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Impfgegner-Ärztin Javid-Kistel: Warum darf diese Frau noch praktizieren?

von | Feb 17, 2022 | Aktuelles, Corona, Gastkommentar, Querdenker

Impfgegner-Ärztin: Warum darf diese Frau noch praktizieren?

von Leon Enrique Montero

Die Ärztin Dr. Carola Javid-Kistel spricht im Zusammenhang mit der Corona-Schutzimpfung von einem “Genozid” und ruft zum Sturz der Regierung auf. Das wirft die Frage auf, warum sie noch Patient*innen behandeln darf.

“Lasst euch nicht unterdrücken und nicht unterjochen und nicht versklaven! Lasst euch nicht in die Giftspritzen hineinjagen. (…) Alle Corona-Impfstoffe sind keine Impfstoffe. Es sind biologische Kampfstoffe der 5. Generation!”

Approbierte Ärztin mit wirren Verschwörungsmythen?

Eine Corona-Demonstration in Kassel. Eine Rednerin macht Stimmung gegen die Impfung. Es gehe um “Bevölkerungsreduktion”, Geimpfte hätten nur noch “zwei bis drei Jahre zu leben”. Das Schockierende: Dieser wissenschaftsfeindliche Unsinn kommt nicht von einem medizinischen Laien, sondern von einer approbierten Ärztin (Quelle).

Dr. Carola Javid-Kistel ist keine Unbekannte. Seit fast zwei Jahren tritt sie regelmäßig bei Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen auf, organisiert auch selbst Proteste. In der Verschwörungs-Szene stieg sie zu einer vermeintlichen Expertin auf. Mittlerweile ist sie ins Visier der Staatsanwaltschaft gerückt. Der Vorwurf: Sie soll falsche “Impfunfähigkeitsbescheinigungen” und Atteste gegen die Maskenpflicht ausgestellt haben. Mehrfach wurde ihre Praxis in Duderstadt durchsucht (Quelle, Quelle).

„Missbrauch der Glaubwürdigkeit unseres Berufsstandes“

Für eine Panorama 3 Recherche treffen mein Kollege Jörg Hilbert und ich Dr. Marc Hanefeld. Der Allgemeinmediziner aus Bremervörde engagiert sich gegen Corona-Leugner und Querdenker. An seiner Praxis hängt ein Banner mit der Aufschrift “Impfen schützt”. Wenigstens einmal in der Woche sollen die Corona-Verharmloser eine sinnvolle Botschaft lesen, wenn sie an seiner Praxis vorbeiziehen, so der Mediziner. Er hat wenig Verständnis für Ärzt*innen wie Javid-Kistel: “Das ist ein Missbrauch der Glaubwürdigkeit unseres Berufsstandes. Aus meiner Sicht müssen solche Leute die Approbation verlieren. Ich finde, dass so etwas mit dem ärztlichen Beruf nicht vereinbar ist.”

Für den Entzug der Approbation, der ärztlichen Zulassung, gibt es in Niedersachsen eine eigene Stelle. Wie Javid-Kistel im Interview mit Panorama 3 mitteilt, wurde von dieser Approbationsstelle Ende Januar entschieden, ihre ärztliche Zulassung stillzulegen. Sie habe Widerspruch eingelegt und klagt aktuell dagegen: “Bis dieses Verfahren endgültig entschieden ist, kann ich praktizieren, und die Approbation habe ich noch.” Ihre Privatpraxis hat weiterhin geöffnet. Approbationsbehörde und Ärztekammer wollen sich zum Fall Javid-Kistel nicht äußern. Die Impfgegnerin wittert hinter dem Vorgang eine ganz eigene Verschwörung: “Es geht darum, Ärzte die kritisch sind mundtot zu machen, aus dem Verkehr zu ziehen.”

Dass es dafür möglicherweise Bedarf gibt, zeigt sich auch an den Zahlen der Ärztekammer. In Niedersachsen wird im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gegen 45 Ärzt*innen ermittelt, nur in einem einzigen Fall ruht die Approbation (Quelle).

Wieso dauert der Entzug der Approbation so lange?

Bei meinen Recherchen stoße ich auf eine Rede von Frau Javid-Kistel im Januar 2020. Sie spricht auf einer Impfgegner-Demo in Landsberg am Lech: “Von mir kriegt jeder, der zu mir kommt und irgendeine Vorgeschichte hat in der Familie kriegt diese Impfunfähigkeitsbescheinigung.” (Quelle) Schon im Sommer 2019 trat sie bei einer ähnlichen Demonstration in Berlin auf. Das wirft die Frage auf, warum Approbationsstelle und Ärztekammer so lange untätig waren. Auch Dr. Marc Hanefeld wünscht sich schnellere Konsequenzen: “Ein Approbationsentzug ist ein langes Verfahren. Zurecht, weil man ja auch die Leute, die von dem Verfahren betroffen sind, schützen muss. (…) Aber letztendlich muss für solche ganz eindeutigen Fälle (…) schnell gehandelt werden können. Im Moment sehe ich tatsächlich nicht, dass es dafür die Mechanismen gibt.”

Ende vergangenen Jahres kassierte das Amtsgericht Hannover eines ihrer Atteste: Bei ihrem Patienten Thomas Brauner läge laut Staatsanwaltschaft “nicht der Hauch eines Anhalts einer schwerwiegenden gesundheitlichen Erkrankung vor”, der das Ausstellen eines Attests gegen die Maskenpflicht rechtfertigen würde. Brauner geht gegen das Urteil in die nächste Instanz. Vor Gericht erschien die 55-Jährige als Zeugin ohne Maske und mit “Gib Gates keine Chance”-Button. Zum Bericht:

Querdenker „Busfahrer Brauner“ zu Haftstrafe verurteilt: Gefälschte Maskenatteste

Von Impfungen zum Faschismus

Ging es der Homöopathin aus Duderstadt anfangs “nur” um Impfungen, wähnt sie sich jetzt in einer “faschistoiden Hygiene-Überwachungsdiktatur” und in einer globalen Verschwörung, in der die Medien “Teil des Regimes” seien. Damit steht Javid-Kistels Fall auch beispielhaft für die Entwicklung von Corona-Proteste in Deutschland. Wie der Konflikt um die Approbation ausgeht, wird sich noch zeigen müssen.

Zum Thema:

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Artikelbild: Leon Enrique Montero

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