Es gab gar keine Drohungen: Fake-“Cancel Culture” um Lisa Eckhart

| Schwer verpetzt | 11. August 2020

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Um „Cancel Culture“ zu bekämpfen, erfindet man sie

Ich weiß, mit diesem Text bin ich ein paar Tage zu spät dran. Aber – auch mangels Zeit – habe ich mich um den ganzen Streit um Lisa Eckhart bewusst nicht beteiligt. Denn entgegen der Strohmann-Vorwürfe von Rechts beteiligen wir uns beim Volksverpetzer nicht automatisch an Kritik an Personen, nur weil es gerade „Linkstwitter“ macht, ohne die Fakten zu kennen. Im Zweifelsfall nehme ich mir auch das Recht heraus, zu einem Thema keine Meinung zu haben, unabhängig von Lagerkämpfen. Aber nachdem ich jetzt doch ein wenig nachgelesen hatte, worum es eigentlich ging, hätten so manche, die in den letzten Tagen empört von einer „Cancel Culture“  geschrieben haben, auch diesem Rat folgen sollen.

Die Causa Lisa Eckhart ist wieder einmal eine (rechte) Scheindebatte, die Vorurteile schürt, während sie alleinig auf eben jenen basiert. Eine Debatte, die von gewissen Gruppierungen in eine lange Reihe an Einzelfällen eingereiht wird, um ihre Weltanschauung zu rechtfertigen. Eine lange Reihe an Einzelfällen, deren öffentliche Einordnung jedoch weniger auf Fakten beruht, denn auf eben jener Weltanschauung, die durch selbige bestätigt werden soll. Eine ideologische Tautologie, sie sich selbst erhält, indem sie Belege für ihre Vorurteile selbst erzeugt, indem sie auf ihre Vorurteile herein fällt. Und am Ende verliert ausgerechnet die Meinungsfreiheit, die man vorgeblich schützen wollte.

„Weimarer Verhältnisse“, „Schwarzer Block“, „Gewalt” – alles Fake

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart sollte beim Debütantensalon des Harbour Front Literaturfestivals in Hamburg auftreten. Doch der „Nochtspeicher“, der Veranstaltungsort, teilte dem Veranstalter in einer Email mit, dass „Sach- und Personenschäden“ „wahrscheinlich“ seien, woraufhin sie ausgeladen wurde. Der Veranstalter war (aus seiner Sicht natürlich) zu Recht entsetzt und sprach im Deutschlandfunk von „Drohungen von Gewalt“ (Quelle). Klar, so wurde ihm das dargestellt anscheinend. Und weiter spekulierte er: „Wenn man Hamburg und den Schwarzen Block in Hamburg kennt, von dem diese Drohungen wohl ausgegangen sind, muss man die ernst nehmen“ [Hervorhebung von mir].

Jetzt ist auch schon der „Schwarze Block“ daran schuld! In einem FAZ-Artikel ging es sogar weiter: „Weimarer Verhältnisse“ und „Wir weichen der Gewalt“. Der Tagesspiegel folgert daraus: „Mit aggressiven Methoden sollen politische Widersacher zum Schweigen gebracht werden.“

Das klingt dramatisch. Und ich gebe zu, ich bin auf dieses Narrativ auch hereingefallen: Drohungen gegen eine:n Künstler:in gehen nicht in Ordnung, selbst wenn die Kritik berechtigt ist. Ich plädiere stets dafür, sachlich Kritik zu üben, diese zu belegen und dann für sich sprechen zu lassen. Wir sind ein freies Land, Protest ist in Ordnung und notwendig, aber dass jemand seine (durchaus kritisierenswürdige) Meinung sagen darf, steht fest. Er oder sie darf halt auch dafür kritisiert werden. Wer die Person auslädt oder nicht ist dann ebenfalls deren Freiheit, keine „Cancel Culture“. Androhungen von Gewalt sind hingegen auch zu verurteilen. Aber …

