WELT-Herausgeber zerstört versehentlich E-Fuels beim Verbreiten eines Klima-Fakes

| Umwelt/Klima | 1. Juli 2022

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Peinlicher Klima-Fake zerstört aus Versehen E-Fuels Technologie für PKW

Klima-Leugnen geht nach hinten los

Stefan Aust ist Herausgeber der Axel-Springer-Tageszeitung WELT. Er leugnet den wissenschaftlichen Konsens des menschengemachten Klimawandels, sogar sehr ähnlich wie die AfD (Quelle). Man merkt: Die Führung von der WELT macht sich die Realität halt gerne, wie es ihnen gefällt. Wissenschaft und Forschung nervt da sicher manchmal nur. Das macht die WELT auch zum aktuell reichweitenstärksten Verbreiter von Desinformation zu Wissenschaftsthemen. Mehr dazu:

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WELT lässt Klimakrise-Leugner Fake News unwidersprochen verbreiten – Faktencheck

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Wie hältst du es mit den E-Fuels?

Ein paar Ideolog:innen aus der FDP und andere Rechtskonservative wollen den Verbrennungsmotor unbedingt bewahren. Beziehungsweise auch dessen Neuzulassung in der EU nach 2035. Dabei setzen sie auf sogenannte “E-Fuels”, also künstliche Kraftstoffe, welche “im Idealfall” aus erneuerbaren Energien und Luft hergestellt werden. Das ist natürlich auch sehr spannend für die Ölindustrie, denn primär könnten E-Fuels erst einmal als Beimischung zu bestehenden fossilen Brennstoffen genutzt werden, der Rubel rollt dann fürs Erste weiter. Doch diese E-Fuels für PKWs werden immer wieder stark als “Luftschloss” kritisiert. Und Stefan Aust von der WELT gibt in einem kürzlich erschienen Artikel dieser Kritik jetzt aus Versehen Recht.

Sogar FDP-Spitzenpolitiker Thomas Kemmerich (ihr wisst schon, der von Höcke zum Ministerpräsident in Thüringen gewählt wurde) teilt nun den Artikel von Stefan Aust, in dem dieser E-Fuels aus Versehen komplett zerstört.

Die Manipulation über „Primärenergiebedarf“

In diesem Artikel fällt oft das Wort “Primärenergiebedarf”. Aust behauptet, dass wir unsere aktuellen Primärenergiebedarf (, also auch die Energie, die beispielsweise als Wärme verloren geht) mit Windkraft nicht decken können. Also Aust sagt: So viele Windräder könnten wir gar nicht bauen, wie wir in Primärenergie brauchen und deswegen kann die Energiewende nicht funktionieren. Das ist aber argumentativ ein perfider Trick und eine Täuschung und das gleich aus mehreren Gründen. Den wichtigsten gleich vorab, weil er so simpel ist: Aust hat irgendwie „vergessen“, dass es auch Solarzellen und Solarenergie gibt. Ihr wisst schon, wir müssen nicht nur Windräder bauen, wir können auch andere, klimaneutrale Energieträger nutzen. Durch das absurde Weglassen täuscht Aust bereits. Fun fact: Aust wird vorgeworfen, nur deshalb kein Fan von Windrädern zu sein, weil Windkraftanlagen Austs eigene Pferdezucht bedroht hätten und er einfach eine persönliche Abneigung hat (Quelle). Warum schreiben eigentlich so wenig Experten bei WELT? Anderes Thema…

Aber nicht nur das: Ein weiterer Trick ist das Reden über den „Primärenergiebedarf“: Darin enthalten ist nämlich nicht nur unser Stromverbrauch, sondern eben auch der Energiebedarf aus Heizen und Verbrennungsmotoren. Und alle Energie, die in thermischen Kraftwerken verloren geht. Kohlekraftwerke haben einen Wirkungsgrad von 30 bis 40 Prozent, das heißt 60 % gehen in den Wasserdampf, der aus Kühltürmen austritt. Moderne Gaskraftwerke schaffen mit Kraft-Wärme-Kopplung etwas mehr, aber ein riesiger Teil geht bei all diesen Dingern immer in Dampf auf, auch bei Kernkraft. Primärenergie ist also etwas völlig anderes als die Nutzenergie, die am Ende beim Verbraucher ankommt.

