Die perfekte Einstiegsdroge? Wie Rechtsextreme mit Musik Nachwuchs rekrutieren

| Hintergrund | 15. September 2020

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Gastbeitrag von Erik Klügling 

Die perfekte Einstiegsdroge?

Für manche ist es der Hip-Hop, für andere elektronische Musik. Bei mir waren es Rock und Punk, die meine Jugend prägten. Musik spielte schon immer eine große Rolle in meinem Leben, hat mein soziales Umfeld (mit)geformt, mir Orientierung gegeben und ein Stück weit auch meinen Wertekompass mitgeprägt. Denn Musik ist unbestritten identitätsstiftend, Jugendliche auf der Suche nach sich selbst finden in Musik und den jeweiligen Subkulturen sozialen Halt und Identifikation.

Rechtsextreme Akteure haben diese Strahlkraft früh erkannt und in ihre Strategien integriert. Nationalsozialistisches Gedankengut verschwand nach der Kapitulation von Hitler-Deutschland keineswegs, es überlebt bis heute. Das zeigt auch die Entwicklung von rechtsextremer Musik.

         Von Erik Klügling

Musik spielt für Rechtsextremisten eine wichtige Rolle. Mit der „Einstiegsdroge“ Musik wollen sie junge Menschen ohne Berührungspunkte zu rechtem Gedankengut in ihre ideologische Welt locken und sie affiner für radikaleres Gedankengut machen. Musik ist das optimale Medium, um rechte Botschaften über die eigene Szene hinaus zu verbreiten und in ein harmloseres Gewand zu verpacken. Klingt auch viel besser als eine politische Rede.

Letztendlich sollen extreme Ansichten und Aussagen damit salonfähiger werden, um die Grenze des Sagbaren weiter zu verschieben. Die Botschaften in rechter Musik sind manchmal offen ausländerfeindlich, antisemitisch, geschichtsrevisionistisch oder martialisch, indem sie einen angeblich bevorstehenden Bürgerkrieg propagieren. Aber oftmals sind sie auch sehr subtil und für ungeübte Hörer nur schwer zu erkennen – genau das macht die ganze Sache so brandgefährlich.

Wie stark Radikalisierungspotenzial, Rekrutierungseffekte und die Akzeptanz rechter Musik in Deutschland ist, wurde wissenschaftlich noch nicht ausreichend untersucht. Wer rechte Musik hört, bejaht nicht automatisch alle Inhalte und die dahinterstehende Ideologie. Es hängt vor allem vom sozialen Umfeld ab, ob Jugendliche durch das Hören von rechtsextremer Musik in die rechtsextreme Szene abdriften, etwa indem sie bei Konzerten verstärkt Berührungspunkte zu Gleichgesinnten haben und sich durch weiteren Input nach und nach radikalisieren.

Über den NSU wird gesagt, dass es das Terrornetzwerk rund um die Neonazis und Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe nie ohne rechte Musik und die ganzen einschlägigen Konzerte gegeben hätte, da das Trio sonst nie so schnell Anschluss in die Szene gefunden hätte (mehr dazu hier).

Das Politikum Musik

Musik an sich ist unpolitisch. Erst durch entsprechende Texte oder die Verknüpfung mit Symbolen wird Musik ideologisch aufgeladen. Theoretisch kann jedes Musikgenre „Opfer“ rechtsextremer Ideologien werden. Schlager, Rock, Metal (insbesondere NSBM), Gothic (wenn sich nordische Mythen mit NS-Symboliken vermischen) oder Hardcore wurden bisher mehr oder minder erfolgreich von Rechten gekapert. Um 2010 gesellte sich Deutschrap dazu. Moment mal: Hip-Hop mit radikaler Nationalromantik? So paradox es klingt, so bitter ist die Realität.

Um das zu verstehen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Wie hat sich rechte Musik in Deutschland seit dem Ende der Nazidiktatur entwickelt? Das Thema ist ziemlich komplex, daher können wir bei manchen Sachverhalten nur an der Oberfläche kratzen. Wer noch tiefer eintauchen will, findet an vielen Stellen Links mit weiteren Infos. Hörbeispiele ersparen wir euch bewusst, damit wir den Künstlern keine zusätzliche Reichweite verschaffen (außerdem steht vieles auf dem Index). Wir wollen hier lediglich über die Strategien dahinter aufklären und rechtsextreme musikalische Inhalte brandmarken.

