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How to Mastodon: Wie du das „Tröten“ lernst

von , , | Nov 30, 2022 | Aktuelles

Seit Elon Musk die Social Media Plattform Twitter gekauft hat, schauen sich viele nach Alternativen wie Mastodon um. Denn nicht nur sorgt der Milliardär Musk für eine für viele (besonders Werbetreibende) unangenehmere Kultur als ohnehin schon: Nicht nur direkt durch das Promoten von extrem rechten Personen und Verschwörungslügen und dem Entsperren Rechtsextremer und Antisemiten, auch indirekt, weil die rechtsextremen Trolle glauben, sie hätten jetzt einen Freifahrtschein, um andere zu bedrohen und einschüchtern.

Nein, viele machen sich auch ernsthaft Sorgen, dass Twitter durch Musks Pfuschereien einfach den Geist aufgeben könnte. Inzwischen haben viele führende Mitarbeiter Twitter verlassen und Musk hat dazu extrem viele entlassen. Ebenso gehen Experten davon aus, dass die Sicherheit und Stabilität des Dienstes in Gefahr sei. Ist ja wie bei der Bahn: Wenn man die Ingenieure und Mitarbeiter aus der Wartung feuert, dann kann man vielleicht noch ein bisschen weiterfahren, aber irgendwann bleiben die Züge halt stehen, weil Dinge kaputt gehen, die niemand mehr repariert. 

Wie dem auch sei: Für viele Menschen waren Musks Eskapaden so oder so der Auslöser, sich nach alternativen sozialen Netzwerken umzuschauen. Vor allem Mastodon erfreut sich steigender Beliebtheit. Doch was ist Mastodon eigentlich? Und wie komme ich da hin? Hier wollen wir zeigen, wie du dich da anmeldest und zurecht findest. Aber vorab: Mastodon ist eine alles andere perfekte Plattform, nicht einfach nur ein anderes „Twitter“ und auch nicht so einsteigerfreundlich (Sonst bräuchte es ja offensichtlich keine Anleitung). Es hat aber ein paar Vorteile gegenüber Twitter, außer dass es nicht Musk gehört. Und es wächst rasant. Wir wollen auch keine falschen Hoffnungen wecken, es ist eine Notlösung und Alternative. Aber die beliebteste, die es derzeit gibt.

Umzugsschwierigkeiten

Die Migration ins „Fediverse“ (federation universe) zu Mastodon fühlt sich an wie ein Umzug mit Kartons in eine Wohnung, für die man noch keine Möbel hat. Wir versuchen euch in diesem Artikel mal ein paar Einrichtungsgegenstände zu empfehlen. Für alle, die es eilig haben, hier die ultra-kurz Anleitung: 


  • Hol die dir Mastodon App.
  • Wenn du keine Lust hast dich damit zu beschäftigen, tritt einfach dem Server “mastodon.social” bei. Grundsätzlich ist es aber besser, du nimmst einen anderen, dazu später mehr. 
  • Hol dir deine Twitter Follower rüber mit Fedifinder.
  • (Folge @[email protected] 😉 )

Das wars erstmal. Jetzt ist alles ziemlich Twitter-Like eingerichtet. 69.000 (!) von unseren Followern haben das schon geschafft. Ab jetzt kommen erstmal alle Punkte, die Mastodon sogar BESSER machen als Twitter:

Was ist Mastodon überhaupt?

Erstmal: Das meiste funktioniert ziemlich ähnlich wie bei Twitter. Es gibt nur ein paar wichtige Unterschiede.

Mastodon ist eine quelloffene Software, an der jeder mitprogrammieren kann. Es läuft nicht bei einem einzelnen Anbieter, der von einem verschwörungsaffinen Milliardär gekauft werden könnte, sondern jeder kann einen Teil des Netzwerks anbieten.

Diese “Instanzen” kann man sich vorstellen wie kleine Dörfer. Jede:r kann jederzeit von überall aus überall hin und sich “gegenseitig” besuchen. 

Begriffe: So redet Mastodon

Social Media-Plattformen tendieren dazu, sich ihre eigene kleine Sprachwelt aufzubauen. So prägte zum Beispiel Facebook das „Liken“, Twitter das „Tweeten“. Auch in der Welt von Mastodon schwirren einige neue Begriffe herum, die etwas verwirren können. Der Postillon hat uns in einem „Tröt“ die wichtigsten erklärt. Wie immer sollte man das nicht ganz ernst nehmen und mit einem Augenzwinkern verstehen:

Screenshot mastodon.social

Tweeten ist auf Mastodon also „Tröten“ und ein Tweet entsprechend ein „Tröt“. Der Retweet ist ein „Zurücktröt“, Sifftwitter = „Siffmastodon“, Like = „Stern“ und die restlichen Wortgleichungen wie Thread = Rüssel, Hashtag = Stoßzahntag oder Blockieren = Wegrüsseln sind natürlich eher spaßig gemeint (oder vielleicht setzen sie sich irgendwann doch durch?).

