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Hat Greta wirklich diesen Witz über Andrew Tate getwittert?

von | Jan 20, 2023 | Faktencheck

Ich weiß, ich weiß. Die meisten von euch sind sicherlich versiert genug, sofort zu sehen, dass dieser Screenshot von Greta Thunberg, auf welchem sie sich über Andrew Tate lustig macht, nicht echt ist. Und ich gebe zu, er ist sehr witzig, ja. Angeblich soll sie getwittert haben: „Bewertet mein Andrew Tate-Kostüm!“

Doch nicht wenige Menschen achten nicht so sehr darauf, und halten es (nachvollziehbar) für etwas, das die Klimaaktivistin Greta Thunberg twittern würde, und teilen es, im Glauben, dass es echt sei. Wir bei Volksverpetzer checken natürlich den Wahrheitsgehalt, egal, wer es teilt. Und wir haben nicht wenige gesehen, die den Screenshot für echt halten. Also nutzen wir dieses lustige, harmlose Beispiel für eine kleine Lektion für verantwortungsbewusstes Teilen.

Denn ja, es passiert nichts schlimmes, wenn man den Screenshot für echt hält, aber wer vor Fake News gewappnet sein will, muss stets aufmerksam bleiben. Erst recht dann, wenn es witzig ist, wenn es das eigene Weltbild bestätigt und du der Meinung bist „es hätte wahr sein können“. Tatsächlich verbreiten sich genau so alle Fake News.

Zunächst: Ja, es wäre nicht untypisch für Greta

Falls du den Witz nicht verstehst, ein wenig Hintergrundgeschichte: Ende letzten Jahres wurde die Klimaaktivistin Greta Thunberg vom umstrittenen, misogynen Influencer Andrew Tate auf Twitter angepöbelt. Andrew Tate, der stolz auf seine frauenverachtenden Aussagen ist, wie dass Frauen das Eigentum des Mannes seien oder nicht Auto fahren könnten oder dass wer vergewaltigt worden sei, eine Mitverantwortung daran trage, wurde von Greta derart parodiert und blamiert, dass das ganze Internet darüber gesprochen hat.

Wer sie kennt: Greta zeigt auf Twitter regelmäßig ihre humoristische Seite. Die Geschichte nahm später noch mehr Fahrt auf, als der Frauenhasser Andrew Tate kurz darauf wegen Menschenhandels, Vergewaltigung und organisierter Kriminalität festgenommen. Die Luxusautos, mit denen er zuvor geprahlt hatte, wurden auch von den rumänischen Behörden beschlagnahmt.

Seinerzeit verbreitete sich auch die Geschichte, dass angeblich Greta indirekt zur Festnahme geführt haben, soll. Da die weit verbreitete Geschichte jedoch nicht der Wahrheit entspricht, hatten wir damals auch einen Faktencheck dazu gemacht. Denn nicht die Pizzakartons, in dem verzweifelten Versuch von Andrew Tate, auf Gretas Witz zu reagieren, führten die Ermittler auf seine Spur.

Dass sich Greta Thunberg also über Andrew Tate lustig macht – und über seine Festnahme – , ist alles andere als unwahrscheinlich. Im Gegenteil, sie hatte es schon mal gemacht:

„Hätte sein können“ ist keine Entschuldigung

Also ja, es ist witzig und „Hätte so sein können“ – aber hier müsst ihr höllisch aufpassen. „Hätte so sein können“ glauben nämlich auch Pandemie-Leugner und Faschisten, wenn sie ihre hasserfüllten Lügen verbreiten. Dass sich eine Meldung „richtig“ anfühlt, ist NICHT das entscheidende Indiz, etwas zu glauben. Das ist keine nebensächliche Feststellung. Genau das ist nämlich der Grund für ALLE Fake News.

Hier muss man beachten, dass viele Leute diese Dinge glauben, weil sie sich „richtig“ anfühlen. Rechtsextremisten und Rassisten teilen auch grässlichste Hetze und Lügen, oder „Querdenker“ völligen Unsinn über Corona oder Impfungen, weil sie meinen, dass es „ja hätte wahr sein können“ oder zumindest ausdrückt, was sie für die Wahrheit halten. Wer einmal anfängt, so mit der Wahrheit umzugehen, der landet bei Desinformation und Verschwörungsmythen.

Wie erkenne ich, dass es Fake ist?

Ganz wichtig ist daher nicht nur bei den Meldungen kritisch zu sein, die euch verdächtig vorkommen oder die nicht eurer Weltanschauung entsprechen. Dinge können auch wahr sein, selbst wenn du es nicht gerne hättest. Fake News würden sofort verschwinden, wenn wir bei allem kurz innehalten würden, was uns selbst bestätigt und eine Emotion auslöst, bevor wir es teilen. Also ja, auch wenn es witzig ist und auch zu Greta passen würde: Wie erkenne ich, ob es echt ist?

Geübte Augen sehen wohl bereits, dass das Bild merkwürdig ausgeschnitten ist. Ein Blick auf das Datum unten dürfte schon den entscheidenden Hinweis geben. Greta konnte sicherlich nicht zeitreisen und ihr Bild schon vor fast zwei Jahren twittern. Falls immer noch Zweifel bestehen: Du kannst auch auf ihr Twitter-Profil gehen und nachschauen, ob es den Tweet gibt. Tut er nicht.

Also hat Greta Andrew Tate schon wieder gedisst? Diesmal nicht. Es ist auch nachvollziehbar: Sie setzt sich in den letzten Tagen in Lützerath für viel wichtigere Dinge ein, als einen in Haft sitzenden Frauenhasser. Wenn sie so reagieren würde, könnte man meinen, sie nehme die kurzzeitige Festnahme, zur offiziellen Feststellung ihrer Identität nicht ernst. Und das führt zu anderen Fake News, die manche lieber wahr haben wollen, obwohl die Fakten, die Polizei und alle Beteiligten widersprechen: Dass sie von den anwesenden Fotografen fotografiert wurde, während die Polizeibeamten darauf warten mussten, sie in einen Transporter zu packen, ist kein Beleg dafür, dass die Polizei ihre kurzzeitige Festnahme nur „inszeniert“ habe, wie rechte Verschwörungsgläubige behaupten.

Klar könnt ihr das weiter teilen – als Witz

Wie gesagt, wahrscheinlich wusstet ihr, dass der Screenshot nicht echt ist – es ist für geübte Augen auch relativ offensichtlich. Und nein, ich sage jetzt nicht, dass ihr ihn nicht teilen dürft! Pflastert eure Timelines voll damit. Ein Witz muss nicht echt sein, um lustig zu sein. Und er ist ja auch sehr harmlos. Er bedient kein gefährliches Narrativ, das nicht der Realität entspricht.

Aber nicht jeder erkennt einen Fake, wenn er oder sie ihn sieht. Genau darum gibt es ja Fake News. Jeder von uns kann auf Fakes hereinfallen. Auch ich, passiert mir immer wieder. Wichtig ist, sorgsam zu prüfen, bevor man etwas teilt. Oder im Nachhinein transparent aufklären.

Deshalb macht vielleicht vorsichtshalber eine Anmerkung, wenn etwas missverständlich sein kann. Und bleibt immer kritisch und wachsam bei Fakes – besonders dann, wenn sie eine Emotion auslösen, und euch gut gefallen. Denn Desinformation hat sich fast nie anders verbreitet.

Artikelbild: MAURO UJETTO