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Gruppe 764: Das gesamte Neonazi-Terrornetzwerk hinter der Grooming-Gruppe

von  | Analyse | 24. Juli 2025 |  72 min

Verbindungen nach Deutschland: Knockout 51 / AWD Netzwerke

Knockout 51 (KO51) war eine rechtsextremistische, militante Kampfsportgruppe aus Eisenach (Thüringen). Der Name verweist auf das Kfz-Kennzeichen von Eisenach („EA“ = 5/1 im Alphabet). Die Gruppe entstand spätestens 2019 im Umfeld der Thüringer NPD und radikalisierte junge, nationalistisches Gedankengut teilende Männer.

Unter dem Deckmantel gemeinsamer Kampfsport-Trainings rekrutierte KO51 gezielt gewaltbereite Neonazis, indoktrinierte sie mit rechtsextremer Ideologie und bildete sie für Straßenkämpfe aus.

Ihr erklärtes Ziel wandelte sich von der Etablierung einer vigilanten „Ordnungsmacht“ in einem selbst kontrollierten „Nazi-Kiez“ in Eisenach hin zur gezielten Tötung politischer Gegner (insbesondere aus der linken Szene) ab spätestens April 2021.Mit brutalen Übergriffen auf politische Feinde und Polizei – darunter Knochenbrüche und Angriffe auf Büros der Linken – versuchte KO51, dieses Ziel umzusetzen.

Die Struktur der Gruppe war konspirativ und straff geführt: Etwa zehn Kernmitglieder trainierten regelmäßig in der NPD-Parteizentrale („Flieder Volkshaus“) in Eisenach unter Leitung von Leon R., dem Kopf der Gruppe.

Öffentlich traten KO51-Mitglieder u.a. als aggressive Ordner bei Querdenker-Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen auf, wo sie gezielt Zusammenstöße mit Polizeikräften und politischen Gegnern provozierten.

Die AWDD – ein Ableger der US-Atomwaffen Division – propagiert einen beschleunigten „Rassenkrieg“ und diente als terroristisches Netzwerk zur Rekrutierung deutscher Neonazis (u.a. mittels Flugblättern an Universitäten).

Ideologisch teilte KO51 mit AWD/AWDD den Neonazi-Akzelerationismus: Demokratie und Gesellschaft sollen durch maximales Chaos und Terror gewaltsam zum Kollaps gebracht und eine nationalsozialistische „Ordnung“ erzwungen werden.Entsprechend hat KO51 bundesweit mit anderen rechtsextremen Kampfsportgruppen kooperiert und sich ab 2020 zunehmend als Teil eines rechten Terror-Netzwerks verstanden.

Überschneidungen mit der Atomwaffen Division (AWD)

Knockout 51 war eng vernetzt mit der internationalen rechtsterroristischen Szene. Insbesondere bestehen personelle und ideologische Verbindungen zur Atomwaffen Division (AWD), einer 2015 in den USA gegründeten neo-nazistischen Terrorzelle. KO51-Anführer Leon R. suchte ab 2017 über das Iron-March-Forum Kontakt zu AWD-Aktivisten und galt als Befürworter von Holocaust und Hitler.

In einschlägigen Onlineforen teilte er Bauanleitungen für Bomben und den Erwerb von Munition.Ermittler vermuten, dass Leon R. maßgeblich an Aufbau und Propaganda der deutschen AWD-Sektion (Atomwaffen Division Deutschland, AWDD) beteiligt war.

So wurde ein von ihm produziertes Neonazi-Video identifiziert, das auch im AWD-Propagandafilm (Juni 2018) auftauchte, was ihn als möglichen Mitgründer der AWDD erscheinen ließ. Laut Thüringer Verfassungsschutz unterhielt Leon R. zudem Verbindungen zur britischen Combat 18 und zu einschlägig bekannten Rechtsextremisten im In- und Ausland (u.a. Teilnahme an Schießtrainings in Tschechien und Kontakte zum ukrainischen Regiment Asow).

Mindestens drei KO51-Kader (Leon R., Bastian A., Maximilian A.) wurden bei einer großangelegten Razzia 2022 gleichzeitig als mutmaßliche Mitglieder der AWDD festgenommen.

