Die „Verschwörung“ hinter #allesdichtmachen: Immer mehr Querdenker-Verbindungen enthüllt


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Update (04.05): Brüggemann hat auf diesen Artikel reagiert, sehr sehr schwach:

Die Verschwörung hinter #Allesdichtmachen?

Getäuschte Schauspieler:innen, ein Versuch, gegen die vermeintliche „Propaganda“ der Regierung zu kämpfen, Kritiker:innen als „Cancel Culture“ zu brandmarken und Zusammenarbeit mit Verschwörungsideolog:innen: Jetzt lasst uns mal selbst konspirativ reden, reden wir von der „Brüggemann-Verschwörung“. Die Aktion #allesdichtmachen war wohl doch nicht so unschuldig wie zuerst gedacht. Die „Satire“ ist offenbar nicht einfach nur missverstanden worden und hat nicht einfach so versehentlich heftigen Applaus von „Querdenken“ und Rechtsextremist:innen erhalten, sondern sie sollte gezielt Verschwörungsideologien mithilfe von „bekannten“ Gesichtern normalisieren. Wir haben die neuesten Enthüllungen zusammengefasst und ergänzt.

Eine gezielte Aktion der Hintermänner?

Über die Aktion #allesdichtmachen wurde in ganz Deutschland heftig gestritten. Während die einen darauf hinwiesen, dass sie als „Kunstaktion” völlig misslungen ist und Demokratiefeinden und Pandemie-Leugner:innen in die Karten gespielt hatte, meinten andere, an den Vorwürfen von gleichgeschalteter Presse und Meinungsdiktatur sei etwas dran – und wer sie kritisiere, sei selbst ein Faschist.

Die völlig aus dem Ufer gelaufene Debatte um die Aktion gipfelte in einer Diskussion um den Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland. Eine Debatte, wie sie sich AfD und „Querdenker:innen“ nicht nützlicher hätten wünschen können. Wir haben dazu schon ausführlich hier geschrieben:

Der Schaden ist angerichtet: Querdenken ist jetzt in der Mitte der Gesellschaft

Aber darum soll es im Kern heute nicht gehen. Seitdem sind viele wichtige Informationen ans Licht gekommen, die die ganze Aktion in einem Licht erscheinen lassen, das eher suggeriert, dass die Kritiker:innen der Aktion goldrichtig lagen. Der Eindruck, dass es sich bei #allesdichtmachen nicht um ein Versehen handelte, sondern um eine durchgeplante Aktion, erhärtete sich in den vergangenen Tagen eindeutig. Im Zentrum dieser Enthüllungen steht der Tatort und #allesdichtmachen Regisseur Dietrich Brüggemann.

Außerdem ist es nun auch offensichtlich, dass ein Teil der ursprünglichen 53 Schauspieler:innen nicht wusste, worauf sie sich da einlassen, bzw. sie vorsätzlich über Ziel und vollen Umfang der Aktionen getäuscht wurden.

Betrachtet man all das zusammen, ergibt sich ein völlig anderes Bild von der Aktion, als man das am Anfang hatte. Wollten hier Menschen, die unironisch von „Propaganda“ sprechen und eine Verschwörung von „Eliten“ wittern, hier die öffentliche Diskussion in ihrem Sinne manipulieren? Schauen wir uns die Fakten an.

Ahnungslose Agenten und vorgefertigte Skripte für getäuschte Akteur:innen?

Fangen wir mit dem Schreiben an, das zur Rekrutierung der Schauspieler:innen diente, und das der SPIEGEL veröffentlichte.

Die Rede ist von „Propaganda“

Die Aktion war von Anfang an als Reaktion auf vermeintliche „Propaganda“ gedacht gewesen, um in die „Köpfe der Menschen vorzudringen“. Wessen Propaganda denn? Da sich die Aktion gegen Maßnahmen richtete: Gegen eine der Regierung? Welche sonst? Wie wir in unserer ersten Analyse bereits erklärten (und dafür als „Nazis“ beschimpft wurden): Die Satire mag bewusst überzogen gewesen sein, die dahinterstehende Kritik war jedoch genau so gemeint. Dafür wollte man also Schauspieler:innen für die Aktion rekrutieren. Schon ganz von Anfang an ist die Rede von der „Propaganda“! Eine Formulierung, bei der bei einigen Schauspieler:innen die Alarmglocken hätten läuten müssen, weil sie 1:1 verschwörungsideologischer Formulierung entspricht. Wer schon von „Propaganda“ spricht, kann keinen objektiven und faktenbasierten Blick auf die Pandemie haben.

