer, spricht von einem "unmissverständlichen Signal" und einem "Vorgeschmack" auf weitere AfD‑Bürgermeister. Heimerzheim stimmt dem zu, Zehdenick sei "erst der Anfang". Die Bundespolitik schaffe es nicht mehr, "die kleinen Dörfer abzuholen". Sie haben beide Unrecht.

Der AfD-Bürgermeister in Zehdenick wird die Ausnahme bleiben

Doch hinter dem deutlichen Sieg des AfD-Mannes steckt etwas ganz anderes als ein Versagen der Bundesregierung. Dass die aktuelle Regierung auf Bundesebene tatsächlich immer wieder durch ihren Rechtsruck, wirkungslose, und auf Fake News basierende Politik die AfD stärkt, haben wir bei Volksverpetzer schon oft beschrieben. Dass der Stand der Forschung zeigt, dass so eine Politik die extreme Rechte stärkt, sollte auch längst bekannt sein. Im Fall von Zehdenick geht es aber um etwas anderes: Den Grund, warum dieser AfD-Erfolg eine Ausnahme bleiben wird.

Um zu verstehen, was in der Kleinstadt vorgefallen ist, muss man sich die vergangenen fünf Jahre anschauen. In einem Zeitraum, in dem die Stadt eigentlich nur einmal den Bürgermeister wählen sollte, mussten die Wähler:innen nämlich gleich viermal ihre Stimme abgeben. Alles begann mit der Abwahl des parteilosen Bürgermeisters Bert Kronenberg 2021. Er war 2019 gewählt worden und wurde auf einen Antrag der Stadtverordneten, wie die MOZ(+) berichtete, von AfD, Bürger für Zehdenick, CDU, Die Linke, FDP, SPD und den Wählergemeinschaften „Gemeisam für Zehdenick“ und „Schorfheide“ mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit abgewählt.

Als Grund nannten die beteiligten Fraktionen, dass Kronberg nicht geliefert habe, was er im Wahlkampf versprochen habe, und kritisierten Fehler beim angekündigten Umbau der Stadtverwaltung und die Außendarstellung des Bürgermeisters. Die Zusammenarbeit mit der AfD, um die Zwei-Drittel-Mehrheit zu erreichen, kritisierten Kronberg sowie Orts- und Landesverband der Grünen.

Zehdenick: Vier Bürgermeister-Wahlen in fünf Jahren

2022 wurde dann mit dem damals 24-jährigen Lucas Halle (SPD) der bis dato jüngste Bürgermeister Brandenburgs gewählt. Doch schon zwei Jahre später trat auch er zurück, freiwillig, aus gesundheitlichen Gründen. Das nächste Mal gewählt wurde im Februar 2025, gleichzeitig mit der Bundestagswahl. Auch hier gab es eine aufsehenerregende Überraschung: René Stadtkewitz, der damals schon für die AfD antrat, lag nahezu gleichauf mit dem parteilosen Konkurrenten Alexander Kretzschmar (37,3 zu 37,5 Prozent, das sind 16 Stimmen Unterschied). Bei der Stichwahl konnte Kretzschmar die Wahl dann mit 63 Prozent für sich entscheiden.

Doch das Pech blieb kleben am Amt des Zehdenicker Bürgermeisters: Kretzschmar meldet sich nach elf Tagen im Amt krank – und bleibt es, bis Anfang diesen Jahres. Im Januar wurde er von den Zehdenicker:innen abgewählt.

Und damit wären wir bei der Wahl am vergangenen Sonntag angekommen. Vier Bürgermeister in fünf Jahren, die vom Stadtrat abgewählt wurden oder selbst zurückgetreten sind, zweimal aus gesundheitlichen Gründen: Das ist ein guter Nährboden für Unzufriedenheit und das Gefühl, dass sich etwas grundlegend ändern muss.

Diese Stimmung nutzen und auffangen hätte aber auch problemlos ein Kandidat oder eine Kandidatin einer demokratischen Partei. Die SPD ist traditionell sehr stark in Brandenburg, sie hätte spielend diese Rolle übernehmen können. Doch damit kommen wir zum zweiten Grund für das Wahlergebnis von Zehdenick: Das Versagen der anderen Parteien.

