Was hinter den Aussagen von Hockertz steckt: So sicher ist die RNA-Impfung wirklich

| Corona-Fake | 24. August 2020

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So sicher sind RNA-Impfstoffe

Gastbeitrag von Josephin Becker

In letzter Zeit gibt es viele „Infos“ über Corona, vor allem über die angeblichen Gefahren einer Impfung. Aussagen werden über diverse Social-Media-Plattformen geteilt, ein Name fällt dabei immer wieder auf: Prof. Stefan Hockertz. Hier möchte ich einmal analysieren, was tatsächlich dahinter steckt und welche Gefahren wirklich auf uns lauern.

Was Prof. Hockertz über einen potenziellen Impfstoff denkt, wird ständig von den berühmt-berüchtigten Verschwörungs-Idiologen:innen zitiert und geteilt. Viele berufen sich auf seine Qualifikation als Wissenschaftler. Man kann nicht abstreiten: er hat lange in der Toxikologie und Pharmakologie gearbeitet, dennoch sagt das nichts über die Richtigkeit seiner Aussagen aus.

Natürlich werden diese Aussagen auch von Dr. Wodarg geteilt, das Zitat, was er hier verbreitet, stammt von einem einstündigen Interview. In der ersten Hälfte erklärt dieser allgemein, was Impfstoffe sind (soweit, so richtig), in der zweiten Hälfte begegnen uns dann solche unbelegten Aussagen (Quelle):

Screenshot

Nehmen wir das doch einfach mal auseinander.

Um einen Impfschutz zu entwickeln, soll mRNA injiziert werden. Nun besteht die Angst, dass diese mRNA in unsere eigenen DNA eingebaut wird, womöglich für immer, und wir so “genmanipuliert” werden.

Erst mal die Grundlagen: was ist DNA (Desoxyribonukleinsäure) und was ist RNA (Ribonukleinsäure) eigentlich? Die DNA ist sozusagen ein doppelter Strang bestehend aus vielen Codes. Jeder dieser Codes kann, wenn er abgelesen wird, ein bestimmtes Protein produzieren. Die RNA hingegen ist nur ein einzelner Strang und kann verschiedene Funktionen erfüllen.

mRNA (messenger RNA) übersetzt die Codes der DNA in eine lesbare Form und transportiert diese vom Zellkern in das Zytoplasma, wo auch tRNA und rRNA vorhanden sind. rRNA (ribosomale RNA) ist für die Proteinsynthese zuständig und tRNA (transfer RNA) transportiert Aminosäuren (Grundbausteine für Proteine) zu den Ribosomen. Hier werden dann aus all diesen Informationen und Bausteinen Proteine gebaut. (Quelle)

Nun zu genetischen Impfstoffen, was versteht man eigentlich darunter?

Verwendet werden kann DNA oder RNA eines Erregers, um einen Impfschutz zu induzieren.

Die DNA bzw. RNA wird durch einen Impfstoff in den Körper injiziert und gelangt so in unsere Zellen. Da DNA und RNA in den Zellen bzw. im Zytoplasma abgelesen werden kann, passiert das auch mit der Viren-DNA. Meist wird hier nur ein kleiner Abschnitt der DNA oder RNA verwendet, welcher für ein bestimmtes Protein codiert. Nun liest die Zelle also die Viren-DNA/RNA ab und produziert so ein Protein. Unser Immunsystem erkennt dieses Protein sofort, denn das gehört ja normalerweise nicht dorthin. Nun werden Antikörper gebildet, um dieses Protein zu bekämpfen. Es wird unschädlich gemacht und die Antikörper verbleiben für eine längere Zeit im Körper. Sie erkennen sehr schnell, wenn wieder dieses Protein in den Körper eindringt und zerstören es.