Allerdings war das gar nicht der Fall

Warum Lisa Eckhart kritisiert wird, das ist in diesem Fall fast nebensächlich. Und behandle das ich vielleicht an einer anderen Stelle, denn es würde hier den Rahmen sprengen. Ich fälle hier bewusst kein Urteil, eben auch, weil es für die Pseudo-Debatte von „Cancel Culture“ keine Rolle spielt. Einem ihrer Auftritte im WDR wird vorgeworfen, antisemitische Klischees zu bedienen (Quelle). Ob das noch Satire ist und ob sie diese als Nicht-Jüdin bedienen darf, darüber will ich hier nicht urteilen. Nur so viel sei gesagt:

Der Antisemitismusbeauftrage der Regierung, der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), der Direktor des American Jewish Committee (AJC) Berlin, der Bundesverband RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus), der Sprecher vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) und ein Sprecher der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) kritisieren den Auftritt als antisemitisch. Ich als Laie in Antisemitismus-Fragen würde da sicher nicht leichtfertig widersprechen.

Aufgeblähte Pseudo-Debatte: Es gab keine „Drohungen“

Also hatte ich keine Lust, Leute zu verteidigen, die mit Gewalt drohen oder Lust, ein Urteil über Antisemitismus/Satire zu fällen, in welchem ich mich nicht gefestigt genug sah. Und wurde so selbst Opfer dieses (rechten) Fake-Narrativs, wie so viele andere auch, nehme ich an. Denn: Es gab gar keine Gewaltdrohungen. Es gab keinen „Schwarzer Block“, keine „Linksradikalen“, die das Festival stören wollten, gar mit Gewalt. Klar, es gab genug Leute, die ihre Kritik an Lisa Eckhart wiederholten und direkt oder indirekt die Ausladung verteidigten – und so ungewollt und nur dem Anschein nach jene „Cancel Culture” spielten, die der Rest beklagte.

Aber der ganze Grund, warum wir die Debatte führen, war quasi erfunden – wie „der Nochtspeicher“ zwischen ganz viel Empörung über „Cancel Culture“ selbst zugibt. „Angesichts der Erfahrung mit der MartensteinLesung und nach besorgten Warnungen aus der Nachbarschaft (nicht, wie inzwischen kolportiert, „Drohungen“) waren wir uns sicher, daß die Lesung mit Lisa Eckhart gesprengt werden würde, und zwar möglicherweise unter Gefährdung der Beteiligten“ [sic].

Warte, was? Auf ZAPP-Anfrage bestätigt der „Nochtspeicher“ noch einmal, dass es keine Drohungen etwa des Schwarzen Blocks oder anderer, gab. Moment mal – das heißt, Lisa Eckhart wurde ausgeladen, weil man sich eingebildet hat, es könnte vielleicht eine „Cancel Culture“ geben, die mit (Gewalt-)Drohungen will, dass sie ausgeladen wird? Und anschließend freut man sich, dass es eine „überaus wichtige“ Debatte über die „bedrohlich um sich greifenden[e] „Cancel Culture“ gibt? Wer aber letztlich als einzige den Auftritt von Eckhart verhindert hat, war aber niemand als die Verantwortlichen des Veranstaltungsortes selbst.

Zirkellogik

Ein großer Teil der Öffentlichkeit wird aber dieses Narrativ nicht mitbekommen, insbesondere im rechten und extrem rechten Spektrum. Denn dort feiert man, dass das Gespenst der „linksgrünen Meinungsdiktatur“ bestätigt wurde. Die AfD Hessen ging mit dem Vorfall direkt hausieren – woraufhin Lisa Echkardt jetzt rechtlich gegen die rechtsradikale Partei vorgeht und sich distanziert (Quelle). Gut so. Aber der Schaden ist angerichtet. Unter den Hashtags merken diese Leute dann nicht mehr ihre Heuchelei:

„Umweltsau“ und „Lisa Eckhart“ sind für sie zwei Fälle, die zeigen, wie sehr die „Linken“ und „Grünen“ und der „Öffentlich-Rechtliche Rundfunk“ totalitär ihre Meinung verbreiten und „kritische Stimmen“ mundtot machen. Dass die Causa Lisa Eckhart jetzt nichts mit dem ÖR zu tun hat (im Gegenteil, da ihr Auftritt beim WDR ja unangetastet blieb) und es nicht mal Drohungen gab, sondern sie nur von Leuten ausgeladen wurde, die sich eben selbst über jene „Cancel Culture“ beklagen, und dass „Umweltsau“ ja ein Fall war, bei dem dagegen wegen einer rechten Cancel Culture, echten Drohungen von rechts, eine harmlose Satire zensiert wurde, begreifen sie nicht.