Weiter heißt es, man würde sich im Nachgang zur Aktion nicht äußern. Davon kann wirklich nicht die Rede sein, kamen Brüggemann, Liefers & Co. doch in zahlreichen Sendungen zu Wort und suchten förmlich das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Das Schreiben zeigt auch deutlich, dass man ganz genau wusste, was für eine Reaktion #allesdichtmachen hervorrufen wird. Dieser Eindruck erhärtet sich, wenn man sich die Aussage Brüggemanns in einem Interview mit N-TV anschaut (Quelle):

„Die Aktion wurde tatsächlich missverstanden, aber ich persönlich fühle mich nicht missverstanden. Ich habe damit gerechnet, dass sie missverstanden wird.“

Von dieser einkalkulierten Empörung wusste die Mehrheit der involvierten Schauspieler:innen offensichtlich nichts. Wer weiß, dass sie „missverstanden“ wird, will, dass sie „missverstanden“ wird, oder?

Aktion und Reaktion geplant wie ein „Tatort“

Auffällig ist die Zahl der TV-Kommissar:innen, die bei der Aktion dabei gewesen sind. Der Verdacht liegt nahe, dass Brüggemann im erweiterten Bekanntenkreis Mitstreiter:innen rekrutierte. 14 Beteiligte haben in der Vergangenheit mit Brüggemann gearbeitet. Vieles sei „unter der Hand gelaufen“, die Agent:innen der Künstler:innen wurden umgangen und einige von ihnen erfuhren erst Stunden vor der Veröffentlichung von der Aktion, wie Recherchen zeigen (Quelle). Persönliche Kontakte spielten im Vorfeld der Aktion eine wichtige Rolle, das meiste wurde über Telefon eingefädelt, wenig schriftlich festgehalten.

Vorgefertigte Texte: Die „Querdenken“-Narrative waren Absicht

Die Schauspieler:innen hatten kaum Mitsprache bei den Texten, sondern konnten sich aus vorgefertigten Texten welche aussuchen (Quelle).

Der Tagesspiegel schreibt zur Vorgeschichte, dass ein namentlich genannter Schauspieler, der ebenfalls von Brüggemann angesprochen worden war, ein völlig anderes Bild zeigte:

„Im Gespräch mit dem Tagesspiegel berichtet er, dass Brüggemann und die Regisseurin Jeana Paraschiva federführend bei der Durchführung gewesen seien. Demnach verschickten sie via Email eine Projektskizze, mit der sie die geplante Aktion erklärten. Im Anhang der Mail fand sich ein Dokument mit Texten, die wirkten, als seien sie größtenteils von Brüggemann verfasst worden. Der Angeschriebene konnte sich aus diesem Konglomerat ein Statement aussuchen, das er später vor der Kamera vortragen würde.“

Eine eigene Themensetzung sei dabei „offensichtlich aber nicht erwünscht gewesen“. Wie die konkrete Stoßrichtung lauten sollte, war vorgegeben: die Lockdown-Maßnahmen der Regierung, das „Narrativ“ von Politik und Wissenschaft mit einer alternativen Erzählung „umzustoßen“, wie es Brüggemann im „Welt“-Interview ausdrückt.

„Hinter #allesdichtmachen steckt somit eine klare politische Agenda; die vielen Stimmen gehen vermutlich auf einen einzigen Autor zurück. Viele der Beteiligten hätten das Ausmaß der Aktion nicht realisiert, erzählt der Schauspieler. Er habe Brüggemann immer als »aufrechten Linken« wahrgenommen, der sich aber in den vergangenen Monaten der Pandemie »in dieses Thema absolut reingesteigert« habe”, schreibt der Tagesspiegel.

Moritz Bleibtreu in Vorbereitung zu #allesdichtmachen involviert?