Totimpfstoffe

In Totimpfstoffen stecken, wie der Name schon sagt, abgetötete Viren oder sogar nur einige Bestandteile, wie z.B. Proteine dieses Virus. Der Vorteil ist bei genbasierten Impfstoffen, dass DNA viel stabiler ist als das Protein selbst, was für die Lagerung und Transport des Impfstoffes wichtig ist. Zudem kann die Viren-DNA so verändert werden, dass hier weitere Codes eingebaut werden, welche die Immunantwort positiv beeinflussen. In gängigen Impfstoffen werden Adjuvanten eingesetzt, also Hilfsstoffe, die dem Impfstoff hinzugefügt werden um ihn zu verstärken. Diese Adjuvanten sind bei DNA-Impfstoffen nicht nötig, da man die DNA eben so modifizieren kann, dass diese adjuvante Eigenschaften besitzen.

Eine Möglichkeit zum Einbau in die körpereigenen DNA kann bestehen, dieses Risiko kann man aber mit dem Einsatz von Plasmiden verringert werden. Plasmide sind ringförmige DNA-Doppelstränge, hier wird der benötigte DNA-Code (DNA-Insert) eingebaut, sodass er abgelesen werden kann. (Quelle)

Um dieses Risiko aber komplett zu umgeben, können RNA-Impfstoffe eingesetzt werden. Eine Integration in die DNA der Wirtszelle ist hier ausgeschlossen (Quelle). Aufgrund von unterschiedlicher chemischer Struktur der eigenen DNA und der injizierten mRNA ist ein Einbau unmöglich, zudem (wie oben beschrieben) befindet sich die DNA im Zellkern und die injizierte mRNA im Zytoplasma, sodass sie nicht miteinander interagieren können. (Quelle)

Aber warum soll den nun so ein „gefährlicher“ neuer Impfstoff entwickelt werden?

Die Produktion von Totimpfstoffen ist sehr zeitintensiv und bedeutet einen langen bürokratischen Weg über Sicherheitsbehörden, was gerechtfertigt ist, jedoch ist dies bei einer Pandemie eher ungünstig. Genbasierte Impfstoffe lassen sich viel schneller produzieren. Wenn sich das Virus durch natürliche Mutationen verändert, kann auch der Impfstoff schnell angepasst werden. Zudem gibt es viele Menschen, die nur ein schwaches Immunsystem besitzen, eine zu starke Immunreaktion kann kontraproduktiv sein. So kann durch genbasierte Impfstoffe die Intensität der Immunantwort kontrolliert werden, sodass auch kranke oder schwangere Menschen diese Impfung bekommen können. Was diese Impfstoffe außerdem attraktiv macht, ist, dass der Körper sie auf natürliche Weise wieder abbaut, Antikörper bleiben aber weiterhin im Körper.

Wie von vielen Gegnern:innen der DNA- und RNA-Impfstoffe wiederholt aufgeführt, kann eine Integration der Virus- oder Plasmid-DNA in die eigene DNA stattfinden, jedoch nach jahrzehntelanger Forschung konnte dieser Effekt nie beobachtet werden, was dieses Risiko also nur als Hypothese darstellt.

Zudem sind, wie schon weiter oben erwähnt, RNA-Impfstoffe sogar noch zuverlässiger. Und eben diese sind momentan für Covid-19 in der Test-Phase. Der Nachteil von RNA-Impfstoffen gegenüber von DNA-Impfstoffen ist nämlich, dass diese sehr viel schneller vom Körper abgebaut werden. So wird auch das Argument, dass man ja nicht wisse, wie lang die RNA im Körper verbleibt, entkräftet.

Mit diesen Impfstoffen wird schon seit Jahrzehnten (genauer seit den 90ern) geforscht, die Wirkungsweise ist also nichts neues und zeigt in der wissenschaftlichen Studien schon sehr vielversprechende Ergebnisse. Sie werden sogar schon in der Tiermedizin eingesetzt (Quelle). Dieser Artikel ist übrigens als Überblick sehr empfehlenswert. Hier steht eigentlich alles Wichtige drin, falls man mal drüber mehr lesen will.

vielversprechende Ergebnisse

Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Journals betonen immer wieder, dass diese Impfstoffe vielversprechende Ergebnisse zeigen:

„First, safety: as mRNA is a non-infectious, non-integrating platform, there is no potential risk of infection or insertional mutagenesis. Additionally, mRNA is degraded by normal cellular processes, and its in vivo half-life can be regulated through the use of various modifications and delivery method” (Quelle)

