John Snow Memorandum: Der wissenschaftliche Konsens gegen Herdenimmunität

| Corona | 18. Oktober 2020

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Die Wissenschaft vs Great Barrington Erklärung

Die unwissenschaftliche Szene der Pandemie-Leugner:innen und extrem Rechten ist derzeit begeistert von der so genannten “Great Barrington Erklärung”. Sie verspricht alles, was diese abgeschottete Filterblase ohnehin schon glaubt und hofft: Ein sofortiges Ende aller Corona-Maßnahmen. Mit einer (vermeintlich) wissenschaftlichen Idee dahinter. “Tausende Wissenschaftler:innen und Gesundheitsexpert:innen” sollen die “Great Barrington Erklärung” unterzeichnet haben und fordern, dass gesunde und junge Menschen wieder zu einem normalen Leben zurückkehren sollten, indem man Risikogruppen isoliert und den Rest der Bevölkerung unkontrolliert dem Virus aussetzt. Das fußt fundamental auf dem Konzept der “Herdenimmunität”.

Wir haben hier bereits über die dubiose Erklärung berichtet. Nicht nur wurde anscheinend ohne Überprüfung jede noch so offensichtliche Quatsch-Unterschrift akzeptiert, sodass einige “Experten” “Dr. Person Fakename” hießen und ähnliches. Nein, auch steckt hinter den Personen, die die Erklärung starteten, ein extrem rechter think tank, der auch die Klimakrise leugnet und Geld von einem Ölmilliardär dafür erhält. Zusätzlich dazu, dass die vermeintliche Wissenschaft dahinter auf einigen gravierenden Fehlannahmen beruhte, war die Erklärung nur ein PR-Tool, um Pandemie-Leugner:innen eine wissenschaftliche Randmeinung als Mehrheit zu verkaufen.

Unterzeichner wie “Dr. Person Fakename”: Der Betrug hinter der “Great Barrington Erklärung”

Die Antwort der wissenschaftlichen Mehrheit: Das John Snow Memorandum

Doch davon darf man sich nicht täuschen lassen. Vor wenigen Tagen veröffentlichten 80 Wissenschaftler:innen im Lancet (Link) eine Erklärung, die den aktuellen wissenschaftlichen Konsens zur Covid-19-Pandemie beschreibt: Das John Snow Memorandum. Darin wird erklärt, was die Mehrheit der echten Expert:innen (und nicht irgendwelche Schwindel-Ärzte oder Youtuber:innen) über das Virus weiß (und was nicht). Insbesondere spricht sich das “John Snow Memorandum” gegen die falschen Versprechungen der “Herdenimmunität” aus. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO und Immunologe erklärte es so: “Herdenimmunität erreicht man dadurch, dass man Menschen vor einem Virus beschützt, nicht diesem aussetzt. Herdenimmunität ohne Schutz (wie Impfungen) ist unmoralisch.”

Hier die Fakten der wissenschaftlichen Mehrheit:

In der Zusammenfassung vom John Snow Memorandum heißt es zum Beispiel:

“Die Infektionstödlichkeitsrate von COVID-19 ist um ein Vielfaches höher als die der saisonalen Grippe, und eine Infektion kann zu persistierender Krankheit führen, auch bei jungen, zuvor gesunden Menschen (das sog. “long COVID”). Es ist unklar, wie lange die protektive Immunität anhält”.

“The infection fatality rate of COVID-19 is several-fold higher than that of seasonal influenza and infection can lead to persisting illness, including in young, previously healthy people (i.e., long COVID). It is unclear how long protective immunity lasts.”

Über Lockdowns:

“Obwohl die Lockdowns das Leben durcheinander brachten, die psychische und physische Gesundheit erheblich beeinträchtigt und der Wirtschaft geschadet haben, waren diese Auswirkungen in Ländern, die die Zeit während und nach der Abriegelung nicht nutzen konnten, um wirksame Pandemiekontrollsysteme einzurichten, oft noch schlimmer.

“Although lockdowns have been disruptive, substantially affecting mental and physical health, and harming the economy, these effects have often been worse in countries that were not able to use the time during and after lockdown to establish effective pandemic control systems.”