Obendrauf sollte auch der bekannte Schauspieler Moritz Bleibtreu in der Aktion involviert gewesen sein. Seine Unterstützung für das Projekt hat aber wohl in letzter Sekunde zurückzogen. So zitiert ihn der Tagesspiegel:

„Ich wurde für die Aktion angefragt und stand eine Zeit lang mit mehreren Kollegen dazu im Dialog. Schlussendlich habe ich mich dazu entschlossen, die Aktion nicht zu unterstützen. Mich betrübt die aus der Aktion resultierende Stimmung sehr und ich würde mir ein friedlicheres Miteinander wünschen.“

Da alles telefonisch stattfand und sich niemand traue, Bleibtreu aus Angst vor Repressalien als aktiven Rekrutierer von #allesdichtmachen zu bestätigen, fehle dafür eine zweite Quelle.

Einige der Schauspieler:innen sollen sogar nur teilgenommen haben, weil sie dachten, Bleibtreu wäre auch bei der Aktion dabei. Schauspieler Volker Bruch, ebenfalls an der Organisation beteiligt, sollte diese Information an die anderen Schauspieler:innen weitergeben, verschwieg dies jedoch angeblich aus Sorge, andere könnten sich deshalb von der Aktion zurückziehen (Quelle).

Aus dieser Perspektive wirkt das Ganze gar nicht mehr so unschuldig, wie uns die Initiatoren der Aktion immer wieder verkaufen wollen. Sondern eher so, als wurden hier viele Schauspieler:innen hinters Licht geführt, um sich an einer Aktion zu beteiligen, die eine bestimmte politische Agenda salonfähig machen sollte. Vor diesem Hintergrund wird auch klar, warum sich so viele der teilnehmenden Schauspieler:innen schnell von der Aktion distanziert haben (Quelle).

Der (buchstäbliche) Regisseur der Aktion: Dietrich Brüggemann

Werfen wir nun einen kurzen genaueren Blick auf Herrn Brüggemann, der offenbar eine zentrale Figur war. Was war seine Motivation? Wie ist seine politische Ausrichtung? Zum Beispiel findet er die verschwörungsideologische Initiative „Freie Linke“ gar nicht mal so schlecht:

Screenshot Twitter Dietrich Brüggemann

Seine Unterstützung für die „Freien Linken“ bestätigt er auch nochmals auf seinem Blog. Bei der Initiative handelt es sich letztendlich um einen unzweideutigen Teil der Pandemie-Leugner:innen-Bewegung. Hier zu sehen, wie sie mit anderen Verschwörungsideologischen Gruppen demonstriert:

Die Gruppe scheint ein Feigenblatt zu sein, um von der Tatsache abzulenken, dass die „Querdenken“-Bewegung massiv von Rechtsextremen unterwandert ist. Mit typischen linken Zielen hat diese Gruppe offenbar allerdings herzlich wenig zu tun, es scheint einfach eine gewöhnliche Pandemie-Leugner:innen-Gruppe zu sein. Die beworbene Demo habe ich mir persönlich angeschaut. Die „Freie Linke“ ist eine Gruppe, die auf übelste Weise die Regierung diffamiert, Verschwörungsmythen über Bill Gates streut und wie so oft Corona verharmlost:

Aber sagen wir einfach mal, Brüggemann wusste das alles nicht, hat schlecht oder gar nicht über die Gruppe recherchiert und seine Unterstützung für die Gruppe ist einfach nur ein dummer Zufall. Genauso wie es Zufall ist, dass Brüggemann diesen Song produziert hat (was er zugibt), der auf „Querdenken“-Demos gespielt wird und in er welchem fordert, man soll sich „euren Polizeistaat“ und „eure Abstandsregeln“ „in den Arsch schieben“?

Hier festgehalten von „Querdenken versenken“:

Direkte Verbindung zwischen Brüggemann und Brandenburg

Brüggemann, der nichts davon hält, für einen „Querdenker“ gehalten zu werden, verhält sich allerdings schon wie einer an. Bemerkenswert ist dabei auch die Zusammenarbeit zwischen Brüggemann und Paul Brandenburg, dem Gründer der verschwörungsideologischen Initiative „1bis19“, die auch zur „Querdenken“-Szene gehört. Die beiden teilen sich ein Postfach (Quelle). Eine Zusammenarbeit bestätigt Brüggemann selbst auf seinem Blog:

Stecken Sie mit einem gewissen Paul Brandenburg unter einer Decke?

