Die Querdenker-Radikalisierungen dokumentieren wir täglich, warum seid ihr überrascht?!

| DieInsider | 1. Dezember 2021

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Warum seid ihr überrascht?

Wir sind DieInsider und normalerweise wühlen wir uns durch Facebook-Gruppen, in denen ihr nicht sein wollt. Es wird meistens so getan, als wenn „das Internet“ keinen Einfluss auf das Leben da draußen hätte. Aber das ist Unsinn. Wir können uns da nur wiederholen. Die inzwischen durch und durch extremistische Gruppe der „Querdenker“ hat nicht nur große Überschneidungen mit der Neonazi-Szene um die AfD, sie ist inzwischen genau so radikal, demokratiefeindlich und gewaltbereit. Das ist nicht nur so gesagt, das dokumentieren wir fast täglich. Schaut es euch selbst an.

Warum tut ihr so überrascht? Es ist alles seit Monaten öffentlich. Seit Beginn der Pandemie gab es Bewegungen, die Verschwörungsglauben mit Hass auf die Regierung verbinden. Denen geht es nicht um Freiheit. Das verstehen aber Anheizer wie BILD und Co nicht. Sie sehen nicht – oder ignorieren es bewusst -, wie sehr die Radikalisierung seit Beginn im April 2020 voranschreitet. Es ist der gleiche Fehler wie bei Pegida: Man wollte diese irrationalen „Ängste“ ernst nehmen. Stattdessen hat man sie auf die Bühne gehoben und bekommt sie da jetzt nicht mehr runter. Auf unser aller Kosten! Bei Pegida war das easy: Rassismus finden auf Dauer immer weniger gut und haben sich dann distanziert, weil es zu offensichtlich war. Auch wenn es die rechtsextremistische AfD gestärkt hat. Aber bei Corona werden Fakten mit Verschwörungen und Desinformationen vermischt. Das macht es kompliziert, weil das nur mehr Verunsicherung streut. Da kommen viele nicht mehr raus.

Für unsere Berichterstattung wurden wir übrigens vor Kurzem bei Twitter gesperrt. Wir sollten einen Tweet löschen, in dem wir aus einer Facebook-Gruppe berichteten, wo der Impf-Pass mit der Kennung auf der KZ-Häftlingskleidung gleichgesetzt wurde. Also: Wir wurden von Twitter gesperrt, weil wir etwas gezeigt haben, das bei Facebook offenbar kein Problem darstellt.

Aber wir sind wieder da! Ohne den Tweet zu löschen.

Und wir sind so müde! Wir sind müde davon, dass Politik immer wieder überrascht ist und immer dann überrascht ist, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist! Seit 1,5 Jahren zeigen wir die Radikalisierung und den Zusammenhang von der Querdenken-Bewegung und der AfD.

Bereits zu Beginn der Pandemie, im April 2020, als Angela Merkel verdeutlichen wollte, wie lang die Bewältigung der Corona-Krise wohl dauern wird („Wir leben nicht in der Endphase der Pandemie, sondern immer noch an ihrem Anfang.“) zeigten sich Gruppen mit Namen wie „Corona-Rebellen“, „Corona-Pandemie fällt aus“ oder „Wir glauben nicht an die Coronalüge“, in denen sich bereits damals bis zu 35.000 Mitglieder tummelten. Deren Sprache unterschied sich nicht von den üblichen Hetz-Kommentaren zu Merkel und Co.

Hass gegen Merkel und Drosten

Als der anfangs deutschlandweit noch unbekannte, aber weltweit in seinem Spezialgebiet (SARS-Cov 2 oder dann Covid 19) anerkannte Virologe Prof. Christian Drosten in seinen Podcasts die Öffentlichkeit aufklärte, empfanden das nicht alle als Glücksfall. Im Gegenteil, so unterstellten ihm die Gruppen „Panikmache“ und wünschten ihm den Tod („Der müsste langsam mal gestorben werden“).

Der Hass auf Christian Drosten gipfelte in der Kampagne der BILD-Zeitung. Das Boulevard-Blatt setzte nur eine kurze Frist auf einige Fragen, worauf er legendäre antwortete:

Volksverpetzer hatte berichtet:

Keiner nimmt sie mehr ernst: BILD-Hetze gegen Drosten geht nach hinten los

Doch die Kampagne zeigte Wirkung und entfaltete nur mehr Hass und Aufrufe zu gezielten Shitstorms auf den öffentlichen Seiten, hier z.B. beim Spiegel. Wir sind immer noch im Frühjahr 2020, also einer Zeit, in der man dachte, wir hätten die Pandemie einigermaßen im Griff. Als sich jedoch abzeichnete, dass wir in einen Strudel geraten, dem wir mit weiteren Maßnahmen nicht so leicht entkommen können, schritt gleichermaßen die sektenartige Radikalisierung voran.

Jetzt können wir viele Tweets aus dem letzten oder aus diesem Jahr hervorkramen und hier darstellen, aber es ist uns nur eine Klarstellung wichtig. Diese Menschen sind nicht an einer Verbesserung der Situation interessiert sind, sondern im Gegenteil: Sie wollen es brennen sehen. Und das seit Beginn der Pandemie. Es ist alles dokumentiert, nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen Aktivist:innen, die von „Hygiene-Demos“ berichteten und sich dort beschimpfen und bedrohen lassen mussten und müssen.

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Anstatt nun aber diese Menschen, die an unserer Gesellschaft massiv rütteln und sich Gewalt herbeisehnen, aus dem Diskurs auszuschließen, wird ihnen immer wieder eine Bühne geboten. Uns folgen viele Politiker:innen auf Twitter und wir taggen jedes Mal einen der Partei-Accounts, in der Hoffnung, dass sie mitlesen und es herumspricht, was da in diesen Köpfen vorgeht.

Pustekuchen!

Nein, diesen Menschen muss man nicht zuhören

Stattdessen vertrat man viel zu lange die Meinung, diese Menschen in den Diskurs holen zu müssen. Nein, man muss deren Ansichten nicht in Talkshows, Interviews oder Artikeln in Medien als „Gegenpol“ hören. Diese False Balance war ein Pandemie-Treiber. Ebenso wie das Aufstacheln einiger Medien, vor allem aus dem Axel-Springer-Verlag und allen voran in der BILD-Zeitung! Sie schüren Zweifel, säen Misstrauen, alles unter dem Deckmantel der „Freiheit“. Sie nennen es #FreedomDay und fordern die völlig sinnlose Aufhebung der Maskenpflicht.

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Aber eine Freiheit ist keine Freiheit, wenn sie ständig unter dem Vorbehalt einer Pandemie steht, die Menschenleben nimmt, Krankenhäuser und medizinisches Personal überlastet, hohe wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Kosten fordert. Und das seit Monaten und immer wieder von Neuem.

Und nun? Haben wir Höchstzahlen und eine radikalisierte Minderheit, die in anderen Ländern bereits auf der Straße randaliert. Vielleicht können wir uns alle, die an der Überwindung dieser Krise interessiert sind, nochmal zusammenreißen. Schöner Nebeneffekt: Wir könnten diesen radikalisierten Demokratiefeinden zumindest in dieser Hinsicht den Boden abgraben.

Artikelbild: Georg Wendt/dpa

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