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Berliner Zeitung blamiert sich immer noch mit Impfgegner-Panikmache

von | Dez 31, 2023 | Faktencheck

GASTBEITRAG GUNNAR HAMANN

Es ist wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen: Es gab bereits vor den Impfungen in den Pandemie-Monaten 2020 eine Übersterblichkeit und danach auch – wegen der Pandemie. Studien wie die „Barmer-Studie“, zeigen, dass die Übersterblichkeit hauptsächlich auf Corona zurückzuführen ist. „Querdenker“ und Impfgegner versuchen seit fast vier Jahren immer noch, ihre Märchen und ihre Ideologie mit einem Fake nach dem anderen zu rechtfertigen. Schützenhilfe bekommen sie dabei von vermeintlich seriösen Zeitungen, wie jetzt der „Berliner Zeitung“, die sich schon wieder mit faktenwidrigen Unsinn und Panikmache blamierte und einen massiven Fake-Artikel veröffentlichte. Ein Faktencheck.

Evidenzfrei und Spaß dabei

Worüber darf man noch reden? Diese Frage beschäftigt eine Mehrheit der Deutschen. Der Journalist, Philosoph und Publizist Michael Andrick hat nun in der Berliner Zeitung ein weiteres vermeintliches „Tabuthema“ in der Debattenlandschaft ausgemacht: „Spike-Schäden“ durch die Corona-Impfung. Über einen Artikel voller Falsch- und Fehlinformationen, der einem seriösen Medium und Journalisten bei nüchterner Betrachtung eigentlich unangenehm sein müsste.

Die Berliner Zeitung gilt vielen bereits seit längerer Zeit als umstritten in ihrer Berichterstattung zum Thema Corona und Impfungen. Auch Andrick ist nicht uninteressant. Er veröffentlicht neben seiner regelmäßigen Kolumne für die Berliner Zeitung unter anderem Texte auf Tichys Einblick, im Cicero und auf den Nachdenkseiten. Doch auch im seriösen Deutschlandfunk kommt Michael Andrick regelmäßig zu Wort sowie als Gast beim „AfD-Radio“ Kontrafunk. Doch dazu später mehr. Sehen wir uns zunächst genauer an, ob Michael Andrick einen faktisch sauberen Beitrag geschrieben hat.

Größtenteils fachfremd: Cicero und Tichy mischen mit

Zum Einstieg seiner Kolumne geht Andrick auf den Cicero-GastbeitragSpikeopathie und Übersterblichkeit: Ein unheimlicher Verdacht“ ein. Die Liste der Beteiligten ist bereits bemerkenswert. Jens Schwachtje ist Molekularbiologe und Ernährungswissenschaftler, der ganz überwiegend zu Pflanzen forscht. Henrieke Stahls Spezialgebiet ist Slawische Literaturwissenschaft. Brigitte Röhrig ist Rechtsanwältin und hat sich auf deutsches und europäisches Arzneimittelrecht spezialisiert. Dazu gesellt sich Henrik Ullrich, Facharzt für Diagnostische Radiologie und Mitinitiator der „Querdenken“-Initiative Ärzte für alle Bürger.

Paul Cullen ist Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Molekularbiologie. Der Allgemeine Studierendenausschuss der Universität Münster sowie die Kritischen Mediziner*innen Münster distanzierten sich Anfang 2021 in zwei Statements von Cullen und seinen Aussagen zu Impfungen. Die Rede ist von „antisemitischen Äußerungen“ von Seiten Cullens. An weiterer Stelle heißt es zu ihm: „So verfasste er zum Beispiel einen Artikel zu Corona, den er auf einem YouTube-Kanal veröffentlichte, der Virolog*innen mit den Taliban vergleicht.

Und dann ist da noch Brigitte König, über deren Hintergründe wir bereits berichtet haben. Mehrere der am Cicero-Gastbeitrag Beteiligten bekamen auch ausführlich Platz bei Tichys Einblick sowie in der Berliner Zeitung.

Andrick hätte eigentlich nur den Beitrag seines Kollegen Torsten Hamsen in der Berliner Zeitung vom 15. November lesen müssen. Darin erklärt dieser im Detail die Probleme mit den Ausführungen der Gruppe.

Spekulationen ohne faktengrundlage

Zunächst übernimmt Andrick die Behauptung, dass sich das Spike-Protein über die Impfung „für Tage, Wochen, sogar Monate“ im Körper reproduzieren könne. Die Faktenchecker:innen der französischen Agence France-Presse haben diese alte „Querdenker“-Falschbehauptung bereits vor Monaten entkräftet.