Ich unterstütze die Arbeit der von Paul Brandenburg mitgegründeten Initiative 1bis19, weil ich die Aussagen ihres oben bereits erwähnten Positionspapiers für richtig halte. Darüber habe ich Paul Brandenburg kennengelernt und halte ihn für einen integren Mediziner und Staatsbürger. Volker Bruch erging es genauso: Er las das Positionspapier und war überzeugt. Wenn die Initiative 1bis19 durch dieses mediale Interesse jetzt mehr Bekanntheit erfährt, dann freut mich das, denn in der bisherigen Berichterstattung war Corona-Prostest [sic] ja immer eine Sache von Spinnern. Aber das stimmt eben nicht. Es ist ein Anliegen, das in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft gehört.

War das die Agenda von Brüggemann bei der ganzen Geschichte? Aufmerksamkeit für die Ziele von „1bis19“? Die bekommt er. Brüggemann und der ebenfalls beteiligte Schauspieler Bruch scheinen also beide Fans von Paul Brandenburg und „1bis19“ zu sein. Schauen wir uns das genauer an.

Paul Brandenburg und die Initiative „1bis19“

Paul Brandenburg twittert solche uneindeutig querdenker’esquen Formulierungen wie „Totalitarismus“ bei Corona-Maßnahmen, oder dass unsere Demokratie „verloren“ sei, wenn wir nicht unsere „sogenannten Eliten“ schnell „austauschen“.

Screenshots Twitter Paul Brandenburg

„Unsere Demokratie ist schnell verloren, wenn wir die sogenannten Eliten nicht schnell austauschen. Sie leisten dem Totalitarismus jeden Tag weiter Vorschub“. Genau so hätte es ein Verschwörungsideologe à la Ken Jebsen oder ein:e „Querdenker:in“ ausdrücken können. „Eliten“ und „Totalitarismus“-Wahn sind Markenkern der Bewegung. Auf seinem Telegram-Kanal schreibt Brandenburg auch mal von der „intellektuellen Bankrotterklärung der Parteien-Herrschaft“:

Paul Brandenburg ist Verschwörungsideologe pur:

Ähnliches kann man auch bei der AfD hören. Dass es sich bei Brandenburg um einen bestens in die Szene vernetzten Verschwörungsideologen handelt, ist belegt und bekannt (Quelle).

Verbreitung von Desinformation und Pandemie-Leugner-Demos

Die Initiative „1bis19“ gibt sich Mühe, ihren verschwörungsideologischen Hintergrund zu verbergen. Vergebens. Hier Postings von ihrem Instagram-Account. Von Unterstützung von Pandemie-Leugner:innen-Demos über das Teilen von Desinformations-Blogs wie Reitschuster bin hin zu typischer Diffamierung von Politiker:innen ist alles dabei:

Oder hier, Artikel bei “1bis19” ganz im Duktus der Pandemie-Leugner Szene:

Die harmlose Aufmachung von „1bis19“ ist einfach nur Tarnung, genauso wie beim mittlerweile unter Beobachtung des Verfassungschutzes stehenden “Querdenken” (Quelle).

#Allesdichtmachen wurde von Brandenburg angekündigt?

Eine Zusammenarbeit findet Brüggemann unproblematisch. Dass Brandenburg bei der Planung von #allesdichtmachen involviert war, dafür gibt es Hinweise in einem über einen Monat alten Video-Interview mit dem alternativen rechtsorientierten Medienmacher Gunnar Kaiser.

Ich habe euch die entscheidende Passage kurz amateurhaft mit dem Handy abgefilmt, damit ihr nicht danach suchen müsst:

Ab Minute 14 heißt es da: „Wir haben aus dem Medien- und Kunstbereich Namen, die im Vorabend- und Hauptabendprogramm bekannt sind aus den großen Sendern.“ Und weiter: „Wir stehen kurz davor, dass sich sehr viele outen werden. Und ich freue mich auf diesen Tag.“ Er sei gespannt, wie die „Cancel Culture” gegen diese Menschen vorgehen werde. Kaiser sagt darauf: „Wenn sich sehr viele gleichzeitig äußern, die bisher einen reinen Namen haben, wird es sehr schwer, das zu canceln.“ Brandenburg pflichtet ihm bei: „Unmöglich! Das sind Menschen, die sich politisch links verordnen, sozial sehr aktiv waren.“

Nicht nur die Aktion scheint geplant zu sein, man war sich der Reaktionen darauf schon völlig bewusst. Der Backlash zur Kritik, die „Nazi-Keulen-Keulen“, das „Cancel Culture“-Geheule waren sehr heftig, wie wir gesehen haben. Und offenbar mit eingeplant gewesen.

