Deutliche Übersterblichkeit, sinkende Lebenserwartung: Schwedens Weg funktioniert einfach nicht

| Hintergrund | 20. Dezember 2020

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Schwedens Weg funktioniert immer noch nicht

Gastbeitrag von Laurin U.

Als nahezu einziges Land verzichtete Schweden bis vor kurzem größtenteils auf Vorschriften zur Bekämpfung der Coronapandemie und hoffte stattdessen darauf, dass sich die Bürger:innen freiwillig einschränken würden. Nun kehrt die schwedische Regierung endgültig von diesem Sonderweg ab. Stark ansteigende Infizierten- und Todeszahlen bedingten dies. Warum der schwedische Sonderweg gescheitert ist:

Tödlichster November in Schweden seit der Spanischen Grippe – Im Vergleich zu den Vorjahren Anstieg von über zehn Prozent

Laut Zahlen von Statistics Sweden (Quelle) verstarben diesen November 8.160 Menschen in Schweden. Dies sind mehr als 10 % des Durchschnittswert der letzten Jahre. Im November verstarben 2015-2019 durchschnittlich nur 7.383 Personen. Mehr als 8.160 Menschen starben in einem November zuletzt 1918, als Schweden von der spanischen Grippe heimgesucht wurde. Aber nicht nur im November dieses Jahres gab es in Schweden eine deutliche Übersterblichkeit. Auf das gesamte bisherige Jahr 2020 gesehen starben in Schweden bisher über 5,5 Prozent mehr Menschen als durchschnittlich in den Vergleichsjahren 2015-2019.

Während in den Vergleichsjahren in der Periode von Januar bis November durchschnittlich 82.652 Menschen starben, waren es in diesem Jahr 87.511 (Quelle). Es ist davon auszugehen, dass die Übersterblichkeit bis zum Ende dieses Jahres noch weiter ansteigen wird, da die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus in Schweden bisher noch nicht zurückgegangen sind.

Seit 1944 ist die Lebenserwartung in Schweden nicht mehr so stark gesunken wie dieses Jahr.

Laut SCB ist für diesen Rückgang der Lebenserwartung hauptsächlich das Coronavirus verantwortlich. Schätzungen gehen davon aus, dass die Lebenserwartung von Männern um ein halbes Jahr sinken wird. Bei Frauen wird von einem Rückgang von 0,3 Jahren ausgegangen (Quelle). Seit 1944 ist die Lebenserwartung in Schweden nicht mehr so stark zurückgegangen. In Schwedens Krankenhäusern spitzt sich die Situation immer weiter zu. Mittlerweile sind im Raum Stockholm alle bzw. 99 % aller Intensivbetten belegt (Quelle).

In Schweden mangelt es zusätzlich auch an qualifizierten Pflegekräften. Während der Pandemie hat sich diese Situation noch einmal verschärft. Berichten zufolge sollen zum Beispiel 37 von 50 der Krankenschwestern eines Krankenhauses in Stockholm während der Pandemie aufgrund von Überlastung gekündigt haben (Quelle). Aber nicht nur Stockholm ist betroffen. Laut dem dafür zuständigen Verband haben schwedenweit alleine in den ersten zehn Monaten dieses Jahres über 3.000 Krankenpfleger:innen ihren Job gekündigt (Quelle).

Mittlerweile gibt es in nahezu jedem schwedischen Krankhaus momentan einem Mangel an Pflegefachkräften, welche Patient:innen betreuen können (Quelle). Im ersten Halbjahr war das Coronavirus in Schweden zudem, nach Herz- und Kreislauferkrankungen sowie Tumoren, die dritthäufigste Todesursache (Quelle).

Nachbarländer zeigen Schweden, was möglich gewesen wäre.

Finnland und Norwegen haben jeweils ungefähr 5,4 Millionen Einwohner, das sind ungefähr die Hälfte von den 10,23 Millionen Einwohner:innen, die Schweden hat. Während in Schweden aber mittlerweile über 7.900 Opfer durch das Coronavirus zu beklagen hat, sind es in den Nachbarländern lediglich 484 bzw. 404 (Stand: 19.12.2020). Interessant dabei ist, dass Schweden auch im Vergleich zu dem mehr als zehnmal so dicht besiedelten Deutschland schlecht abschneidet.

In Deutschland sind bisher etwas mehr als 25.750 Menschen in Zusammenhang mit dem Coronavirus verstorben, das sind zwar absolut mehr als dreimal so viele wie in Schweden, allerdings hat Deutschland eine mehr als achtmal so große Bevölkerung. Die relative Todeszahl ist in Schweden also viel höher. Finnland ist bisher ohne zweiten Lockdown ausgekommen. In Norwegen gelten momentan nur in Oslo strenge Beschränkungen.

