Ziemiak: Was die meisten Greta-Kritiker nicht verstanden haben

Kolumne Schwer verpetzt

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Greta ist keine politikerin

Vergessen wir fürs Erste einmal, das viel Hass und Kritik für die Klimaaktivistin Greta Thunberg von rechtsextremen Trollen kommt. Zusammen mit Aktivisten von #ichbinhier haben wir herausgefunden, dass bis zu 50% der Topkommentare, die gegen sie hetzen, von nicht authentischen Accounts stammt (Mehr dazu). Die Online-Faschisten machen genau da weiter, wo sie bei Gewaltfantasien gegen Merkel (Hier) oder Schutzsuchenden (Hier) aufgehört haben: Unmenschliche und widerliche Hetze. Jetzt gegen eine 16-Jährige.

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Ok, rechte Hetzer hetzen. Das Problem sind aber die konservativen PolitikerInnen und Medienschaffenden, die die gleichen Argumente bringen, jedoch mit weniger offensichtlicher Menschenverachtung. Indirekt und vielleicht durchaus unbeabsichtigt schlagen sie in die gleichen Kerben und geben den Hetzern dadurch Recht. Dabei machen sie die gleichen Fehler.



Die vielen Kritikpunkte

Ich möchte hier an dieser Stelle auf die üblichen Kritikpunkte eingehen, die gegen Greta ins Feld geführt werden. Sei noch „zu jung“ und oft damit zusammenhängend, sie sei „zu radikal“. Es wird kritisiert, dass sie von „den Grünen/Linken“ zur Ikone stilisiert wird, was entweder wegen ihres Alters oder wegen ihrer Asperger-Diagnose ein Problem sein soll. Aber das alles geht völlig am Thema vorbei.

Ich weiß, Rechte und Konservative halten Umweltaktivismus für „ideologisch“. Und vielleicht ist etwas dran, dass sich „die linke Weltsicht“ über moralische Überlegenheit definiert. (Im Gegensatz zur „rechten Weltsicht“, die über Paranoia und Gruppenzwang funktioniert) Aber zum einen würde ich behaupten, dass das erstmal nichts Schlechtes ist. Und zum anderen ist an der Dramatik der Klimakrise nichts ideologisch, wenn buchstäblich jede Studie und jeder Experte auf dem Gebiet drastische Maßnahmen fordert.

Wo Ziemiak daneben liegt

Mein Kollege hat gestern Ziemiaks viel kritisierten Tweet in Schutz genommen (Hier). Und während Versorgungssicherheit, Arbeitsplätze, Bezahlbarkeit und so weiter natürlich richtige Fragen sind, die gestellt werden müssen: Warum belästigt Ziemiak Greta damit? Greta hat kritisiert, dass der Kohleausstieg 2038 für das Klima einfach nicht früh genug ist. Und das ist halt so, das ist FAKT (Mehr dazu).

Deutschlands Klimaziel für 2020 wird Berechnungen zufolge wohl erst 2025 erreicht. Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens wird nicht erreicht. Das reicht halt einfach nicht. Ja, ich weiß. Politik sieht anders aus. Es gibt diese ganze Faktoren, die man berücksichtigen muss. Politik ist immer ein Kompromiss zwischen verschiedenen Interessen.

Aber entweder wir begrenzen die dramatischen Folgen des Klimawandels oder nicht. Es gibt Dinge, wo man kein Kompromiss machen kann. Für die „Gegenseite“ mag der Unwillen, Kompromisse einzugehen als „ideologisch“ betrachtet werden, aber was bringt uns vermeintliche „Realpolitik“, wenn wir einen nicht aufhaltbaren Treibhauseffekt lostreten, der unsere gesamte Zivilisation bedroht?

Argumentum ad gretanem

Nochmal: Greta ist keine Politikerin, sie ist eine Aktivistin. Von ihrem zwei Sätze langen Statement zu verlangen, dass es die gesamte Dimension der Problematik umfasst, ist Unsinn. Und ich weiß, dass genau das auch kritisiert wird. Dass ihre Aussagen verkürzt sind. Aber es ist ja nicht so, als hätte uns die Gefahr der Klimakrise jetzt plötzlich überrascht. Die Lethargie und Leugnung des Ausmaßes des Problems eben aus genau den Kreisen, die sich jetzt als vernünftig aufspielen, während sie politisch punkten wollen, indem sie herablassend eine 16-Jährige auf Twitter behandeln hat uns doch erst in diese Lage gebracht.