Auf seinem Blog gibt Brüggemann zu:

Herr Brandenburg wusste im Vorfeld von der Aktion, aber da war er nicht der einzige – die halbe deutsche Schauspielbranche wusste davon, meine Bandkollegen wußten davon, meine Familie wusste davon, alle meine Freunde und viele Bekannte wussten davon. Wenn mehrere Leute in einem Netzwerk zahlreiche weitere Leute für eine gemeinsame Aktion anfragen, macht Geheimhaltung keinerlei Sinn.

Herr Brüggemann scheint mit den Vorwürfen recht sorglos umzugehen. Aber die Verbindungen zwischen „1bis19“ und #allesdichtmachen gehen noch weiter.

Volker Bruch gibt „1bis19“ Angst-Interview im März, vor #allesdichtmachen Aktion

Volker Bruch gab der Gruppe „1bis19“ am 20.03. auch ein Interview, worin er das typisch rechte Opfernarrativ wiederholte, dass man „Angst“ haben müsse, Corona-Maßnahmen zu kritisieren. Hier geteilt auf Telegram von den Verschwörungsideologen “Anwälte für Aufklärung”:

Dass das falsch ist, darüber brauchen wir an dieser Stelle nicht diskutieren. Dennoch zeigt es sich, dass sein Video aus #allesdichtmachen damit gar keine Satire war – sondern offenbar genau so ernst gemeint.

Update (04.05): Bruch wollte Mitglied bei Querdenker Partei “dieBasis” werden, politische Motivation nun mehr als offensichtlich

Neusten Berichten zu folge (Quelle), wollte Volker Bruch Mitglied der “Querdenker” Partei “dieBasis” werden. Eine Ansammlung von bekannten Verschwörungsideologen, wie zum Beispiel “Querdenker” Anwalt Markus Haintz oder “ich verklage Drosten” Reiner Fuellmich. Wir berichteten ausführlich über die politische Basis der Verschwörungsideologen:

Analyse von „dieBasis“: Wer und was steckt hinter der „Querdenker“-nahen Partei?

Interne Daten der „Querdenker:innen“-Partei „dieBasis“ durch „Anonymous“ geleakt – unsichere Server

Hier stellt sich unsere ursprüngliche Kritik an der Aktion als völlig richtig heraus: Die (falschen) Narrative der „Querdenker:innen“ waren in der Satire kein ungewollter Zufall, sondern waren wohl genau so gemeint.

Völliger Reinfall: Warum #allesdichtmachen so von Nazis & Querdenkern gefeiert wird

Die Unterstützung für „1bis19“ bekräftigt Bruch in einem Instagram-Post, den er just an dem Tag veröffentlichte, an dem wir diesen Artikel verfassten. Er verharmlost die Pandemie-Leugner:innen-Gruppe als eine, die sich vermeintlich für den „Schutz von Grundrechten“ einsetze.

Alles bloß eine Anhäufung von Zufällen … ?

Ein weiterer Hinweis dafür, dass die „Querdenker:innen“-Botschaften kein Versehen waren, ist, dass der im Impressum von #allesdichtmachen als „Verantwortlicher“ angegebene Bernd Katzmarczyk Wunder (Bernd K. Wunder), letztes Jahr im Sommer Corona mit einer harmlosen Grippe verglich. Er sah es in einigen Posts als unsinnig an, einen Mundschutz zu tragen und sprach von „Panikmache“. Später schrieb der „Autor und Regisseur“ über Karl Lauterbach: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Klappe halten“. Karl Lauterbach lag übrigens meistens richtig mit seinen Aussagen (Quelle). Auch hat er Befürworter:innen von Corona-Maßnahmen als „Coronazis“ bezeichnet. Mit dem Begriff „Coronanazi“ diffamieren Pandemie-Leugner:innen immer wieder Menschen, die vor den Gefahren des Virus warnen und die Maßnahmen der Regierung deshalb unterstützen (Quelle).

