Psychischer Umgang mit Krisen: Warum wir Corona ernst nehmen & das Klima nicht

| Gesundheit | 23. April 2020

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Schock, Chaos, Neuorientierung – Wie wir Krisen erleben und sie bewältigen

Gastbeitrag von “Faszination Psychologie

Seit einigen Wochen scheint die ganze Welt Kopf zu stehen. Das Coronavirus beherrscht die mediale Debatte, die Wirtschaft steht still und wir alle schränken unsere sozialen Kontakte deutlich ein. Auch psychisch stellt die Coronakrise eine große Herausforderung für uns dar. Wie bewältigen wir eine solche Krise? Wir stellen die vier Phasen der Krisenbewältigung nach Johann Cullberg und Verena Kast vor.

1. Schock, Lähmung, Verdrängung

„Das ist doch alles Theater. An der Grippe sterben jährlich viel mehr Menschen.“, solche Sätze oder ähnliche haben die meisten bestimmt noch bis vor wenigen Monaten gehört oder selbst voller Überzeugung von sich gegeben. Wir – große Teile der Politik und Gesellschaft – haben die Realität der rasanten Ausbreitung des COVID-19 Virus ignoriert oder verdrängt. Viele haben sich vielleicht auch nicht ausreichend mit dem Thema beschäftigt, in der Hoffnung, es würde einfach an uns vorüberziehen.

Ähnliche Muster zeigen sich auch beim Thema Klimawandel. Hier ist die Gefahr sogar noch größer, da die Veränderungen schleichend kommen und wir diesen Prozess verdrängen bis es zu spät sein könnte.

2. Reaktion und Chaos

Was folgte auf die Erkenntnis, dass wir sehr wohl vom Coronavirus betroffen sind? Die Supermarktregale wurden leer „geplündert“. Vor allem Toilettenpapier sollte uns durch die Krise helfen. Warum? Unsere Fähigkeit, nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit und Zukunft betrachten zu können, führt dazu, dass wir uns der Sicherheit unseres eigenen Todes bewusst sind. Dieses Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit und Verletzlichkeit versuchen wir abzuwehren und die daraus resultierende Angst zu „managen“ (Terror-Management-Theorie).

Die aktuelle Pandemie erinnert uns aber an eben diese Sterblichkeit. Das ängstigt uns. Denn wir werden plötzlich wieder mit unserer eigenen Verwundbarkeit und der unserer Familienmitglieder und Freund*innen konfrontiert. Das erzeugt in uns eine tiefe Unruhe. Wir sind aufgewühlt und reagieren kurzfristig unüberlegt, chaotisch und wenig rational, z. B. indem wir Toilettenpapier horten oder Lebensmittel einkaufen, die wir noch nie zuvor in unserem Leben gegessen haben.

Außerdem verschiebt sich unsere Aufmerksamkeit und wir konsumieren ständig Nachrichten über die neuesten Entwicklungen im Zusammenhang mit der uns beherrschenden Krise. Dazu tragen auch die Medien bei durch Corona-Ticker, Spezialsendungen und Schwerpunktsetzungen bei den Nachrichten.

Wir sind in dieser zweiten Phase also erregt und handeln aktiv, aber schaffen es nicht, uns auf etwas anderes zu fokussieren als die Bedrohung der aktuellen Krise. Gut zu sehen ist das auch daran, dass zu Beginn der Krise die Diskussion um die Aufnahme von Geflüchteten, die in Griechenland gestrandet sind, nahezu keine Aufmerksamkeit bekommen hat (mehr dazu).

3. Bearbeitung

Wir haben es alle erlebt. Das Chaos legt sich langsam, die Supermarktregale füllen sich wieder und die Politik beginnt wieder auf die Sicht mehrerer Wochen zu planen, statt alle paar Tage neue Maßnahmen zu verkünden. Was ist passiert?

Wir schaffen es endlich, unsere Wahrnehmung und Aufmerksamkeit auf einen geordneten und logischen Umgang mit den konkreten Problemen zu fokussieren. Dies mündet in geordnetem, lösungs- und kontrollorientiertem Verhalten. Wir sind motiviert, die Krise solidarisch zu bewältigen und schließen uns dafür zusammen, z. B. in dem wir Initiativen gründen oder anbieten, für unsere Nachbarn einkaufen zu gehen. Wir sind aktiv und reagieren empathisch, geduldig und mit Stärke auf die Krise. Im neuen gemeinschaftlichen Bewusstsein finden beispielsweise auch spaltende Aussagen populistischer Parteien, wie der AfD, weniger Anklang.

4. Neuorientierung

Schließlich erreichen wir eine neue Routine. Die unmittelbare Wahrnehmung der Corona-Krise als Bedrohung klingt ab. Die Aufmerksamkeit erweitert sich wieder und wir sind weniger erregt. Diese neue Routine könnte z. B. das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit, mehr Home Office und eine Zeit lang weniger Kontakte sein. Sie ermöglicht uns, neue Einstellungen zu uns selbst und zu anderen zu finden.

Diese Phasen der Krisenbewältigung verlaufen nicht immer linear und können sich gegenseitig überlappen oder in unterschiedlichen Kulturen variieren. Durch neue Erkenntnisse oder Veränderungen, z. B. wenn die Zahl der Infizierten mit dem Coronavirus plötzlich wieder stark ansteigt, kann es zu einem erneuten Anstoß des Prozesses kommen und wir beginnen wieder, die Phasen von neuem zu durchlaufen.

Warum wir auf zwei Krisen anscheinend unterschiedlich reagieren

Wie wir eine Krise wahrnehmen, z. B. wie viel Angst sie bei uns verursacht, hängt damit zusammen, wie nah wir die Krisenursache sowie die politischen und sozialen Umstände wahrnehmen. Auch die Medien haben einen Einfluss darauf, ob wir eine Krise tatsächlich als solche und damit als Bedrohung bewerten. So mag sich der ein oder andere fragen, wie es sein kann, dass Gesellschaft und Politik so panisch und schnell auf einen einzelnen Virus reagiert haben, während die Klimakrise viele kaum zu bewegen scheint.

Der Klimawandel und seine Auswirkungen wurden lange nur unzureichend in den öffentlichen Medien thematisiert. Da wir die Auswirkungen nicht unmittelbar spüren, wirkt er eher fern. Gleichzeitig sorgt die Auseinandersetzung mit den Folgen des Klimawandels dafür, dass wir uns sehr stark mit unserer eigenen Vergänglichkeit und der der Erde auseinandersetzen müssen. Außerdem versuchen wir die Konfrontation mit unserer eigenen Schuld an einer Krise zu vermeiden. Daher kann man davon ausgehen, dass viele Menschen beim Thema Klimawandel noch in der ersten Phase festecken: geschockt, gelähmt oder verdrängend.

Deshalb ist es wichtig, dass wir uns bewusst mit dem Klimawandel und dessen Folgen auseinandersetzen. So können wir alle Schritte einer Krise durchlaufen und uns schließlich neuorientieren. Dies erreichen wir beispielsweise, in dem wir unsere Mitmenschen für das Thema sensibilisieren und sie vorsichtig aus ihrer Schock- oder Leugnungsstarre herausholen. Egal ob im persönlichen Gespräch oder auf Social Media – wir alle können dazu beitragen, Krisen solidarisch und lösungsorientiert zu bewältigen.

Quellen: Horizont, Quarks, Spektrum, Eye-Square, Tagesspiegel



AutorInnen: Miriam und Michael von Faszination Psychologie (Link). Artikelbild: pixabay.com, CC0

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