Ideologisch teilt KO51 mit AWD/AWDD den Neonazi-Akzelerationismus: Demokratie und Gesellschaft sollen durch maximales Chaos und Terror gewaltsam zum Kollaps gebracht und eine nationalsozialistische „Ordnung“ erzwungen werden.

Okkulter Extremismus: Order of Nine Angles und das Netzwerk „764“

Ein weiterer gefährlicher Überschneidungsbereich von KO51 und AWD ist die Verbindung zur okkult-satanistischen Neonazi-Ideologie der Order of Nine Angles (O9A). Die O9A entstand in Großbritannien und vertritt eine extremistische „Left-Hand-Path“-Lehre, die Nationalsozialismus mit Satanismus verknüpft. Sie predigt die völlige Aufhebung moralischer Grenzen („Sinister Tradition“), inklusive Ritualmorden, sexualisierter Gewalt gegen Kinder und gezielter Unterwanderung von Institutionen, um Chaos zu stiften.

Diese verstörenden Ideen fanden Eingang in AWD-Kreise: Unter Führung von Personen wie John Cameron Denton (AWD-Anführer mit Pseudonym „Rape“) übernahm die Atomwaffen Division O9A-artige Vorstellungen eines elitären, destruktiven Kults.

Der AWD-Propagandist Joshua Sutter – selbst langjähriger O9A-Aktivist und Kopf der O9A-Zelle „Tempel ov Blood“ – veröffentlichte entsprechende Schriften und beeinflusste die globale AWD-Bewegung stark.Dadurch verbreitete sich die O9A-Ideologie weltweit in der militant-neonazistischen Szene und inspirierte Gewalttaten in diversen Ländern.

Knockout 51 war zwar primär eine gewaltsame Straßenkampf-Truppe, doch durch ihre Einbindung in das AWD-Netzwerk wurden ihre Mitglieder indirekt mit den okkult-terroristischen Gedankengut der O9A konfrontiert. Überschneidende Akteure verstärken diese ideologische Melange: So traf Leon R. persönlich auf AWD-Anführer Denton und Sutter bei Online-Aktivitäten und zeigte Interesse an deren Schriften.

Dieses toxische ideologische Gemisch aus Neonazismus, Gewaltkult und Okkultismus bildet den Hintergrund, vor dem KO51 agierte.

Eng verbunden mit O9A ist das berüchtigte Netzwerk „764“, das in jüngster Zeit in den Fokus internationaler Ermittlungen geriet. 764 ist ein dezentrales, transnationales Online-Netzwerk von neonazistischen Satanisten, das enge Bezüge zur O9A-Szene aufweist.

Es machte ab 2021 Schlagzeilen als Kinder- und Jugend-“Sextortion”-Ring, in dem Mitglieder Minderjährige durch Erpressung zu sexuellen Handlungen und Selbstverletzungen zwingen. Dabei bedienen sich die Täter gezielt der O9A-Ästhetik und Symbolik und betrachten den Missbrauch als ultimativen Ausdruck ihrer nihilistischen Ideologie. Die Grausamkeit reicht von der Aufforderung an Opfer, sich die Pseudonyme der Täter in die Haut zu ritzen („Cutsigns“ genannt) bis hin zu dokumentiertem Kindesmissbrauch, Entführungen und sogar Mord.

International sind bereits über ein Dutzend Beteiligte des 764-Netzwerks in den USA, Europa und Brasilien festgenommen worden. Besonders brisant: Schlüsselfiguren der AWD/O9A-Szene förderten 764 aktiv. So wies eine WIRED-Untersuchung nach, dass Joshua Sutter persönlich die Entstehung von „764“ unterstützt hat.

Mitglieder dieses Netzwerks verfügten teils über Propagandamaterial und Tätowierungen des Tempel ov Blood (Sutters O9A-Zweig). Die Verflechtung zeigt exemplarisch, wie Neonazi-Terrorgruppen, okkulte Sekten und extreme Gewaltverbrechen miteinander einhergehen. Zwar gibt es keine Hinweise, dass KO51-Mitglieder selbst an 764-Verbrechen beteiligt waren; doch die ideologischen Überschneidungen (die Glorifizierung grenzenloser Gewalt und Menschenverachtung) und der Personalaustausch in diesen Szenen verdeutlichen, in welch radikalisiertem Milieu sich KO51 bewegte.