Nach 1945: Die Nazis sind tot, die Ideen leben weiter

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die NS-Ideologie nicht nur in den Köpfen vieler Menschen weiterhin präsent. Weit nach 1945 erfreuten sich diverse Heimat- und Soldatenlieder großer Beliebtheit, in erster Linie bei den Generationen, die Hitler und den Nationalsozialismus noch hautnah miterlebt haben. Doch für eine neue rechte Bewegung in Deutschland brauchte es zunächst Impulse aus dem Ausland: Ende der 1960er Jahre entstand in den Arbeitervierteln britischer Großstädte die Skinhead-Bewegung.

Die war anfangs ohne Ideologie, sondern vielmehr eine Form des Protests gegen soziale Missstände. Mit den Jahren driftete die Bewegung teilweise nach rechts ab, wegweisend ist hier die Band „Skrewdriver“ rund um Frontmann Ian Stuart Donaldson. Der gründete in den 80er Jahren das internationale rechtsextreme Netzwerk „Blood and Honour“ (mehr dazu hier), welches sich auf Musikveranstaltungen und -vertrieb fokussierte.

Rekrutierung für die rechtsextreme Bewegung

Donaldson erkannte das große Potenzial von Musik, um Jugendliche für die rechtsextreme Bewegung zu rekrutieren und gleichzeitig mehr Geld in die eigenen Kassen zu spülen. Dafür nutzte er ein Konzept, das bis heute bei den Rechten beliebt ist: Die kulturelle Hegemonie. Die Strategie beruht darauf, dass eine politische Gruppe nicht primär durch Gewalt ihre Macht etablieren und festigen will, sondern vor allem durch die Produktion von zustimmungsfähigen Ideen und der Verknüpfung von unpolitischer Kultur mit politischer Ideologie.

Vor allem die Neue Rechte ist extrem geschickt darin, profane Dinge wie Tanz, Reisen, Musik oder Kochen mit ihren Botschaften zu verknüpfen (Walulis hat dazu ein gutes Video gemacht). (Rechts)extreme Positionen und Narrative sollen unterschwellig in das Bewusstsein der Konsumenten eingepflanzt werden, um deren Akzeptanz zu erhöhen. Musik ist ein gutes Medium, um radikale Inhalte harmloser erscheinen zu lassen und in einen politischen Kontext einzubetten, der mit dem eigentlichen Geist des jeweiligen Musikgenres nicht mehr viel zu tun hat.

Donaldson bliebt bis zu seinem Unfalltod im Jahr 1993 prägende Figur der rechtsextremen Szene und baute mit vielen internationalen Unterstützern das konspirative Netzwerk hinter „Blood and Honour“ weiter aus. Es dauerte nicht lange, da drangen die neuen Ideen und Strategien nach Deutschland vor.

Von den 80er bis zur Jahrtausendwende: Rockmusik mit NS-Ideologie

Erst in den 1980er Jahren verbreitete sich die Skinhead-Subkultur in Deutschland. In wenigen Jahren bildeten sich auch hierzulande nationalsozialistische Tendenzen heraus, etwa 1981 bei der Band „Endstufe“ aus Bremen, die trotz der Radikalität Wert auf ihre Skinhead-Ausrichtung legten. Über die kommenden 20 Jahre ploppten rechtsextreme Rockbands in der ganzen Republik auf, der Bandname sprach oftmals für sich. Bekannte Szenegrößen wie „Noie Werte“, „Landser“, „Macht & Ehre“, „Frontalkraft“ „Deutsch, Stolz, Treue“, „Spreegeschwader“ oder „Legion of Thor“ formten eine aggressive und äußerst ausländerfeindliche Musikrichtung (wer sich für die Bands und deren Inhalte interessiert, findet hier eine ausführliche Analyse des Berliner Verfassungsschutzes und hier eine gute Übersicht von Belltower News.)

Diverse Alben und Bandsampler landeten auf dem Index oder bildeten Anlass für Volksverhetzungs-Urteile. Viele Bandprojekte hatten ihre Wurzeln in Sachsen und Brandenburg, doch in den 1990er Jahren bildete sich Berlin zum Zentrum des rechtsextremen Musikmarktes aus. Das sogenannte Berliner Netzwerk „Rechtsextremistische Musik“ mit circa 170 aktiven Personen organisierte national und international Veranstaltungen, veröffentlichte und vertrieb neue rechtsextreme Musik. Eine entscheidende Rolle im Marketing spielte wiederum das rechtsextreme Netzwerk „Blood and Honour“, welches seit 1993 verstärkt mit einer eigenen Division in Deutschland Präsenz zeigte und die internationale Vernetzung weiter ausbaute.