An anderer Stelle schreibt Andrick von „potenziell krebserregende DNA-Verunreinigungen in mRNA-Präparaten.“ Doch das von ihm verlinkte Patent enthält darauf keinerlei Hinweise. Er verlinkt danach auf eine dem rechtsextremen Spektrum nahestehenden Seite und erwähnt faktenwidrig, dass man in Neuseeland „gegen Schweigezusage für 11.005 Beamte Impfbefreiungen gewährte.“ Daran stimmt nichts.

Es handelte sich in Wahrheit um eine kurzzeitige Maßnahme, um den Zusammenbruch des Gesundheitswesens zu verhindern. Einigen Mitarbeitenden des Gesundheitswesens wurde für wenige Wochen gestattet, auch ohne Impfung zu arbeiten.

„Die Antragsteller mussten nachweisen, dass es keine andere Möglichkeit gab, den Dienst aufrechtzuerhalten und dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan hatten, um sich vor der Übertragung von Covid-19 zu schützen.“

Außerdem handelte es sich nicht um „Beamte“, sondern um Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Es gab zum einen nur insgesamt 478 Anträge, von denen lediglich 103 angenommen wurden, die die 11.005 Personen abdecken. Von einer Schweigeerklärung diesbezüglich konnte ich den Medienberichten derweil nichts entnehmen. Das kommt davon, wenn man rechtsradikalen Quellen vertraut.

Übersterblichkeit der Fakten in 2023 weiterhin hoch

Zunächst: Eine Übersterblichkeit in Deutschland zeigt sich bereits vor Beginn der Impfkampagne in Daten des Statistischen Bundesamtes. Studien zeigen, dass diese größtenteils auf Corona zurückzuführen war. Eine dänische Studie vom Januar 2023 fand außerhalb der Coronawellen in 2021 keine Übersterblichkeit. Sprich: Es gab bereits vor den Impfungen eine Übersterblichkeit und danach auch – wegen der Pandemie.

Andrick behauptet aber faktenwidrig: „Die deutsche Übersterblichkeit beginnt erst 2021 mit der Impfkampagne und steigt mit ihrer Ausweitung, wie in zahlreichen anderen Ländern auch.“ Hier verlinkt er wieder die rechtsradikale Fake-News-Seite und verbreitet erneut eine längst widerlegte Falschbehauptung.

Andrick bezieht sich bei seinen Ausführungen auf eine Studie von „Querdenker“ Christof Kuhbandner und Matthias Reitzner. Kuhbandner war bereits in den Vorjahren mit ähnlichen unseriösen Statistiken aufgefallen und erhielt für eine Analyse sogar den Titel „Unstatistik des Monats“. Kuhbandner ist Mitglied der „Querdenken“-Initiative Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie (MWGFD) um Sucharit Bhakdi.

Die neue Arbeit von Kuhbandner und seinem Kollegen zeigt jedoch in Wahrheit keinen derartigen Effekt, wie es Andrick behauptet. Vielmehr handelt es sich um eine Scheinkorrelation. Eine Studie der Barmer (Preprint) mit Krankenkassendaten kam im August zu dem Schluss, dass die Übersterblichkeit hauptsächlich auf Corona zurückzuführen war. Ähnliche Behauptungen gab es während der Pandemie mehrfach.

Substanzlose rechte kritik an der Barmer-Studie

Weil erneut echte, wissenschaftliche Studien wie die von Barmer die Fundamente der radikalen „Querdenken“-Ideologie widerlegen, machen sich auch andere Fake-News-Seiten, nicht nur die Berliner Zeitung auf, mit schwachen Argumenten und plumper Rhetorik ihrer Szene Durchhalteparolen zu präsentieren und die Wissenschaft zu ignorieren.