Kein aussichtsreicher Gegenkandidat in Zehdenick

CDU und SPD stellten keine Gegenkandidaten auf. Den fehlenden eigenen Kandidaten bedauert Julian Brüning, Generalsekretär der CDU Brandenburg und erklärt, dass sich niemand finden ließ, der Lust auf das Amt als Bürgermeister oder Bürgermeisterin hatte. Dieses Problem gibt es nicht nur in Zehdenick.

Das Branchenmagazin "Kommunal" schrieb schon 2019 von hunderten Gemeinden ohne Bürgermeisterkandidat:innen. Auch in den vergangenen Jahren waren immer wieder Kommunen in dieser Not. In den Berichten dazu wiederholen sich die Gründe: Zu viel Arbeit und Bürokratie, zu wenig Aufwandsentschädigung, zu viel Belastung, auch durch die Exponiertheit in der Öffentlichkeit und finanziell schwache Kommunen. Das Problem geht also über die Ortsverbände in Zehdenick hinaus. Doch hier zeigt sich nun, welche Folgen es haben kann.

Der „aussichtsreichste“ Gegenkandidat, Stephan von Hundelshausen, kam von der FDP (no front, aber aktuell braucht man schon extrem viel Charisma, um diesen Parteinamen an Wähler:innen zu verkaufen). Bei der vierten Wahl in fünf Jahren hatten auch nur noch 52,8 Prozent der Wahlberechtigten Lust, zur Urne zu gehen. Im Jahr zuvor, als Stadtkewitz noch verloren hatte, waren es noch 72,6 Prozent.

In diesem Chaos musste Stadtkewitz eigentlich nur noch die Füße stillhalten und abwarten. Seine kommunalpolitische Erfahrung kam ihm hier sicherlich zugute: Der ehemalige CDUler hat, soweit in Presse und Social Media nachvollziehbar, einen unaufgeregten Wahlkampf geführt und einige Fehler nicht gemacht, die bei AfD-Kandidat:innen für Kommunalwahlen sonst immer wieder vorkommen: Die AfD-Kandidat:innen sind oft "lokal wenig vernetzt, politisch relativ unerfahren, einige mit dubioser Vergangenheit", wie die taz zusammenfasst. Sie führen den Wahlkampf oft mit bundespolitischen Themen, die auf der entsprechenden Ebene gar nicht umsetzbar sind.

Stadtkewitz ist da schon anders: Er lebt seit 2023 in Zehdenick (+), hat seit 1999 politische Erfahrung in der Bezirksverordnetenversammlung Pankow und dem Berliner Abgeordnetenhaus, seit 2025 den Fraktionsvorsitz der AfD (+) in der Stadtverordnetenversammlung. Im Wahlkampf tourte er durch Zehdenick. Sprach über Wohnungen, Arbeitsplätze, Verwaltung und die Perspektiven der jungen Generation. Stadtkewitz betonte eben nicht Migration und "Sicherheit" (oft nur ein Tarnwort für das Migrationsthema), sondern klassische kommunale Themen.

Auch Stadtkewitz ist ein extrem rechter AfD-Bürgermeister

Auch seine Vergangenheit ist weniger dubios als die von so manchem anderen Kandidat:innen. Ja, er trat 2009 wegen seiner islam- und migrationsfeindlichen Haltung aus der CDU aus und wurde 2010 auch als parteiloses Mitglied aus der Berliner CDU-Fraktion ausgeschlossen, weil er eine Einladung des niederländischen rechtsradikalen Geert Wilders nicht zurückziehen wollte. Aber bei AfD-Kandidaten kann man ja fast schon froh sein, wenn sie keine kriminelle Vergangenheit haben, wenn man sich etwa die Kommunalwahl in Bayern anschaut.

