Broder: Die Weidel-Umarmung war ein Fehler, mit der AfD reden nicht

Kommentar

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Darf man mit Schmuddelkindern reden?

Man muss es sogar! Hendryk M. Broder war schon immer ein streitsüchtiger und polarisierender Autor. Ich habe ihn mal geschätzt, ja fast geliebt. Habe ihm jeden Freitag bei RadioEins an den Lippen gehangen, dem klugen, alten bösen, jüdischen Mann.

Dann begann er in rechtspopulistische Gefilde abzurutschen, leugnet den menschengemachten Klimawandel gegen alle Wissenschaft, obwohl er Wetter und Klima nicht mal auseinander halten kann.
Und nun, nun lässt er sich von Alice Weidel umarmen und redet vor der AfD.



Der Tiefpunkt unserer Beziehung? Jain!

Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren habe ich seine Rede gelesen und auch wenn ich nicht seiner Meinung bin – in vielen Dingen! – so hat er der AfD doch in vielem einen Spiegel vorgehalten. Er hat über die „political correctness“ geredet. „Man legt die Füße nicht auf den Tisch, man rülpst nicht beim Essen, und man nennt die zwölf schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte nicht einen ‚Vogelschiss'“. Richtig!

„Das ist nicht nur aus der Sicht der Nazi-Opfer – der Juden, der Zigeuner, der Homosexuellen, der Widerstandskämpfer, der Deserteure – eine schwere Sünde. Es muss auch ein No-Go für jeden Deutschen sein, der kein Jude, kein Zigeuner, nicht schwul ist und keine Angehörigen hat, die von den Nazis verfolgt wurden.“

Er hat sich nicht gescheut, auszusprechen, für was er die AfD hält. Und das direkt ins Gesicht..

„Ein Besuch bei Ihnen stand nicht auf meiner Liste, ich habe die Einladung trotzdem gerne angenommen, wann bekommt ein Jude schon die Gelegenheit, in einem Raum voller Nazis, Neo-Nazis, Krypto-Nazis und Para-Nazis aufzutreten?“

Nachtrag/Anm. d. Red.: Broder scheint diesen Satz jedoch ironisch gemeint zu haben, die AfD-Mitglieder lachten und applaudierten dem Satz.

Vielleicht ist Broder sogar der richtige, mit der AfD zu reden

Bevor man sich über den Besuch Broders bei der AfD aufregt, sollte man sich darüber einigen, ob es nicht genau das ist, was man tun sollte. Und zwar miteinander reden, statt übereinander. Und vielleicht ist der Jude Broder für diesen Dialog gar nicht so die falsche Wahl. Denn er ist selber in einigen Dingen Populist, Leugner und rechtslastiger Grantler.

Aber er ist auch Demokrat und das kann ihm niemand absprechen. Er wird deshalb vielleicht gerade deswegen gehört, in dieser aufgeheizten Stimmung der unüberbrückbaren Differenzen. Ein Paria auf beiden Seiten. Und dafür vielleicht echt die richtige Wahl, oder wie er in seiner Rede sagte:

„Hinzu kommt noch: Ich mache nur das, was uns allen der Bundespräsident vor Kurzem geraten hat. Wir sollten aufeinander zugehen, uns besser kennenlernen, uns miteinander unterhalten, um den Zusammenhalt dieser Gesellschaft zu stärken.“

Der „Brückenbauer“?

Ich will hier gar nicht auf seine fragwürdigen Thesen zum Klimawandel und die unsägliche Debatte über Greta Thunberg eingehen (Mehr dazu) und über seine Theorien zum “Genderwahn“ in Schutz nehmen. Aber er hat sich in einer Sache ganz klar auf eine Seite geschlagen. Auf die Seite der Demokratie. Und in der müssen wir unterschiedliche Meinungen aushalten, solange diese den Boden des Grundgesetzes nicht verlassen.