Bei Tichys Einblick hat der „Datenanalyst“ Raimund Hagemann, der eigentlich ein Gymnasiallehrer für Chemie und Musik im Ruhestand ist, naturgemäß ebenfalls hilflose Kritik an der Wissenschaft. „Naturgemäß“, da dieser unter anderem auch schon im „Querdenken“-Corona-Ausschuss auftrat. Im November trat Hagemann für die österreichische Initiative für evidenzbasierte Corona Information (ICI) in Erscheinung. Die ICI wurde 2021 in einem Bericht der österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen an die dortige Bundesministerin für Frauen, Familie, Jugend und Integration erwähnt. Zitat:

„Die Influencerinnen und Influencer von Verschwörungstheorien sind in vielen Fällen Personen mit formal guter Bildung bis hin zu Ärztinnen und Ärzten oder Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten. Als Beispiel dafür kann die „Initiative für evidenzbasierte Corona Informationen“ (ICI) gelten, der zahlreiche Ärztinnen und Ärzte sowie Juristinnen und Juristen angehören. Diese traten in der Vergangenheit oftmals bei Querdenker-Veranstaltungen auf.“

Für eine detaillierte kritische Einordnungen zu den Ausführungen von Hagemann konnte ich bisher in der Kürze der Zeit noch kein Statement gewinnen. Von mindestens zwei Personen, die mit Statistik bewandert sind und sich den Beitrag ansahen, erhielt ich jedoch die Auskunft, dass Hagemanns Ausführungen letztlich nur auf weiteren, unbelegten Behauptungen beruhen und reiner Verwechslung von Korrelation und Kausalität. Es ist auch völlig in Ordnung, Blogbeiträge von fachfremden Laien auf rechten Fake-News-Seiten an echten, wissenschaftlichen Studien nicht ernst zu nehmen.

Zusammenfassend lässt sich nämlich sagen, dass die Kritik an der Barmer-Studie, wie sie auf Tichys Einblick präsentiert wird, stark von den Meinungen und Analysen anderer Expert:innen und Studien abweicht. Sie redet der AfD nach dem Mund und bezieht sich erneut auf die bereits von Andrick angeführten Pseudo-Expert:innen. Auch hier hätte Andrick den Kontakt zum Kollegen Torsten Harmsen in der Berliner Zeitung suchen können, der über das Thema ausführlich berichtete.

Weitere Schlüsse in den Ofen

Aufgrund all dieser teils falschen und teils verzerrten Informationen ist für Andrick „der Schluss unumgänglich, dass herbeigeimpfte Spike-Reaktionen einige der Erkrankungen und auch der Todesfälle erklären. Ihre genaue Zahl ist freilich noch nicht bestimmt und muss gründlich erforscht werden.

Laut Medienberichten vom Juni 2023 gab es bei damals bundesweit knapp 64,9 Millionen geimpften Menschen in Deutschland 8886 Anträge auf die Anerkennung von Impfschäden. Davon wurden zum genannten Zeitpunkt 3488 Anträge bearbeitet und lediglich 379 Fälle – rund elf Prozent – anerkannt. Davon ausgehend, dass diese Anerkennungsquote gleichbleibt, würde man bei 1000 anerkannten Fällen von schweren Impfschäden landen.

Summa summarum wären damit von allen gegen das Coronavirus in Deutschland geimpften Personen etwa in einem Verhältnis 1:64900 betroffen. Risiken gegenrechnen ist immer so eine Sache, aber bei diesem relativ gesehen niedrigen Verhältnis wäre es interessant zu überprüfen, wie sich das im Vergleich zu anderen Risiken einordnet. Wer das tun möchte, findet hier einen Übersicht. Das wird Betroffenen mit schwerwiegenden Impfschäden mit Sicherheit nicht helfen. In ihrem vermeintlichen Namen Falschinformationen zu verbreiten jedoch erst recht nicht.

Haltlose Aluhut-Panikmache in der Berliner Zeitung

Dann bezieht sich Andrick schließlich noch auf einen mittlerweile gelöschten Beitrag der MDR Umschau über angebliche DNA-Verunreinigungen in Impfungen. Über die Probleme mit dem Beitrag berichteten wir. Für Andrick ist es – wie für viele in der „Querdenken“-Bubble – nicht nachvollziehbar, warum die vom MDR angefragten Labore zur Überprüfung der Untersuchung entweder nicht antworteten oder absagten.

Für den Wissenschaftskommunikator und Arzt Dr. Janos Hegedüs ist das – so dieser in einem von ihm zum Thema auf seinem YouTube-Kanal publizierten Video – jedoch keine Überraschung. Hier wurden einfach unbelegte Behauptungen aufgestellt, die bis heute nie verifiziert wurden.