Ich weiß, ohne die Kohlekonzerne durch Milliardenentschädigungen regelrecht zu bestechen kann man die Widerstände nicht überwinden. Zumindest nicht mit den PolitikerInnen, die Millionen Spenden aus der Wirtschaft erhalten. Doch dass die Energiekonzerne (wie auch die Autokonzerne) seit Jahren wegweisende Änderungen verschlafen haben, ist deren Schuld. Und ich weiß auch, wenn wir den Konzernen jetzt sagen: Pech gehabt, ihr habt jahrelang durch Nichtstun kassiert, jetzt zahlt ihr den Preis, dann wälzen sie diese Kosten auf die ArbeitnehmerInnen ab. Sofern man als Staat nicht noch stärker eingreift.

„Arbeitsplätze“ = „Konzerninteressen“

Ich weiß wie das funktioniert. Aber wenn sich ein CDU-Politiker „schützend“ vor die ArbeitnehmerInnen stellt, dann stellt er sich eigentlich schützend vor die Konzerninteressen, die diese Arbeitsplätze erst mutwillig in Gefahr gebracht haben und sie dann als Geisel halten. Natürlich muss der Kohleausstieg ein fauler Kompromiss sein, weil zuvor lauter faule Kompromisse vorangingen. Aber eine Klimaaktivistin dafür anzufahren, weil sie das anspricht, hilft auch keinem weiter.

Für die meisten ist es einfacher, Kritik von Greta an ihrem Alter, ihrer Diagnose oder ihrem Geschlecht für ungültig zu erklären. Und ja, Greta wird von „den Grünen“ als Symbol genutzt, das wird auch oft genug kritisiert. Dann akzeptiert auch, dass sie nur ein Symbol ist. Ein Symbol, eine Stimme für die nächste Generation, die zusehen soll, wie wir viel zu wenig für ihre Zukunft machen. Natürlich ist die Stimme der nächsten Generation noch jung. Sonst wäre sie keine Stimme der nächsten Generation.

Greta-Kritik ist irrelevant

Vielleicht hätte ich Greta nicht zum Gesicht der Klimabewegung erkoren, aber jetzt ist sie es nun mal. Und das von ganz allein. Die Medien haben sie erst dazu gemacht? Ja, natürlich, weil ohne die Medien niemand prominent wird, duh. Vielleicht ist sie aber genau das Symbol, das wir brauchen. Eine Schülerin, die nicht lethargisch von Netflix und der Konsum-Kultur abgespeist wird und buchstäblich auf die Straße geht für ihre Zukunft.

Das könnte man zur Abwechslung auch als Konservativer applaudieren. Natürlich birgt Prominenz in jungen Jahren immer Risiken. Aber das gleiche gilt auch für irgendwelche Popsternchen oder Youtube-Stars. Das hat nichts mit der Klimakrise zu tun. Aber das ist egal, solange sie nicht wirksam gegen Konzerninteressen sprechen, oder? Sich herablassend an einer Schülerin abzuarbeiten, die halt auch Recht hat, sagt mehr über Ziemiak aus, als über Greta.

Die Energiewende muss weh tun

Und das hat nichts damit zu tun, dass die Politik hinter dem Kohleausstieg komplexer ist, als Greta das erscheinen lässt. Ist sie, aber in anderer Hinsicht auch wieder nicht. Und das verstehen ihre KritikerInnen eben nicht. Greta ist das Symbol für die nächste Generation, die man um ihre Zukunft beraubt. Ihre Ansätze sind radikal, weil es nun mal radikale Ansätze braucht. Zu glauben, die Klimakrise meistern könne man, ohne dass es unangenehm wird, ist die wirklich naive Position. Und verdient Aufforderungen, doch vielleicht lieber wieder zur Schule zu gehen.

Ziemiaks Tweet ist unangebracht gönnerhaft und herablassend. Er kommt rüber, wie jemand, der einem Kind den Lolli wegnimmt und das damit begründet, dass darin zu viel Zucker drin sein. Garnieren tut er das mit konservativen Buzzwörtern, die „Ich habe Recht“ signalisieren sollen. Dabei hat er die Kritik Gretas und ihre Funktion im Diskurs überhaupt nicht verstanden.

Artikelbild: Paul Ziemiak: Olaf Kosinsky (wikiberatung.de) Lizenz: CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons,Greta Thunberg: Jan AinaliCC BY-SA 4.0

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