2000er: Zurückhaltung im „bürgerlichen Gewand“

Das neue Jahrtausend hätte für die Neonazi-Musikszene in Deutschland so gut starten können. Stattdessen begann es mit einem herben Rückschlag. Im September 2000 verkündete Innenminister Otto Schily das offizielle Verbot von „Blood and Honour“ in Deutschland. Die offiziellen Strukturen wurden mit dem Verbot zerschlagen, rechtsextreme Musik und die Protagonisten dahinter gerieten noch stärker in den Fokus von Verfassungsschutz und Sicherheitsbehörden. Der bekannten Rechtsrockband „Landser“ – quasi Aushängeschild der Szene – wurde der Prozess gemacht: Ende 2003 wurden die vier Bandmitglieder verurteilt, unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen oder Volksverhetzung.

Kopf und Herz der Band, Sänger und Gitarrist Michael „Lunikoff“ Regener, gründete noch während der Gerichtsverhandlung seine neue Band „Die Lunikoff Verschwörung“, die bis heute eines der wichtigsten Zugpferde des rechtsextremem Rock in Deutschland ist. Das Debütalbum „Die Rückkehr der Unbegreiflichen“ nahm Regener vor dem Antritt seiner Haftstrafe auf. Die Texte wurden vorab extra von drei Anwälten geprüft, das Album dennoch von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert (die Einstufung musste zwei Jahre später aufgrund eines Formfehlers zurückgenommen werden). Mehr Informationen zu Landser/Lunikoff findest du hier.

Das Beispiel „Lunikoff“ zeigt den notwendigen Strategiewechsel der rechtsextremen Akteure auf: Um der Strafverfolgung der Behörden und Sicherheitsdienste vorzubeugen, werden die Inhalte vorab juristisch geprüft. Weg von volksverhetzenden, teils geschichtsrevisionistischen und offen ausländerfeindlichen Songtexten hin zu Aussagen an der Grenze der Meinungsfreiheit. Die menschenfeindliche Ideologie ist immer noch da, wird aber nun viel subtiler transportiert. Auch Szene-Codes wie „28“ („Blood and Honour“) oder „18“ (Adolf Hitler, Zahlen stehen jeweils für Stelle im Alphabet) erfreuten sich steigender Beliebtheit, um im Rahmen des gesetzlich Erlaubten zu bleiben.

inhaltlicher Kurswechsel

Der inhaltliche Kurswechsel war Teil einer neuen Strategie, um aus der verstaubten Neonaziszene mit Glatze und Springerstiefeln auszubrechen. Mit vermeintlich demokratiekonformen Inhalten konzentrieren sich Rechtsextreme verstärkt auf bürgerlichere Zielgruppen: Schüler. Kostenlose Musik-CDs auf Pausenhöfen verteilen, um damit junge, beeinflussbare Jugendliche mit rechtsextremen Inhalten in Berührung zu bringen, ohne sie direkt zu verschrecken? Eine erfolgsversprechende Strategie, die sogar die NPD in ihre Wahlkampfkonzepte übernahmen. Im Wechselspiel mit rechtsextremen Musikern wie „Die Lunikoff Verschwörung“, „Noie Werte“ oder Liedermacher Sascha Korn verteilte die NPD zwischen 2004 und 2011 mehrere kostenlose „Wahlkampf-CDs“ auf den Pausenhöfen dieser Republik – mit Titeln wie „BRD vs. Deutschland“, „Gegen den Strom“ oder „Freiheit statt BRD“.

Parallel dazu wurde der Musikvertrieb ins Internet verlagert. Strukturen, wie sie zuletzt bei „Blood and Honour“ vorherrschten, konnten online schnell und effektiv aufgebaut werden. Vernetzung mit internationalen Akteuren, dezentrale Organisation, weltweiter Musikvertrieb, eigene „journalistische“ Formate – das Internet wurde schnell zur neuen Schaltzentrale und Propaganda-Kanal Nummer 1 der Rechtsextremen. Szenegrößen wie Tommy Frenck (mehr dazu hier) oder Sven Liebich (hier mehr über seinen Werdegang) sind vor allem als Online-Händler für Naziklamotten, Accessoires und Tonträger erfolgreich geworden. 2010 zählte der Verfassungsschutz 87 Firmen, die vom Verkauf von rechtsextremem Merchandise und Musik lebten (hier ein Artikel vom MDR).

