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Faktencheck: Laut Jens Spahn & BILD ist Stromhandel jetzt böse

von | Jul 7, 2023 | Faktencheck

Der BILD-Jens-Spahn-Komplex scheint seine Energie-Desinformation als Mehrteiler geplant zu haben. Vorletzte Woche wurde die Falschmeldung verbreitet, Deutschland wäre ohne französische Kernkraft aufgeschmissen (ist es nicht), letzte Woche wurde trotz Rekord-Erneuerbaren-Quote die „Dreckschleuder Deutschland“ herbeifantasiert. Und diese Woche sind auf einmal Stromimporte und offenbar der ganze Stromhandel böse. Ein weiteres Kapitel in der pausenlosen Beschallung mit Desinformation von Union und Axel-Springer.

Hier ein paar Fakten, die BILD dir verheimlichen will: Der deutsche Strom war nie so sauber wie bisher, wir haben noch nie so wenig Kohlestrom genutzt wie derzeit. Dass wir im Sommer zeitweise mehr importieren, ist auch vor dem AKW-Aus normal gewesen, und über das ganze Jahr gesehen ist Deutschland Netto-Exporteur. Und: BILD hat die Aufgabe, die Bevölkerung systematisch zu belügen. Nicht vergessen, dass BILD und WELT zum Axel-Springer-Verlag gehören, der auch zu Teilen KKR gehört, eines der weltweit größten private equity Firmen, die noch in fossile Energie investieren.

Jens Spahn retweetet BILD erst, als der Artikel bereits längst widerlegt ist

Dazu müsst Ihr wissen: Stromimporte sind so alltäglich wie Kaffee in Großraumbüros. Dass wir ein gemeinsames europäisches Stromnetz haben, ist ein großer Vorteil, durch den wir uns mit unseren Nachbarländern prima ergänzen: Es spart Geld, Emissionen und Rohstoffe. Den ganzen Tag über tauscht ganz Europa Strom hin und her. Und jetzt kommt auf einmal die Partei mit dem Mantra der freien Märkte und des ewigen Wachstums und hat was gegen grenzüberschreitenden Stromhandel? Das ist ähnlich überraschend, als würde Die Linke fordern, Großkonzerne von der Steuer zu befreien.

„Jetzt kommt’s raus! Die Frust-Bilanz“ titelt das Boulevardmagazin, aus dem der energiepolitische Sprecher der CDU irritierenderweise sein (Un-)Wissen über Energiemärkte bezieht. Klingt so, als sei etwas komplett Unerwartetes passiert, aber tatsächlich geht es nur darum, dass Deutschland in den Sommermonaten 2023 mehr Strom importiert als in den Monaten zuvor. Was absolut nicht ungewöhnlich ist.

BILD: Oh nein! Wasser ist nass!

Seltsames Geschäftsmodell für ein Printmedium, Meldungen mit dem Neuigkeitswert von „Rhein fließt immer noch in die Nordsee“ zu bringen, aber okay, sind ja nicht meine sinkenden Quoten. Es war nämlich mehr als absehbar, dass die Stromimporte steigen:

  1. Durch das Abschalten der letzten 3 Atomkraftwerke entstand eine zusätzliche Nachfrage nach etwa 3 Gigawatt. Im deutschen Strommarkt kommen nach den Erneuerbaren erst die Atomkraft und dann Kohle- und Gaskraft zum Zug. Da die fossilen Kraftwerke in den meisten Sommern teurer sind, als wenn wir bei unseren Nachbarn Strom einkaufen, sparen wir gerne Geld, indem wir den ausländischen Strom einkaufen. Ja, liebe Rechtsnationale, aus euren Steckdosen kommt ausländischer Strom, wahre Patrioten verbrauchen deswegen erst gar keinen! Oder so.
  2. Aufgrund der Preise lohnt es sich aus deutscher Sicht besonders in den Sommermonaten öfter, eigene Kraftwerke herunterzufahren und dafür billigeren Strom im Ausland einzukaufen. Das war nicht nur 2023 der Fall, sondern auch in den Jahren 2012, 2013, 2014 und den folgenden. Dieses Verfahren ist ein Feature, kein Bug. Denn unsere Kohlekraftwerke haben auch dadurch noch nie so wenig Kohle verbrannt wie in den letzten beiden Monaten, nicht mal in den Lockdown-Monaten von 2020 wurde so wenig Kohle verbrannt. (Ein leicht gesunkener Verbrauch und mehr EE-Strom sind weitere Faktoren.)

Deutschland: Noch nie so wenig Kohle verbrannt wie jetzt

Ist das nicht schön? Noch vor 80 Jahren haben wir in Westeuropa abartige Kriege geführt und heute helfen wir uns gegenseitig mit Strom aus, eine weitere Erfolgsgeschichte der europäischen Gemeinschaft.