Also: Weil wir aktuell mit ineffizienten, fossilen Brennstoffen arbeiten, ist dieser Primärenergiebedarf recht hoch. Wenn wir Erneuerbare Energien nutzen, brauchen wir insgesamt viel weniger „Primärenergie“, weil prozentual mehr davon beim Endverbraucher ankommt. Austs „Denkfehler“ – oder bewusste Täuschung – ist also: Wir müssen gar nicht so viel „Primärenergie“ über Windräder produzieren, wie er behauptet. Ironischerweise wird natürlich jetzt diese Ineffizienz ausgerechnet von Liebhaber:innen der fossilen Brennstoffe genutzt, um Stimmung gegen Erneuerbare zu machen. Ihr erklärt doch gerade selbst, warum Fossile im Nachteil sind! Warum das Blödsinn ist, erklären wir hier.

100% Erneuerbare – das geht! Klimaschutzverzögerer-Trick widerlegt (Video mit Graslutscher)

Verbrenner sind enorm ineffizient – E-Autos kommen mit der gleichen Energie 3 mal so weit

Das gleiche gilt für Verbrennungsmotoren. Ein Verbrennungsmotor wandelt nur einen Teil der Energie tatsächlich in Bewegung um, der Großteil verpufft als Wärme. E-Motoren sind da viel effizienter. Beispiel PKW: Ein deutscher Diesel verfährt im Schnitt ca. 70 kWh Energie auf 100 Kilometern (Daten, mehr dazu). Lade ich dieselbe Energiemenge in ein Tesla Model 3, fährt dieses damit 364 Kilometer. Das ist drei mal weiter – mit der gleichen Energiemenge!

Und dazu kommt, dass E-Fuels eben auch noch extrem ineffizient hergestellt werden müssen. Dort kommt es also zu zusätzlichen Verlusten. CO2 muss zunächst mühsam aus der Atmosphäre gefiltert werden. Wasserstoff muss mit Elektrolyse hergestellt werden. Und dann werden daraus E-Fuels. Das kostet mit Direct Air Capture aktuell 10 € pro Liter (Quelle). Vor Steuern, versteht sich. Wer sich über derzeitige Spritpreise aufregt, wird mit E-Fuels wirklich nicht glücklich.

Für extrem teure E-Fuels würden wir also unterm Strich mehr Primärenergie benötigen, als wir aktuell brauchen. Für E-Autos würden wir deutlich weniger Primärenergie benötigen als aktuell. Das gleiche gilt fürs Heizen: Eine (elektrisch betriebene) Wärmepumpe verbraucht viel weniger Primärenergie als eine Gasheizung (Faktor 3-5). Wenn wir alles elektrifizieren (und vermehrt auf Erneuerbare setzen), sinkt unser Primärenergiebedarf also.

Zu wenig Fläche für Windenergie – wenn wir Energie verbrennen

Stefan Aust ist also sooo kurz davor das zu verstehen (wenn er denn wollte). So sagt er im Interview mit seiner eigenen Zeitung (weird flex): “In Deutschland gibt es knapp 30.000 Windräder, die insgesamt gut drei Prozent der Primärenergie liefern. Wollten wir 30 Prozent der Primärenergie durch Windräder produzieren, brauchten wir also 300.000 Windräder.” Erstmal ist es natürlich so, dass wir bereits 16% des Primärenergiebedarfs durch Erneuerbare decken (Quelle), hier täuscht er wieder. Die Zahl von Aust ist also schonmal mindestens irreführend (mehr dazu).