Exkurs „Rechtsrockfestivals“:

Festivals erfreuen sich durchgehend großer Beliebtheit bei Neonazis, auch wenn hier ebenfalls nach 2000 ein Strategiewechsel stattfand. Veranstaltungen wurden tendenziell kleiner und regionaler, die Organisation konspirativer. Hauptbesuchergruppe bleibt bis heute der harte Kern der Neonaziszene, die Szenegrößen wie „Die Lunikoff Verschwörung“ oder „Stahlgewitter“ live abfeiern wollen. Um ein Verbot der Konzerte im Vorfeld zu erschweren, werden die Veranstaltungsorte oftmals nur auf Anfrage bekanntgegeben.

In der Regel finden die Veranstaltungen auf privaten Grundstücken statt, um dem Staat den Zugriff zu erschweren. Daher werden Festivals oftmals als politische Veranstaltung angemeldet, um mehr Gestaltungsspielraum zu haben. Denn neben dem großen Zugpferd Musik finden politische Vorträge und Aufklärungsarbeit sowie hinter den Kulissen konspirative Treffen von Köpfen der Szene statt. In den Medien präsent waren in den vergangenen Jahren zum Beispiel „Rock gegen Überfremdung“ 2017 in Themar (Thüringen) oder das „Schild und Schwert“ Festival in Ostritz (Sachsen). Auch in diesem Jahr soll das „S&S“-Festival Ende September stattfinden, u.a. mit „Die Lunikoff Verschwörung“ im Musikprogramm.

Doch mit rechtsextremem Rock, Hardcore oder Gothic konnten immer weniger junge Nachwuchskräfte für die rechtsextreme Bewegung rekrutiert werden. Die Genres wirkten zu eingestaubt, das Image (mit Recht) zwischen Glatze, Springerstiefel, nordischen Symbolen und hässlichem Ausländerhass festgefahren. In den vergangenen Jahren drängte mit dem Hip-Hop eine andere Subkultur in den musikalischen Mainstream und landete damit auf der Landkarte einer neuen Generation von Rechten Akteuren.

Ab 2010: Rechtsextreme betreten neue musikalische Wege

So abstrus es klingen mag: Hip-Hop und Deutschrap werden Ende der 2000er Jahre zur neuen Heimat für rechtsextreme Inhalte. Vor allem die Nipster („Nazi-Hipster“) der Identitären Bewegung entdeckten die populäre Subkultur für sich und zweckentfremden das Musikgenre – vor allem wenn man bedenkt, wo Hip-Hop seine Wurzeln hat: In den schwarzen Armenvierteln der USA. Szeneintern wird der gerne unter „NS-Rap“ zusammengefasste musikalische Widerstand teils heftig diskutiert und oftmals auch komplett abgelehnt, was vor allem mit der Herkunft des Musikgenres zu tun haben wird.

Für Genregrößen wie Villain051, Dee Ex oder MaKss Damage und später Chris Ares, Protoyp NDS oder Komplott ist all das offenbar kein Widerspruch. Rechter Rap hat sich mittlerweile ein nicht zu verachtendes öffentliches Standing erarbeitet, auf das viele rechtsextreme Rockbands mit Neid schauen dürften.

MaKss Damage aus Gütersloh wird als Pionier des rechten Deutschraps angesehen. Startete er seine Karriere Mitte der 2000er noch mit linksradikalem Weltbild, wechselte er im Laufe der Jahre die ideologischen Seiten und bekannte sich 2011 öffentlich als Neonazi. Im gleichen Jahr steuerte Damage zwei Songs zu einer „Schulhof-CD“ der NPD bei, später teilte er sich die Bühne mit Rechtsrockbands wie „Kategorie C“. Immer mehr fiel Damage durch antisemitische, nationalistische und oftmals mit Verschwörungsmythen gespickte Lyrics auf.

