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Gruppe 764: Das gesamte Neonazi-Terrornetzwerk hinter der Grooming-Gruppe

von  | Analyse | 24. Juli 2025 |  72 min

Verbindungen nach Deutschland: Atomwaffen Division und die Identitäre Bewegung

Die Atomwaffen Division (AWD) und die Identitäre Bewegung (IB) sind augenscheinlich zwei unterschiedliche Akteure des extrem rechten Spektrums, weisen jedoch ideologische Überschneidungen und vereinzelt personelle Verflechtungen auf. AWD wurde 2015 in den USA gegründet und entwickelte sich zu einem transnationalen neonazistischen Terror-Netzwerk.

Die IB entstand ab 2012 in Europa als Teil der „Neuen Rechten“ und präsentiert sich als metapolitische Aktivistenbewegung, die scheinbar gewaltfrei agiert.

Trotz unterschiedlicher Strategie – AWD ruft offen zu Terror und einem beschleunigten Zusammenbruch des Systems auf, während IB offiziell auf Öffentlichkeitsaktionen statt Gewalt setzt – gibt es ideologische Schnittmengen (z. B. Verschwörungserzählungen vom „Großen Austausch“ und völkisch-rassistische Weltbilder) sowie einzelne personelle Überschneidungen. Im Folgenden werden diese möglichen Verbindungen detailliert untersucht – von Ideologie und Feindbildern über personelle Verflechtungen und Kommunikationsstrategien bis zu internationalen Entwicklungen und Bewertungen durch Behörden, NGOs und Fachjournalisten, sowie antifaschistischen Recherchen.

Ideologische Überschneidungen

Akzelerationismus – Revolutionärer Umsturz vs. metapolitische Geduld

Die AWD vertritt eine akzelerationistische Ideologie: Ihre Anhänger glauben, dass ein apokalyptischer „Rassenkrieg“ unvermeidlich sei und aktiv durch Terror vorangetrieben werden müsse. Ziel ist es, durch Chaos und Gewalt die demokratische Ordnung zum Einsturz zu bringen, um letztlich eine neonazistische „weiße Vorherrschaft“ zu errichten.

IB-Ideologen hingegen propagieren keinen offenen Terror, sondern setzen auf einen kulturellen Vorlauf: Sie wollen durch metapolitische Aktionen (Proteste, Kampagnen, Social Media) das gesellschaftliche Klima nach rechts verschieben.

Offiziell lehnt die IB Gewalt als Mittel ab, da sie ihren Einfluss innerhalb des legalen Rahmens sichern will. Dennoch können akzelerationistische Ideen in ihrem Umfeld Resonanz finden: Experten warnen, dass auch im Milieu der Neuen Rechten (zu dem die IB zählt) der Schritt vom „Warten auf Tag X“ zum aktiven Herbeiführen solcher Krisen möglich ist.

So bewunderte etwa der Christchurch-Attentäter (2019) – ein Akzelerationist, der 51 Menschen ermordete – die „Great Replacement“-Theorie und wollte mit seinem Anschlag die Krise beschleunigen.

Diese Verschwörungserzählung vom Bevölkerungsaustausch wurde zuvor von identitären Vordenkern popularisiert, was zeigt, dass IB-Ideologie in extremistischer Zuspitzung auch akzelerationistischen Terror inspirieren kann. Diese Verschwörungserzählung vom Bevölkerungsaustausch wurde zuvor von identitären Vordenkern popularisiert, was zeigt, dass IB-Ideologie in extremistischer Zuspitzung auch akzelerationistischen Terror inspirieren kann.

Dieses Konzept klingt moderater, läuft aber auf das Gleiche hinaus wie klassische Rassentheorien: die Ablehnung von Migration, Durchmischung und Gleichberechtigung verschiedener Ethnien. So warnt die IB vor dem vermeintlichen „Bevölkerungsaustausch“, einer Verschwörungserzählung, wonach Eliten (häufig als „Globalisten“ oder kodiert antisemitisch als „Strippenzieher“) gezielt die einheimische Bevölkerung durch Migranten ersetzen wollten.

Die AWD teilt diesen Kernmythos ebenfalls, allerdings in roherer Form: In ihren Materialien wird der angebliche Austausch der weißen Bevölkerung explizit als von „den Juden“ geplant dargestellt. Beide Gruppen eint also die Überzeugung, die „weiße“ bzw. „europäische“ Identität sei existenziell bedroht – bei der IB soll sie durch Remigration und Reconquista gerettet werden, bei der AWD durch einen bewaffneten Kampf. Entsprechend bekennt sich die AWD offen zum neonazistischen White Supremacy. AWD-Anhänger verherrlichen Adolf Hitler und beziehen sich ideologisch z.B. auf die „14 Words“ („Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für weiße Kinder sichern“).