Deutsch: „Erstens, Sicherheit: Da es sich bei der mRNA um eine nicht infektiöse, nicht integrierende Plattform handelt, besteht kein potenzielles Risiko einer Infektion oder Insertionsmutagenese. Darüber hinaus wird die mRNA durch normale zelluläre Prozesse abgebaut, und ihre in vivo-Halbwertszeit kann durch verschiedene Modifikationen und Verabreichungsmethoden reguliert werden.“

Auch der MDR hat sich mit der Behauptung auseinander gesetzt, dass eine derartige Impfung unser Genom manipuliert:

„Allerdings: Dieser theoretische Prozess würde nur in einzelnen Zellen ablaufen, er könnte nicht die gesamte menschliche DNA erfassen. Und: Die mRNA des Impfstoffs unterscheidet sich nicht von jedem anderen Streifen mRNA, der im Körper unterwegs ist. Das Risiko einer solchen Mutation steigt also nicht durch die Impfung, sondern ist theoretisch jederzeit vorhanden, wenn ein Retrovirus das Enzym in den Körper bringt.

Hinzu kommt: Die wahrscheinlichste Mutation wäre, dass die Zelle Virenproteine herstellt. Das Paul-Ehrlich-Institut ist für die Zulassung von Impfstoffen in Deutschland verantwortlich. Auf Anfrage von MDR Wissen schreiben die Wissenschaftler des Instituts: “Selbst wenn aber die Impfstoff-RNA in das Genom integriert würde (was wirklich kaum vorstellbar ist), dann wäre das Ergebnis, dass das SPIKE-Protein von der Zelle hergestellt und vom Immunsystem erkannt würde und dann die betroffene Zelle abgetötet würde.” Mit anderen Worten: Die wahrscheinlichste Wirkung des extrem unwahrscheinlichen Falls wäre keine Autoimmunkrankheit, sondern die erwünschte Impfwirkung.“

Hockertz-Aussagen sind nicht belegt

Wichtig ist es eben, sich bei der Auseinandersetzung mit der Impf-Thematik nicht nur auf einen „Experten“ zu verlassen, sondern sich vielseitig zu informieren. Die Behauptungen von Prof. Hockertz wurden auch noch nicht mit Quellen belegt, stellen lediglich seine Befürchtungen dar. Das Hockertz-Zitat stammt aus dem Interview, welches ich schon oben verlinkt habe, da weist er aber nicht auf Studien oder Paper hin, sondern sagt nur seine Meinung oder „er habe gehört“. Teilweise wird er wahrscheinlich etwas vage im Kopf gehabt haben, was er irgendwo gelesen hat. Er weiß natürlich viel als Wissenschaftler, ist aber (wie Wodarg u.a.) nicht der Experte schlechthin. Also ist nichts davon belegt.

Hockertz sagt, was alles hypothetisch passieren könnte. In vielen anderen Auseinandersetzungen, die hier aufgeführt sind, werden aber die Nebenwirkungen diskutiert und als unwahrscheinlich eingestuft. Also übertreibt er ziemlich mit dem worst case Szenario. Und letztendlich ist Hockertz der einzige Wissenschaftler, der (meistens) in dem Zusammenhang zitiert wird. Ich habe sonst auch nirgends gesehen, dass er sich auf irgendwelche Veröffentlichungen bezieht. Man liest nur, dass die Forschung bisher erfolgreich war.

eine Integration in die menschliche DNA ist unmöglich

Das Paul-Ehrlich-Institut, welches einen Impfstoff entwickelt, hat zur Impfstoffentwicklung von Corona viele Infos veröffentlicht, die auch sehr einfach erklärt sind, sodass man auch ohne wissenschaftlichen Hintergrund alles versteht. Beispielsweise sagen sie dort, dass es noch keinen zugelassenen mRNA-Impfstoff gibt, aber diese schon seit einiger Zeit in Verbindung mit Krebs-Erkrankungen in klinischen Prüfungen laufen. Also wird hier genau das Gegenteil versucht: mit genbasierten Impfstoffen Krebs zu bekämpfen. In der Entwicklung des Corona-Impfstoffes kann man auf vergangene Studien mit anderen Corona-Viren zurückgreifen, auch dass eine Integration in die menschliche DNA unmöglich ist, wird dort noch einmal deutlich gemacht (Quelle).