Dann folgt aber, bei allem Spaß, noch eine interessante „Gleichung“: Elon Musk = Eugen Rochko. Das ist nun eine Gleichsetzung, die nur sehr oberflächlich Sinn macht. Durchaus spannend sind die unterschiedlichen Hintergründe von Elon Musk im Gegensatz zu Eugen Rochko, dem Programmierer, der bisher Mastodon in seiner Freizeit entwickelt und aufgebaut hat. Er verdient Geld damit über Crowdfunding. Von ihm findet sich beispielsweise ein Interview bei Wired in dem er auch erklärt, warum man bei Mastodon keine Posts zitieren kann.

Auch politisch dürfte Eugen Rochko stabiler sein als der Trump-Kuschler Musk. Hier sein legendärer Austausch zu Nazis auf Mastodon:

Cool, aber wie melde ich mich an?

Wie bereits erwähnt ist Mastodon, anders als Twitter, dezentral in „Instanzen“ organisiert. Für die Anmeldung musst du dir also zuerst eine Instanz aussuchen. Es ist nicht so wichtig, welche, weil du später umziehen kannst. Such dir einfach eine aus, die zu dir passt. Hier ist zum Beispiel eine Liste von Instanzen. Wenn du dir die offizielle Mastodon App runterlädst, wird dir beim Einrichten auch eine Liste von Servern vorgeschlagen, das ist durchaus empfehlenswert für Einsteiger. Wie gesagt, die Instanz ist für den Anfang nicht so wichtig.

Instanzen

Aus unserem Umkreis finden sich viele auf den folgenden Servern: 

Weitere, unserer bisherigen Erfahrung nach sehr gut moderierte Instanzen sind:

Es gibt auch schon Parteien mit eigener Instanz: 

Es gibt auch jede Menge Instanzen mit lokalem Bezug, hier eine Karte: 

Hier gehts zur ganzen Karte

Übrigens freuen sich gerade die Betreiber kleiner Instanzen über praktische Hilfe etwa beim Moderieren oder Spenden. Ja, es ist halt alles dezentral und oft noch im Aufbau. Das ist in mancher Hinsicht Vorteil, aber auch ein Nachteil. Je nachdem.

Ganz hilfreich kann auch diese Übersicht deutschsprachiger Instanzen und wenn ihr ein wenig Hilfe bei der Auswahl benötigt, dann nutzt das Tool instances.social.

So richtet ihr euren Account ein

Es ist sinnvoll, vor der Suche nach interessanten Accounts seinen eigenen Account schön einzurichten. Daher Name, Hintergrundbild (Header), Profilbild, Interessen und Links angeben, sowie vielleicht einen oder zwei erste Posts zu schreiben, die ein wenig über sich erklären. Das taggt man oft mit dem Hashta..äh Stoßzahntag #NeuHier. Viele Leute, die private oder kleinere Accounts haben, schauen gerne, wer ihnen folgt und ob der/die interessant sein könnte. Wenn aber im Account nichts steht, dann folgt man dem eher nicht zurück.

Daher: Nehmt euch etwas Zeit, euren Account “schön zu machen” und geht erst dann auf Suche nach Accounts zum Folgen.

Übrigens werdet ihr nicht 1:1 eure Twitter-Timeline reproduzieren können. Schon allein deshalb, weil nicht alle bei Mastodon sind. Aber vor allem auch, weil Mastodon im Gegensatz zu Twitter nicht über einen Algorithmus auswählt, was spannend ist, um die Nutzenden zu binden und viel Zeit auf seiner Plattform verbringen zu lassen, um ihnen möglichst viel Werbung anzuzeigen. Stattdessen bekommt ihr einfach das als Erstes angezeigt, was zuletzt gepostet wurde, streng chronologisch. Hat auch hier Vor- und Nachteile.

Verifizierung: Wer ist echt?

Du kannst dich verifizieren, wenn du eine Website hast, die deine Identität schon irgendwie bestätigt, zum Beispiel deinen Arbeitgeber. Wenn du von dort auf dein Mastodon Profil verlinkst, wird der Link “verifiziert” und optisch grün hinterlegt. Beispielsweise sieht man auf dem Volksverpetzer-Profil, dass unsere Verlinkung auf den Blog volksverpetzer.de verifiziert ist. Dadurch könnt ihr sehen, dass wir echt sind (und eventuelle Nachahmer schnell enttarnen):

Und wem soll ich jetzt folgen?