„Außerdem ist es eine seltsame Logik zu sagen, dass jeder herzlich eingeladen ist, sie zu besuchen. Frau König, Sie haben eine Behauptung aufgestellt und tragen daher die Beweislast. Sie hätten Ihre Messungen klar und transparent dokumentieren und der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Diskussion stellen müssen. Es wäre angebracht die Zeit Ihrer Kollegen zu schätzen und nicht zu erwarten, dass diese ohne triftigen Grund Zeit für Diskussionen opfern.“

Andrick driftet dahingehend in die verschwörungserzählerische Ecke ab, wenn er fabuliert: „Das ist erstaunlich und wirft die Frage auf, ob hier Angst vor politisch unliebsamen Prüfergebnissen eine Rolle spielen könnte.“ Lauter Fake News verbreiten, um dann auf eine fiktive Verschwörung anzuspielen – und die Berliner Zeitung veröffentlicht so etwas.

Autor tief im Aluhut-Netzwerk

Auf dem Account von Andrick auf Twitter tummeln sich Tweets des für antisemitische Verschwörungsmythen bekannten „Querdenker“ Stefan Homburg, von Pandemieleugner Bastian Barucker – der von einer „angeblichen Pandemie“ sprach – sowie der Verschwörungsideologin Ulrike Guérot.

Am 21. Oktober hielt Andrick einen Vortrag auf einer Veranstaltung des Netzwerks Kritische Richter und Staatsanwälte in Halle an der Saale. Vor Ort war auch Ulrike Guérot. Das Netzwerk pries unter anderem noch bis Februar 2022 auf seiner Webseite das Pferdeentwurmungsmittel Ivermectin zur Behandlung gegen Corona an. Ivermectin ist nicht nur unwirksam und wird nicht zur Behandlung empfohlen, es kann sogar toxische Nebenwirkungen hervorrufen.

Drei aus dem Netzwerk ausgetretene Richter berichteten in einem Schreiben von ihren Erfahrungen. Laut taz warnten die drei Richter davor, dass der „übergroßen Mehrheit der aktiven Mitglieder [daran gelegen sei, dass] Netzwerk als einen justiziellen Arm der Querdenker-Bewegung zu positionieren“. Und weiter heißt es zum Netzwerk:

„Nach unserer Wahrnehmung nehmen medizinisches Halbwissen, Esoterik und Verschwörungsgeraune einen immer größeren Raum ein.“

Meinungsbeiträge entheben nicht von Faktentreue

Dass Meinungsbeiträge gerne als Feigenblatt genutzt werden, um Falschinformationen zu verbreiten, ist kein neues Phänomen. Es verdeutlicht aber, dass auch für Kommentare die Leitfrage gelten sollte: Bewegt man sich damit noch auf dem Boden der gemeinsam geteilten Faktenlage? Das ist hier nicht mehr der Fall.

Zudem wird deutlich, dass Medien wie Tichys Einblick, Cicero und Berliner Zeitung zumindest in Teilen eine gemeinsame Desinformationspipeline anzapfen, die scheinbar nicht versiegen möchte. Wenn diesen Medien am eigenen Ruf gelegen ist, sollten sie genauer hinschauen. Andernfalls müssen sie sich hinterher auch nicht beschweren, wenn sie in der Öffentlichkeit als „Schwurbelmedien“ bezeichnet werden sollten.

Wieso sich in der Berliner Zeitung überhaupt Verlinkungen zu rechtsradikalen Fake-News Seiten finden und weshalb Leuten mit Hintergründen wie denen von Andrick, Cullen et al. eigentlich dort eine ernsthafte Rolle zugeteilt wird, ist ebenfalls bedenkenswert. Für Andrick, der Fakten(checks) sowieso grundsätzlich kritisch gegenübersteht, wird dieser Beitrag vermutlich nicht viel an seinem Weltbild ändern. Und genau da liegt das Problem.

Dafür müsste er zunächst eingestehen, dass seine Identität zu stark an alternative Fakten gekoppelt ist, die diese und seine Emotionen bedrohen. Diese Bedrohung ist es, die sowohl bei Andrick als auch anderen dazu führt die „Totalitarismuskeule“ zu schwingen, selbst aber zwischen Fakt und Fiktion keine Trennlinien mehr zu ziehen. Auf Fragen bezüglich der Probleme mit seinem Beitrag antwortete Michael Andrick bis Redaktionsschluss nicht.

„Der ideale Untertan totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder engagierte Kommunist, sondern Menschen, für die der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion, wahr und falsch, nicht länger existiert.“

(Hannah Arendt, Element und Ursprünge totalitärer Herrschaft)

Artikelbild: canva.com/Screenshot berliner-zeitung.com