Die Schauspieler Liefers und Bruch

Wer konkret noch hinter der Aktion stand und warum ist etwas undurchsichtig. In einem Instagram-Post erläutert Volker Bruch (ganz gemäß Brüggemanns Drehbuch), dass man keine Angaben über Urheber und Aufgabenverteilung der Aktion macht:

Warum sind die Drahtzieher von #allesdichtmachen so ein „Staatsgeheimnis“?

Bei Maybritt Illner wurde Liefers ebenfalls direkt dazu gefragt. So schreibt t-Online:

„Welche Rolle haben Dietrich Brüggemann und Bernd K. Wunder gespielt?“, fragt Maybrit Illner nach rund elf Minuten ihrer gleichnamigen Talkshow im ZDF, in der Jan Josef Liefers zunächst vor allem seine umstrittenen Aussagen in der „Alles dicht machen“-Aktion verteidigen darf. Doch umso mehr es um die Strippenzieher geht, desto mehr gerät Liefers ins Straucheln.

„Nein“, sagt der „Tatort“-Mime: „Ich kenne nur den einen, Dietrich Brüggemann. Auch nicht sehr gut. Ich kenne ihn als Regisseur, aber er ist auch Musiker und hat mal einen Film gemacht, der mir super gut gefallen hat und das habe ich ihm mal geschrieben. Das war eigentlich unser ganzer Kontakt.“

Erst danach geht er näher auf die Kommunikation ein, die schließlich zu der orchestrierten Videoaktion führte. Liefers schildert, Brüggemann habe zu ihm „Kontakt aufgenommen“ und ihn „gefragt, wie es mir geht mit all dem und ob ich mir vorstellen könnte, mich an so was zu beteiligen. Und das konnte ich.“

DDR-Vergleiche

Dann meinte Liefers noch: „Was ich nicht gemacht habe, ist eine saubere Recherche“. Das scheint wirklich der Fall zu sein. Liefers wiederholte das in seinem Video formulierte, vermeintlich satirisch überspitzte Narrativ davon, dass wir in Deutschland wegen der Pandemie in einer Diktatur leben würden, indirekt in Interviews. Zwar erklärte er einmal, in der DDR wäre er für so ein Video eingesperrt worden (was er ja offensichtlich nicht wurde), die Kritik erinnere ihn aber trotzdem an die ostdeutsche Diktatur (Quelle).

Eine solche Formulierung spielt genau dem Narrativ von Pandemie-Leugner:innen und AfDlern in die Hände, die solche Vergleiche ständig ernst gemeint durchführen. Man kann nicht die gleichen Dinge sagen wie Extremist:innen und dann das Opfer spielen, wenn man dafür kritisiert wird. Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen erklärte in der gleichen Sendung passend zum Vorwurf, Liefers habe nicht gewusst, was er damit sagen würde, sie habe auf den ersten Blick erkennen können, dass das Video von Liefers problematisch sei. Wie viele andere, denen jetzt mit „Cancel Culture“-Vorwürfen die Berechtigung der Kritik abgesprochen wird.

Fazit: Geplante Diskursverschiebung?

Wir sehen also: Die Darstellung, dass ein paar Schauspieler:innen unschuldig ein wenig Satire machen wollten und leider missverstanden und von „Querdenker:innen“ und Rechtsextremist:innen vereinnahmt wurden, ist so nicht richtig. Von den treibenden Kräften hinter der Aktion wurde von Anfang an erklärt, dass man damit die „Propaganda“ durch die Regierung bekämpfen möchte, sich bekannte, unverdächtige Gesichter dazu holte (und diese über Ausmaß und Beteiligung täuschte) und genau wusste, wie die Aktion verstanden werden würde. Die Verantwortlichen fielen teilweise selbst mit verschwörungsideologischen Aussagen auf und unterstützen uneindeutig querdenker’esque Gruppen, Desinformation und Demos.

