Künstliche Debatte: Wie BILD die Kontroverse um Merz komplett inszeniert hat

| Schwer verpetzt | 22. September 2020

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Kontroverse auf Knopfdruck

Als “Merz” plötzlich in den Twitter-Trends auf Platz 1 landete, hatte ich bereits ein ungutes Gefühl. Konkret ging es um zwei viel kritisierte Aussagen, einmal um eine herablassende über Arbeit nach Corona, zum anderen um eine, die Homosexualität mit Pädophilie in Verbindung brachte. Um die konkreten Aussagen, ihren Inhalt und die Kritik daran soll es hier aber weniger gehen. Dass man die Aussagen kritisch sehen kann, stand für mich außer Frage. Die wichtigere Frage für mich war jedoch, ob sich eine Analyse oder überhaupt eine Reaktion überhaupt lohnt.

Bei jeder Debatte muss man den Streisand-Effekt mit einberechnen. Als Anti-Fake-News-Blog müssen wir das besonders berücksichtigen, um nicht den Lügen (und wichtiger dem Framing) mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, als sie ohnehin bekommen hätten. Dass sich diejenigen über die Aussagen von Merz empörten, die ihn ohnehin stets kritisieren und diejenigen ihn in Schutz nahmen und seine Aussagen wohlwollend interpretieren wollen, die das auch ohnehin machen, war für mich ein Indiz, dass das eine relativ ziellose Debatte war. Niemand lernt was Neues, die Kritik bleibt wirkungslos, die “Fronten” bleiben alle die gleichen. Eine differenzierte Analyse wäre auch nur eine weitere im Hamsterrad des Online-News-Zyklus.

Bis mich unser Autor Stephan Anpalagan auf eine höchst interessante Beobachtung hingewiesen hatte.

An jeder Stelle hatte BILD ihre Finger im Spiel

In einem Twitter-Thread machte Stephan Anpalagan eine exzellente Beobachtung mit einer hervorragenden Recherche. Er stellte fest, dass wirklich jeder Schritt in dieser Kontroverse um Merz von dem Kampagnen-Blatt BILD angestoßen wurde. Ich empfehle hier die ganze Lektüre:

Ich gebe hier aber mal kurz die Beobachtungen von Stephan wieder: Dass die BILD den Ex-Blackrock-Aufsichtsrat Merz unterstützt und positiv pusht, ist ja kein Geheimnis (Quelle). Doch für Merz (und auch BILD übrigens) läuft es medial in den letzten Monaten nicht gut. In der CDU-Vorsitz/Kanzlerinnenkandidat-Frage ist er weit abgeschlagen (Quelle), medial findet er kaum statt. Doch dann kam „Die richtigen Fragen“ auf „BILD TV“ mit Friedrich Merz (Quelle). Und genau dort, bei BILD, lieferte Merz gleich zwei „kontroverse” Aussagen. 

Aber hier war die Inszenierung natürlich noch nicht zu Ende, sonst wäre das alles nicht der Rede wert. Denn der erste, der sich über die Pädophilie-Verbindung empörte und auf die Kontroverse aufmerksam machte, ist selbst Journalist bei BILD.

Und der stellvertretende Chefredakteur der BILD retweetete die Empörung des Kollegen und schnitt die „entscheidende Passage im Video“ heraus.

Und wie Stephan Anpalagan weiter feststellt: Die Frage an Jens Spahn, der eine viral gegangene Antwort auf Merz’ Aussagen brachte, wurde ebenfalls von einem BILD-Reporter gestellt:

Dann hagelte es natürlich Kritik an Merz. Kritisiert wurde er unter anderem von Lars Klingbeil – im Gespräch mit BILD. Die Verteidigung beziehungsweise Relativierung von Merz selbst wiederum fand im Gespräch mit der WELT statt, dem Schwesterblatt der BILD (Quelle). Geführt wurde das unkritische Interview von WELT-Chef Ulf Poschardt, der (wie schon bei “DonAlphonso”) automatisch “seinen” Leuten beispringt und eine Opferrolle inszeniert.

Und zu guter Letzt teilt der Pressesprecher von Merz wieder das WELT-Interview und wird von einem BILD-Reporter retweetet, der ihm wiederum widerspricht.

Man stellt fest: Hier spricht BILD/der Springer-Verlag eigentlich komplett mit sich selbst.

