Die Zerstörung vom „Es ist alles so unsicher geworden“-Mythos

Kolumne Schwer verpetzt

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Von welchem deutschland sprecht ihr eigentlich?

Viele Menschen glauben inzwischen, dass Deutschland viel unsicherer geworden sei. Dass jeden Tag irgendwo etwas Schlimmes passiert. Doch es ist schon immer jeden Tag etwas Schlimmes passiert. Nur hatten wir damals kein Facebook. Und keine AfD. Lutz Jäkel hatte dazu ein paar interessante Gedanken, die ich hier aufgreifen möchte.

Was ist das eigentlich immer für ein Gejammere, man wolle "das alte, friedliche Deutschland" zurückhaben, diese "einst…

Gepostet von Lutz Jäkel am Mittwoch, 31. Juli 2019

Also vielleicht das Deutschland aus den 1950er Jahren, als Frauen vor allem noch hinter dem Herd standen, sich um die Kinder kümmerten und per Gesetz ihren Mann fragen mussten, wenn sie eine Arbeitsstelle annehmen wollten und in der Homosexualität noch unter Strafe stand? Hoffentlich nicht.

Also dann das aus den, sagen wir, 1980ern? Also die Zeit, als es noch kein Internet gab, keine Smartphones, mithin kein Facebook, also keine digitalen, sondern nur analogen Stammtische mit sehr begrenzter Reichweite, keine digitalen, sondern nur analoge Parallel- und Empörungswelten, keine ständigen Nachrichten-Pushmeldungen, sondern nur zwei TV-Sender mit zwei Mal am Tag Nachrichten, in der ARD, im ZDF?

(Private Sender kamen damals erst langsam an den Start.) Und dann gab es noch Zeitungen, lagen morgens im Briefkasten oder am Kiosk. Und für die nächsten neuen Nachrichten in der Zeitung musste man bis zum nächsten Tag warten. Ja, so war das damals in den 1980ern. Ich kenne diese Zeiten noch, bin Jahrgang 1970.

Will sagen: Natürlich war „das alte Deutschland“ nicht friedlicher oder weniger kriminell. Man wusste es nur nicht so genau, jedenfalls nicht in dem Maße wie heute. Oder warum gibt es seit 1967 die Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“?



Mord und totschlag

Durch Social Media bekommen wir jetzt jede Meldung per Push-Nachricht aufs Handy. Und auch abseits der „Lügenpresse“ kann jeder seine eigenen „News-Meldungen“ produzieren. Und mit WordPress und Facebook überprüft nicht einmal jemand, ob das, was man schreibt, überhaupt stimmt. Was macht das mit unserer Wahrnehmung? Kommen wir zurück zu der Wiedervereinigung. 1993 gab es 5140 Tötungsdelikte (Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen, auch Versuche). 2018 waren es 3094. Auf 100.000 Einwohner gab es 1993 6,35 Delikte, 2018 waren es 3,76. (Quelle)

Mord, inklusive Totschlag, via kriminalpolizei.de
Will man das wirklich zurückhaben? Wenn man nur Mord und Totschlag hinzunimmt kann man sich diese Grafik der Gewerkschaft der Polizei ansehen, die die Fälle bis 2015 aufgelistet hat. Sie schreibt auf ihrer Website:

„Mit der Wiedervereinigung springt die Kriminalität nach oben. Von 743 Mordfällen im Jahr 1990 verdoppelt sich die Fallzahl auf 1468 Fälle in 1993. Durch die zusätzlichen DDR-Bürger nimmt die Bevölkerung um 17074200 Personen um 27% zu (…) Gleichzeitig ist der Anstieg bei den Mordfällen 98% (…)

Die fünf neuen Bundesländer und Berlin verursachen 1993 36% aller vollendeten Morde und Totschläge, stellen aber nur 22% der Bevölkerung (…) Dass ausgerechnet die Ostdeutschen, die die Mordkriminalität nach der Wiedervereinigung wie man am Graphen erkennen kann regelrecht nach oben katapultiert haben, jetzt die Flüchtlinge von 2015 thematisieren, ist angesichts der eigenen Historie unangebracht.“

Der Proportionale Anstieg von Morden 1993 vs 2015

Aber die Flüchtlinge!