Auch Rapper Villain051 wurde anfangs nicht in der rechten Szene verortet, doch spätestens 2012 machten er und die rechtsextreme Rapperin Dee Ex mit zwei Cover-Songs von „Die Lunikoff Verschwörung“ Nägel mit Köpfen. 2014 gründete er das Rapduo „A3stus“ mit dem Liedermacher „R.a.W.“ („Recht auf Wahrheit“) und spielte bei NPD- und Pegida-Veranstaltungen auf. In den Berichten des Verfassungsschutzes taucht Villain051 seit 2017 regelmäßig auf, ein Jahr später wird sein Album „Deutsche Zensur“ indiziert. Rechter Rap war in seiner Anfangszeit ähnlich radikal und strafrechtlich relevant wie rechtsextremer Rock. Doch die „zweite Generation“ der rechtsextremen Rapmusik rund um die Identitäre Bewegung schlug bewusst gemäßigtere Töne an, um stärker in den Mainstream vorzudringen.

Nipster und Rap mit Nationalstolz

Die „Identitäre Bewegung“ trat erstmals 2012 in Deutschland auf den Plan. So subtil wie geschickt verpacken sie die altbekannten menschenfeindlichen Ideologien der Rechtsextremen in ein modernes sprachliches Gewand (z.B. „Remigration“ statt „Abschiebung“), verknüpfen sie mit patriotischer Heimatliebe und betten alles in hippe Jugendkultur ein. Das Produkt nennt sich Identitärer Rap. Themen und Buzzwords wie Nation und Identität, das deutsche Volk, „Multikulti“, ein angeblich bevorstehender Bürgerkrieg und der dazugehörige Widerstand stehen im Fokus.

Doch auch wenn die Texte das Kind klar beim Namen nennen und die rechtsextreme Gesinnung teils offen durchklingt: Nach strafrechtlich relevanten oder volksverhetzenden Aussagen sucht man oftmals vergeblich. Alles scheint ein bisschen „rechtsextrem light“, um die potenzielle Zielgruppe – Hip-Hop-affine Jugendliche – nicht sofort zu verschrecken. Dabei verbreiten sie diverse rechte Narrativen (z.B. Buzzwords wie „Messermigration“ oder der Mythos der Grenzöffnung von 2015), um sie salonfähiger zu machen. Die Szene ist klein, aber umso gefährlicher, wenn man sich den Erfolg einzelner Künstler anschaut.

Chris Ares

Prägende Figur des IB-Rap ist seit 2014 Chris Ares (bürgerlich Christoph Zloch). Er sieht sich als Teil der „Kulturrevolution von rechts“. Der Aktivist im „Bündnis deutscher Patrioten“ in Bayern hat Burschenschaft-Vergangenheit und wird seit 2016 vom Bayerischen Verfassungsschutz offiziell als Rechtsextremist eingestuft. In seinen Musikvideos tauchen regelmäßig Parolen, Symbole und Aktionen der Identitären Bewegung auf, er trat schon auf AfD- und IB-Veranstaltungen auf.

Der Rechtsextremist rappt davon, dass Deutschland „wieder inländerfreundlicher werden muss“ und nutzt sehr oft Kampfbegriffe wie „Deutscher Patriot“ oder „Defend Europe“. Ungewohnt hohe Wellen schlug Ares im September 2019 mit dem Song „Neuer Deutscher Standard“, der in den offiziellen Download-Charts Platz 6 erreichte. Erst vor kurzem erschein sein Album „Ares“ und wurde auf allen bekannten Online-Plattformen beworben. In Ares Dunstkreis rund um das neurechte Label „Arcadi Musik“ (betrieben von AfD-Funktionär Yannick Noé, mehr dazu hier) veröffentlichen zudem Prototyp NDS, Komplott sowie Bloody32 ihre migrationsfeindliche Rapmusik.

Komplott etwa macht keinen Hehl aus seinen Verbindungen zu rechtsextremen Netzwerken wie „Ein Prozent“ (eine Art PR-Agentur der Neuen Rechten unter der Führung von Philip Stein mehr dazu hier), die bereits Promo für das aktuelle Album gemacht haben. Die kleine IB-Szene ist gut vernetzt mit anderen neurechten Organisationen und Köpfen, dadurch wirken die Bewegung und ihre musikalischen Vertreter oftmals größer, als sie es eigentlich sind. (Wenn du tiefer in das Thema Identitärer Rap eintauchen willst, empfehlen wir dieses Video von Walulis. Außerdem findest du hier einen ausführlichen Artikel über die wenigen musikalischen Akteure der Identitären Bewegung sowie einen Hintergrundartikel über den Rapper Komplott).

