Kindeswohl in Corona: Über negative Lockdown-Folgen reden, ohne Schwurbler zu bedienen

| Kommentar | 10. Februar 2021

Wir stellen unsere Artikel und Faktenchecks kostenlos für alle zur Verfügung.
Hilf uns dabei, dass das so bleiben kann.


4.790

Warum auch wir kritisch über die Corona Maßnahmen reden können

Im Grunde wäre es schön, wenn ein solcher Artikel gar nicht verfasst werden müsste – und es war auch nicht leicht diese Zeilen zu schreiben. Denn im Grunde könnte einem vorgeworfen werden, man würde all den Corona-Verharmlosern nach dem Mund reden. Denn wer auf durchaus richtige Probleme, wie Kindeswohl in Corona, aufmerksam macht, aber nicht differenziert, wird schnell von Pandemie-Leugner:innen vereinnahmt. Und erreicht so einen gegenteiligen Effekt.

Faktencheck: Wo Marlene Lufen Recht hat & wieso ihr Querdenker applaudieren

Doch genau darum sollte es nicht gehen: Alle Versuche der Pandemie Einhalt zu gebieten, sind notwendig und richtig. Es mag im Einzelnen vielleicht auch Maßnahmen geben, die letztendlich wirkungslos sind oder waren. 15-km-Regelungen, während Kreuzfahrten erlaubt sind, muten absurd an. Dass aber beim Vorhaben Menschen zu schützen, Fehler gemacht werden, stellt nicht das grundlegende Vorhaben infrage.

Auch dieser Artikel soll das Vorhaben nicht infrage stellen. Doch durch die Pandemie ergibt sich etwas, dass sich Zielkonflikt nennt. Einen solchen haben wir bereits an einer anderen Stelle am Beispiel der Grundrechte behandelt. Allerdings ist dies nicht das einzige Dilemma, das die aktuelle Situation aufmacht. Und, nein es soll nicht um die Wirtschaft gehen, nicht um Freizeit, die wir alle nicht haben. Sondern um soziale Folgen der Pandemie, bei denen wir alle uns überlegen sollten, wie diese abgefedert werden können ohne den Schutz zu vernachlässigen.

Kindeswohl in Zeiten Von Corona

Diskutieren wir das Kindeswohl in Zeiten von Corona, welche Bilder steigen in den Kopf? Die von Anne-Frank-Vergleichen? Dass Masken für Kinder angeblich schädlich seien? Wenn ja, dann wird schon deutlich, wie der Diskurs inzwischen durch solche Instrumentalisierungen vergiftet ist.

Dabei warnen tatsächlich mehrere Akteur:innen vor den Folgen: Dass die soziale Isolation langfristig belasten kann ist nur ein Aspekt, dass das Bildungssystem seinem Auftrag in der aktuellen Lage kaum nachkommen kann ist ein anderer: Bald werden wir nun ein Jahr mit Unterrichtsausfällen, Onlineunterrichtsversuchen und Homeschooling hinter uns haben – und all das hat die Chancenungleichheit in Deutschland noch verschlimmert.

Probleme waren schon immer da, aber wir müssen trotzdem was tun

Denn letztendlich muss so der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule deutlich mehr durch Eltern wahrgenommen werden. Wenn Eltern diesem nicht ausreichend nachkommen können, so hatte die Schule vor Corona zumindest eine Ausgleichsfunktion, auch wenn dieser in der Praxis nicht so nachgekommen werden kann, wie es sein sollte. Aber im worst case ist jetzt ein nicht optimales System weg und Kinder bleiben sich selbst überlassen. Das sind Faktoren, die die Sozialisation betreffen, aber es gibt auch materielle: Noch immer haben 5% der Haushalte in Deutschland keinen Internetanschluss  – und das sind nicht nur Ältere sondern auch Familien, die sich diesen nicht leisten können; oder wo nur ein PC da ist, womit der Onlineunterricht eben noch schwieriger wird, wenn zwei Kinder zur ähnlichen Zeit beschult werden sollen.

Schule ist in Deutschland eine Institution, die vor allem aus der Mittelschicht gedacht ist. Doch dasselbe gilt für die Corona-Maßnahmen: Sie sind auf diese ausgerichtet. Fast alle Unterkünfte wie Hotels usw. müssen schließen, was in gewisser Weise Sinn ergibt. Aber was ist mit Obdachlosen, die im Winter die Wahl zwischen dem Kältetod und dem möglichen Risiko sich in einer Unterkunft anzustecken haben? Was diesen lieber wäre, sollte klar sein. Aber auch ein weiteres Beispiel wäre häusliche Gewalt, die zunimmt und für die aktuell weniger Schutz vorhanden ist.

Probleme anerkennen, aber nicht von Lockerungsideologen vereinnahmen lassen

Kommen wir am Ende zu der Frage, die uns umtreiben sollte: Wie kann unsere Gesellschaft dafür sorgen, dass all die, die schutzbedürftig sind, die von Armut betroffen sind und die in Zeiten der Pandemie in ihrer Existenz bedroht sind, so geschützt werden, dass die aktuelle Lage sich für diese Menschen nicht noch weiter verschlimmert? Die Kampagne ZeroCovid hat einige dieser Punkte bereits aufgegriffen, was auch gut ist. Auch die NoCovid-Kampagne, die sich auf wissenschaftlichen Konsens stützt, würde Lockdowns letztlich verkürzen und eine Erleichterung dieser Probleme mit sich bringen.

Wir sind gegen Lockdowns – deshalb müssen wir den aktuellen verschärfen #RunterAuf10

Doch wir alle müssen uns mit den Fragen befassen. Denn sonst instrumentalisieren wieder jene die Problemlagen, um die Maßnahmen allgemein zu delegitimieren, was eine Diskussion noch komplizierter macht. Weil manche Kindeswohl und andere negative Folgen nutzen, um undifferenziert gegen Maßnahmen zu wettern, heißt das nicht, dass die Probleme nicht angegangen werden müssen. Beim Thema Kinder haben sie es teilweise geschafft. Also nehmen wir ihnen den Wind aus den Segeln und lasst uns selbst wieder diese Themen diskutieren.

Artikelbild: Ekaterina Pokrovsky

Hey, möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Komm in unseren Telegram Kanal und verpasst keine News mehr von uns (Link). Oder besuche unseren Shop und unterstütze uns mit dem Kauf von T-Shirts, Tassen, Taschen und Masken, hier entlang.

Unsere Autor:innen nutzen die Corona-Warn App des RKI: