Das Sinken der Moskwa: Der peinlichste Fake der Russen des ganzen Krieges

| Faktencheck | 15. April 2022


19.660

Peinlichster Fake des ganzen Krieges

Noch nie hat sich russische Propaganda so hart blamiert. Wer diese Leute noch ernst nimmt, lässt sich offenbar gern verarschen. Die Ukrainische Armee hat nach eigenen Angaben das russische Flaggschiff “Moskwa” getroffen. Zunächst leugnete die russische Seite, dass ein Brand an Bord des Schiffes durch den Beschuss verursacht worden war. Kürzlich kam dann auch die Bestätigung der russischen Seite, dass das Schiff nun auch gesunken ist. Der angegebene Grund: angeblich durch einen “Sturm” (Quelle).

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der russische Propaganda-Apparat wie niemals zuvor als ein Haufen schlechter Lügner. Und für Menschen, die darauf reinfallen, wird es von Tag zu Tag peinlicher.

Russische Propaganda für Naive

Wenn wir in Deutschland über Kreml-Propaganda sprechen, wird ihre Finesse oft etwas übertrieben. Denn man muss schon ziemlich naiv sein und sich gern regelmäßig belügen lassen, um darauf reinzufallen. Leider kann sich die Kreml-PR mindestens in Reihen der AfD, der Querfront-Linken und “Querdenker” offenbar genau auf diese Haltung verlassen.

Russische Propaganda ist eben nicht erfolgreich, weil sie so komplex, aufwändig und gut geplant ist, sondern vor allem, weil wir hier so viele nützliche Idioten im Land haben, die so wenig Scham haben, dass sie sogar billigste Lügen naiv glauben und nachplappern, wenn sie ihre Feindbilder bestätigen.

Der Gründer von “Bellingcat”, deren OSINT-Analysen schon unzählige russische Lügen aufgedeckt haben (wir berichteten), fasst seine Erfahrungen zusammen:

“Was man verstehen muss: Russische Offizielle lügen dauernd, aber es gibt selten eine größere Strategie dahinter, sie improvisieren einfach […] wenn russische Offizielle lügen, ist das also kein cleverer Trick, sie sind einfach so voller Shit, dass es zu ihrem Mund rauskommt.”

“Querdenker” Reitschuster über großen Teil seiner Fans: “Wie blöd muss man sein?”

Sogar “Querdenker” und professioneller Faktenverdreher Boris Reitschuster beleidigt seine eigenen Follower, weil sie zu großten Teilen naiv auf die Putin-Propaganda reinfallen: “Wie blöd muss man sein”. Die Geister, die er rief …

Selbst das eigene Propagandapersonal hält seine “Opfer” für dumm. Führungskräfte und Kolumnisten von “Russia Today” nennen Ärzt:innen, die Patient:innen von der Impfung abraten, „mörderische Schwachköpfe“ und beschuldigen sie der „Pfuscherei und Sabotage“. Chefin des Auslandsenders RT Margarita Simonjan, die zu den prominentesten Journalist:innen des Landes gehört, fand harsche Worte für die weit verbreitete Impfgegnerschaft in der russischen Bevölkerung: Nach allen Überzeugungsversuchen müsse man langsam „an den kognitiven Fähigkeiten der Impfgegner zweifeln“, schrieb sie auf ihrem Telegram-Kanal. Zur Erinnerung: In Deutschland gehörte RT zu einem der meistgeteilten Medien der Impfgegner-Bewegung.

RT: Impf-Fake News für Europa, Impf-Befürwortung für Russland

“Moskwa”-Propaganda wird zum peinlichen Boomerang

Zurück zum russischen Flaggschiff Moskwa (jetzt eher Flagg-U-Boot): Es ist dasselbe Schiff, welches zu Beginn des Krieges von ukrainischen Funkern mit “Russian Warship, Go Fuck yourself” begrüßt wurde. Das Ereignis wurde ein Meme, es hat sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel (Quelle) und eine eigene Briefmarke (Quelle). Laut der ukrainischer Armee wurden die Funker übrigens glücklicherweise und entgegen erster Berichte nicht getötet, sondern nur gefangen genommen (Quelle).

Nun hat die ukrainische Armee also angegeben, das Schiff mit einer Neptun Rakete getroffen zu haben. Ist das realistisch? Die Neptun-Rakete ist eine Neuentwicklung, und war zu Beginn des Krieges noch nicht offiziell fertig (Quelle). Damals hieß es, Fertigstellung wäre bis April geplant. Nun, den haben wir jetzt.

