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Übersterblichkeit ja oder nein? Querdenker können sich nicht entscheiden

von | Feb 27, 2023 | Analyse

Übersterblichkeit ist seit dem Beginn der Corona-Pandemie in aller Munde. Anhänger:innen von „Querdenken“ nutzen sie insbesondere, um ihre verqueren Theorien zu „bestätigen“. So hieß es sehr lange Zeit zunächst einfach bloß, es gebe keine Übersterblichkeit, weil es auch kein (tödliches) Virus gebe. Das ist natürlich Quatsch, denn die Pandemie hat sich sehr wohl in Form von Übersterblichkeit bemerkbar gemacht – dazu später mehr. Also: Zunächst hatten sie Übersterblichkeit geleugnet, wie wir widerlegen mussten.

Dann schwenkten sie aber komplett um: Querdenker:innen verwarfen veraltete Aussagen einfach und gingen dazu über, ihre Theorie umzudrehen. Dann waren sie sich sicher: Die Covid-19-Schutzimpfung habe nicht wie in Wirklichkeit zig Millionen Menschenleben gerettet, sondern ganz im Gegenteil, sei für die Übersterblichkeit verantwortlich. Doch es war natürlich Corona, wie wir auch zeigten.

Doch was die Fake-News-Gläubigen 2023 glauben wollen, da sind sie sich nicht einig: Manche leugnen die Übersterblichkeit weiter oder wieder, um weiter die Pandemie zu leugnen. Andere instrumentalisieren sie für ihre Anti-Impf-Propaganda.

Übersterblichkeit? Mal so, mal so

Ein Tweet vom Journalisten Lars Wienand hebt nun deutlich hervor, wie uneinig sich Querdenker:innen untereinander sind. Er präsentiert uns zwei Screenshots aus demselben (!) Thread vom altbekannten Corona-Lügner Stefan Homburg, die die Widersprüchlichkeit und Verzweiflung der Pandemie-leugner:innen aufdecken. Die einen stecken noch in der alten Argumentationsweise der grundsätzlichen Leugnung fest („Es gibt doch gar keine Übersterblichkeit“):

Die einen leugnen also die Übersterblichkeit und damit implizit die Gefährlichkeit der Pandemie, während die anderen – in diesem Fall Stefan Homburg – lediglich die Übersterblichkeit von 2020 leugnen, 2021 und 2022 aber von einer auffälligen Übersterblichkeit sprechen (nach dem Motto „seht her, was die Impfung mit euch anstellt“). Was denn jetzt, liebe Querdenker:innen? Wird es langsam kompliziert mit euren Fakes?

Zwar behauptet der konfrontierte Stefan Homburg, dass er sich nicht auf die Impfung beziehe, indem er in einer Antwort schreibt: „Weder in meinem Tweet noch im Druko [Drunter-Kommentar] eines anderen taucht das Wort ‚Impfung‘ auf“. Doch ein genauerer Blick zeigt: Homburg ist und bleibt ein Fake-Verbreiter. In den „Drukos“ taucht sehr wohl das Wort Impfung auf. Mehrfach. So findet sich mehrmals ein Spritzen-Emoticon, es wird zynisch behauptet, dass die Impfung „wirkt“. +

Ein Nutzer verbreitet ganz klar eine bekannte Querdenken-Lüge: „Diese Daten legen den Schluß nahe, daß die Impfung eine wesentliche Rolle bei diesem Sterben spielt“ [sic] und Lügner Homburg geht sogar darauf ein. Seine faulen Ausreden, er habe das nicht so gemeint, können wir also nicht zählen lassen. Er hat ganz bewusst die dog whistle geblasen – und seine Follower wissen, was er meint. Homburg ist ohnehin grundsätzlich nicht zu trauen, er ist ein längst nachgewiesener notorischer Lügner.

