Rechter Twitter-Klon „Gettr“ wackelt – dabei erhoffte man sich den Durchbruch

| Social Media | 1. Februar 2022

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Rechtes Social Media Netzwerk „Gettr“

von Isabel Knippel

Wer Ex-Trump-Wahlkampfstrategen Jason Miller sprechen hört, merkt schnell: Er ist kein Freund der kleinen Worte. „Ich bin der CEO von Gettr. Wir sind die am schnellsten wachsende Social Media Plattform in der Geschichte. (…) Wir unternehmen die größten Anstrengungen, damit alle Patrioten zusammenkommen und um sich für Freiheit und Meinungsfreiheit einzusetzen“, sagte der US-Amerikaner stolz in einem Mitte Dezember auf Gettr hochgeladenen Video.

Zu diesem Zeitpunkt war der Account, unter dem der Beitrag veröffentlicht wurde, gerade gegründet, und zwar mit einem klaren Ziel: Gettr in Deutschland bekannter zu machen. Die Plattform behauptet von sich, 63 Prozent der Nutzer:innen kämen von außerhalb der USA. Mit ihrem Launch im Juli 2021 erklärten sie der wie auch immer gearteten „Wokism-Bewegung“ und einer diffusen „Cancel-Culture-Ideologie“ den Krieg, denn die würden in ihrer Vorstellung zu „Kommunismus“, Autoritarismus und Chinas Weltherrschaft führen. Sich selbst und seinesgleichen porträtierte Miller als Leute der Mitte, die sich nur gegen den „Totalitarismus“ zu wehren versuchen. Urheber allen Übels seien Big Tech und die „meinungsgeleiteten Factchecker“.

So weit, so verdrehte, rechtsextreme Weltanschauung. Was es mit dem angeblichen enormen Wachstum auf sich hat, wie Gettr mit dubiosen Mitteln versucht, rechtsextreme Meinungsmacher:innen auch in Deutschland zu fördern, wer sich wirklich hinter der Plattform verbirgt und warum das Ganze jetzt schon zu wackeln beginnt – das hat Volksverpetzer für euch zusammengefasst.

Begeisterung in der rechten Szene beruht – Überraschung – auf falschen Tatsachen

Fünf Millionen Nutzer:innen habe Gettr, seit das Netzwerk mit der roten Fackel im Namen im Juli 2021 das Licht erblickte. Fünf Millionen in sechs Monaten – und das soll eines der am schnellsten wachsenden sozialen Netzwerke der Geschichte sein? Weit gefehlt. Zum Vergleich: Zwar konnte Twitter innerhalb des ersten Jahres nur fünfhundert-tausend Nutzer:innen unter sich vereinen. Ein Jahr später waren es jedoch schon 58 Millionen (Quelle)! Wie Recherchen von Watson außerdem bestätigten, gibt es zudem eine hohe Anzahl von Fake Accounts auf Gettr.

Und auch mit den Followerzahlen trickste Gettr, um den Anschein zu erwecken, die Zahl der User:innen sei bereits viel höher. Besonders verärgert davon war übrigens ein Mann aus den eigenen Reihen: Der coronaverharmlosende Podcaster Joe Rogan regte sich gegenüber dem Nachrichtenportal Mother Jones darüber auf, wie hinterhältig („fugazi“) Gettr doch sei, und dass er die Plattform nicht weiter benutzen wolle. Rogan hat 7,8 Millionen Follower auf Twitter, Gettr zeigte ihm jedoch neun Millionen Follower an. Der Grund dafür: Gettr kombinierte bisher die Followeranzahlen von Twitter und Gettr, zeigte aber nur eine an. Wohl um zu suggerieren, dass die Plattform schon viel mehr Mitglieder habe.

In der deutschen rechten Szene ist man trotzdem begeistert von der Plattform. Das fällt schon an den Kommentaren im Google Play Store auf, die überschlagen sich förmlich vor Lob, man könne sich „hier (..) endlich mal zensurfrei austauschen“, „im Zeitalter der beschnittenen Meinungsfreiheit“. Manche liegen jedoch auch hier falschen Annahmen zugrunde. Ein paar Screenshots aus dem App Store:

Eine Nutzerin schreibt beispielsweise: „Freut mich, dass das widerrechtliche Zensurgesetz von Maas hier keine Befugnis hat.“ [sic] Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, dass Beleidigungen, Diffamierungen und Drohungen im virtuellen Raum untersagt, hat jedoch auch auf Gettr seine Gültigkeit. Holocaustverleugner und Reichsbürger Nick Fuentes beispielsweise wurde schon bald wegen eines Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen dauerhaft gesperrt (Quelle).

Erst Aluhut, dann Freiheitskämpfer

Rechte Desinformationsverbreiter:innen wie Reitschuster & Co. scheinen die Plattform vor allem zu feiern, weil diese Werbung für sie macht. So kürten die „Gettie Awards“, eine Preisverleihung aus dem Hause Gettr, den bereits mit dem „Goldenen Aluhut“ prämierten Blog von Boris Reitschuster mit dem deutlich weniger passenden Titel „Freedom Fighter of the Year.“ Reitschuster seinerseits, der es ja häufiger mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, sprach von einem „Boom“ von Gettr in Deutschland (Quelle). Bereits 250.000 Deutsche seien auf der Plattform angemeldet. Darunter ist auch Hans-Georg Maaßen, seinerzeit bekannt als Ex-Verfassungsschutz-Chef und Rechtsaußen CDUler (mehr dazu).

Der große Reitschuster-Faktencheck: Warum der Blog reitschuster.de keine seriöse Seite ist

Ob Reichsbürger, Querdenker, „Lebensschützer“ oder rechtsextreme Identitäre – wer sie nur als „konservativ“ oder „Mitte rechts“ bezeichnet, verkennt, wie gefährlich diese Netzwerke sein können. Sie werden von Menschen geschaffen, die unter anderem vom Verfassungsschutz beobachtet werden (Quelle), faktenbasierter Argumentation abgeschworen haben und vor menschenfeindlicher Hetze nicht zurückschrecken. Die Wirkung bekam Journalist Felix Huesmann zu spüren, der für den RND zu Gettr recherchierte. Nach der Veröffentlichung seines Artikels hatte er mit Anfeindungen zu kämpfen, wie er auf Twitter erzählte.

Auch die AfD ist seit dem 10. Januar auf Gettr vertreten (Quelle). Beatrix „nur auf der Maus ausgerutscht“ von Storch machte schon im Oktober die Bekanntschaft von Gettr-Kopf Jason Miller. Der tourte durch Europa, traf dabei laut t-online unter anderem Lutz Bachmann von Pegida, den mehrfach verurteilten Rechtsextremisten Tommy Robinson, Marine Le Pens Nichte, Marion Maréchal, und den französischen Präsidentschaftskandidaten der extremen Rechten, Eric Zammour. Der Inhalt der Gespräche wurde nicht publik. Laut Gettr selbst dienen diese Treffen zum Austausch unter Rechten und Konservativen.

Screenshot t-online.de „Storch sucht neues Nest: Twitter für Rechte“ (Quelle)

Netzwerken, um rechte Meinungsmache mehrheitsfähig zu machen

Doch allem Anschein nach steckt noch mehr dahinter. Immerhin stehen in diesem Jahr wichtige Entscheidungen an: In Deutschland wurde heute über die Impfpflicht debattiert, die für viele „Querdenker:innen“ dem Weltuntergang gleichkommt. In Frankreich sind im April Präsidentschaftswahlen, und auch die Mid-Term-Wahlen in den USA und die Wahlen in Brasilien lassen nicht mehr lange auf sich warten.

Auch der rechtspopulistische Präsident Brasiliens Bolsonaro wirbt auf Twitter für seinen Gettr-Account

Es ist also nicht nur ein Kennenlernen, sondern ein Netzwerken, um rechte Meinungsmache mehrheitsfähig zu machen.