In internen AWD-Chats und Pamphleten wird ein „heiliger Rassenkrieg“ proklamiert, mit direktem Aufruf zur Gewalt gegen alle, die nicht ins arische Weltbild passen.

Die IB-Führung dagegen betont nach außen, man sei nicht nationalsozialistisch und lehne Holocaustleugnung ab – versucht also, eine Distanz zum historischen NS zu wahren. Dieser stilistische Unterschied ändert jedoch nichts daran, dass auch IB-Akteure letztlich eine dauerhaft segregierte, ethnisch homogene Gesellschaft anstreben.

Die Gemeinsamkeit liegt im Denken in strikten Abstammungs- und Kulturkategorien: Beide Milieus betrachten multiethnische Demokratien als degeneriert oder künstlich und propagieren eine radikale Rückbesinnung auf eine vermeintlich reine ethnische Identität.

Feindbilder – „Globalisten“, Minderheiten und die liberale Demokratie

Sowohl AWD als auch IB definieren sich über ausgeprägte Feindbilder, die einander ähneln – wenn auch mit unterschiedlicher Offenheit artikuliert. Antisemitismus ist bei AWD zentral: In ihren Pamphleten heißt es unverblümt, „die Juden würden das System kontrollieren“, und es wird zur Ermordung von Jüdinnen und Juden aufgerufen.

Die IB vermeidet solch offene Judenfeindschaft aus taktischen Gründen. Doch auch sie verbreitet oft die Narrative internationaler Verschwörungsmythen (Stichwort „Globalismus“ oder „George Soros“), die strukturell antisemitisch aufgeladen sind. So warnte IB-Chef Martin Sellner in Anlehnung an das antisemitische „Bevölkerungsaustausch“-Narrativ vor einer „großen Umvolkung“, gelenkt von „Eliten“ – Begriffe, die in rechtsextremen Kreisen als Chiffre für angeblich jüdische Drahtzieher fungieren.

Ein weiteres gemeinsames Feindbild ist der Islam bzw. „die Migranten“ generell: Die IB inszeniert muslimische Zuwanderung als existentielle Bedrohung für Europa (Kampagnen gegen „Islamisierung“), während AWD-Propaganda Migrantinnen vor allem als Zielscheibe für Gewalt sieht. So rief eine deutsche AWD-Flugblattaktion 2018 explizit dazu auf, Muslime zu ermorden.

Beide Gruppen betrachten also insbesondere muslimische Geflüchtete und People of Color als Invasoren bzw. Feinde ihres „Volkskörpers“. Daneben sehen sowohl IB als auch AWD die liberale Demokratie und ihre Vertreter als Feind: Die IB verachtet das „Establishment“ der etablierten Politik und wettert gegen „Gutmenschen“, „links-grüne“ Politiker und die EU. Die AWD steigert diese Ablehnung ins Totalitäre: westliche Regierungen gelten ihr pauschal als verräterisch („ZOG“ – Zionist Occupied Government – wird im Neonazi-Jargon unterstellt) und sollen gewaltsam gestürzt werden.

Linke und Antifaschisten stehen ebenfalls bei beiden im Fadenkreuz. IB-Aktivisten diffamieren antifaschistischen Protest als „kriminell“ und inszenieren sich als Opfer von „Linksextremismus“. AWD-Angehörige hingegen gehen deutlich weiter: Sie erstellen Feindeslisten und drohen etwa politischen Gegnern direkt mit Ermordung (so erhielten 2019 deutsche Grünen-Politiker E-Mails mit Morddrohungen, unterschrieben „Atomwaffendivision Deutschland“).

Auch LGBTQ+-Personen und feministische Anliegen gelten beiden Milieus als Feindbild: Die IB propagiert ein reaktionäres Familienbild und hetzt gegen „Gender-Ideologie“, während AWD-Ideologen Frauenhass und Homophobie offen ausleben – in internen Chats fantasierten sie von sexualisierter Gewalt u.a. gegen Feministinnen und Minderjährige.

Trotz unterschiedlicher Sprache lassen sich somit überschneidende Feindbilder erkennen: Beide verachten den pluralistisch-demokratischen Staat, sehen hinter Migration, Feminismus und Liberalismus vermeintlich dunkle Mächte am Werk und propagieren eine völkisch-homogene, autoritäre Gesellschaft als Lösungsmodell.