Am besten, du schaust nach, wer von deinen Lieblings-Twitteraccounts schon Mastodon hat. Das geht am besten mit dem Tool Fedifinder. Das funktioniert folgendermaßen:

Du loggst dich auf Twitter ein und gibst dem Fedifinder Zugriff auf deinen Account. Der extrahiert die letzten 3000 Follower (oder Interaktionen) und schaut, ob er da irgendwo Mastodon Handles finden kann. Dann macht er dir daraus eine praktische CSV Liste, die du in deinen Fediverse-Account einfügen kannst.

In deinem Mastodon Account gehst du auf “Import und Export”, dann auf „Import“ und importierst die Datei. Mastodon braucht dann ein wenig um das zu verarbeiten. Schon hast du eine Teil der Twitter denen du folgst wieder. Bildlich sollte das so aussehen:

Schön und gut, aber wie funktioniert überhaupt das Posten?

Die gute Nachricht: Das funktioniert eigentlich genauso wie bei Twitter. Die schlechte Nachricht: Einen kleinen aber feinen Unterschied gibt es doch. Also zuerst einmal kann man, wie auf Twitter, sehr einfach einstellen, wer alles meinen Post sehen kann. Wenn man auf den kleinen Globus unter dem Textfeld klickt, öffnet sich ein Menü mit folgenden Auswahlmöglichkeiten:

Dieses Menü ist also recht selbsterklärend. Der wichtigste Unterschied zu Twitter ist jedoch, wie Direktnachrichten (DM) funktionieren. Geübte Twitter-User werden vielleicht verzweifelt nach der vertrauten Form der Direktnachrichten suchen, mit Postfach und so weiter. Tatsächlich funktionieren Direktnachrichten auf Mastodon aber mehr wie „normale“ Posts. Nur eben, dass ihr die unterste der Stufen der Sichtbarkeit (siehe oben, also „Nur erwähnte Personen) wählt. Ansonsten schreibt ihr einen ganz normalen Post, den dann nur der oder die Accounts sehen, die ihr erwähnt habt. Etwas angenehmer wird die Umstellung vielleicht dadurch, dass ihr nach wie vor auf den einzelnen Profilen über die „Drei Punkte“ oben rechts „Direktnachrichten“ auswählen könnt.

Oh und noch ein kleines Feature, welches viele auf Twitter immer vermisst hatten: Auf Mastodon kann man einmal veröffentlichte Posts im Nachhinein noch editieren. Das ist zumindest für mich vielleicht der beste Vorteil überhaupt!

Die Sache mit der Sicherheit

Außerdem sind direkte Nachrichten, so wie bei Twitter auch (!), nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt und daher nie dafür geeignet, private oder sensible Infos auszutauschen. Theoretisch könnten – wie bei Twitter – die Admins Zugriff auf diese privaten Nachrichten erhalten. Daher ist es für solche Nachrichten immer besser, verschlüsselte Chat-Dienste wie Threema oder Signal zu nutzen. Es macht daher Sinn, etwa einen Threema-Link anzugeben. 

Blocken und Stummschalten

Wie bei Twitter auch, kann man Nutzer, die nerven, “muten” und man kann sie auch “blocken”, man kann sogar einen ganzen Server blocken oder muten. Auch kann man sich an die Moderatoren wenden. Das kann man machen, indem man auf “report” klickt und dann auch noch dazu schreibt, warum das problematisch war. Allerdings muss man im Kopf behalten, dass hier, anders als bei Twitter, keine bezahlten Moderatoren am Werk sind, sondern Ehrenamtliche. Es kann dauern.

Deföderieren: Die „Höchststrafe“ auf Mastodon

Anders als bei Twitter gibt es keine zentrale Instanz, die dafür zuständig ist, Rechtsverletzungen oder “gutes Verhalten” durchzusetzen. Man muss sich an die Admins der Instanz wenden, auf der der Account läuft, der Dinge tut, die man beanstanden will. Oder eben diesen anzeigen – bis jetzt sind uns noch keine Hinweise bekannt, wie Polizei und Gerichte mit Mastodon umgehen. 

Es gibt aber die Chance, diesen Account oder die gesamte Instanz zu blocken. Auch können die Admins entscheiden, dass ganze Instanzen “deföderiert” werden können.  Ein Beispiel dafür war die Instanz von “gab” – einem rechtsradikalen Netzwerk. Diese Instanz wurde von allen anderen Servern geblockt. Dadurch war der Spaß für die Rechten schnell vorbei.