Was aber klar ist: Stefan Aust versteht sogar, dass wir unseren Energiebedarf senken müssen, um komplett alles mit erneuerbarer Energie zu betreiben. Das funktioniert, wie oben gezeigt, viel besser mit E-Autos als mit E-Fuels, die den Energiebedarf sogar noch steigern. Es ist, wie Aust vollkommen richtig sagt, völliger Blödsinn, unseren aktuellen Primärenergiebedarf mit Windkraft decken zu wollen. Was übrigens auch niemand vorhat, außer die Strohmänner von Aust. Nein, unser Energiebedarf muss sinken – durch Elektrifizierung. Nur zum letzten Schritt ist Herr Aust offenbar nicht willig

Selbst wenn wir fossile Energieträger komplett durch Strom aus erneuerbaren Energien ersetzen, könnten wir durch die Effizienzgewinne hier extrem viel Energie sparen. Unser aktueller Strombedarf würde zwar steigen, aber nicht gerade um sehr viel – Energie könnten wir aber unter Strich einsparen. Dann würde das aktuelle Ziel der Bundesregierung, Windenergie auf 2% der Landesfläche auszubauen, ziemlich gut ausreichen. Dann brauchen wir auch keine 300.000 Windräder. Denn nicht nur der Ausbau bringt uns mehr Energie, an vielen Orten sind noch alte Windräder verbaut, die um Welten weniger Energie einbringen, als die neueste Generation. Sogenanntes Repowering bringt dann auf bestehenden Flächen nochmal mehr Leistung (auf alle Anlagen bezogen ist es etwa eine Vervierfachung, mehr dazu).

Ähnliches Beispiel: Niemand würde vorschlagen, alte Ölheizungen mit teuren E-Fuels zu weiter zu betreiben. Nein, wir steigen einfach um auf Wärmepumpen, die zigfach effizienter sind und viel weniger Strom verbrauchen als E-Fuels.

E-Fuels für PKW sind unwirtschaftlich, teuer und umständlich

Man wird E-Fuels schon brauchen. Für Flugzeuge zum Beispiel. Aber allein die Luftfahrtbranche mit genug E-Fuels auszustatten wird sehr schwer werden (Quelle). Einfach weil unfassbare Mengen Energie dafür notwendig sein werden. Nur sind bei Flugzeugen die E-Fuels bisher die einzige mittelfristige Technologie, um dort klimaneutral zu werden. Es ist also Irrsinn, den Flugzeugen die E-Fuels wegzunehmen, um damit PKW zu tanken. Wenn wir auch einfach auf (die energieeffizienteren) E-Autos setzen könnten. Sie sind nicht nur sinnvoller, sie sind einfacher, energiesparender und wirtschaftlicher, da billiger.

Vor E-Fuels selbst habe ich keine Angst. Eine 100% Beimischungsquote für PKW wäre der schnellste Weg, den Verbrennungsmotor wirtschaftlich zu zerstören, den man sich vorstellen kann. Denn es gibt schlicht nicht genug Energie, um die E-Fuels dafür herzustellen, der Preis würde noch weit über die aktuellen 10€ steigen. Wir tanken unsere Autos ja auch nicht mit Rosenöl oder so etwas. E-Fuels werden deshalb eine Randerscheinung für Porsche-Fahrer bleiben, die sich den sündhaft teuren Sprit auch leisten können.

WELT zerstört ihre eigenen argumentationen anderswo

Wenn Aust also irreführend Unfug über die Energiewende und Primärenergie redet, um Windräder schlecht zu reden, spricht er versehentlich ein wichtiges Thema und Problematik an, das mit der gleichen Argumentation die *andere* Debatte, die die Ideologie-Aktivisten von WELT in Sachen E-Fuels und Verbrenner komplett einreißt. Während ein Poschardt für Interaktionen ein ideologisches Loblied auf die wirtschaftlich und wissenschaftlichen Auslaufmodelle der Verbrenner singt, um die Energiewende zu bremsen, erklärt Herausgeber Aust versehentlich durch Desinformation gegen Windräder den Grund, warum E-Fuels (und damit Verbrenner) eigentlich maximal ineffizient, teuer und unwirtschaftlich sind.

Aber am Ende des Tages führen solche dummen Debatten nur zu weiteren Verzögerungen, bis man jedem “Herausgeber” von Deutschlands reichweitenstärksten Zeitungen oder auch dem Parteichef von so mancher Ideologiepartei mal wie einem Zwölfjährigen erklärt, dass seine kindlichen Tagträume nun mal nicht realistisch sind.

Artikelbild: Screenshots

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