Berlinale & Magnitz: So inszeniert die AfD Angriffe von „Linksextremen“

Hintergrund

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Die AfD will opfer werden

Das „Opfernarrativ“ ist äußerst mächtig, deshalb hat die AfD dieses inzwischen perfektioniert. Ein „Narrativ“ ist eine Erzählung über die Realität. Eine Brille, durch welche Ereignisse und auch die Geschichte nicht nur betrachtet, sondern auch erzählt werden. Narrative sind identitätsstiftend und bedienen, genau wie Filme oder Romane, Erzählelemente, um gewünschte Assoziationen zu erzeugen.

Das Opfernarrativ erzählt von einer Person oder einer Gruppe, die in der Vergangenheit und Gegenwart unterdrückt wird, ausgebeutet oder unfair behandelt. Es ist grundsätzlich neutral, denn die Unterdrückung der Frauen oder ethnischer Minderheiten bedient sich auch dieses starken Narrativs, um auf soziale Missstände aufmerksam zu machen. Das erzeugt Empathie und Empörung, weil es an den Gerechtigkeitssinn appelliert. Sinnvoll ist es aber nur, sofern es auf Tatsachen beruht.

Dieses Narrativ verwendet die AfD in verschiedenen Ausführungen. Das Land Deutschland, dass von EU und anderen Ländern unfair behandelt wird, „der Deutsche“, der vom Staat, Merkel, den Medien oder „den Ausländern“ missbraucht und ausgebeutet wird. Und natürlich auch die AfD, die von allen unfair behandelt wird, ganz besonders von den bösen „Linksextremen“.



Die Inszenierung des Angriff auf Magnitz

Wie in den meisten Geschichten braucht auch das „Opfernarrativ“ einen Bösewicht. Für die AfD war das in der Vergangenheit immer „der Flüchtling“. Doch die Flüchtlingszahlen gehen rapide zurück, die Kriminalität ist auf historischem Tiefststand, immer mehr Schutzsuchende arbeiten und integrieren sich. Das Märchen funktioniert nicht mehr. Und die Umfragewerte der AfD fallen deshalb immer weiter. Mehr dazu:

Greta, Chemnitz & Co: 6 Gründe, warum die AfD in der Krise steckt

Deswegen versucht die AfD jetzt, den „Bösewicht“ auszutauschen, was wir seit dem Angriff auf Magnitz deutlich beobachten können. Bis heute ist nicht aufgeklärt, wer Herrn Magnitz umgestoßen hat, die Täter sind nicht identifiziert. Das hindert die AfD nicht daran, ständig zu behaupten, es seien „Linksextreme“ gewesen. Es spielt auch keine Rolle für die AfD, denn sie hat den Fall maximal politisch ausgeschlachtet und inszeniert. Und massiv über den Verlauf gelogen:

Fall Magnitz: Helfender Handwerker widerspricht der AfD-Darstellung

Warum? Weil sie eine Geschichte erzählt, nämlich die der AfD als Opfer (der bösen „Linken“). Und die AfD weiß, dass gute Geschichten Action haben müssen, Dramatik und hohe Einsätze. Deswegen wurden aus dem einem Sprung/Tritt „Kanthölzer“ und ein „Mordversuch“. Es ist die bessere Story für das Opfernarrativ. Auch wenn es nicht der Realität entspricht. Die AfD braucht mehr davon, um ihr neues Narrativ besser zu „verkaufen“ und Stimmen zurück zu gewinnen.

Berlinale

Auch der vermeintliche Angriff auf vier AfDler vor der Berlinale gehört in das Schema. Die gemachten Videos der AfD (Hier und hier) lassen Zweifel an der Darstellung der AfD aufkommen. Sie behauptet, Vermummte seien gekommen, hätten auf sie eingeprügelt, mit Glasflaschen und einem harten Gegenstand. Es wird sogar wieder von einem „Mordversuch gesprochen (Quelle). Doch es gibt keine Zeugen, die Polizei berichtet bisher nur von zwei leichten Verletzungen (Quelle).