Streisand-Effekt

Ich will gar nicht groß auf den Inhalt der Aussagen eingehen, denn als die Kontroverse viral ging, haben genug Leute das ausreichend und besser getan, als ich es könnte. Und ja, es ist auch wichtig, zu erklären, warum diese Verknüpfung problematisch ist. Kevin Kühnert hat das bereits gemacht:

Die Sache ist aber eben auch die, dass man die Aussagen von Merz dekontextualisieren kann (was ja auch in der Kritik passiert), neu framen, und dann, wenn man möchte, wohlwollend (oder naiv, je nachdem) die Aussage als “missverständlich” verteidigen kann. Ich persönlich finde nicht, dass man die Aussagen von Merz als “nur missverständlich” abtun sollte, denn eine homophobe Verknüpfung wäre auch versehentlich schädlich und ist bei der CDU ja auch kein Einzelfall, wie Kühnert ja auch aufgezählt hat (oder Stephan, mehr dazu).

Dennoch: Was für diejenigen, die Merz verteidigen wollen, bleibt, ist genau das: Es war ja nur “missverständlich”. Und, wenn wir mal die Perspektive wechseln, kommt hinzu: In der rechtsliberalen (und rechtsautoritären) Blase kann weiter der Strohmann der “politisch korrekten” “Linksgrünen” gebaut werden, gegen welche man sich verteidigen muss. In diesem Kontext wird Merz als “ihr” Fürstreiter inszeniert, der unfair angegriffen wird und dessen Aussagen absichtlich falsch interpretiert werden würden. Wer Homophobie schlecht findet, kann sich damit verteidigen. Wer sie gut findet, kann die sicherlich bewusste Doppeldeutigkeit jedoch “gerne” auch so interpretieren.

Merz kann nur davon profitieren

Wie eingangs gesagt: Die meisten, die Merz (durchaus zu Recht, wie ich finde) kritisieren, sind ja ohnehin nicht diejenigen, die Merz als seine Unterstützer:innen gewinnen will oder jemals könnte. Genau wie die AfD schamlos lügen und hetzen kann, einfach weil sie damit das liefert, was ihr Wählerklientel will und jede Verurteilung und jede Entlarvung ihrer Lügen nichts daran ändern, so muss Merz nur bei denjenigen punkten, die er auch gewinnen will. Und die ganze Kontroverse dürfte ihm nur bei denjenigen schaden, die er ohnehin nicht erreichen will. Umgekehrt bietet die Doppeldeutigkeit “seiner” Zielgruppe, sich herauszupicken, was ihr besser gefällt.

Und solange er medial stattfindet, kann er nur davon profitieren. Nichts ist schlimmer, als nicht beachtet zu werden. Gehasst oder kritisiert werden ist unvermeidlich, man darf nur nicht bei denjenigen unten durch sein, die man bedienen will. So läuft Politik. Und man kann es ohnehin nie allen Recht machen. Von daher dürfte ihm die Kontroverse auch nicht schaden. Und nach einer medialen Dürreperiode ist derartige Aufmerksamkeit nur nützlich, aus seiner Perspektive. Und dass das nicht zufällig passiert ist, sieht man daran, wer das alles angestachelt hat. Die BILD dürfte davon auch gehörig profitieren – mit Klicks, Auflage und jede Menge Zitierungen. Win-Win.

Fazit

Ich argumentiere hier nicht dafür, derartige Aussagen unwidersprochen zu lassen. Dass es nicht wenige als homophob verstehen und es gut heißen, dürfte uns zeigen, dass Merz hier kein unschuldiges Opfer ist, sondern bewusst oder auch nicht diese Assoziation genutzt hat. Und das muss angesprochen und eingeordnet werden. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass man auch bedenken muss, nicht auf jede Debatte in Social Media anzuspringen, nur weil “sein” Team (zu Recht) eine Aussage kritisiert. Wir dürfen nicht zu sehr in “Lagern” denken (oder uns dessen zumindest bewusst sein, dass es viele tun), denn wir dürfen nicht vergessen, dass viele sich bewusst sind, wie Empörung, Hashtags und die Effekte solcher Kontroversen funktionieren und diese auch bewusst nutzen.

Wer “Opfer” eines Shitstorms wird, ist nicht automatisch der Schwächere. Es bietet immer eine Möglichkeit, sich dadurch zu profilieren und zu inszenieren. So funktioniert Trump und die AfD. Und wer den “politisch korrekten Linksgrünen” spielt, den die “Gegenseite” haben möchte, mag zwar durchaus in seiner oder ihrer Kritik recht haben. Aber wie man auch schon oft gesehen hat: Damit belohnt man letztlich auch solches Verhalten. Natürlich mache ich das mit diesem Artikel auch leider, klar. Aber ich muss ja irgendwie darüber reden. Wir müssen uns letztlich stets fragen, ob man manche Aussagen nicht besser mit Nichtbeachtung bestraft.

Artikelbild: Peter Steffen/dpa

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