Toblerone: Die lustigsten Reaktionen aus den Kommentarspalten

Kolumne Kleiner Mann, große Worte

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Unfreiwilliger Hungerstreik

Seit Monaten steht man nun als demokratische Gesellschaft vor der Frage, wie man sich erfolgreich gegen Rechts wehren kann. Wie man einer Bewegung, die sich aus Angst, Panikmache und Unwissen speist, beikommen kann. Und doch scheint es egal, wie viele Menschen sich mit lauter Stimme gegen die Rechten stellen, sie sind nicht kleinzukriegen. So scheint es jedenfalls.

Doch Stück für Stück offenbart sich derzeit beinahe passiv eine Methode, auf die vermutlich niemand gekommen wäre. Und noch dazu ist sie für die Meisten mit herrlich wenig Aufwand verbunden. Wovon ich rede? Ganz einfach: Die Rechten werden zunehmend in die Subsistenzwirtschaft getrieben, indem man ihnen nach und nach die gesamte Produktpalette an Lebensmitteln, Dienstleistungen und sonstigen Ver- und Gebrauchsgütern madig macht. Und wer den ganzen Tag auf seinem kleinen Acker stehen und selbigen bestellen muss, weil nur selbst produzierte Nahrung gerade noch deutsch genug ist, der hat wohl kaum noch Zeit, sich im Internet über Flüchtlinge auszulassen.



Und natürlich boykottieren

Wer in den letzten Tagen und Wochen die Nachrichten verfolgt hat, dem mag aufgefallen sein, dass unsere besorgten Bürger relativ schnell mit einem Boykott bei der Hand sind, wenn eine Firma irgendetwas tut oder sagt, was ihnen nicht gefällt (die Kollegen haben dazu diese Übersicht erstellt). Geht diese Entwicklung so weiter, endet das Ganze irgendwann damit, dass der gemeine Wutbürger keinerlei Produkte mehr kaufen kann und alles selbst anbauen muss. Mein Vorschlag, um das Ganze zu beschleunigen: Bringt sie dazu, direkt ganze Supermarktketten zu boykottieren und schneidet ihnen somit die Nachschublinien ab.

Meistens begründet man den Boykott damit, dass die Firmen solch infame Dinge tun wie sich zu Vielfalt zu bekennen oder braunes Gedankengut abzulehnen. Manchmal geht es aber auch darum, wie Produkte beworben werden (wir erinnern uns an die Katjes-Werbung). Grob unter diese Kategorie fällt auch der heutige Aufhänger: Toblerone ist nun halal.

Halal bedeutet in diesem Fall nur, dass das Produkt den islamischen Nahrungsvorschriften gemäß dem Koran entspricht. Damit Toblerone dieser Maßgabe entspricht, waren nicht einmal Anpassungen notwendig. Der Hersteller hat lediglich das Produktionsverfahren entsprechend zertifizieren lassen. Letztlich lässt sich die Aktion auf eine simple Kampagne herunterbrechen, die deutlich machen soll, dass das Produkt für Muslime geeignet ist (Richtig, so ähnlich wie bei Katjes damals). Ansonsten ändert sich nichts. Tatsächlich sind die meisten Schokoladenprodukte ohnehin halal.

Das ist ungefähr so, als würde bspw. Gerolsteiner nun damit werben, dass ihr Sprudel gluten- und laktosefrei ist. Wäre korrekt, war auch vorher schon korrekt und könnte den meisten Konsumenten völlig egal sein.

Man hat die Zertifizierung übrigens bereits im April diesen Jahres vornehmen lassen. Die armen, aufgebrachten Rechten haben nun also beinahe acht Monate lange nichtsahnend ein den islamischen Nahrungsvorschriften entsprechendes Schokoladenerzeugnis konsumiert und es nicht gemerkt. Perfide, nicht wahr?

Mett als Rettung

Gereicht, um die Besorgten als Kunden zu vergraulen, hat es trotzdem, wie die folgenden Kommentare unter diesem BILD-Artikel (hier der Link zum Facebook-Beitrag) belegen.

Da haben wir auch schon den ersten Boykotteur. Artikel vermutlich nicht gelesen, die Überschrift sagt aber irgendwas über halal und Toblerone. Ergebnis: Toblerone ist böse, muss boykottiert werden. Puh, ob die Firma das übersteht?

Und da ist der Ausgleich. Das war knapp. Wirklich knapp. Ich zittere immer noch.

Toller Kommentar. Muss man sich wirklich mal Stück für Stück betrachten. Die Extrapolation von Toblerone auf “alles” erscheint mir zwar etwas drastisch, aber okay, das liegt vermutlich daran, dass Manuela so schockiert ist. Der zweite Satz belegt dann ganz beiläufig, dass auch Manuela von einer Lektüre des vollständigen Artikels Abstand genommen hat. Und hey, wir sprechen hier von einem Artikel der BILD. Er ist simpel geschrieben, strukturell auf Standard-BILD-Leser zugeschnitten und dementsprechend verdammt kurz. Der Aufwand wäre also wirklich gering gewesen.

Und “wir” müssen uns hier auch nicht anpassen, Manuela. Überhaupt, wer ist an dieser Stelle “wir”? Toblerone und du? Die Schokolade einer schweizer Firma und eine deutsche Wutbürgerin? Welchen gemeinsamen Nenner habt ihr denn bitte?