Köln: Wer gegen „Umweltsau“ protestiert, hat das Video nicht verstanden

Dass eine (gelungen oder nicht) Satire der taz zu (Mord-)Drohungen, gar einer angekündigten Anzeige des Innenministers führt (mehr dazu), das ist keine „Cancel Culture“? Aber dass „Cancel Culture“-Gegner:innen im vorauseilendem Gehorsam Leute ausladen, nur um sich dann darüber zu beklagen, dass sie sie ausladen mussten, das sind „Weimarer Verhältnisse“? Die Kabarettistin wurde wieder eingeladen – jetzt will sie verständlicherweise nicht mehr (Quelle).

Fake-Debatte, die der Meinungsfreiheit schadet

Der Schaden ist angerichtet. Denn ironischerweise hilft es der Meinungsfreiheit nicht, wenn man ein fiktives, linkes Feindbild konstruiert, das die Meinungsfreiheitangeblich bedrohe. Denn es stärkt die Stimmen rechtsaußen, die seit Jahren mit Fakes, Lügen, Verdrehungen und gezielt manipulierten öffentlichen Debatten genau dieses Weltbild aufbauen wollen, um von ihrer eigenen Cancel Culture abzulenken. (Ich finde, es gibt überhaupt keine „Cancel Culture“, Forderungen nach „Canceln“ gab es schon immer, meistens sogar aus religiösen/konservativen Gründen, das muss man im Einzelfall eben beurteilen.) Shitstorms und Morddrohungen gegen jede kritische Stimme (besonders Frauen und PoC), gezielte, koordinierte Kampagnen gegen den ÖR, Ablenkungen von Debatten, indem man mit falschen und überzogenen Vorwürfen Personen aus der Öffentlichkeit mobben will? Das kenne ich von woanders:

Pseudo-„PanoramaGate“: Lügen, Ablenkungen & rechtsextreme Gewaltdrohungen

Und auf der „anderen“ Seite: Im Fall Lisa Eckhart nichts. Und nicht nur hier: Vor einem Jahr sollte eine Veranstaltung mit der AfD in Bremen wegen Morddrohungen angeblich abgesagt worden sein: Doch sie wurde nicht abgesagt, es gab sie nie. Und (Mord-)Drohungen gab es auch keine (mehr dazu). Empört schreiben die Zeitungen das gleiche wie jetzt auch. Dieses Schema der Fake-Absagen wiederholt sich ständig. Nichts ist dran, aber genug Leute erfahren nie, dass sie verarscht wurden. Ohne die Absage jetzt hätte niemand hätte was gesagt, wahrscheinlich wäre nichts passiert.

Aber jetzt haben die wahren Feind:innen der Meinungsfreiheit, die gezielt und mit Ansage darum kämpfen, mit allen Mitteln eine Meinungshoheit zu erlangen, ein Werkzeug, um einen demokratischen Teil der Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass diese „Linken“ mindestens genau so schlimm sind, wenn nicht schlimmer. Dass man im Zweifel lieber mit Faschist:innen gemeinsam anti-linke Narrative bedienen soll (und möglicherweise Antisemitismus verteidigen), als mit anderen Demokrat:innen gemeinsam – gerne auch im freundlichen Wettstreit – die klare Kante nach Rechts aufrecht erhält.

Rechte Cancel Culture?

Das ist doch nichts Neues. Aber wieder fällt die Öffentlichkeit darauf herein. Und deshalb habe ich dann doch, verspätet, diesen Artikel schreiben müssen. In der Hoffnung, dass zumindest ein Teil der Öffentlichkeit erfährt, wie sie einer Ente auferlegen ist. In der Hoffnung, dass es zeigt, wenn es eine „Cancel Culture“ gibt, sie eher aus einer anderen Richtung kommt. Nämlich aus der, die mit diesem Begriff um sich wirft und jede Kritik an sich als Angriff auf die Meinungsäußerungsfreiheit umdeutet. Kritik, in den meisten Fällen, an ihren eigenen Angriffen auf die Meinungsäußerungsfreiheit.

Artikelbild: Screehshots WDR

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