Dass Stadtkewitz vergleichsweise seriös auftritt, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er Mitglied der gesichert rechtsextremen AfD Brandenburg ist, Vorsitzender der islamfeindlichen Bewegung „Pax Europa“ war, eine an der niederländischen rechtsextremen Partij voor de Vrijheid orientierte Partei "Die Freiheit" gründete, die ebenfalls von Islamfeindlichkeit geprägt war und sich selbst auch so äußerte: Der Islam sei „eben auch ein patriarchalisches, intolerantes Gesellschaftssystem, eine politische Ideologie, die ein eigenes Rechtssystem mit sich bringt“, so zitiert ihn der Tagesspiegel. Stadtkewitz ist nicht harmloser als andere AfDler, er ist nur geschickter als so manch anderer.

Und er profitierte vom Chaos im Zehdenicker Rathaus. Denn damit wären wir wieder beim eigentlichen Problem. Der AfD-Erfolg ist "weniger die Stärke der AfD, mehr die krasse Schwäche der anderen", wie Julius Geiler, Reporter beim Tagesspiegel, auf X schreibt.

Das ist kein AfD-Erfolg, das ist ein Versagen der Demokraten

Denn in absoluten Zahlen hat Stadtkewitz kaum dazu gewonnen: 2025 bekam er 3.021 Stimmen, dieses Jahr waren es 3.411. Sein prozentual hohes Abschneiden kam vor allem durch die gesunkene Wahlbeteiligung und die Schwäche der Gegenkandidaten zustande. Es gab keine Gegenkandidaten von SPD und CDU; die SPD warb indes für die Abwahl von Alexander Kretzschmar. Hier haben die demokratischen Parteien vor Ort versagt. Das ist bitter für Zehdenick und muss eine Warnung für alle Kommunen sein: Die AfD lebt bisher vor allem vom Versagen der anderen Parteien. Sie hat keine Lösungen (wird sie doch bei einer direkt vergleichbaren, angemessenen Alternative seltenst gewählt), aber sie profitiert von Chaos und Uneinigkeit.

Dass Zehdenick bis jetzt die Ausnahme bleibt und es auch in Zukunft bleiben kann, zeigen die restlichen Kommunalwahlen in diesem und im vergangenen Jahr. 2026 verlor die AfD 23 Wahlen in Ostdeutschland, auch 2025 verlor sie jede einzelne Wahl. Und es gibt keine Anzeichen, dass sich dieser Trend ändern wird.

Die AfD verliert immer noch die meisten Wahlen

Wenn die Wahl von Stadtkewitz der angebliche Durchbruch der AfD sein soll, dann stellt sich die Frage, warum am gleichen Tag Panketal mit 70,6 Prozent Maximilian Wonke (SPD) wählte und der AfD-Kandidat nur 29,4 Prozent der Stimmen bekam. Warum sie in Mecklenburg-Vorpommern bei den Bürgermeisterwahlen keinen Fuß auf den Boden bekam. Immer wieder Stichwahlen verpasste und vor allem gegen Amtsinhaber und vor Ort bekannte Kandidat:innen verlor.

Es ist nicht die AfD, die aus eigener Kraft einzelne "Durchbrüche" wie in Sonneberg, Raguhn-Jeßnitz oder Zehdenick schafft. Es ist das fehlende Gegenangebot der demokratischen Parteien, das AfD-Amtsinhaber möglich macht. Das ist das Problem, die Schwachstelle der AfD: Wenn die anderen Parteien einigermaßen ordentliche Arbeit machen, zeigt sich schnell, wie wenig hinter der Fassade steckt.

Die Schwäche der Demokraten ist kein unvermeidbares Schicksal

Die Schwäche der demokratischen Parteien ist kein unvermeidbares Schicksal. Immer wieder zeigen Kommunen, wie die AfD geschlagen werden kann. Wenn sich Amtsinhaber:innen bewähren, haben sie große Chancen, wiedergewählt zu werden und sich gegen AfD-Kandidat:innen durchzusetzen.

Wie sich AfD-Amtsinhaber schlagen, wenn sie zur Wiederwahl stehen, muss sich erst noch zeigen. Erste Bilanzen sind aber eher ernüchternd: Der Sonneberger Landrat Robert Sesselmann brach im ersten Amtsjahr Wahlversprechen, schaffte es (natürlich) nicht, seine unrealistische Ideen umzusetzen, und steht in seinem Landkreis vor etlichen Problemen.