Zum Abschluss erklärt uns Manuela noch, wie sie mit derlei Nachrichten, die nicht in ihr Weltbild passen, umgeht, nämlich indem sie ein Mettbrötchen konsumiert. Klar, denn kaum kann man sich noch deutscher fühlen, als während man sich mit fettigen Fingern in der von zartem Zwiebelduft erfüllten Mundhöhle eine verfangene Mettfettfaser zwischen den Backenzähnen hervorpult. Das ist gelebtes Heimatgefühl.

Im Ernst, ich stelle mir das so vor, dass Manuela nach der Lektüre dieser erschütternden Nachricht kraftlos in ihrem Schreibtischstuhl zusammensackt und mit schwacher Stimme krächzt: “Herbert! Bring mir ein Mettbrötchen! Schnell!”, und dann kommt ihr Mann herbeigeeilt, überbrückt die letzten zwei Meter mit einem Hechtsprung und rammt ihr das Mettbrötchen im Flug gerade noch rechtzeitig vor dem Kollaps in den offenen Mund, als sei es der rettende Epi-Pen bei einem anaphylaktischen Schock.

Kulinarische Umgewöhnungen

Jaaaah, gut so. Wie ich es eingangs vorausgesagt habe, ein weiterer Schritt zur Unterbrechung der Nachschublinien. Gestern Katjes, heute Toblerone und in weniger als einem Jahr holt sich Yvon Wasser aus dem örtlichen Bach.

An dieser Stelle müssen wir unterscheiden zwischen “kein Toblerone mehr wollen, WEIL es halal ist” und “kein halal Toblerone wollen”. Im ersten Fall empfehle ich dir das gleiche Vorgehen, welches ich bei Pizza Hawaii und so ziemlich jeglichem Output der deutschen Popmusik anwende: Konsumiere es einfach nicht.

Im zweiten Fall wird es etwas schwierig. Ab Werk gibt es schlicht keine Toblerone, die nicht halal ist. Du müsstest also folgerichtig sofort den Konsum derselben einstellen.

Wenn du handwerklich ein wenig Begabung mitbringst, kannst du dein Problem aber durch den einen oder anderen Küchen-Lifehack lösen, ohne auf die Schokolade zu verzichten. Warum die Toblerone nicht vorher einfach mal deftig mit Schweinehack anbraten? Oder für unterwegs einen kleinen Reisetiegel Schweineschmalz mitführen und die Schokolade hineindippen? Danach ist sie definitiv nicht mehr halal.

Dass keiner den merkwürdigen Typen ausgrenzt, der an der Bushaltestelle steht und Toblerone in Schweineschmalz dippt, kann ich dir allerdings nicht versprechen.

Guter Ansatz, Michael. Überlieferte Fälle, in denen Götter auf derlei Fragen geantwortet haben sollen, sind auch derart rar, dass du befürchten müsstest, zu verhungern, bevor du eine Antwort bekommst.

Das Produkt heißt “Toblerone of Switzerland” und genau so steht es auf der Packung. Selbst im BILD-Artikel finden sich fünf (!) Formulierungen, aus denen eindeutig hervorgeht, dass es sich um ein schweizer Produkt einer schweizer Firma handelt, welches in der Schweiz produziert wird, wobei ich den Umstand, dass alle Quellen, auf die verwiesen wird, ebenfalls aus der Schweiz kommen, sogar noch nicht mitgezählt habe. Sorry, aber mit kümmerlichen Geografie-Kenntnissen kannst du dich an dieser Stelle noch nicht einmal rausreden.

Alternative Anwendungsgebiete für Schokolade

Entschuldige die etwas indiskrete Frage, aber mit welchem Ende hast du deine Toblerone bisher konsumiert und mit welchem hast du es in Zukunft vor? Bitte nicht beantworten.

Hey, ich verurteile niemanden. Solange keine Unbeteiligten zu Schaden kommen, kann ja ruhig jeder seine Vorlieben ausleben. Nur eines interessiert mich: Willst du das tun, OBWOHL oder gerade WEIL Toblerone halal ist?

So, zum Abschluss noch eine Portion NWO gefällig?

Man beachte besonders den Paukenschlag von einer Kernaussage im ersten Absatz: Konzerne wollen Geld verdienen. Knüppelharte Aufklärungsarbeit, die Beate hier leistet. Nichts, aber auch gar nichts kann die NWO vor der Beate geheim halten.

Fazit: Der übliche Wahnsinn

Was gibt es hier groß zu resümieren? Im Grunde nichts. Die Kommentarspalte enthält das übliche Potpourri aus Abwehrreaktion, die vermutlich vorwiegend aus der Unkenntnis des ohnehin überschaubaren Artikelinhalts resultieren, sowie Boykottaufrufen, Panikmache und aufgebauschter Sorge vor dem (diesmal aber endgültigen!!11elf!) Untergang des Abendlandes, der christlichen Kultur und überhaupt eigentlich allem Erhaltenswerten.

Positiv aufgefallen ist mir zumindest, dass es durchaus viele Kommentare gab, die völlig zurecht kein Problem im Gegenstand des Artikels sehen und teilweise sogar noch versuchen, die Besorgten aufzuklären, dass sich am Produkt nichts geändert hat. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, aber wenigstens gibt es scheinbar – und das ist umso bemerkenswerter, weil es ein Artikel der BILD ist – mittlerweile ein paar mehr Leute, die sich von solch einer Nachricht nicht zu Panikmache und Hetze verleiten lassen. Und das empfinde ich durchaus als positiv.

Bis demnächst, euer Friedemann Kipp.

Artikelbild: Mark Nazh, shutterstock.com; Screenshot facebook.com

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