Kommentieren: Drukos ja, Drükos nein

Im Mastodon kann man zwar drunter kommentieren („DruKo“ auf Twitter), aber nicht darüber („DrüKo“ ist also nicht möglich). Sprich man kann zwar einen Tröt „retröten“, so dass ihn alle sehen, aber nicht mit einem Kommentar. Auf Twitter gibt es ja beide Varianten (einmal den Retweet und dann das „Zitieren“ von Tweets). Letztere ist auf Mastodon nicht vorgesehen.

Soll ich mir eine App holen oder mastodon im Browser nutzen?

Auf dem Mac Desktop benutze ich Mastodon am liebsten im Browser. Der hat eine brauchbare Oberfläche und ich kann gut sehen, was abgeht. Allerdings muss man beim Posten den eigenen “Workflow” ein wenig anpassen. Etwa die Bilder vorher in einem externen Programm zuschneiden und bearbeiten. 

Daneben gibt es Apps für MacOS, Windows, Linux, iOS und Android. Ihr könnt also beliebige Apps herunterladen und dann mit eurem Account verbinden, wenn euch die offizielle App nicht gefällt – noch ein Vorteil des offenen Systems. Jede App, die auf euren Account Zugriff hat, ist auch in euren Account-Settings aufgelistet, dort kann man ihnen dann auch wieder Zugriff entziehen. Ihr findet das unter Einstellungen -> Konto -> Autorisierte Anwendungen. 

Mastodon selbst bietet auch diese gute Liste von Apps, mit denen ihr Mastodon benutzen könnt, falls ihr nicht ohnehin schon einen eigenen Favoriten habt.

Crossposting über die Brücke Moa

Solange Twitter noch geht (wer kann das schon sagen?), besonders der Twitter API Zugriffspunkt, könnt ihr euch Dienste wie moa.party einrichten, um von Twitter aus zu tröten oder von Mastodon aus zu twittern. Moa ist also quasi die „Brücke“ zwischen den beiden Plattformen.

Das kann sehr hilfreich sein, wenn man zum Beispiel nicht gleich seinen Twitter Account löschen will und erstmal beide Dienste bespielen will. Was man sich bei der Nutzung von Moa merken sollte: Wenn man mit #nomoa oder #noxp twittert oder trötet, dann pusht es die Brücke nicht auf den jeweils anderen Dienst. Falls ihr also eure Rants gegen Twitter nur auf Mastodon rauslassen wollt, dann geht auch das. Wir bei Volksverpetzer fahren übrigens eine Mastodon-First-Policy: Die meisten Inhalte könnt ihr zuerst bei Mastodon sehen, unser Twitter kommt später.

Wie funktionieren Videos?

Wir empfehlen, auf Mastodon KEINE VIDEOS zu posten, sondern sie woanders hochzuladen und dann den Link zu teilen. Denn Videos benötigen viel Serverleistung und die Server sind ja alle von Freiwilligen betrieben. https://mastodon.coffee/@mojomoomoo/109366494904109963

Screenshot mastodon.coffee

twitter noch nicht Löschen

Ergänzt Eure Twitter-Bio um zusätzliche Kontaktinformationen, damit euch Leute später wiederfinden können. Fügt eine Mastodon-Adresse hinzu, oder andere Netzwerke, falls ihr nicht zu Mastodon geht. Fügt z.B. eine Linktree-Adresse o.ä. hinzu, auf der ihr Kontaktinfos bündelt. So haben eure Follower noch die Chance, mit rüberzukommen, statt mit Twitter unterzugehen. Wir bleiben auch auf Twitter, solange bis es vielleicht mal zusammen bricht. Twitter ist ja mehr als bisher zur Plattform für Fake News geworden – ihr Besitzer verbreitet sie selbst und Twitter hat den Kampf gegen Desinformation völlig aufgegeben – und wir müssen natürlich immer da hin, wo die Fakes sind.

Fazit: Kein „neues Twitter“, aber eine Alternative

Mastodon ist kein “neues Twitter”, aber es hat Funktionen von Twitter und von anderen sozialen Netzwerken. Und es braucht, wie die Nutzung von jedem Medium, allgemeine und für dieses Medium spezifische Medien-Kompetenz, die wir uns alle erarbeiten müssen. Es ist leider nicht super einfach und vielleicht nicht für jedermann. Das ist auch okay. Such dir gern was anderes oder versuche, auf Twitter zu bleiben. Es ist nur eine Alternative. Dass es überhaupt eine Anleitung braucht, zeigt aber auch schon seine Schwächen. Aber wenn du es willst, kriegst du es hin.

Aber der Umzug bietet auch die Chance, das wir ein resilienteres Netzwerk schaffen, das so wie E-Mail dank technischer Standards ohne zentrale Instanz und Dominanz funktioniert. Das kann dann auch kein Milliardär aufkaufen und kaputt machen.

Artikelbild: shutterstock.com