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Wer Luisa Neubauer attackiert, weil sie mal Flugzeug geflogen ist, hat nichts verstanden

von | Jan 18, 2023 | Aktuelles

Gastbeitrag von Florian Aigner, Physiker und Autor

 „Die Klimaproteste sind doch verlogen und scheinheilig!“ „Wer für Klimaschutz demonstriert, soll sich doch gefälligst selbst erst mal einschränken!“ Solche Sprüche hört man immer wieder, wenn sich junge Leute für mehr Klimaschutz einsetzen: „Die Fridays-For-Future-Jugend wird doch sicher von den Eltern im dicken SUV zur Demo gefahren! Und die haben alle ein Smartphone, mit seltenen Erden drin! Und im Instagram-Kanal von Luisa Neubauer sind Bilder vom USA-Urlaub, die ist also schon mal mit dem Flugzeug geflogen! Und dann wollen sie uns vorschreiben, wie wir zu leben haben!?“

Brav verzichten ist kein Klimaschutz

Wer so argumentiert, hat nichts verstanden. Beim Klimaschutz geht es nicht darum, perfekt zu sein und alles richtig zu machen. Das Klima rettet man nicht mit Askese, sondern nur mit strukturellen Reformen. Es geht nicht darum, wer sich selbst am meisten quält, um die maximale Zahl an Klima-Moral-Punkten zu sammeln. Klimaschutz heißt nicht „jeder muss halt ein bisschen verzichten“. Klimaschutz heißt: Wir brauchen wissenschaftsbasierte, wirksame Maßnahmen, um dauerhaft eine hohe Lebensqualität zu sichern.

Individualismus bringt nichts

Das individualistische Argument vom persönlichen „CO2-Fußabdruck“, für den angeblich jeder selbst verantwortlich ist, wurde von der Öl-Industrie erfunden und ist völlig irreführend. Natürlich ist es gut, wenn jeder individuell darauf achtet, klimaschädliche Handlungen zu vermeiden. Ja, wir sollten wenig fliegen, wenig Fleisch essen, die Heizung zurückdrehen. Und ja, KlimaschützerInnen sollen Vorbilder sein. Das ist alles wahr. Aber es ist nicht das Entscheidende.

Entscheidend sind die Dinge, die nicht in der Hand des Individuums liegen: Dekarbonisierung der Stromversorgung, der Wärmeversorgung, der Mobilität. Alternativen für Beton und für Gas in der Industrie. Sich dafür einzusetzen bringt viel mehr als irgendein persönlicher Verzicht.

Was können wir mit Verzicht erreichen? Angenommen, wir überdenken jedes Detail unseres Lebens, schränken unseren Konsum und unsere Mobilität ein, heizen weniger, verzichten auf Flugreisen und reduzieren unseren persönlichen CO2-Fußabdruck dadurch mit viel Mühe um 50%. Das wäre unter heutigen Rahmenbedingungen ohne Zweifel mit einer Reduktion der Lebensqualität verbunden. Aber was hätten wir damit erreicht?

Nicht viel. Die Klimakrise hätten wir damit noch nicht einmal ansatzweise gelöst. Wir brauchen keine Reduktion um die Hälfte, wir brauchen eine Reduktion auf null. Das gelingt nicht durch braves Verzichten, sondern durch gemeinsame strukturelle Änderungen. Durch eine Energiewende. Durch eine Mobilitätswende. Durch faire CO2-Preise, die Innovation beschleunigen.

Askese ist kein Selbstzweck

In der Klimawende geht es nicht darum, sich zu kasteien und Bedürfnisse zurückzuschrauben, um dann als Belohnung sich als guter Mensch zu fühlen und andere mit erhobenem Zeigefinger maßregeln zu dürfen. Das ist eine dumme Karikatur von Klimaschutz, sie war nie richtig.

Im Gegenteil: Es geht darum zu zeigen, dass man Klimaschutz mit hohem Lebensstandard kombinieren kann. Nur wenn das gelingt, wird sich eine klimafreundliche Lebensweise global durchsetzen. Wenn Mobilität, Wärme im Winter und gutes Essen Grundbedürfnisse sind, dann können wir nicht fordern, dass irgendjemand für das Klima darauf verzichtet, sondern wir müssen Methoden finden, diese Bedürfnisse auf klimaneutrale Art zu decken.

Die Lebensqualität zählt

Natürlich wird die Klimawende nicht ganz ohne Verzicht möglich sein. Ja, manches wird wohl unerschwinglich teuer werden, wenn man die tatsächlichen Klimakosten einpreist. Das heißt aber nicht, dass unsere Lebensqualität nicht insgesamt steigen kann.

Manchmal kann Verzicht in einer bestimmten Sache sogar ein Vorteil sein – in einer autofrei gemachten Stadt entwickeln sich völlig andere Strukturen. Vielleicht schließt dann das Einkaufszentrum am Stadtrand, und innerstädtische Geschäftsstraßen werden neu belebt. Dann verzichte ich gerne auf das Autofahren im Stau und erreiche mein Einkaufsziel stattdessen durch einen kurzen Spaziergang. Zweifellos ein guter Tausch.

Noch ist der Ausblick auf eine Zukunft mit guter Lebensqualität realistisch. Irgendwann wird sich das Zeitfenster dafür aber schließen: Die große Bedrohung für die Lebensqualität zukünftiger Generationen ist nämlich nicht der erhobene Zeigefinger von Klimaaktivisten, sondern der Klimawandel selbst. 

Um die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden, brauchen wir keinen frommen Befehl, brav zu sein und unsere Klimasünden zu bereuen. Wir brauchen eine Politik, die uns klimafreundliche Lebensqualität ermöglicht. Es ist völlig irrational, Leute dafür zu kritisieren, dass sie kein perfekt vorbildlich klimaneutrales Leben führen, wenn diese Leute genau dagegen kämpfen, dass man heute kein perfekt vorbildlich klimaneutrales Leben führen kann. Wir müssen diese Möglichkeiten erst schaffen. Und dann werden wir sie nutzen.

Artikelautor: Florian Aigner ist Physiker, Autor, Wissenschaftserklärer und Kolumnist. Unbezahlte Werbung: Sein Buch „Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl“ gibt es hier. Artikelbild: photocosmos1