Zudem ist die Angst bei einem neuen Impfstoff eigentlich eine ganz andere: Die produzierten Antikörper bleiben nicht lang genug im Körper (Quelle). Das bedeutet, dass nach einer ersten Infektion der/die Betroffene eine Zeit lang vor einer erneuten Ansteckung geschützt ist, sobald die Antikörper aber abgebaut wurden, sich potenziell erneut anstecken könnte. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den Impfschutz. Wenn durch eine Impfung eine Antikörperproduktion angeregt wurde, würde diese wahrscheinlich auch nicht lange anhalten, sodass man sich nach einer Impfung dennoch nach einiger Zeit erneut anstecken könnte.

Verglichen mit einer tatsächlichen Corona-Infektion und den Langzeitfolgen ein hinnehmbares Risiko, wie ich finde. (Auch hier schon ausgiebige Analyse von Quarks)

Wenn wir uns zudem auch einmal anschauen, wie eine Virusinfektion funktioniert, sehen wir, wie unwahrscheinlich eine „Genmanipulation“ ist.

Influenza virus-induced lung injury: pathogenesis and implications for treatment; LINK

Hier an diesem Beispiel sehen wir, wie sich das Influenza-Virus vermehrt. Von links nach rechts: Das Virus dringt in die Zelle ein und legt dort u.a. die Viren-DNA frei. Damit weitere Viren produziert werden, das kann das Virus nämlich nicht selbst, macht das unsere Zelle. Je nach Virus findet dieser Prozess im Zytoplasma oder im Zellkern statt. Es werden also von unserer Wirts-Zelle weitere Viren, anhand der in der Zelle (oder sogar Zellkern) vorhandenen Viren-DNA, gebaut. Diese werden dann freigesetzt wie hier im Bild zu sehen ist. Möglich ist auch dass die Wirtszelle zerstört wird und so die Viren freigelassen werden.

Also ist die Integration von Fremd-DNA bei einer Virus-Infektion ganz natürlich und findet ständig statt, ohne dass unser Genom dauerhaft manipuliert wird. Unser Immunsystem kann nämlich erkennen, wenn wir Viren in unserem Körper haben und zerstört diese und die infizierten Zellen. Diese Immunantwort wird von einer Impfung also künstlich erzeugt, ohne dass wir direkten Kontakt mit dem Erreger haben müssen. So umgehen wir eine lange Infektion mit schwerwiegenden Symptomen.

Zusammengefasst:

Prof. Hockertz befürchtet unwahrscheinliche Ergebnisse. Vor allem hat das alles nichts mit Genmanipulation zutun. Eher steckt hier sehr viel Potential verglichen mit herkömmlichen Impfungen, da hier die Immunantwort viel besser kontrolliert werden kann. Zudem befürchten manche Forscher:innen eher, dass ein Impfschutz nicht lang genug anhält. Ein lebenslanger Einbau in unsere DNA ist ausgeschlossen. Natürlich können wie bei jedem anderen medizinischen Produkt Nebenwirkungen entstehen, diese werden aber gerade auch durch die Studien getestet, sodass ein sicheres Mittel auf den Markt gebracht werden kann.

Eine gewisse Skepsis ist gesund, sollte aber nicht in Paranoia und Misstrauen umschwenken. Panikmache und Verschwörungsmythen, die auf den Aussagen von Hockertz beruhen, sind falsch. Online findet man viele Faktenchecks und Auseinandersetzungen mit der übertriebenen Panik vor dem mRNA-Impfstoff. Bewegt man sich etwas von Prof. Hockertz weg, merkt man, dass sich alle einig sind: Ein Impfstoff bietet eine große Chance und Ängste sind unbegründet.

Zum Thema:

Wodarg hatte Unrecht: Die Übersterblichkeit durch Corona ist gestiegen

Text: Josephine Becker Artikelbild: pixabay.com, CC0 / Screenshots

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