Forbes Magazin erklärt weiter in diesem Artikel, dass es nicht trivial, aber möglich wäre, dass die Neptun für den Brand an Bord der Moskwa verantwortlich sei. Einige spekulierten, dass die Reichweite der Neptun nur 100 km beträgt, und die “Moskwa” zu weit draußen wäre. Allerdings scheint das ein veralteter Wert aus früheren Tests zu sein, die Reichweite wird mit fast 300km angegeben (Quelle, Quelle):

Die ganze Welt lacht über die russischen Ausreden

Die russische Propaganda verbreitete nun zunächst, dass der Brand an Bord nicht durch Beschuss ausgelöst wurde und das Schiff auch nicht gesunken sei. Vermutlich wollte man vermeiden, dass die ukrainische Öffentlichkeit einen moralischen Boost durch die Zerstörung des russischen Flaggschiffs erlangt. Nur: Selbst wenn der Brand durch die Besatzung des Schiffs ausgelöst worden wäre, wäre das auch furchtbar peinlich. Die russische Propaganda entschied sich also dafür, lieber die eigenen Soldaten als inkompetente Schwachköpfe darzustellen, die ihr eigenes Schiff in Brand gesteckt hätten.

Wenige Stunden später musste die russische Nachrichtenagentur dann aber doch das endgültige Sinken der Moskwa vermelden (Quelle). Allerdings wurde jetzt behauptet, ein “Sturm” hätte das Schiff zum Sinken gebracht. Komischerweise gab es in der Region zu diesem Zeitpunkt gar kein ausreichend schlechtes Wetter, wenig Wind (Quelle), höchstens leichter Nieselregen, nichtmal erhöhten Wellengang (Datenquelle, Datenquelle). Ebenfalls ein ziemlicher Boomerang für russische Propaganda. Russische Schiffe sinken offenbar bereits durch Anpusten?

Die ukrainische Meme-Maschinerie lief jedenfalls auf Hochtouren: Hier die Moskwa mit Titanic-Musik:

Die Realität setzte sich langsam durch

Wieder wenige Stunden später wurde der Untergang dann schon anders von der Kreml-Propaganda ausgelegt. Nun ist der Vorfall auf einmal ein “Casus Belli” und erfordert Rache. Mit englischen Untertiteln:

Es ist geradezu komisch dem Kommentator dabei zuzusehen, wie er einerseits vermeiden will zuzugeben, dass Ukraine das Schiff versenkt hat, andererseits er jetzt einen “100% igen” Kriegsgrund sieht.  Seltsam bei einem Vorfall, den angeblich die russischen Soldaten selbst verursacht haben sollen. In der letzten Nacht wurde jedenfalls als Reaktion Kiev bombardiert, in der gesamte Ukraine gab es Luftalarm.

Die russische Flotte verändert offenbar auch ihre Strategie, laut “Foreign Policy”-Reporter Jack Detsch, der sich auf britischen Geheimdienst beruft (Quelle). Ebenfalls eher untypisch für bei einem “Unfall”. Der Guardian berichtet ebenfalls unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass die ukrainischen Angaben “glaubwürdig” seien, und russische Schiffe sich nach der Explosion außer Reichweite der “Neptun” bewegten (Quelle).

Krieg im 21. Jahrhundert: Blamage vorprogrammiert

Eine unfassbare Blamage für alle Beteiligten: Das russische Militär, die unfassbar schlechte russische Propaganda, die sich innerhalb von Stunden selbst widerspricht, und natürlich auch die nützlichen Idioten, die immer noch der Putin-Propaganda Glauben schenken. Wer im 21. Jahrhundert versucht, einen illegalen Angriffskrieg zu führen oder zu rechtfertigen, für den ist die Blamage vorprogrammiert. Der muss einfach scheitern. Es ist so unfassbar dumm, unnötig und blamabel, auf welchem Niveau hier vorgegangen wird. Wer so handelt, hat es verdient, wenn die Welt über ihn lacht.

Artikelbild: Zhang Jiye/XinHua/dpa

Spendiere uns doch einen Kaffee:
Unterstütze uns auf Paypal Unsere Autor:innen nutzen die Corona-Warn App des RKI.