Personelle Verflechtungen

Obgleich IB und AWD in ihrem öffentlichen Auftreten stark differieren – hier eine legale Aktivistengruppe, dort eine konspirative Terrorzelle – sind einzelne personelle Überschneidungen dokumentiert. Besonders aufschlussreich ist ein Fall aus Österreich: Ein junger Wiener, der sich als IBÖ-Aktivist einen Namen gemacht hatte, entpuppte sich als Mitglied der rechtsterroristischen „Feuerkrieg Division“ (FKD) – einem europäischen Ableger der Atomwaffen Division.

Dieser 20-Jährige („V00rm“) nahm an IB-Treffen teil, bezog IB-Infomaterial und stand im Verteiler der IBÖ, wie aus dem österreichischen Verfassungsschutzbericht hervorgeht. Gleichzeitig radikalisierte er sich in geheimen Online-Foren der FKD, teilte dort Anleitungen zum Bombenbau und plante laut Anklage sogar einen Anschlag mit Chlorgas auf eine Synagoge.

Im Juli 2024 wurde er vom Wiener Gericht wegen Wiederbetätigung, Verhetzung und terroristischer Vereinigung verurteilt. Brisant ist, dass derselbe Mann bis zu seiner Verhaftung als Soldat des Bundesheeres eingesetzt war – ausgerechnet zum Objektschutz jüdischer Einrichtungen. Dieser Fall zeigt eindrücklich, dass IB-Aktivisten im Einzelfall in noch radikalere Schattenstrukturen abgleiten können.

Auch in der Schweiz ist eine personelle Verbindung zwischen identitärem Milieu und AWD-naher Neonazi-Szene sichtbar. Dort formierte sich 2019 die Gruppe „Eisenjugend“, die sich explizit als Schweizer Arm der US-Neonazi-Organisation „Iron Youth“ verstand und stilistisch an die Atomwaffen Division angelehnt war.

Mitglieder posierten vermummt mit Waffen, verbrannten Israel-Flaggen und teilten das Manifest des Christchurch-Attentäters als Lektüreempfehlung. Aus dieser Eisenjugend ging später die Gruppe „Junge Tat“ hervor, die sich nun als „Identitäre Bewegung 2.0“ inszeniert.

Die Führungsfiguren der Jungen Tat stammen jedoch aus der altbekannten Neonazi-Szene und waren teils in AWD-nahen Chats aktiv. Dieses Beispiel unterstreckt, dass personelle Überschneidungen oft über Jugendnetzwerke und informelle Kameradschaften laufen: Unter dem Deckmantel eines hippen IB-Stils (Heimatliebe, Social-Media-Inszenierung, Kampfsporttraining) wirken alte Neonazi-Kader weiter und transportieren die deutlich gewaltorientiertere Ideologie à la AWD in neue Kreise.

In Deutschland sind direkte Doppel-Mitgliedschaften zwischen IB und AWD bislang kaum öffentlich bekannt. Die IB Deutschland (IBD) war eher in neurechten Zirkeln verankert, während die AWD-„Ableger“ hier konspirativ in Kleinstzellen agierten. Allerdings zeigen Ermittlungen, dass die rechtsextreme Szene vernetzt ist: Als die Bundesanwaltschaft im April 2022 Razzien gegen mutmaßliche AWD-Unterstützer (AWD Deutschland, „AWD Hessen“ etc.) durchführte, fanden sich bei einigen

Koordinierte Aktionen zwischen der Atomwaffen Division und der Identitären Bewegung sind – soweit bekannt – nicht vorgekommen. Die Natur der beiden Gruppen unterscheidet sich hier fundamental: AWD-Zellen operieren im Verborgenen und planen Gewalttaten, während IB-Gruppen öffentlichkeitswirksame Aktionen (Demonstrationen, Banner-Drops, Besetzungen) durchführen und Gewaltanwendung offiziell meiden. Eine direkte Kooperation bei Aktionen wäre für die IB strategisch selbstmörderisch, da sie ihren legalistischen Anstrich verlieren würde. Entsprechend gibt es keine Berichte über gemeinsame Kampagnen oder Attentatspläne von IB und AWD. Es gibt Überschneidungen zu klassischen Neonazi-Gruppen wie der NPD-Jugend oder Combat 18.