2020 – Der Widerstand gegen den Widerstand wächst

2020 ist nicht nur ein außergewöhnliches Jahr, weil wir uns mit einem neuartigen und gefährlichen Virus auf Pandemie-Level herumschlagen müssen. Nein, man hat auch das eher ungewohnte Gefühl, dass der Staat in Form von Innenminister Seehofer sowie Verfassungsschutz die Neue Rechte endlich ernster nimmt und stärker gegen den Rechts(extremen)ruck vorgeht. Das spürt zum Beispiel die Identitäre Bewegung: Im Juli 2019 stuft der Verfassungsschutz die Organisation offiziell als rechtsextremistisch ein.

Auch der öffentliche Gegenwind weht stärker. Anbieter wie YouTube oder Facebook sperren nach und nach die offiziellen Kanäle der patriotischen Bewegung und schneiden damit wertvolle Reichweite ab. Auch andere wichtige politische Akteure wie Götz Kubitschek, einflussreiche publizistische Medien der Neuen Rechten wie das Compact Magazin sowie der sog. Identitäre Rap werden laut den Sicherheitsbehörden noch intensiver unter die Lupe genommen. Anbieter wie Spotify, iTunes und Amazon reagieren (teils erst nach starkem medialem und öffentlichem Druck) und entfernen Songs von Chris Ares, Bloody32 oder Protoyp NDS aus ihrem Angebot. Nur die Videoplattform YouTube zögerte – bis zuletzt.

Der Kanal von Chris Ares mit über 80.000 Abonnenten und seiner Diskographie wurde am 14. August 2020 gelöscht. Die Channels von Bloody32 (33.000 Abonnenten) sowie NDS („Neuer Deutscher Standard“, 15.000 Abonnenten) bleiben weiterhin online – letzterer lädt sogar wieder Songs von Chris Ares hoch. Das Videoportal bleibt damit einer der wichtigsten Marketing-Kanäle für die Identitären Rapper und dank raffiniertem YouTube-Algorithmus sind die „patriotischen“ Rapsongs immer noch die Eingangspforte zu radikalerem Gedankengut.

nicht mehr viele soziale Netzwerke übrig

Den rechtsextremen Akteuren und Musikern bleiben dennoch nicht mehr viele soziale Netzwerke übrig, in denen sie ihre Propaganda verbreiten können. Daher wenden sie sich zwangsläufig von den bekanntesten Anbietern wie Facebook oder Instagram ab und wechseln zu dem sog. „Dark Social“, weil hier noch „echte Meinungsfreiheit gilt“ bzw. volksverhetzende, in Deutschland strafbare Aussagen, selten geahndet werden. So zum Beispiel beim sozialen Netzwerk vk (ehemals vkontakte), das russische Pendant zu Facebook.

Oder der Messenger-Dienst Telegram, längst neuer Lieblings-Marketingkanal der Rechtsextremen. Im Gegensatz zum größten Messenger-Dienst WhatsApp bietet Telegram auch offene Gruppen für eine potenziell höhere Reichweite (Chris Ares hat auf seinem offiziellen Kanal über 13.000 Abonnenten) aber auch geschlossene Gruppen, die konspirativer und exklusiver daherkommen und oftmals nur mündlich weitergegeben werden. Hier zerren die Akteure ihre Abonnenten noch tiefer in die hochprofessionell aufgebaute rechte Blase und abstruse, radikale Parallelwelten.

Ob die Identitären Rapper nun durch die fehlende Reichweite auf den beliebtesten sozialen Netzwerken wieder zum Nischenphänomen werden oder sich durch „Zensur & Verbot“ durch den Staat auf kommerziellen Plattformen noch besser als vermeintliches Opfer inszenieren können, wird die Zukunft zeigen. Denn wenn die Neue Rechte eines extrem gut kann, dann sich selbst medial wirksam als unterdrücktes Opfer der „linksgrün-versifften Mainstreamgesellschaft“ inszenieren.

Zum Thema:

Corona-Demo 29.08.: Die gesamte rechtsextreme Szene mobilisiert (AfD, NPD & Co)

Autor: Erik Klügling. Artikelbild: Christophe Gateau/dpa (Rechtsextremer Rapper Chris Ares auf der Pandemie-Leugner-Demo in Berlin am 29.08)

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