Was hinter Überbevölkerung, Impfungen, Marktwirtschaft & Bill Gates steckt

| Aktuelles | 23. Mai 2020

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Über Wohlstand, Überbevölkerung, Patentrecht, Marktwirtschaft & Bill Gates

Gastbeitrag

In den heutigen Zeiten einer globalen Gesundheits- und daraus resultierenden Finanzkrise überschlagen sich Nachrichten und Meinungen aus verschiedensten Disziplinen, die immer wieder gegenteilige Argumente liefern. Aus der jeweiligen Einzelperspektive kann diese Flut an Informationen beängstigend sein. Die momentane Diskussion findet weitgehend im Spannungsfeld der philosophischen Problemstellung zwischen Sicherheit und Freiheit statt. Wenn man in einer Schulklasse fragt, welcher der beiden widerstreitenden Werte den Schülerinnen und Schülern wichtiger ist, wird die Verteilung der Antworten erfahrungsgemäß mit leichten Schwankungen bei ca. 50% liegen. Ich gehe davon aus, dass dieses Antwortverhalten weitgehend auf die Gesamtgesellschaft übertragbar ist.

Ebenso wie in einer Schulklasse, scheint es dem Menschen inne zu wohnen, seinen persönlichen Wertegeschmack argumentativ zu verteidigen. Dies kann in Extremsituationen beispielsweise zu abschätziger Haltung gegenüber Vertreter*innen der anderen Seite führen – plötzlich diskutieren wir nicht mehr mit Blick auf Progression, sondern beschimpfen die andere Seite als Verschwörungstheoretiker*in oder als Mainstream-Schlafschaf. Zur ordentlichen Problemlösung erfordert es mit absoluter Sicherheit, sehr gut informiert zu sein.

Verschwörungstheoretiker*in vs. Mainstream-Schlafschaf

Dieser Artikel versucht, einen bescheidenden Beitrag dazu leisten, etwas Licht in den Teilbereich der aktuellen Diskussion zu bringen, die derzeit mit Blick auf Impfungen, Überbevölkerung und Bill Gates geführt wird. Dazu werde ich zunächst das kontraintuitive Verhältnis von steigendem Wohlstand und sinkenden Geburtenraten erläutern, dann beschreiben, weshalb ärmste Länder Probleme haben, eine medizinische Grundversorgung zu gewährleisten und abschließend Bill Gates‘ aktuelle Bestrebungen erläutern.

Ich werde umreißen, dass Überbevölkerung ein Problem ist, welches effektiv durch steigenden Wohlstand bekämpft werden kann, werde veranschaulichen, wie unser globales marktwirtschaftliches System, im speziellen das Patentrecht der Pharmakonzerne, bei der Bedienung ärmster Länder versagt und werde abschließend begründen, dass Bill Gates‘ Bestrebungen, flächendeckende Impfungen durchzuführen, eine gute Möglichkeit sind, um das
effektive Leben und Glück aller Menschen auf der Welt zu steigern.

Wohlstand und Geburtenrate

Ein oft vorgebrachtes Argument von Menschen gegen humanitäre Hilfen in Entwicklungsländern ist, dass die Überbevölkerung steige, wenn man eine ordentliche Gesundheitsversorgung in armen Ländern etabliere. Die Menschen würden dann ja nicht mehr in jungen Jahren sterben, sondern alle viel älter werden, was zu einer effektiv noch höheren Anzahl an Menschen auf dem Planeten führe. Betrachtet man die CO2-Bilanz eines auf der Erde lebenden Menschen und das Faktum, dass Ressourcen ultimativ begrenzt sind, kann eine weitere Erhöhung der Population aus der Perspektive eines*r jeden Einzelnen nicht gewollt sein.

Interessanterweise ist es allerdings der Fall, dass Gesellschaften mit höherem Wohlstand statistisch durchschnittlich niedrigere Geburtenraten aufweisen als arme Gesellschaften* (vgl. MPG). Dies wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass es in ärmsten Gesellschaften oft keinerlei Altersvorsorgen gibt. Dort sind Kinder einfach eine gute Investition in die eigene Zukunft, um lange überleben zu können. In reichen Gesellschaften haben Kinder keinen wesentlichen Einfluss auf die Lebensspanne der Eltern und kosten diese weiterhin Zeit und Geld, weshalb möglicherweise länger gezögert wird, einen Kinderwunsch Realität werden zu lassen.

*Zuletzt wurden auch in reicheren Gesellschaften steigende Geburtenraten verzeichnet, der grundsätzliche Trend von niedrigeren Geburtenraten bei relativ größerem Reichtum ist allerdings weiterhin erkennbar.

Überbevölkerung?

Dies führt nun zwangsläufig zu der Annahme, dass steigender Wohlstand innerhalb einer Gesellschaft die große Gefahr der Überbevölkerung reduzieren kann. Betrachtet man die Maslowsche Bedürfnispyramide, so fällt auf, dass die Elementarbedürfnisse nach Essen, Wohnung und Gesundheit die zwei fundamentalsten Ebenen der menschlichen Bedürfnisse bilden. Eine ordentliche Gesundheitsversorgung hat dementsprechend einen ganz erheblichen Einfluss auf das Leben einer jeden einzelnen Person.