Deutsche Sicherheitsbehörden haben mit verstärktem Druck auf Gruppen wie Knockout 51, AWDD und O9A-Zirkel reagiert. Am 6. April 2022 erfolgte ein bundesweiter Großeinsatz gegen die militante Neonazi-Szene: Über 1.000 Polizisten (darunter Spezialkräfte des BKA) durchsuchten mehr als 50 Objekte in 11 Bundesländern.

Diese koordinierte Razzia richtete sich u.a. gegen Mitglieder von Knockout 51, der verbotenen Combat 18 und der Atomwaffen Division Deutschland sowie der Online-Gruppe „Sonderkommando 1418“.

Vier Verdächtige aus dem KO51-Umfeld – darunter Leon R. – wurden dabei festgenommen. Die Bundesanwaltschaft erhob im Mai 2023 Anklage gegen insgesamt vier KO51-Mitglieder. Vorgeworfen wurde ihnen neben mehrfacher gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch, Waffen- und Sprengstoffdelikten vor allem die Gründung bzw. Mitgliedschaft in einer kriminellen und terroristischen Vereinigung.

Dieser ungewöhnliche Doppelvorwurf (StGB §129 und §129a) spiegelte den Verdacht der Ermittler wider, KO51 habe sich spätestens ab 2021 zu einer terroristischen Zelle entwickelt. Im August 2023 ließ das Thüringer Oberlandesgericht (OLG Jena) die Anklage zum Teil zu, stufte KO51 jedoch nicht als terroristische, sondern nur als kriminelle Vereinigung ein.

Folglich wurde das Hauptverfahren an das Landgericht Gera verwiesen. Am 1. Juli 2024 verkündete der Staatsschutzsenat des OLG Jena im ersten Prozess mehrjährige Haftstrafen (zwischen rund 2 und 3½ Jahren) gegen die vier Angeklagten wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und diverser Körperverletzungsdelikte.

Eine Einstufung als terroristische Organisation lehnte das Gericht ab, was zu milderen Strafen führte als von der Bundesanwaltschaft gefordert.

Der Generalbundesanwalt (GBA) legte gegen dieses Urteil Revision ein, da er KO51 sehr wohl als terroristische Gruppierung betrachtet und entsprechend höhere Strafen (4 bis 7 Jahre) gefordert hatte.

Das Revisionsverfahren vor dem Bundesgerichtshof läuft derzeit (Stand Mitte 2025) und wird klären, ob KO51 nach Rechtsauffassung der höchsten Gerichtsinstanz terroristische Qualität besitzt. Parallel dazu laufen weitere Ermittlungen gegen das KO51-Netzwerk. Im Dezember 2023 wurden erneut drei Verdächtige in Eisenach festgenommen – darunter zwei mutmaßliche KO51-Mitglieder und ein Unterstützer aus der rechtsextremen Kleinstpartei „Die Heimat“ (ehemals NPD).

Die Bewertung der Behörden spiegelt die hohe Gefährlichkeit von Knockout 51 wider. Verfassungsschutzberichte stufen KO51 als rechtsextremistische Kampfsportvereinigung mit erheblichem Gewaltpotential ein. Innenministerin Nancy Faeser betonte 2022, der Kampf gegen Rechtsterror habe oberste Priorität, und begrüßte das konsequente Vorgehen gegen Gruppen wie KO51 als „mächtiges Schwert zum Schutz unserer demokratischen Grundordnung“.

Insgesamt zeigt der Fall Knockout 51, wie eng lokale Neonazi-Gruppen mit transnationalen Terror-Netzwerken verwoben sind – von klassischen Neonazi-Terrorzellen (Atomwaffen Division) bis zu bizarren okkulten Netzwerken (O9A/„764“). Der deutsche Staat reagiert mit harter Strafverfolgung und Verboten, um dieser neuen Generation gewaltbereiter Rechtsextremisten Herr zu werden.

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