Nur Jens Spahn, die Bild und wer auch immer noch in der offenbar umtriebigen WhatsApp-Gruppe von Bild-Autor Felix Rupprecht und Spahn ist, machen jetzt gegen Stromhandel mobil. Und morgen wird dann vermutlich der innergemeinschaftliche Warenhandel an den Pranger gestellt, so in etwa: „FRUSTBILANZ! SO ABHÄNGIG IST DEUTSCHLAND VON TOMATEN AUS DEN NIEDERLANDEN!“

Damit alles noch etwas düsterer klingt, wird nun eine irritierend abwegige Rechnung aufgemacht (, die ich jetzt schon mal als Soundtrack für ein Pippi-Langstrumpf-Remake nominiere), laut der unsere Strom-Import-Quote zwischen dem 15.04.2023 und dem 12.06.2023 bei unglaublichen 82 % lag. Tatsächlich waren es für diesen Zeitraum gemessen an der Energiemenge 7,5 %. Wie kommt BILD auf diese seltsame, extrem falsche Fantasie-Zahl?

Zu dieser enormen Differenz kommt es, weil die Bild-Zeitung sich eine ganz neue, hochgradig esoterische Metrik für Import-Quoten ausgedacht hat: Anzahl der Tage, an denen ich ein Gut importiere (und zwar egal, wie viel!) geteilt durch Gesamtzahl der Tage. Eure Import-Quote ändert sich also dramatisch, abhängig davon, ob ihr jeden Tag eine kleine Teilmenge geliefert bekommt oder ob ein Schiff die gleiche Gesamtmenge an einem einzelnen Tag am Hafen auslädt. Sweet.

Nur mal so als Beispiel: Deutschland hatte 2018 bei Kartoffeln einen Selbstversorgungsgrad von etwa 150 %. Wenn nun aber Bauer Pedersen aus Dänemark an jedem zweiten Tag 5 Pfund Kartoffeln auf dem Flensburger Marktplatz verkauft, steigt die von BILD erfundene Gaga-Importquote auf 50 %.

FRUSTBILANZ: Deutsche Kartoffel-Importquote durch Bauer Pedersen auf 50 % gesunken!

Es spielt in dieser vollkommen grotesken Berechnung nämlich gar keine Rolle, WIE VIEL Kartoffeln hier überhaupt importiert wurden, alles über Null macht den Tag zu einem Importtag, was das Ergebnis natürlich hoffnungslos verzerrt.

Das ist insbesondere bei Strom recht witzlos, denn wir handeln einfach JEDEN TAG Strom mit dem europäischen Ausland und importieren dabei auch so gut wie immer welchen. Die Importquote müsste nach der Definition immer 100 Prozent sein.

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Was Bild-Autor Felix Rupprecht eigentlich meinte, ist, ob wir an einem Tag mehr importiert als exportiert haben, nennt sich auch Nettoexport. Aber auch diese Information ist allein ohne konkrete Menge vollkommen ungeeignet, um eine sinnvolle Quote zu berechnen. Weil hier ein Importüberschuss von 300 Gigawattstunden an einem Tag genau so viel zählt wie einer von 3 Gigawattstunden!

Die ganze Formulierung hat nur einen Zweck: Menschen einreden, Deutschland sei krass abhängig von Strom aus dem Ausland. BILD will euch belügen, jeden Tag. So springt die rechtsextreme AfD natürlich gerne auf die Meldung auf, Alice Weidel tweetet „Satte 82 Prozent unseres Strombedarfs müssen unsere europäischen Nachbarn decken“, was wie gesagt vollkommener, hanebüchener Unsinn ist. Wir hätten nicht mal die nötigen Netzkapazitäten, um derartig viel Strom zu importieren.

AfD bedankt sich bei BILD für die Lügen

Sollten echte Patrioten nicht stolz auf ihre stabile Stromversorgung sein? Ja, aber Faschisten hoffen eben, dass gar nichts funktioniert, damit sie ihren Hass säen können. Dass etwas in Deutschland gut funktioniert ist für sie eine schlechte Nachricht, daher reden sie die Arbeit der deutschen Netzbetreiber schlecht. Du erinnerst dich: Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD. Hat sie selbst gesagt:

Auch die Behauptung, wir hätten diesen Strom importieren MÜSSEN, kann nur jemand ohne jede Ahnung vom deutschen Kraftwerkspark äußern. Wir importieren Strom primär dann, wenn das günstiger ist, als ihn selbst zu erzeugen:

Den höchsten Import dieses Jahr hatten wir am 30.06.2023, da haben wir 14,5 Gigawatt importiert. Zu diesem Zeitpunkt leisteten unsere fossilen Kraftwerke 18,7 Gigawatt von möglichen 76 Gigawatt. Sie waren also nur zu 25 % ausgelastet und wir hätten sie auf 44 % Auslastung hochfahren müssen, um komplett autark zu sein. Von einem „importieren müssen“ waren wir also weit, weit weg.