Jeder einzelne Mord und jede Tat sind schrecklich und unverzeihlich, keine Frage. Aber „früher“ war es nicht sicherer als heute. Die Kriminalität insgesamt ist 2018 zum zweiten Mal in Folge auf den niedrigsten Stand seit 1993 gefallen. Auch Mord und Totschlag sind im zweiten Jahr in Folge weniger geworden. In den Jahren 2000 bis 2007 1893 gab es jedes Jahr mehr Opfer als 2018. War 2007 etwa alles besser?

Natürlich wird dieses Unsicherheitsempfinden dazu instrumentalisiert (und erst erschaffen), um gegen Schutzsuchende zu hetzen. Die Logik der AfD ist so simpel wie rassistisch: Früher keine Flüchtlinge = sicher. Heute Flüchtlinge = unsicher. Doch das mit dem „Früher“ und dem „unsicher“ hätten wir glaube ich schon geklärt. Viele weisen daraufhin, dass der Anteil der „Zuwanderer“ an den Straftaten größer geworden ist und glauben, damit etwas bewiesen zu haben.

Aber zum einen ist es einem Mordopfer, glaube ich, ziemlich egal, welchen Pass sein Mörder hat. Jeder Tote weniger ist gut. Oder ist das Sterben durch ein deutsches Messer viel angenehmer? Zum anderen: Natürlich ist der Anteil größer. Es sind ja auch in den letzten Jahren viel mehr geworden. Mehr zum Thema, wer wirklich anfälliger für Straftaten ist, haben wir hier einmal erklärt.

 

via Mediendienst Integration

Und eine Ergänzung zum Anstieg von Mord und Totschlag in den Jahren 2016 und 2017 haben wir hier auch mal erklärt. Der geht zum größten Teil nämlich auf das Konto von zwei weißen, deutschen Massenmördern:

Starker Anstieg der Morde 2016: Fallt nicht auf diese AfD-Propaganda rein!

Früher war nicht alles besser

Früher war nicht alles besser, im Gegenteil. Das friedliche Deutschland, das es früher gegeben haben soll, ist eine Fantasie. Eine Fantasie, die von der AfD dafür genutzt und befeuert wird, um Angst zu machen vor einer bestimmten Gruppe. Das sind nicht Asylbewerber, sondern Menschen mit anderer Hautfarbe. Es geht nicht um Aufenthaltsstatus, es geht nicht um Staatsbürgerschaft:

Die Mitglieder der AfDsind Rassisten und sie möchten dir nicht nur einreden, dass „früher“ alles sicherer war, sondern auch noch dass „Dunkelhäutige“ daran Schuld seien, dass es heute angeblich nicht mehr so sicher ist. Dabei erfindet sie oft genug Straftaten oder behauptet einfach, den Schuldigen zu kennen. Wichtig ist: Wer sich bei der AfD „informiert“ bekommt nur die Straftaten zu Gesicht, die zu ihrer Propaganda passen. Das wurde nachgezählt:

Links: Realität, Rechts: AfD-Auswahl Mehr dazu, PKS = Polizeiliche Kriminalstatistik

Wenn Menschen gewaltsam sterben ist das immer eine Tragödie. Aber lasst eure Trauer nicht dazu manipulieren, dass ihr glaubt, „früher“ wäre alles besser gewesen. Oder dass bestimmte Menschen dafür verantwortlich wären, dass es jetzt nicht mehr so sei. Denn wenn wieder unverhohlen Neonazis auf den Straßen marschieren und Menschen ermorden, dann erst wird es wirklich wieder unsicher. Denn früher, vor 1945, war es so unsicher wie niemals zuvor in Deutschland. Und daran waren nicht Flüchtlinge Schuld.

Zum Weiterlesen:

Abrechnung mit „Aber Nichtdeutsche sind überdurchschnittlich kriminell!“

Inspiriert von Lutz Jäkel, danke! Artikelbild: ArizonaTroe, shutterstock.com

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