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Sorry, CSU: wir brauchen keinen Atomstrom für den Winter!

von | Sep 28, 2023 | Faktencheck

Seit dem endgültigen Atomausstieg Deutschlands am 15. April 2023 kursieren Fake-News zu den deutschen Importen und Exporten von Strom. In der ARD-Talkshow Maischberger erhielt Markus Blume von der CSU, bayerischer Wissenschaftsminister, erneut eine Plattform, um Desinformation zu verbreiten. Er steht damit nicht allein da: Seit dem Atomausstieg verbreiten die BILD, verschiedene populistische Politiker*innen, die Union und manchmal auch der ÖRR Falschinformationen zu Deutschlands Strom- und Energiehaushalt. Viele scheinen nicht wahrhaben zu wollen, dass Deutschland auch nach dem Atomausstieg die Stromversorgung sicherstellen kann. Die wichtigsten Fakten zur Atomkraft haben wir hier bereits für euch gesammelt:

Exportüberschuss nach Frankreich und Polen

Da hatten wir es wieder bei Maischberger, das Märchen über Deutschlands Abhängigkeit von Frankreichs Atomstrom und Polens Kohlestrom. Schauen wir uns jedoch die Fakten an, sehen wir: Deutschland exportierte 2023 mehr Strom nach Frankreich und Polen, als es aus den Ländern jeweils importierte. Das kannst du in den folgenden Grafiken erkennen: Zeigt der Balken ins Minus, wurde unterm Strich in diesem Monat mehr exportiert als importiert. Zeigt der Balken ins Plus, wurde dementsprechend mehr importiert als exportiert.

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Bis Ende August 2023 exportierte Deutschland insgesamt 9,93 TWh Strom nach Frankreich, und importierte wiederum 7,62 TWh aus Frankreich. Das macht einen Exportüberschuss von 2,31 TWh.

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Nach Polen exportierte Deutschland bis dato 2,27 TWh Strom und importierte 1,95 TWh. Auch hier können wir einen Exportüberschuss von 0,32 TWh verzeichnen. Mit seiner Behauptung, Deutschland beziehe „massive Stromimporte“ verfehlte Blume glasklar die Realität des aktuellen deutschen Stromhaushaltes.

Stromimporte im Sommer sind normal

Wir sehen bisher also, dass Deutschland unterm Strich mehr Strom nach Frankreich und Polen exportierte als importierte. Dennoch bemängeln Kritiker:innen des deutschen Atomausstiegs häufig, dass die Stromimporte seit dem endgültigen Atomausstieg im April 2023 gestiegen seien. Das stimmt zwar, muss aber unbedingt im Kontext gesehen werden. Grundsätzlich wird in den Sommermonaten gerne mehr Strom importiert, und zwar aufgrund einer einfachen Preislogik. Deutschland ist Teil des staatenübergreifenden europäischen Strommarkts, in dem die Staaten ihren Strom nach Möglichkeit immer vom preisgünstigsten Erzeuger beziehen können. Heißt: ist heute der Strom aus den Niederlanden günstiger, ergibt es Sinn, den Strom von dort einzukaufen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Deutschland von ausländischem Strom abhängig wäre. Der Import ist in diesem Fall aus ökonomischer Sicht begründet, da die Stromzufuhr in Sommermonaten oft günstiger ist als die Eigenproduktion. Übrigens: auch in den Jahren 2010, 2011, 2014, 2019, 2020 und 2021 gab es in den Sommermonaten einen Stromimport-Überschuss. Oftmals kommen die Importe im Sommer nicht nur zugunsten des Geldbeutels, sondern auch der CO₂-Bilanz: Anstatt in Deutschland fossile Brennstoffe zu verstromen, nutzen wir im Sommer die (meist saubereren) Kapazitäten unserer Nachbarstaaten. Im Mai beispielsweise wurden unsere Kraftwerke aufgrund der Importe wenig genutzt: Unsere Braunkohlekraftwerke waren nur zu 39 Prozent ausgelastet, die Steinkohlekraftwerke zu 9,5 Prozent und Gaskraftwerke zu 16,5 Prozent. Wenn unsere europäischen Nachbarländer aber selbst ordentlich Strom erzeugen und dann noch wenig verbrauchen, geht der Preis entsprechend runter und es lohnt sich für uns, mehr zu importieren.