Sie sympathisierten mit und unterstützen die Gruppen „Freie Linke“ und „1bis19“, dessen Mitglied Brandenburg offenbar lange vorher in die Aktion eingeweiht wesen war, und Brüggemann nahm einen bei „Querdenker:innen“ beliebten Song auf, der Deutschland als „Polizeistaat“ bezeichnet und die Maskenpflicht ablehnt. Die vielen schnellen Distanzierungen von Schauspieler:innen zeigen, dass diese wirklich nicht wussten, für was für eine Aktion sie offenbar instrumentalisiert wurden, und dass sie nicht vollständig informiert wurden.

Wer steckt wirklich dahinter?

Und die Fragen bleiben: Wer konkret hatte die Idee zu der ganzen Sache? Wer ist der Urheber von #allesdichtmachen? Wieso wird darum ein solches Geheimnis gemacht? Es ist offensichtlich, dass Brüggemann eine entscheidende Rolle in dem Ganzen gespielt hat und das viele Fäden bei ihm zusammenlaufen. Brüggemann versucht derweil auf seinem privaten Profil die Sache herunter zu spielen. Er macht sich darüber lustig, wenn Leute fragen, wer hinter der intransparenten Aktion steckt. Auch der Vorwurf, dass er Teil einer Verschwörungstheorie sei, findet er „bonkers“, also verrückt.

Zu den Vorwürfen, mit dem Verschwörungsideologen Paul Brandenburg zusammenzuarbeiten (weil diese sich zum Beispiel ein Postfach in Berlin teilen), schreibt er auf seinem Blog (Quelle):

„Ich muß gestehen, dass ich ein gewisses Vergnügen daran empfand, Investigativjournalisten diese Freude zu bereiten. Hätte ich eine Verbindung zu 1bis19 verschleiern wollen, dann hätte ich schon eine andere Adresse gefunden. Es wird auch keine Dauerlösung, denn so wie das hier gerade läuft, steht im Impressum meiner Website vermutlich bald ein Medienanwalt. Wie auch immer: Ich habe nichts zu verbergen.“

Es klingt wie ein Rechtfertigungsversuch. Denn dass er es nicht aktiv verschleiert hat, heißt ja nicht, dass die Information dadurch harmlos oder unwahr wird.

Wollte man gezielt „Querdenker:innen“-Ideologie in die Mitte der Gesellschaft tragen?

Ein Fachbegriff, der die Strategie beschreibt, bestimmte, politisch verwerfliche Dinge anzusprechen, ohne sich zu offensichtlich angreifbar zu machen, ist die Hundepfeifen-Politik (Dog Whistling):

Hundepfeifen-Politik bezeichnet in politischen Aussagen die Nutzung einer Sprache, die je nach Publikum unterschiedlich verstanden wird. Es handelt sich um eine Form von codierter Sprache, die es erlaubt, eine versteckte Bedeutung in Aussagen einzubetten, die nur die eigene Anhängerschaft versteht bzw. erkennt. Auf diese Weise kann eine Aussage eine in der Regel unverfängliche Bedeutung für nicht eingeweihte Hörer haben, aber eine völlig andere für die eigenen Anhänger.“

Die Kampagne rund um #allesdichtmachen wirkt wie ein Musterbeispiel für Dog Whistling: Es werden für Pandemie-Leugner:innen klare Botschaften kommuniziert, die auch von den engagierten Gegner:innen von Verschwörungsideologien genau verstanden werden. Deutschland sei eine Diktatur, Corona in Wahrheit harmlos, die Maßnahmen Folter, die Presse gleichgeschaltet und wer Kritik an solchen Aussagen übt, ist ein Faschist der „Cancel Culture“. Die Pandemie-Leugner:innen-Bewegung wurde buchstäblich mit der für sie klar zu hörenden „Hundepfeife“ zur Unterstützung der Kampagne gerufen. Aber alles nur ein Scherz? Zumindest einige Beteiligte scheinen das genau so ernst zu meinen und wollen, dass wir alle das auch glauben. Wer die Aktion nur für harmlos hielt, scheint auch schon darauf reingefallen zu sein.

Ich kann jedem nur empfehlen, mit Hintergrund dieser Informationen sich nochmals das Video von Brüggemann anzuschauen, dass er für die Aktion aufgenommen hat.

Entscheidet selbst: „Satire“ oder genau das, was er wirklich denkt?

Artikelbild: Screenshots via Youtube; Gerald Matzka/dpa-Zentralbild/dpa

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