Dennoch ist bekannt, dass viele IB-Aktivisten in Deutschland zugleich Mitglied in Burschenschaften, AfD-Jugendorganisationen oder rechtsextremen Verlagen/Think-Tanks sind. Diese personellen Netzwerke können Berührungspunkte zur gewaltbereiten Neonazi-Szene schaffen. So wurde z.B. ein führender IB-Aktivist (Mario Müller, Leiter der IB-Sektion Halle) in der Vergangenheit bei einem paramilitärischen Schießtraining mit Neonazis aus Thüringen gesehen – ein Training, das mutmaßlich dem Umfeld der AWD zugerechnet wird.

Insgesamt bleibt festzuhalten: Offene Doppelmitgliedschaften zwischen IB und AWD sind selten, da die IB bemüht ist, sich von offen terroristischen Strukturen zu distanzieren. Jedoch existieren indirekte Verflechtungen über Personen, die in beiden Milieus verkehren, sowie über gemeinsame Vernetzungstreffen der extremen Rechten.

Mögliche gemeinsame Aktionen und Kommunikationsstrategien

Koordinierte Aktionen zwischen der Atomwaffen Division und der Identitären Bewegung sind – soweit bekannt – nicht vorgekommen. Die Natur der beiden Gruppen unterscheidet sich hier fundamental: AWD-Zellen operieren im Verborgenen und planen Gewalttaten, während IB-Gruppen öffentlichkeitswirksame Aktionen (Demonstrationen, Banner-Drops, Besetzungen) durchführen und Gewaltanwendung offiziell meiden. Eine direkte Kooperation bei Aktionen wäre für die IB strategisch selbstmörderisch, da sie ihren legalistischen Anstrich verlieren würde. Entsprechend gibt es keine Berichte über gemeinsame Kampagnen oder Attentatspläne von IB und AWD.

Allerdings lassen sich parallele Kommunikationsstrategien und thematische Abstimmungen erkennen, die auf indirekte Wechselwirkungen hindeuten. Beide nutzen intensiv das Internet zur Rekrutierung und Verbreitung ihrer Ideologie. Die IB setzt auf professionell aufbereitete Social-Media-Inhalte, hippe Videos und Hashtags, um insbesondere Jugendliche anzusprechen.

Die AWD und ihre Ableger wiederum verbreiten Propaganda über verdeckte Kanäle wie geschlossene Telegram-Chats, Imageboards oder das berüchtigte Iron-March-Forum. Inhaltlich gibt es Überschneidungen: So teilen beide etwa Meme-Kultur und Schlagworte der internationalen Alt-Right. Begriffe wie „Volksverräter“, „Umvolkung“, „white genocide“ oder die Glorifizierung von Kreuzrittern und Wikingern tauchen sowohl in IB-nahen Kreisen als auch in AWD-Foren auf (wenn auch bei AWD oft mit gewaltverherrlichender Zuspitzung). Ein Beispiel für solche Narrative ist die Kampagne „Defend Europe“ der IB (2017), die versuchte, Flüchtlingsboote im Mittelmeer zu blockieren – begleitet von dem Slogan, Europa vor der „Invasion“ schützen zu müssen. Dasselbe Invasions-Motiv findet sich in den Pamphleten der AWD, jedoch verbunden mit direktem Aufruf zur Ermordung der „Invasoren“.

Man kann von einer ideologischen Arbeitsteilung sprechen: Die IB mainstreamt gewisse Begriffe und Feindbilder im öffentlichen Diskurs, die dann in Kreisen wie AWD zur Legitimation von Terror dienen. So wurde beispielsweise das von IB propagierte Schlagwort „Der große Austausch“ im Manifest des Christchurch-Attentäters aufgegriffen – was wiederum in AWD-nahen Chatgruppen als bestätigender „Beweis“ für die Notwendigkeit des bewaffneten Widerstands herumgereicht wurde.

Ein weiterer Bereich, in dem sich eine indirekte Koordination zeigt, ist die Nutzung von Alternativ-Plattformen und Infrastruktur. Beide Gruppen weichen aufgrund von Verboten und Sperrungen auf ähnliche Dienste aus (etwa Telegram, russische Hoster oder kryptofinanzierte Webseiten). Es ist bekannt, dass rechtsextreme Akteure ihre Server, Online-Shops und Treffpunkte teilweise teilen oder aneinander weitergeben. So übernahm 2019 ein Netzwerk in Deutschland den Webshop der IBÖ, als diese ihn aus Angst vor einem Verbot abgeben musste.

Die Sprache der IB („Remigration“, „Identität bewahren“) kann so im AWD-Kontext zur Radikalisierungsbrücke werden – z.B. wenn ein IB-Anhänger argumentativ vorbereitet ist und in Undercover-Chats der AWD landet, wo aus „Remigration“ dann „Rassenkrieg jetzt“ wird.

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