Wenn wir nicht importiert hätten, wäre der Strom teurer gewesen. Wollt ihr das?

Entsprechend einfach ist es aber auch, diesen ausgemachten Unsinn zu widerlegen. Um 15:22 Uhr am Montag war meine Widerlegung auf Twitter zusammen mit einer Prophezeiung, dass Jens Spahn das Ganze dennoch teilen wird. Und obwohl zu diesem Zeitpunkt längst klar war, was für einen Bock die BILD da mal wieder geschossen hatte, teilte Jens Spahn die Meldung von seinem Bild-Kumpel natürlich

Der „energiepolitische Sprecher“ der CDU kapiert das Thema entweder so gar nicht oder er lügt mit Vorsatz die Bevölkerung an, denn er tweetete dazu:

„Teure Strompreise, Standort Deutschland unter Druck, mehr Abhängigkeiten, mehr CO2-Ausstoß als nötig. Das ist die Energie-Bilanz der Ampel“

Das ist, wie oben mehrfach erklärt, einfach grundfalsch. Hätten wir all den Strom selbst erzeugt, wäre das teurer und klimaschädlicher gewesen. Man kann argumentieren, dass der Strom mit unseren AKW noch klimafreundlicher gewesen wäre, und das ist korrekt.

Wir können sogar vorhersagen, welche Lügen Spahn twittert

Nun ist Jens Spahn aber eine Person, die das Abschalten der deutschen AKW selbst mitentschieden hat und an all den genannten Folgen selbst mehr Verantwortung trägt als die Ampel-Regierung (Seit der Abstimmung im Jahr 2011 wurden unter CDU-Beteiligung 11 Atomkraftwerke abgeschaltet).

Schlussendlich wäre unsere Stromerzeugung ohne europäisches Netz für den Stromhandel klimaschädlicher und teurer. Was wollen Bild uns Jens Spahn uns also damit sagen, wenn sie wehleidig die Nutzung dieses Netzes bejammern? Soll Deutschland aus dem Verbundnetz aussteigen, damit wir nichts aus dem Ausland kaufen?

Bad News: Unsere Importquote von Erdöl liegt bei 98 %, die von Erdgas bei 94 % und die von Steinkohle und Uran bei 100 % (jeweils Stand 2020). Das ist mal wirklich eine Frustbilanz, denn das ganze Zeug importieren wir leider nicht nur aus europäischen, freiheitlichen, rechtsstaatlichen Demokratien, sondern aus Journalisten zersägenden Monarchien, um die Abgase dieser Brennstoffe dann erhitzenderweise in der Atmosphäre zu entsorgen.

Import ist schlecht? Was meint ihr, woher Erdöl kommt?

Mit einem ordentlichen Zubau von Erneuerbaren würden wir aus genau dieser Abhängigkeit mehr und mehr aussteigen. BILD, Spahn & Co. argumentieren nun gegen die Erneuerbaren, dass wir ja so viel importieren müssten. Again: Müssen wir nicht und außerdem stammt der Importstrom doch selbst zum größten Teil aus Erneuerbaren (der größte Teil aus Dänemark mit >80 % EE-Strom)! Erneuerbarer Strom in Deutschland ist nicht gut, weil wir zusätzlich noch kostensenkenden, erneuerbaren Strom aus der EU importieren? Klingt in meinen Ohren ja irgendwie nach einem Argument FÜR Erneuerbare, aber vielleicht ist mein Ruhepuls auch zu niedrig.

Denn wie gut ist das? Wind und Sonne sind variabel, aber wir können bei Bedarf zusätzlichen EE-Strom aus Dänemark, Schweiz, Niederlanden, Schweden und Norwegen importieren. Natürlich nicht nur, am zweitmeisten importieren wir Atomstrom (primär aus Frankreich, Schweiz, Schweden) und dann kommt fossiler Strom. Wenn man die europäische Perspektive einnimmt, ist Ärger über deutsche Importe noch alberner als ohnehin schon.

Vermutlich ist das aber alles zu sachlich argumentiert, denn es geht bei dieser Kampagne wohl nicht wirklich um echte Argumente. Es geht mutmaßlich eher darum, Ängste zu schüren und die Energiewende schlechtzumachen. Anders ist kaum zu erklären, warum die für ihre massive Desinformation kritisierten Personen an keiner Stelle auf die Kritik eingehen. Das ergibt schon eher Sinn, wenn das primäre Ziel Manipulation von Menschen ist.

Die Energiewende ist sich global beschleunigende Entwicklung und wird so oder so fortschreiten. Die einzig verbliebene Taktik für hiesige fossile Netzwerke ist die Verzögerung dieser Entwicklung, was Klimaziele und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gefährdet.

Artikelbild: canva.com/Screenshot bild.de