Dabei agiert das Unternehmen Gettr alles andere als transparent: Recherchen von t-online zufolge verschleiert einer der Mitarbeiter im deutschen Gettr-Team seine Identität; mit seinem Klarnamen arbeite er für das Büro eines AfD-Abgeordneten im Europaparlament. Bestätigt werden konnten die Recherchen allerdings nicht, weil der sogenannte Korrespondent dem t-online-Journalisten gegenüber keine Auskunft geben wollte.

Werbung für den Gettr-Account der AfD Bundestagsfraktion

Erste Studien jedoch verschaffen Klarheit: Schon im August berichtete eine Forschungsgruppe von unter anderem der Boston University, dass die Aktivität auf der Plattform schon innerhalb des ersten Monats stark abgenommen hätte. Von einem Fehlen von Engagement war die Rede, Posts, Kommentare und Likes blieben gering. David Thiel, Wissenschaftler an der Stanford University, bestätigte dem New Yorker dieses Ergebnis und meinte, bei Netzwerken dieser Art gäbe es häufig die gleiche Dynamik: Nutzer:innen melden sich an, weil sie darüber empört sind, dass jemand von einer anderen Seite gesperrt wurde. Aber dann verlören sie häufig das Interesse.

50 Prozent der Nutzer hätten noch nie etwas gepostet oder kommentiert.

So vermerkte die Plattform im November noch 200 Millionen abgesetzte Postings – genauso viele, wie auf Twitter an einem Abend verschickt werden. Und auch die Analysen von Twitter und Google zeigen: Seit der Veröffentlichung trendete #gettr zweimal auf Twitter (Quelle), auf Google suchten über die Zeitspanne hinweg nur wenige Leute den Begriff (Quelle).

Miller ein Lügner, Gettr ein technisches Desaster?

Was die Stanford-Studie aber indes bemängelte, war das Sicherheitsrisiko: Es gäbe kaum Mechanismen, um Spam, pornografische oder verletzende Inhalte abzuhalten. Kein Wunder, dass Gettr direkt am ersten Tag gehackt wurde. Wenige Tage später leakten Unbekannte laut Belltower News 90.000 E-Mail-Adressen. Einen Monat später fluteten Islamisten die Seite mit Videos von Enthauptungen und gewaltvollen Memes, wie Politico berichtete. Mit dem Entfernen der Inhalte ließ man sich laut dem Blatt Zeit.

Und auch, dass die größte Finanzspritze und das technische Fachwissen für das Projekt von einem chinesischen Ex-Milliardär kommt, dürfte den Menschen, die die Schuld für die Pandemie China und dem Kommunismus geben, nicht gefallen: Guo Wengui, in China wegen 19 verschiedenen Delikten, unter anderem Vergewaltigung und Betrug, angeklagt (Quelle), verkauft sich selbst als Whistleblower an der Seite des rechtsextremen Meinungsmachers Steve Bannon. Nach Protesten der Nutzer:innen erklärte Jason Miller (Quelle), Wengui habe keinerlei Entscheidungsmacht im Unternehmen – geleakte Nachrichten zeigten allerdings das Gegenteil (Quelle). Und Miller selbst muss sich sogar von Trump-Fans anhören lassen, er sei ein Lügner.

Das zeigt: Auch wenn viele Gesichter aus der rechtsextremen Szene Gettr unterstützen und Miller selbst tönt, er habe viel für das Projekt in diesem Jahr geplant (Quelle): Nutzer:innen scheinen der Plattform, die sowohl bei Technik als auch bei Transparenz durchfällt, längst überdrüssig. Bestes Beispiel: Selbst Trump, der die Seite einst in Auftrag gab, ist dort noch nicht einmal Mitglied, sondern hofft derweil auf sein nächstes Projekt, Truth Social. Ob das nach weiteren Versuchen wie der inzwischen eingestellte Blog „From the Desk of Donald J. Trump“ (Quelle) ein ähnlicher Reinfall wird, bleibt zu hoffen und abzuwarten.

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Artikelbild: Screenshot

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