Der wirtschaftliche Erfolg von Schwedens Sonderweg ist mehr als fraglich.

Aktuelle rechnen Expert:innen damit, dass Schwedens reales BIP in diesem Jahr um 4,72 Prozent sinken wird (Quelle). Für Schwedens Nachbarland Finnland gehen Schätzungen momentan von einem Rückgang um 3,98 Prozent aus (Quelle). Für Norwegen wird davon ausgegangen, dass das reale BIP um lediglich 2,83 Prozent sinken wird (Quelle). Zur Erinnerung: diese zwei Länder sind im Frühjahr beide in einen Lockdown gegangen, Schweden nicht.

Trotzdem wird momentan davon ausgegangen, dass in beiden Länder die Wirtschaft weniger stark schrumpfen wird als in Schweden. Hier haben wir schon erklärt, warum harte Maßnahmen sogar besser für die Wirtschaft sein können. (mehr dazu).

Coronomics: Warum die harten Corona-Maßnahmen unsere Wirtschaft schützen

Für Deutschland geht das Ifo Institut momentan von einem Rückgang des BIPs um 5,1 % aus. Das sind nicht einmal 0,5 Prozentpunkte mehr als in Schweden (Quelle). Erst Anfang nächsten Jahres wird sich endgültig zeigen, welche Länder wirtschaftlich gesehen am besten durch das Corona-Jahr 2020 gekommen ist.

Schwedens Sonderweg soll angeblich die Akzeptanz in der Bevölkerung steigern Umfragen sprechen dagegen.

Immer wieder wird dieses Argument bemüht, dass man auf die Freiwilligkeit der Bürger:innen setzen müsse, um die Pandemie einzudämmen, denn nur so soll angeblich der Rückhalt für die Maßnahmen innerhalb der Bevölkerung hochgehalten werden. Aktuelle Umfragen zeigen aber, dass in Schweden momentan nur noch 42 Prozent der Bevölkerung glauben, dass ihre Regierung in der Lage ist, die Pandemie akkurat zu bekämpfen (Quelle). In Deutschland dagegen zeigen die letzten Umfragen, dass mehr als 2/3 der Bevölkerung die momentanen Schritte zur Pandemiebekämpfung als angemessen empfinden.

Die Zustimmung zu den Maßnahmen in Deutschland ist im Vergleich zu den beiden Vormonaten Oktober und November sogar noch einmal angestiegen (Quelle). In Deutschland ist die Zustimmung für die beiden Regierungsparteien CDU/CSU und SPD in Deutschland seit Beginn dieses Jahres um mehr als 12 % gestiegen (Quelle). Dies zeigt, dass die Wähler:innen in Deutschland grundsätzlich zufrieden mit der Coronapolitik der deutschen Regierung sind. Zusammen hätten CDU/CSU und SPD mittlerweile wieder sogar eine absolute Mehrheit. In Schweden wiederum haben die beiden Regierungsparteien seit Anfang dieses Jahres dagegen zusammen um nicht einmal zwei Prozent zugelegt (Quelle).

Sogar Schwedens König Carl XVI Gustav kritisiert die Coronapolitik seines Landes deutlich.

Im schwedischen Fernsehen sagte er, dass Schweden im Kampf gegen die Pandemie gescheitert sei (Quelle). Vor wenigen Wochen hat die schwedische Regierung ihren Kurs deshalb erstmal korrigiert. Dazu haben wir hier schon einen Artikel geschrieben (mehr dazu).

Schwedens Sonderweg gescheitert: Grünes Licht für lokale Lockdowns

Mittlerweile sind die Vorschriften noch einmal verschärft worden und in der Öffentlichkeit dürfen sich nur noch maximal acht Personen gemeinsam treffen. Zuvor durften sich noch, je nach Anlass, 50 bis 300 Personen treffen (Quelle).

In Restaurants dürfen sich mittlerweile nur noch 4 Leute gemeinsam treffen. Erstmals seit Beginn der Pandemie spricht Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven eine Empfehlung für das Tragen von Masken aus, zumindest in öffentlichen Verkehrsmitteln. Dass Alltagsmasken helfen, haben wir hier genauer erklärt (mehr dazu).

Sorry, Pandemie-Leugner: Alle Experten sagen, Masken wirken (Bhakdi ist keiner)

Außerdem bleiben bis mindestens zum 24.01.2021 in Schweden Museen, Bibliotheken, Schwimmbäder und andere nicht notwendige öffentliche Behörden geschlossen. Der Schulunterricht an weiterführenden Schulen in Schweden findet in diesem Zeitraum nur online statt (Quelle).

Autor: Laurin U. Artikelbild: OPOLJA

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