Auch AfD-Bürgermeister Hannes Loth brach wenige Wochen nach der Wahl seine ersten Wahlversprechen. Tim Lochner, Bürgermeister in Pirna, provozierte mit einem Vergleich der Regenbogenfahne und der Hakenkreuzfahne bundesweite Kritik, verweigerte einem Festakt zum Grundgesetz-Geburtstag den Ratssaal und irritierte mit einer Kandidatur im Stadtrat. Lochner trat das Mandat nicht an, brachte der AfD aber mehr als 10.000 Stimmen ein. Im weiteren Verlauf der Amtszeit zog er sich dann eher zurück, "für manche galt er gar als abgetaucht", wie die Sächsische Zeitung schreibt (+).

Arne Raue, erster hauptamtlicher AfD-Bürgermeister, wechselte vor der Möglichkeit einer Wiederwahl 2025 in den Bundestag. Seine Nachfolgerin ist seine parteilose frühere Stellvertreterin Christiane Lindner-Klopsch.

Für wirklich erfolgreiche AfD-Amtsträger, die zu einem "Durchbruch" im Lokalen führen könnten, fehlt also bislang der Nachweis. Gut belegt ist aber, wie die demokratischen Parteien mit guter Politik AfD-Bürgermeister verhindern können. Dass sich das nicht rumspricht, liegt auch an einem kollektiven Medienversagen: Die vielen Niederlagen werden medial so gut wie gar nicht thematisiert. Wir lernen so nie, wenn wir etwas richtig machen.

Und jetzt?

Na toll, denkst du jetzt vielleicht. Schöne Analyse und alles. Aber ist das nicht einfach Schönreden? AfD-Siege bleiben Einzelfälle, bis sie halt immer häufiger werden. So fängt das eben an. So kann es anfangen, ja. Aber ein Durchmarsch der AfD ist nicht in Stein gemeißelt. Wenn wir an die Machtergreifung der AfD glauben, dann werden wir sie auch nicht verhindern können. Wenn wir nicht den Mut haben, dass wir es abwenden können, dann haben wir jetzt schon kapituliert. Wir schreiben das nicht, weil wir uns etwas schönreden wollen. Sondern um zu zeigen, dass die AfD nur gewinnen kann, wenn wir kapitulieren. Wir schreiben das, damit auch du nicht aufgibst.

Und trotzdem magst du dir denken: Aber was kann ich denn jetzt dafür tun, dass die demokratischen Parteien gute Politik in kleinen Kommunen machen? Das Wichtigste ist Engagement vor Ort. Organisiert euch zivilgesellschaftlich, schaut, was euer Ort braucht und was ihr tun könnt. Wenn es eine Partei gibt, die ihr unterstützenswert findet, werdet Mitglied. Parteimitgliedschaft, das klingt oft etwas unsexy, aber ohne Mitglieder auch keine demokratischen Parteien mit Gegenangeboten. Vielleicht hilft der Gedanke, dass es im Ort nicht so viel um riesige, komplizierte bundespolitische Themen geht. Sondern vor allem um eure Straßen, die Schule, den Spielplatz. Und wenn ihr euch so gar nicht auf eine Partei einlassen könnt: Kommunal kann man oft auch parteilos oder in einem Wählerbündnis Einfluss nehmen.

Und, abseits von kommunalpolitischem Engagement: Fallt nicht auf das Narrativ vom Durchmarsch der AfD herein. Das verbreiten leider nicht nur die AfD und rechte Medien, sondern auch zu viele Demokrat:innen. Egal, wie schlecht manche Nachrichten sind: Wenn wir aufgeben, noch bevor Wahlkämpfe überhaupt angefangen haben, können wir nur verlieren. Es geht nicht um verklärten Optimismus, sondern um eine realistische Einschätzung: Die AfD verliert noch immer eine Wahl nach der anderen. Und wir haben sehr viele gute Beispiele, wie man sie besiegen kann. Zehdenick wird erstmal die Ausnahme bleiben. Weil wir selbst dafür sorgen können, dass das so bleibt.

Artikelbild: Soeren Stache/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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