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Rechter Putschversuch in Brasilien: Gab es wieder einen „Schamanen“?

von | Jan 10, 2023 | Faktencheck

Die Anhänger des rechtsextremen und abgewählten Präsidenten Jair Bolsonaro haben in der Hauptstadt von Brasilien Regierungsgebäude gestürmt, weil sie den neu gewählten Präsidenten Lula nicht anerkennen wollen. Die Angreifer nannte Präsident Lula „faschistische Vandalen“. Der Oberste Gerichtshof, der Kongress und der Präsidentenpalast waren Ziel des Angriffes. Diese Gebäude stehen jedoch nur symbolisch für das eigentliche Ziel: Die Abschaffung der Demokratie. Zum Glück erfolglos: Die erstürmten Gebäude konnten geräumt werden und mehr als 200 Faschisten sollen verhaftet worden sein.

Und ja, wir haben alle ein déjà vu: Ein Sturm auf den Kongress Anfang Januar, um durch Lügen, unter anderem über einen fiktiven „Wahlbetrug“ den rechtsextremen Ex-Präsidenten durch einen Putsch an die Macht zu bringen? Es ist natürlich 1:1 das Trump-Playbook. Nicht nur hat man die Aluhut-Lügen von „Wahlbetrug“ gestreut, um die Demokratie zu zerstören – und trotzdem die Wahl knapp verloren.

Auch versuchte man Regierungsgebäude mit Gewalt zu stürmen. Denn das ist es, was Rechtsextreme tun: Lügen verbreiten, die Demokratie angreifen und zur Not versuchen, einen Putsch durchzuführen, um ihre totalitäre Ideologie allen anderen aufzuzwingen. Während sie gleichzeitig rumjammern, die unterdrückten „Opfer“ zu sein natürlich. Und wenn der Demokratiesturz misslingt, sogar peinlich darüber zu lügen, wer denn eigentlich putschen wollte.

Ja, alles von Trump-Fans abgeguckt – auch der „Schamane“?

Dass man in Brasilien sich komplett an den rechtsextremen Gesinnungsgenossen aus den USA orientiert hat, soll sogar soweit gehen, dass der bekannte QAnon-Anhänger mit der wildern Verkleidung, bekannt als „Schamane“ kopiert worden sein soll. Mehr noch als vielleicht komplexe Konzepte des neurechten Faschismus und seiner Verschwörungsmythen ist ein US-Schamane und ein Schamane in Brasilien. Deshalb teilten viele diese Gegenüberstellung zum aktuellen Putschversuch.

Und ja, die folgenden Aspekte stimmen: Ja, es gab wirklich einen „brasilianischen Schamanen“, und ja, er war wirklich Bolsonaro-Anhänger. ABER dieser Mann war – zumindest nicht mit dieser Verkleidung – nicht am jüngsten Putschversuch 2023 in Brasilien beteiligt. Beziehungsweise sind zumindest die verwendeten Fotos nicht aktuell, sondern stammen aus dem September 2021. Der Journalist, der die BIlder seinerzeit verbreitet hatte, wies auf Twitter noch einmal darauf hin.

Fazit: Ein Symbol mit Wahrheit, aber nicht faktisch richtig

Und ja, viele werden darauf hinweisen, dass sie mit der Gegenüberstellung der Bilder nicht explizit unterstellen wollten, dass beim Putschversuch in Brasilien ebenfalls ein „Schamane“ beteiligt war, sondern sinnbildlich dafür, dass die Anhänger des rechtsextremen Ex-Präsidenten Bolsonaro das gleiche versucht hatten wie die Anhänger des rechtsextremen Ex-Präsidenten Trump. Und diese Grundaussage ist natürlich richtig und entspricht der Wahrheit.

Aber viele – mich eingeschlossen – glauben beim ersten Anblick dieser Gegenüberstellung eben, dass das Bild aktuell ist und das ist leider faktisch falsch. Es ist wichtig, stets und auch bei Narrativen und Sharepics, die der eigenen Ideologie entsprechen, nicht anzufangen, Bilder zu teilen, die zwar falsch sind, aber die „richtige“ Botschaft verbreiten, denn hier fängt der Abstieg in Desinformation und Verschwörungsmythen an. „Es hätte aber wahr sein können“ ist die Ausrede der Fake-Gläubigen und genau das, was auch extreme Rechte, „Querdenker“ & Co. machen. Selbst wenn man hier mit der Message nicht falsch liegt.

Deshalb verlieren sie sich in einer Spirale, die sie immer weiter radikalisiert und sich von der Wahrheit entfernt. Wenn man aufhört, auf Fakten zu bestehen, und sich mit falschen, aber sich wahr „anfühlenden“ Bildern begnügt, der merkt nicht mehr, wenn das nach und nach nicht mehr der Wahrheit entspricht. Wer recht hat, wird genug echte Fakten und echte Bilder finden, die ihn bestätigen. Oder deutlich machen (müssen), was wirklich wahr ist.

Weitere Faktenchecks zum Putschversuch hat die Deutsche Welle gesammelt.

Artikelbild: Screenshots