„Ich bin ein Brückenbauer, ein Versöhner, ich trete für eine bunte, offene und tolerante Gesellschaft ein, in der niemand ausgegrenzt wird. Ich beurteile die Menschen in meiner Umgebung nicht nach Herkunft, Hautfarbe oder Religion, sondern danach, ob sie – grob gesprochen – auch andere Meinungen als die eigenen gelten lassen.“

Allerdings: Dieser Raum des Sagbaren und Machbaren unterliegt einem ständigen Wandel. Ich halte es für gut und richtig, dass Homosexualität entkriminalisiert und Vergewaltigung in der Ehe von einem Privileg des Ehemannes zu einer Straftat degradiert wurde. Ich halte es für gut und richtig, dass Kinderehen verboten bleiben, ohne Rücksicht auf den kulturellen Hintergrund der beteiligten Familien. Und ich bin für eine Verschärfung des Tatbestands „Kindesmissbrauch“, um auch solche Fälle verfolgen zu können wie den der bereits erwähnten Greta aus Schweden, die von den Klimarettern zur Ikone ihrer Bewegung erkoren wurde.“

Broder hält die umarmung selbst für einen fehler

Und was diese Umarmung betrifft, hat er selber eine sehr eigene Meinung dazu und eine Entschuldigung:

„Vor meiner Rede ist ein Foto entstanden, auf dem zu sehen ist, wie Alice Weidel, Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, mich umarmt. Dieses Bild ist von der AfD in den sozialen Medien verbreitet worden. Es wäre richtig gewesen, sich der Umarmung zu entziehen. Als Journalist sollte man auf Distanz zu Politikern und Politikerinnen achten. Es gibt freilich keinen Grund, aus dieser Umarmung weiter gehende Schlüsse zu ziehen. Ich bitte um Entschuldigung und gelobe, bei der nächsten Gelegenheit vorsichtiger zu sein.“

Also, wenn ich nach der Rede, die ich im Wortlaut gelesen habe, ein klein wenig näher zurück zu Broder gekommen bin, dann deshalb, weil er etwas Kluges getan hat. Er hat mit den „Nazis, Neo-Nazis, Krypto-Nazis und Para-Nazis “ gesprochen. Und zwar ohne ihnen nachzugeben.

Vielleicht sollte man die Entrüstung warten lassen, bis man Kontext und Redebeitrag kennt. Auch ich war ob des Fotos erst maßlos erbost und ein „Wie tief kann er noch sinken“ entrang sich meiner Seele. Nun mit Hintergrund bin ich gnädiger. Das Foto war ein Fehler, die Einladung der AfD anzunehmen und mit ihr zu reden mit Sicherheit nicht.

Aber: Dennoch Kritikwürdig

Allerdings bestärkt er die AfD in ihrem falschen Opfermythos und bestätigt sie in der „Ungerechtigkeit“, die man ihr angeblich antut.

„Ich bin hier aus zwei Gründen. Erstens bin ich für Fair Play. Und der Umgang mit Ihrer Partei ist alles andere als fair. Als Ihr Bremer Kollege Magnitz niedergeschlagen wurde – weiß jemand, wie weit die Suche nach den Tätern inzwischen ist? –, haben zwar alle die Tat verurteilt, in manchen der Distanzierungen wurde aber auch darauf hingewiesen, dass diejenigen, die Wind säen, damit rechnen müssen, Sturm zu ernten. Wie Frauen, die eine gewisse Mitschuld haben, wenn sie sexuell belästigt werden, weil sie zu kurze Röcke tragen.“

Das ist faktisch und sachlich falsch, denn die AfD hat den Angriff eindeutig falsch und verzerrt dargestellt und sich ausschließlich als Opfer zelebriert (Mehr dazu). Was natürlich angesichts der Hetze dieser Partei völlig geheuchelt ist. Aber vielleicht ist das genau einer der Gründe, warum er die AfD erreichen kann.

Hier seine Rede im Gesamttext nachzulesen.

Zum Thema: Wie die AfD Broder mit dem Foto instrumentalisiert hat

Wieder mit gestelltem Foto: Wie die AfD Broder instrumentalisiert

Artikelbild: Screenshot Alice Weidel, Bildzitat

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