Die meisten Stromimporte im ersten Halbjahr 2023 kamen übrigens aus Dänemark, Norwegen und Schweden. In Dänemark werden 70 bis 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren Quellen erzeugt, das Land dient aber für Deutschland eher als Transitland zum Import von norwegischem und schwedischem Strom. Norwegen produziert Strom fast ausschließlich über Wasserkraftwerke. Auch in Schweden spielt Wasserkraft die Hauptrolle bei der Stromerzeugung.

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Deutschlands Strombedarf ist auch im Winter gedeckt

Auch in diesem Winter ist Deutschlands Strombedarf gedeckt, mehr noch: Deutschland wird wieder Nettoexporteur sein. Das prognostiziert eine Marktsimulation der vier deutschen Netzbetreiber sowie des französischen Netzbetreibers RTE, der damit rechnet, dass Frankreich im Winter 2023 von Deutschlands Strom abhängig sein wird. Willkommen in der Welt der Fake News, wo Tatsachen genau andersherum erzählt werden. Nicht Deutschland, sondern Frankreich wird im Winter Strom von uns brauchen!

Woher dann aber das ganze Gerede von Anhängigkeiten? Die Bundesnetzagentur untersucht in ihrer sogenannten Bedarfsanalyse den Bedarf an Netzreserve im Winter, nicht jedoch den Bedarf an Stromimporten. Die Netzreserve ist dazu da, im Winter das Stromnetz stabil zu halten. Im Winterhalbjahr erzeugt die Windkraft an manchen Tagen so viel Strom im Norden, dass wir ihn nicht komplett verwenden können, auch wenn im Süden eigentlich Bedarf dafür wäre. Grund sind die für den Transport notwendigen Stromtrassen.

Damit die Netze an solchen Tagen nicht überlastet werden, müssen wir leider einen Teil der Windkraft abschalten und stattdessen fossile Ersatzkraftwerke im Süden hochfahren. Das ist aber nicht nur klimaschädlich, sondern auch teuer. Kritik an diesem Unsinn könnt ihr gerne an die bayerische Staatskanzlei senden, wo die CSU dieses Thema über Jahre fulminant verschlafen oder bewusst verzögert hat. Moment mal, haben wir gerade CSU gesagt? War das nicht genau die Partei, die ihren Wissenschaftsminister Blume zu Maischberger geschickt hat, um Desinformation zu verbreiten? Exakt: Genau der Markus Blume lenkte bei Maischberger geschickt davon ab, dass es eigentlich seine eigene CSU ist, die die Südlinkleitung blockiert, obwohl genau dies viel CO₂ einsparen würde.

Insgesamt gesehen produziert Deutschland genug Strom, um den Strombedarf auch diesen Winter zu decken. Dies unterstrich auch der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller:

Herausfordernd für die Systemstabilität ist nicht die sogenannte Dunkelflaute, sondern eine Situation mit hohem Verbrauch im Süden und sehr viel erneuerbarer Erzeugung im Norden.

Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur

Genug Strom ist also da, nur muss er sinnvoll in Deutschland verteilt werden! Muss nur mal jemand der CSU sagen…

Abschaltung der Atomkraftwerke für mehr Sicherheit

Blumes Aussage bei Maischberger, die AKWs seien „aus ideologischen Gründen“ abgeschaltet worden, missachtet auch an dieser Stelle erneut die Realität. Denn: Ein Weiterbetrieb der Atomkraftanlagen wäre überhaupt nicht möglich gewesen. Seit 20 Jahren wurden die verbliebenen Reaktoren auf ihre Abschaltung hin betrieben. Das bedeutet konkret, dass beispielsweise wichtige Sicherheitsaktualisierungen der Reaktoren nicht mehr umgesetzt wurden. Ebenfalls hätten neue Uranbrennelemente für die Reaktoren gekauft werden müssen. Ganz zu schweigen von geschultem Personal, das in der Branche schwer zu finden ist. Eine langfristige Laufzeitverlängerung wäre also mit hohen Kosten und vor allem Sicherheitsbedenken verbunden gewesen.

