Weltärzte-Chef Montgomery: Aktuelle Pandemie-Lage eine „Tyrannei der Ungeimpften“

| Kommentar | 8. November 2021

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Pandemie-Lage in Deutschland aka „Tyrannei der Ungeimpften“

Hätten sich die letzten Impfverweigerer einfach impfen lassen, hätte es in Deutschland keine einschneidenden Maßnahmen mehr gebraucht. So bezeichnet Weltärzte-Chef Montgomery bei Anne Will die Tatsache, dass wir wegen Impfverweigerern immer noch nicht die Pandemie besiegt haben, als „Tyrannei der Ungeimpften“. Die rechte und verschwörungsideologische Fake-News-Bubble regt sich naturgemäß auf. Was ist dran? Schauen wir auf die Zahlen: Die Zahl der Corona-Neuinfektionen und 7-Tage Inzidenzen erreichen neue Spitzenwerte (Quelle).

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Die vierte Welle rollt an

Am Montag lag die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz erstmals seit Beginn der Pandemie bei über 200 (Quelle). Genau die Entwicklung, die die echten Corona-Expert:innen bereits Anfang des Jahres haben kommen sehen.

Bei einer immer noch zu niedrigen Impfquote von nahezu 70%, müssen bundesweit mit knapp 2.500 Fällen genauso viele Patient:innen auf den Intensivstationen versorgt werden wie zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr bei der zweiten Corona-Welle, sagte Christian Karagiannidis, wissenschaftlicher Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) (Quelle).

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Wenn sich die derzeitige Entwicklung ungebremst fortsetzt, geht Karagiannidis von einer Verdopplung der Belegung der Intensivbetten in nur wenigen Wochen aus. Vielerorts kann es dann zur einer Überlastung des Gesundheitssystems kommen – genau das, was seit Beginn der Pandemie verhindert werden soll. Und auch nach 1,5 Jahren und genug Impfstoff kämpfen wir immer noch damit.

Unter diesen Vorzeichen fand vergangenen Sonntag bei Anne Will eine Sendung unter dem Titel „Corona-Neuinfektionen auf Höchststand – braucht Deutschland eine Impfpflicht?“ eine Diskussion zur Pandemie-Situation in Deutschland statt.

„Tyrannei der Ungeimpften“

Dort äußerte sich der Vorstands­vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, deutlich zum aktuellen Geschehen. Er nennt die Schuldigen und spricht von einer „Tyrannei der Ungeimpften“. Denn: Wären genug geimpft, bräuchten wir die ganzen Maßnahmen nicht mehr.

Wörtlich sagt er:

„Momentan erleben wir ja wirklich eine Tyrannei der Ungeimpften, die über 2/3 der Geimpften bestimmen, und uns diese ganzen Maßnahmen aufoktroyieren. Ich benutze bewusst den Begriff der Tyrannei, denn in Ländern die 97% geimpft sind, wie zum Beispiel Portugal, gibt es all diese Einschränkenden Maßnahmen nicht mehr, weil man sie nicht mehr braucht.“

Weil sich also nahezu 1/3 der Bevölkerung auch nach monatelanger Informationskampagne bisher nicht haben überzeugen lassen, sich impfen zu lassen, werde der Rest der Bevölkerung in Geiselhaft genommen und muss kollektiv den Kopf für die Ungeimpften hinhalten, argumentiert Montgomery.

Denn die Fakten sind:

  • Geimpfte sterben sogar seltener als Ungeimpfte an Nicht-Covid Gründen (Studie, mehr dazu).
  • Myokarditis ist bei Covid-19 Infektion bei jungen Menschen etwa 6-mal wahrscheinlicher als bei mRNA Impfung (Quelle).
  • Geimpfte Frauen sind genauso fruchtbar wie Ungeimpfte (Quelle).
  • Der Impfstoff wirkt enorm stark gegen Infektion und schweren Verlauf (Quelle, Quelle).
  • Studien zeigen eine Effektivität gegen Hospitalisierung von über 90 % in den USA und in Großbritannien (QuelleQuelle). Das relative Todesrisiko sinkt auch enorm, seit Februar wurde in Deutschland lediglich 11 Corona-Todesfälle unter Geimpften unter 59 Jahren registriert (Quelle), bei der Gruppe über 60 schützt sie zu 91 % vor Tod (Quelle).