Covid-19 hat schon 2020 ganz klar zu mehr Toten geführt

Schauen wir auf die belegbaren Fakten. Sowohl 2020 als auch 2021 und auch noch 2022 wurde immer wieder eine Übersterblichkeit gemessen, die im Zusammenhang mit Corona-Todesfällen steht. So waren die Sterbefallzahlen insbesondere im April und Dezember 2020 aufgrund der Pandemie erhöht – zunächst um 10, dann um 32 Prozent. Das sind nicht die einzigen Monate, in denen dieser Trend zu verorten ist, aber die deutlichsten Beispiele. Ebenso machte sich Covid-19 im Januar, September, Oktober, November und Dezember 2021 bemerkbar, mit einer Übersterblichkeit von plus 26, 11, 12, 22 und 25 Prozent. Beim Statistischen Bundesamt heißt es sogar:

„[Im Januar 2021] deckten sich die zusätzlichen Sterbefälle nahezu komplett mit den beim Robert Koch-Institut (RKI) gemeldeten Covid-19-Todesfällen.“

Sterbefallzahlen 2021 nach destatis.de

Im November und Dezember sieht es etwas komplizierter aus, denn die gemeldeten Covid-19-Todesfälle kommen nicht ganz an die Übersterblichkeit ran. Weitere Ursachen für die hohen Sterbefallzahlen vermutet das Statistische Bundesamt in einer Dunkelziffer der Covid-19-Todesfälle sowie einer zeitlichen Verschiebung von Sterbefällen wegen ausgefallener Grippewellen.

Auch im Jahr 2022 macht sich die Pandemie noch mit einer Übersterblichkeit um 8 Prozent im März, 7 Prozent im April und 8 Prozent im Mai bemerkbar. In den Monaten September, Oktober und November 2022 war die Übersterblichkeit dann mit plus 11, plus 20 und plus 8 Prozent weiterhin erhöht. Auch das ist zumindest teilweise auf gemeldete Covid-19-Todesfälle zurückzuführen. Im Dezember 2022 sowie Januar 2023 war die Übersterblichkeit mit plus 22 und plus 13 Prozent dann nochmal deutlich. Und genau da setzen Querdenker:innen munter an. Denn ist es nicht „offensichtlich“, dass das etwas mit der Impfung zu tun haben muss? Spoilerwarnung: Nein.

Tatsächlich ist die Erklärung viel simpler. Nachdem wir uns fast drei Jahre lang durch verschiedene Schutzmaßnahmen ziemlich erfolgreich vor jeglichen Grippewellen geschützt haben, haben sie Ende 2022 wieder zugeschlagen. Laut eines Berichts des Robert Koch-Instituts wurde ab Anfang Dezember 2022 eine Verbreitung von Atemwegserkrankungen erreicht, die es in den Vorjahren so nicht gegeben hat. Demnach verzeichnen sie auch mehr Todesfälle als von schweren Grippewellen für gewöhnlich bekannt.

Die aktuelle Übersterblichkeit geht vor allem auf Corona zurück

Die zunächst geleugnete und jetzt instrumentalisierte (und teilweise immer noch geleugnete) Übersterblichkeit zeigt einmal mehr: Querdenker:innen pfeifen auf wissenschaftliche Erkenntnisse und erst recht auf Konsistenz. Während einige weiterhin darauf beharren, dass es keine Übersterblichkeit gab, sind andere schon dabei, die Übersterblichkeit anzuerkennen. Zumindest ab dem Zeitpunkt, an dem die Impfung zugelassen wurde. Denn irgendwie müssen sie ihren wahnhaften Hass auf die Impfung ja belegen. Dass da nichts dran ist, macht ein Blick auf die Sterbefallzahlen der letzten Jahre und die verheerende Welle von Atemwegserkrankungen im Winter 2022/23 deutlich.

Es gab Perioden der Übersterblichkeit vor der Pandemie, es gab sie während und aufgrund der Pandemie und es wird sie auch „nach“ der Pandemie geben. Das ist der Lauf der Dinge. Übersterblichkeit jedoch als Beweis für eine vermeintlich gefährliche Impfung heranzuziehen, obwohl Atemwegserkrankungen en masse kursierten und Todesfälle in die Höhe trieben, kann wohl nur Querdenker:innen in den Sinn kommen. Und nochmal zu Erinnerung: „Querdenker“ lügen pausenlos, die Covid-19-Schutzimpung schützt vor dem Covid-Tod. Und hat Millionen Menschenleben gerettet.

Artikelbild: Dean Drobot, Screenshots