Übrigens hätte eine Laufzeitverlängerung nur einen Stromanteil von 6 Prozent zur deutschen Energieversorgung beigetragen.

Strompreise sind wegen Putin gestiegen

Blumes Fake News hören jedoch mit seiner Nostalgiebekundung zur Atomkraft nicht auf. Weiterhin behauptet er faktenwidrig, Deutschland hätte Europas höchste Energiepreise. In Wahrheit liegt Deutschland jedoch auf Platz 3, hinter Dänemark und Belgien.

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Dabei bleibt es aber nicht: er impliziert darüber hinaus, dass die AKW-Abschaltung Deutschlands diese hohen Preise bedingen oder zumindest beeinflussen würden. Schauen wir auf die Faktenlage, wird klar: Die Preise für Gas sind schon lang vor der endgültigen Abschaltung im April 2023 gestiegen. Grund dafür: Putins Einmarsch in die Ukraine sowie die gedrosselten Gaslieferungen Russlands. Derzeit liegt das Strompreisniveau wieder auf dem von Oktober 2021.

Bayern liegt bei den erneuerbaren hinten

Anstatt fälschlicherweise den Atomausstieg zu kritisieren, würden wir uns an dieser Stelle ausdrücklich freuen, wenn sich die CSU einmal an die eigene Nase fassen und Klimaschutz in Bayern betreiben würde. Das ist derzeit aber eher Wunschdenken. Bayern liegt bei der Windenergie sehr weit hinten im Ranking der Bundesländer. Bei der gesamten installierten Leistung von Solar und Wind liegt das CSU-geführte Bundesland eher im Mittelfeld und allein auf die Windleistung gerechnet erneut sehr weit hinten.

Einige Bundesländer schneiden beim Ausbau der Wind- und Solarleistung pro Fläche gerechnet deutlich besser ab als Bayern, so zum Beispiel Brandenburg, das Saarland sowie Schleswig-Holstein:

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Schauen wir uns nur die installierte Windleistung pro Fläche an, schneidet lediglich der Stadtstaat Berlin schlechter ab als Bayern:

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Dies scheint sich auch nicht so schnell zu ändern, denn Bayern erteilte 2023 bis dato nur 4 Genehmigungen für Windräder. Kein anderes Bundesland, aus dem bisher Daten vorliegen, hat weniger neue Windräder genehmigt als Bayern:

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Um die Energiewende erfolgreich voranzutreiben, braucht es von allen Seiten, aber vor allem aus Bayern, mehr Anstrengungen, ehrlich und langfristig in die Erneuerbaren zu investieren. Und: den endlich schnelleren Ausbau der notwendigen Stromtrassen von Nord nach Süd! Für unseren Energiehaushalt brauchen wir keinen Atomstrom aus Frankreich, aber definitiv mehr Erneuerbare in Bayern!

Fazit: insgesamt weniger co2 trotz Atomausstieg

Auch in seiner Schlussbilanz lag Blume falsch. Entgegen seiner Behauptung geht dieses Jahr der CO₂-Ausstoß in der Stromerzeugung zurück, und das obwohl keine AKWs mehr laufen.

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Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Stromerzeugung aus Braunkohle, Steinkohle und Erdgas deutlich zurückgegangen ist. Im ersten Halbjahr 2023 lag sie auf dem zweitniedrigsten Wert nach dem Coronajahr 2020. Mehr erneuerbare Energien müssen also die Devise für eine weitere Reduktion des CO₂-Ausstoßes in der Stromerzeugung sein. Denn seien wir ehrlich: Obwohl die Stromerzeugung grüner geworden ist, sind wir immer noch weit davon entfernt, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.