Die noch amtierende Regierung war – im Gegensatz zur Darstellung der Impfgegner-Blase – bisher gnädig zu Impfverweigerern. Man könnte sogar sagen: Zu gnädig:

Impfpflicht: Der heimliche Pakt der Regierung mit Querdenkern scheitert

Querdenker:innen und Impfgegner:innen scheinen mit ihrer nun über einem Jahr anhaltenden Propaganda offensichtlich zu viel Erfolg gehabt zu haben, denn seit Wochen ist kaum mehr große Bewegung bei der Impfquote zu verzeichnen. Umgekehrt scheint politisch absolut kein Wille da zu sein, Anreize zu schaffen, um die Situation zu ändern. Argumente und Fakten wurden in zig Variationen präsentiert und aufbereitet, aber man muss zu diesem Zeitpunkt einfach attestieren, dass man mit bloßer Vernunft kaum mehr Bewegung in die Impfkampagne bekommt. So zeigen auch Umfragen, dass die Fronten fürs erste festgefahren zu sein scheinen (Quelle).

Zitat von Montgomery macht auf Telegram die Runde

Natürlich sind einige Querdenker:innen nicht erfreut über die Aussagen des Weltärztechefs Montgomery. Die nichts Sinnvolles beitragenden Desinformationsverbreiter regen sich wenig verwunderlich auf, wie Attila Hildmann, Boris Reitschuster oder das rechtsextreme Compact Magazin:

Denn ihnen gefällt natürlich gar nicht, dass dieses Framing ihr ganzes Gerede von „Freiheit“ als hohle Phrasen entlarvt. Der beste Weg aus der Pandemie ist, wenn genug Menschen geimpft sind. Daran ändert auch nicht die systematische Verharmlosung des Virus und Panikmache um Impfungen nicht, das diese Medien mit Lügen und Desinformation betreiben. Sie framen ihre Manipulationen und Lügen als Kampf für die Freiheiten, dabei sind sie es, die durch ihre Desinformation der Freiheit aller im Wege stehen. Und weil die sich selbstviktimisierenden Impfgegner:innen das behaupten: Nein, das ist offensichtlich aus mehreren Gründen auch keine „Volksverhetzung“ und das nur typische Einbildungen und Gejammer dieser radikalen Extremist:innen.

So ist die Bezeichnung „Tyrannei der Ungeimpften“ für viele einfach nur passend: Denn vollständig geimpft wäre die Pandemie vorbei. Sie wäre dann eine Endemie und es würde keine Überlastung des Gesundheitssystems mehr drohen. Viele stimmen dem Framing zu:

In der Anne Will-Sendung weist Ministerpräsident Söder auf den Zusammenhang von steigenden Infektionszahlen im Süden und den Regionen in denen Impfverweigerer, Querdenker und Reichsbürger besonders stark sind, hin:

Vierte Welle, was jetzt?

Zählen wir mal nüchtern auf was Stand der Dinge ist: Corona breitet sich ungebremst mit zunehmender Geschwindigkeit im Land aus, und Intensivmediziner:innen warnen vor Überlastung der Stationen, weil immer noch zu viele nicht den größeren Schutz durch die Impfung besitzen. Auf Twitter trendet die Forderung nach einer „Notbremse“.

 

Obendrauf kommt, dass wir uns inmitten einen Regierungswechsels befinden und die Koalitionsverhandlungen gerade erst begonnen haben.

Vielleicht wäre ein Bund-Länder Treffen angesichts des akuten Machtvakuums nicht die verkehrteste Idee.

Das soll keine hysterische Warnung sein, aber eigentlich ist es ziemlich offensichtlich, dass wir in einen düsteren Winter hineinschlittern, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden um die Kurve zu drücken.

Ich bin weder Virologe, noch Politiker, aber mir scheint, dass Diskussionen darüber wie man jetzt noch, wen geimpft bekommt, deutlich zu spät sind um die derzeitige Welle zu stoppen.

Die Ungeimpften sind die wesentlichen Treiber dieser Welle, und man sollte nicht mehr auf das ohnehin nur substanzlose und ideologisch motivierte Rumgejammer auf Kosten der Allgemeinheit nicht mehr Rücksicht nehmen.

Man kann getrost sagen, dass die Geduld bei vielen Geimpften (rund 2/3 der Bevölkerung) erschöpft ist. Eine Mehrheit befürwortet endlich eine 2G Regel, wie sie auch in anderen Ländern erfolgreich war, sogar eine Impfplficht (Quelle, Quelle). Kaum einer hat jetzt noch Lust seinen Kopf für Impfverweigerer hinzuhalten, ob für Maßnahmen oder volle Intensivstationen.

Entsprechend sollte die Politik handeln und die „Tyrannei der Ungeimpften“ endlich brechen, mit oder ohne deren Kooperation.

So endet die Pandemie:

Dieser Molekularbiologe erklärt, wie wir die Pandemie beenden könnten

Artikelbild: Screenshot Anne Will

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