Aus den Erfahrungen um Magnitz sollten wir bei Darstellungen der AfD höchst skeptisch sein. Verdächtig sind die wechselnden Darstellungen in den Videos und der Tatsache, dass es sich dabei nicht nur um Handyvideos handelt, sondern die AfD sogar einen Kameramann dabei hatte. Ob es einen Angriff gab oder nicht: Die AfD hat den Vorfall wieder überdramatisiert und inszeniert. Alles für das Narrativ. Und die Medien haben es aufgegriffen, weil es eine gute Geschichte war (Quelle). Interessant dagegen, dass ein Angriff auf ein Wahlkampfbüro der Grünen vom gleichen Tag kaum berichtet wurde (Quelle).

Was war in Connewitz?

Nichts. Das ist ja das interessante. Diesmal geht es auch um einen ehemaligen AfD-Funktionär Poggenburg. Wie wir gestern schon berichtet haben (Hier), wollte er mit seiner neuen, rechtsextremen Partei AdP im linksalternativen Stadtteil Leipzig-Connewitz einen Stand aufstellen, um über die Gefahr der „Linksextremen“ her zuziehen. Warum ausgerechnet in einem Stadtteil, in dem die wenigsten dieses Narrativ glauben? Die Erklärung kommt gleich.

Die Stadt hatte den Standort nämlich nicht genehmigt und ihn verlegt, in einen anderen Stadtteil. Und plötzlich hatte die AdP kein Interesse mehr daran, den Stand zu organisieren. Sie ist den Auflagen nicht nachgekommen, sondern hat auf Twitter fälschlicherweise behauptet, ihr Stand sei „verboten“ worden, weil es in Connewitz angeblich zu gefährlich sei. Dabei ist das völliger Unsinn.

Beim Lügen erwischt: Poggenburg wird von Polizei auf Twitter bloßgestellt

Das macht alles nur Sinn, wenn der ganze Zweck der Veranstaltung es war, auch nur eine Person zu einem Angriff auf die Rechtsextremen zu provozieren. Egal was passiert wäre, sie hätten den „Beweis“ gehabt, wie „gefährlich“ die „Linken“ seien. Wieder eine Möglichkeit für das Opfernarrativ. Wieder Futter für die Medien. Doch weil das nichts wurde, wurde durch eine Lüge dennoch versucht, irgendwie „die Linken“ als gefährlich darzustellen.

Rechtsextreme opfern immer herum

Das ist nicht neu. Das haben bereits die Nationalsozialisten gemacht, die Deutschland als von den Alliierten ausgebeutet präsentierten und „die Juden“ als heimliche Drahtzieher der Finanzwelt usw. Die gleiche Geschichte. Wenn es Angriffe gibt, werden diese schamlos überdramatisiert und ausgeschmückt, wie im Fall Magnitz. Und wenn man fair behandelt wird, wird einfach glatt gelogen. So zum Beispiel die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“, die aus einer Vorlesung geworfen werden wollte. Und als das nicht geschah, machte sie das für die selbst mitgebrachten Kameras eben selbst.

Was für „Opfer“: „Identitäre Bewegung“ inszeniert eigenen „Rauswurf“

Man sollte die AfD nicht unfair behandeln. Und geschweige denn, gewalttätig angreifen. Aber die AfD ist Täter, nicht Opfer. Sie attackieren Minderheiten, initiieren Shitstorms, brechen mit Regeln des Anstands und der Wahrheit. Sie verharmlosen oder bewundern den Nationalsozialismus (Mehr dazu). Ihre Anhänger formulieren Gewalt- und Mordfantasien und leben offen ihren Hass aus.

Toleranz hat ihre Grenzen, und die AfD überschreitet mit Lügen und Intoleranz diese Grenzen, deshalb dürfen die erodierenden Taten und Worte der Rechtsextremen nicht toleriert werden. Die faschistischen Tendenzen der AfD müssen mit Verachtung und Ausgrenzung bestraft werden. Ihre Opfer-Darstellungen sind beabsichtigt, übertrieben und oft falsch. Wir müssen diese Lügen anprangern, aber ihnen nicht Fälle geben, in denen ihre Opferdarstellung gerechtfertigt wäre. Ist sie nämlich nicht.

Artikelbild: Screenshot facebook.com

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