Die Behandlung und Prävention von einfachen Krankheiten erhöht den Wohlstand in armen Gesellschaften. Impfungen etwa reduzieren das Sterberisiko massiv und führen dann, zugegebenermaßen etwas kontraintuitiv, zu niedrigeren Geburtenraten in ärmsten Ländern, weil die Eltern nicht mehr darauf angewiesen sind, extrem viele Kinder zu zeugen, die bei der Altersvorsorge helfen. Die verbleibenden Kinder haben nämlich ein erheblich niedrigeres Risiko zu sterben. Und sind daher deutlich besser in der Lage, für die Eltern in schwierigen Zeiten da zu sein.

Patentrecht und Marktwirtschaft

Betrachtet man die bisherige Argumentation, so liegt der Schluss nahe, dass eine grundsätzliche Gesundheitsversorgung und flächendeckende Impfungen eine gute Lösung wären, um das reale Problem der Überbevölkerung effektiv zu bearbeiten. Weshalb dies bisher nicht möglich ist, zeigt ein kurzer Blick auf die Art und Weise, wie medizinische Forschung und Patentierung mit marktwirtschaftlichen Prinzipien funktioniert. Nehmen wir einmal an, dass eine neue Krankheit auf der Welt kursiere, für welche eine funktionierende Medikation oder Impfung nötig wäre. Pharmakonzern A würde nun mit der Forschung beginnen und zunächst lediglich sehr hohe Kosten generieren, weil anfangs ja überhaupt nicht klar ist, ob der Konzern ein Medikament oder einen Impfstoff auch tatsächlich erfinden wird.

Der Pharmakonzern geht also ein sehr hohes Risiko ein und hat sehr hohe Kosten. Nehmen wir nun an, dass der Konzern einen Stoff fände, der wirksam gegen die Krankheit wäre. Nehmen wir weiter and, dass der Konzern diesen Stoff dann patentierte und ihn für ein Vielfaches der Herstellungskosten verkaufte, um die Forschungs- und Entwicklungskosten zu decken. Das ist nicht unmoralisch oder untypisch seitens des Konzerns, da dieser, wie jeder andere freie Wirtschaftsbetrieb, Mitarbeiter*innen hat, die bezahlt werden müssen und der Konzern sicherstellen muss, dass er nicht wirtschaftlich untergeht etc.

Dies führt uns nun zu den Krankheiten, die in armen Ländern wüten.

Aufgrund der eben explizierten hohen R&D Kosten hat ein Pharmakonzern schlichtweg keinen finanziellen Anreiz, Medikamente gegen Krankheiten zu erfinden, die hauptsächlich in ärmeren Ländern grassieren. Man muss es sogar noch schärfer formulieren: Wenn ein Pharmakonzern so handelte, riskierte er seine eigene Existenz. Impfstoffe unterliegen weitgehend den gleichen, oben ausgeführten Prinzipien. Eine flächendeckende Impfung von ärmeren Bevölkerungen lohnt sich auf dem Papier für große Pharmakonzerne schlichtweg nicht, zumal auch der illegale Handel mit Wirkstoffen bei einer extremen Preisanpassung explodieren könnte.

Eine mögliche Lösung des Problems formulierte Thomas Pogge mit seiner Idee eines Health Impact Funds. Die Grundidee ist, stark vereinfacht, dass viele große Staaten Geld in einen gemeinsamen Topf legen, der dann von Konzernen zur Entwicklung von Medikamenten angezapft werden kann. Je größer der Einfluss des Medikaments auf die effektive Gesundheit der Menschen, desto mehr Geld darf aus dem Topf genommen werden.

Bill Gates

Bill Gates setzt sich mit seinem enormen persönlichen Reichtum dafür ein, dass möglichst große Bevölkerungsteile geimpft werden. Dafür investiert er Geld an neuralgischen Punkten (WHO, Johns Hopkins University etc.), die höchstwahrscheinlich viel Einfluss haben, um die oben geschilderten Problematiken effektiv zum Positiven zu beeinflussen. Sein Ziel ist, das Problem der Überbevölkerung möglichst klug und effektiv durch bessere
Gesundheitsversorgung und den daraus resultierenden erhöhten Gesamtwohlstand zu beeinflussen, so dass die Weltbevölkerung langfristig sinkt.

Aufgedeckt: Der Grund, warum Bill Gates in Impfungen investiert

Betrachtet man die Problematik des Klimawandels und die Tatsache, dass es nur begrenzte Ressourcen auf der Welt gibt, dann sollte jeder Mensch das Ziel der Kontrolle der menschlichen Bevölkerung, durch Verringerung der Geburtenraten aufgrund eines höheren Lebensstandards anstreben, im Sinne aller Lebewesen dieses Planeten.

Dies ist die Motivation Bill Gates‘ – in der breiten Diskussion wurde aber anscheinend seine Nutzung des Begriffs der „Bevölkerungskontrolle“ fälschlicherweise als eine potenzielle Gefahr der individuellen Vergiftung durch Impfungen, die zum Tode oder zur Unfruchtbarkeit führen, gedeutet.

Eine Diffamierung seiner Bestrebungen im Sinne eines vermeintlich von ihm angestrebten Völkermordes oder einer ihm unterstellten Motivation der persönlichen finanziellen Bereicherung ist demnach nicht nur unlogisch und unmoralisch, sondern aus jeder Perspektive im Sinne aller Lebewesen des Planeten Erde extrem unklug.

Zum Thema (Link):

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Quellen:



Autor: Felix, ein Philosophielehrer aus Köln (Ganzer Name der Redaktion bekannt). Artikelbild: Frederic Legrand – COMEO

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