3.430

Rechte blamieren sich, werfen Polizei „Inszenierung“ mit Greta vor

von | Jan 19, 2023 | Faktencheck

Bis gestern noch in Schutz genommen, wenden sich viele rechte Kommentator:innen plötzlich gegen die Polizei. Man bedankte sich bei den Beamt:innen für ihren Einsatz gegen die Klima-Aktivist:innen in Lützerath, aber seit gestern scheint das vergessen. Eine neue rechte Verschwörungserzählung spinnt die Polizeibeamt:innen plötzlich mit Greta Thunberg, Luisa Neubauer & Co. unter eine Decke. So soll die Polizei, die bei der Festnahme von Thunberg einfach nur auf einen Einsatzwagen wartete, plötzlich Teil einer „Inszenierung“ gewesen sein. Die Polizei wehrt sich gegen die Vorwürfe, sogar die BILD schreibt die Wahrheit und widerspricht. Die vielleicht peinlichste, rechte Verschwörungserzählung.

Polizei und BILD: „Es gab keine Inszenierung“

Wir kennen es inzwischen: Klima-Aktivist:innen protestieren gegen den Abriss des Dorfes Lützerath. Auch die weltbekannte Aktivistin Greta Thunberg war (mit dem Zug, sorry Shary) angereist. Sie hatte sich also am Dienstag mit einigen Aktivist:innen auf den Weg zum Tagebau gemacht, wo sie vor der Abbruchkante von der Polizei eingekesselt wurden. Die Eingekesselten saßen auf dem Boden und sangen. Nach drei Aufforderungen begann die Polizei mit der Räumung.

Zwei Polizisten brachten Greta, die keinen Widerstand leistete, zu einer Polizei-Wagenburg. Die teilweise von RWE gestellten Wagen waren allerdings schon voll mit anderen Aktivist:innen. Also mussten die Beamten mit Greta und noch anderen Aktivist:innen warten. Dann kam ein Bus, und dort ist die Polizei dann mit ihr hineingegangen. Überall waren Aktivist:innen und Reporter:innen, die darüber berichteten. Diesen Tathergang behaupte nicht ich, das hat ein sicherlich nicht der Sympathie mit Greta Thunberg verdächtiger BILD-Reporter exakt so beschrieben.

„Es gab diesen Stau vor dieser Stelle, wo die Leute ihre Personalien aufgeben mussten. Dadurch, dass jeder Greta Thunberg kennt, war das in diesem Fall halt nicht mehr nötig, man musste nur warten, dass man mit ihr weiter verfahren kann. Das war in den ersten Minuten ein wenig unklar, dann hat die Polizei sich aber orientiert und organisiert.“

Auch Polizei enttäuscht über rechtes Misstrauen ihnen gegenüber

Auch Christof Hüls, Pressesprecher der Polizei Aachen sagte:

„Es gab keine Inszenierung. Die Polizeibeamten haben da definitiv nicht posiert. Sie haben einen Einsatz abgearbeitet. Und im Rahmen dessen mussten sie warten.“

BILD

Falls jemand der BILD nicht glaubt (fair enough), die BBC berichtet das gleiche:

„Wir würden uns niemals dazu hergeben, solche Aufnahmen zu machen“, sagte ein Sprecher der örtlichen Polizei gegenüber der BBC und wies Behauptungen zurück, dass die Festnahme von Frau Thunberg gefälscht sei.

BBC

Correctiv hat weitere, unabhängige Statements gesammelt:

Die Polizei Aachen äußerte sich bereits zu der locker wirkenden Atmosphäre in dieser Situation: „Es gab aus dieser Gruppe keine Widerstandshandlungen, deswegen gab es auch für die Beamten vor Ort keinen Grund, härter durchzugreifen. Es gibt keinen Promi-Bonus, es gibt aber auch keine Promi-Ungleichbehandlung“, sagte ein Sprecher der Polizei Aachen zur Kölnischen Rundschau. Zur NZZ hieß es: ​​Wenn die Polizei von Fotografen gefragt werde, ob man ein Bild machen könne, dann lehne sie das nicht ab. „Wenn wir da ‚Nein‘ sagen würden, bekämen wir ganz andere Vorwürfe zu hören.“

Peinlich für die Teilzeit-Polizei-Supporter von Rechts! Wie Aluhut-affin muss man eigentlich sein, um zu glauben, dass die Polizei, die für heftige Polizeigewalt gegen die Aktivist:innen kritisiert wird, kurz darauf diesen Leuten helfen würde, schöne Bilder für die Presse zu machen? Und wie weltfremd muss man sein, um Aktivist:innen vorzuwerfen, Aufmerksamkeit der Presse zu wollen? Was meint ihr denn, was „Aktivismus“ ist und wozu die Aktionen da sind?