Der wissenschaftliche Konsens über Herdenimmunität:

“Die Ankunft einer zweiten Welle hat zu einem erneuten Interesse an einem so genannten Herdenimmunitätsansatz geführt, der darauf hindeutet, einen großen unkontrollierten Ausbruch in der risikoarmen Population zuzulassen und gleichzeitig die Schwachen zu schützen (…) Dies ist ein gefährlicher Trugschluss, der nicht durch wissenschaftliche Beweise gestützt wird. Eine unkontrollierte Übertragung bei jüngeren Menschen birgt die Gefahr einer erheblichen Morbidität und Mortalität in der gesamten Bevölkerung. Zusätzlich zu den menschlichen Kosten würde sich dies auf die Arbeitskräfte als Ganzes auswirken und die Fähigkeit der Gesundheitssysteme zur Bereitstellung von Akut- und Routineversorgung überfordern.”.

“The arrival of a second wave has led to renewed interest in a so-called herd immunity approach, which suggests allowing a large uncontrolled outbreak in the low-risk population while protecting the vulnerable (…) This is a dangerous fallacy unsupported by scientific evidence. Eine unkontrollierte Übertragung bei jüngeren Menschen birgt die Gefahr einer erheblichen Morbidität und Mortalität in der gesamten Bevölkerung. Zusätzlich zu den menschlichen Kosten würde sich dies auf die Arbeitskräfte als Ganzes auswirken und die Fähigkeit der Gesundheitssysteme zur Bereitstellung von Akut- und Routineversorgung überfordern.

Die Beweise sind klar: Einschränkungen sind die beste Lösung

“Der Zweck von Einschränkungen besteht darin, Infektionen auf niedrigem Niveau zu lassen, die eine schnelle Erkennung von Ausbrüchen und eine schnelle Reaktion durch effiziente und umfassende Such-, Test-, Rückverfolgungs-, Isolierungs- und Unterstützungssysteme ermöglichen, so dass das Leben ohne allgemeine Einschränkungen wieder nahezu normal verlaufen kann. Japan, Vietnam und Neuseeland haben gezeigt, dass eine robuste Reaktion des öffentlichen Gesundheitswesens die Übertragung unter Kontrolle halten kann (…) Die Beweise sind eindeutig: Die Kontrolle der Ausbreitung in den Gemeinden ist der beste Weg, unsere Gesellschaften und Volkswirtschaften zu schützen, bis sichere und wirksame Impfstoffe und Therapeutika eintreffen”.

“The purpose of restrictions is to suppress infections to low levels that allow rapid detection of outbreaks and rapid response through efficient and comprehensive find, test, trace, isolate, and support systems so life can return to near-normal without generalised restrictions. Japan, Vietnam, New Zealand have shown that robust public health response can control transmission (…) The evidence is very clear: controlling community spread is the best way to protect our societies and economies until safe and effective vaccines and therapeutics arrive.”

Fazit: John Snow Memorandum vs Pandemie-Leugnung

Das John Snow Memorandum, das bisher von mehr als mehr 3.600 Wissenschaftler:innen, Forscher:innen und Gesundheitsexpert:innen unterzeichnet wurde und den wissenschaftlichen Konsens in der Covid-19-Pandemie darstellt, entlarvt die ewig gleichen Lügen der Pandemie-Leugner:innen, sowie das Konzept der Herdenimmunität per unkontrollierter Durchseuchung als wissenschaftlich nicht haltbar. Auch weitere Expert:innen (Hier und hier) schließen sich diesen Einschätzungen an.

Doch tatsächlich ist auch der bereits unwissenschaftliche Ansatz der “Great Barrington Erklärung” nicht universal beliebt in den Kreisen der Pandemie-Leugner. Denn die Erklärung stützt sich zumindest noch teilweise auf wissenschaftliche Methoden. Viele wie hier Dr. Wodarg sind anscheinend schon derart radikalisiert und in eine faktenfreie Welt abgedriftet, dass sie Unsinn über Impfungen glauben, die nachgewiesene Verlässlichkeit der PCR-Tests leugnen oder anzweifeln, dass überhaupt (viele) Menschen an Corona sterben. Es ist glaube ich klar, dass diese noch weiter von der Wissenschaft – und der Realität – entfernt sind und nicht ernst genommen werden müssen.

P.S.: Das John Snow Memorandum ist nach dem britischen Medizinier und Pionier der Epidemiologie John Snow benannt, Ähnlichkeiten mit Charakteren aus Fantasy-Romane ist nur Zufall: Obwohl die Erklärung wirklich buchstäblich vor der zweiten Welle warnt, die mit dem Winter kommen wird…

Mehr dazu:

PCR-Tests sind sehr genau: Teile diesen Text, um die zentralen Lügen der Pandemie-Leugner zu widerlegen

Artikelbild: Screenshot

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