Extreme rechte, aber auch konservative, schießen eigentor

Der Vorwurf der Inszenierung führte schon zu einer Blamage für den Desinformationsverbreiter und Ex-Verkehrsminister Andreas Scheuer. Dieser warf zwei Tage vorher schon Luisa Neubauer Manipulation eines dpa-Fotos vor, mit dem sie nichts zu tun hatte. Wie auch andere Bilder zeigen und die dpa öffentlich klarstellte, kam die Ausleuchtung von der Polizei. Scheuer löschte seinen Fake bis heute nicht. Ironisch, da er sich im gleichen Atemzug bei der Polizei bedankte, aber ihr indirekt ebenfalls vorwarf, bei der Fake-„Inszenierung“ aktiv beteiligt gewesen zu sein.

Aber auch vor Greta Thunberg macht das realitätsferne Inszenierungs-Geraune nicht halt: So retweetete Jan Fleischhauer einen CDU-Politiker, dessen Video als Beleg für die Anti-Polizei-Verschwörungserzählung herhalten muss. Er behauptet, sein impliziter Inszenierungs-Vorwurf sei „Spaß“ gewesen. Doch statt diejenigen darauf hinzuweisen, die den Spaß nicht verstehen und für Unmissverständlichkeit zu sorgen, attackiert er vor allem diejenigen, die ihm die Verbreitung von Desinformation vorwerfen.

Auch t-online verbreitete zunächst den Fake einer „Inszenierung“, löschte den Tweet dazu dann jedoch und musste eine Richtigstellung veröffentlichen. Der korrigierte Artikel verbreitet aber weiterhin das Fake-Narrativ und hat eine irreführende Überschrift.

So sehen echte Inszenierungen von Festnahmen aus

Beispiele für wirkliche Inszenierungen von „Festnahmen“ liefern extreme Rechte gerne selbst. So 2018, als die rechtsextreme Identitäre Bewegung eine Vorlesung zum Thema Manipulation stürmte. Als der Dozent anbot, mit den Rechtsextremen auf der Bühne zu diskutieren, flohen sie schnell und führten sich für ihre eigenen Kameras selbst ab. Vermutlich wandert die Fantasie von Rechten deshalb schnell zu „Inszenierung“ – es ist das, was sie im Zweifel eben selbst machen.

Doch die Festnahme – keine Verhaftung, nur Festnahme, um Personalien aufzunehmen, Greta wurde danach wieder gehen gelassen – war ganz offensichtlich eine echte Festnahme, das leugnet ja auch kein Rechter (hoffe ich, sonst wär es noch viel peinlicher). Der Polizei vorzuwerfen, Klima-Aktivist:innen bei PR zu helfen, muss doch für jeden klar denkenden Menschen absurd sein. Und die offensichtliche Erklärung, dass die Beamten kurz warten mussten – und wie immer überall um Greta Journalisten sind, die sie dann auch fotografieren und mit ihr reden – ist jetzt nicht die große Enthüllung.

Wie sollte das aussehen? Eine der bekanntesten Personen der Welt ist bei einem Protest mit hunderten Journalist:innen und stellt gemeinsam mit den Beamten aus irgendeinem Grund eine Festnahme, während sie von zwei dutzend Fotografen gefilmt wird und erwartet, dass das keiner mitkriegt? Was habt ihr geraucht, Leute?

Polizei, BILD und Greta sagen das gleiche: Inszenierung inszeniert

Wenn also die Polizei mehrfach klarstellt, dass es keine „Inszenierung“ gab, Greta das sagt, verschiedene Journalisten, die vor Ort waren, das sagen und belegen können, sogar die BILD, die dabei war, die Wahrheit sagt und den rechten Vorwürfen widerspricht, muss man sich als jemand, der den Verdacht wegen eines aus dem Kontext gerissenen Videos verbreitet hat, ziemlich dumm vorkommen. Nicht selten kommen genau die mit diesem Vorwurf, die sonst immer die Polizei in Schutz nehmen. Warum untergrabt ihr das Vertrauen in die Polizei? Warum glaubt ihr denen nicht? Oder könnt ihr euch nicht vorstellen, dass man auch respektvoll und locker mit der Polizei umgehen kann, wenn man verhaftet wird? Die nächste Klage über (vermeintliche) Gewalt gegen die Polizei ist dann aber sehr unglaubwürdig.

Artikelbild: Federico Gambarini/dpa