Rassismus in Deutschland: Ich schäme mich, weiß zu sein

| Kommentar | 1. Juni 2020

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Nachtrag 2.6.:

Aufgrund von Verwirrung zum Titel möchte ich mich vorab erklären: Ich bin Tierärztin, keine Journalistin und deshalb vielleicht nicht so pointiert, wie ich es gerne hätte. Das hier ist natürlich auch ein Artikel über meine Gefühle, aber hat nie den Zweck, diese in den Vordergrund zu stellen. Denn es geht nicht um meine Gefühle, das habe ich aber ständig versucht, zu erklären. Es ist ein Aufruf an andere Weiße, sich ihrer Privilegien bewusst zu werden und Solidarität zu zeigen. Ich leide nicht unter Rassismus. Zu begreifen, wie privilegiert man ist und wie schlecht es anderen geht ist kein schönes Gefühl, das ich meinen weißen Mitmenschen beschreiben wollte, in der Hoffnung, dass sie es verstehen.

Meine Teamkolleg*innen haben bereits mehrfach Betroffene zum Thema (Hier und hier) zu Wort kommen lassen, eben weil uns die Perspektive und Stimme der Betroffenen sehr wichtig ist. Ich wollte nicht sagen, dass man sich zu schämen hat, wenn man weiß ist. Sondern mein Gefühl zu beschreiben, dass mich aufhorchen lässt. Das mich nicht weghören oder weggucken lässt, wenn ich Rassismus sehe. Das nicht zulässt, dass ich schweige, weil das ja ” nicht so gemeint” oder “Der Typ doch nur besoffen!” ist.

Es ist ein Aufruf zur Solidarität und Selbstreflexion über die Beschreibung meiner eigenen Erlebnisse. Ich schäme mich meiner Hautfarbe nicht, aber ich schäme mich für den Rassismus und die Verbrechen, die im Namen meiner Hautfarbe begangen werden. Und dieser Text war der Versuch, das anderen Menschen zu erklären.

Ich will mich nie wieder schämen müssen!

Der Mord an George Floyd hat mich sprachlos gemacht. Traurig, fassungslos und unfassbar wütend. Ich saß also in meinem weißen, privilegierten Haus mit meiner weißen Tochter und habe um einen schwarzen US-Amerikaner geweint, dessen letzte verständlichen Worte „Mummy, Mummy“ waren.

Und da war es wieder, dieses tiefe und unangenehme Gefühl der Scham, als ich diesen weißen Officer auf seinem Hals knien sah. Wie ein Großwildjäger auf seiner Trophäe. Dieses Gefühl der tiefen Scham. Scham über Menschen meiner Hautfarbe, die schwarze Menschen behandeln wie Wild, das man jagt. Wie Untermenschen. Oder noch schlimmer: Nicht wie Menschen. Aber warum schäme ich mich so sehr? Ich bin nicht dieser rassistische Polizist und ich werde niemals so sein.

Meine Zeit in Afrika

Dazu muss ich weit ausholen, denn zu meiner Studienzeit im Jahr 2000 war ich ein paar Wochen in Namibia, um dort ein Praktikum als angehende Tierärztin zu machen. In meiner Naivität dachte ich bei Namibia zuerst an Löwen und Geparden. An die Wüste, Steppe, Springböcke und Zebras. Ich dachte an die Weite der Savanne und nicht viel mehr. All das bekam ich auch. Aber ich bekam auch noch eine ganz prägende Lektion in Demut und Scham.

Am Anfang fand ich das Reiterdenkmal in Windhock noch lustig. Und amüsant, dass man überall auch deutsch spricht. Ich komme aus dem Ruhrpott und da dort eh jeder von überall herkommt, gab es dort wenig offensichtlichen Rassismus. Dachte ich zumindest, aber ich bin weiß, ich weiß das nicht.

In Windhock angekommen, ab in die Praxis, fünf Angestellte, zwei Tierärzte, eine Helferin (alle weiß), eine Rezeptionist, ein Hausmeister und die gute Seele der Praxis, zuständig für unser Wohl, Sauberkeit und gute Laune, Rebecca (alle schwarz). Und das alles in einer schwarzen Gegend. Und ich habe mich von Anfang an wohl gefühlt im Team.

Mein Herz stand fast still vor Schock

Nach zwei Tagen ging es nach Swakopmund, einer Stadt direkt in der Namib, an der Atlantikküste. Es war Karnevalszeit und ich fuhr mit dem angestellten Tierarzt zusammen in sein Ferienhaus und wir haben gequatscht.
Alles easy, angenehm, normal. Bis es um das Thema Schwarze ging. Denn dann sagte dieser studierte, mit Genetik durchaus vertraute und für mich bis dahin netter Typ Dinge, die ich nie vergessen werde. (Achtung: Triggerwarnung)

„Ach Anke, mach Dir mal keine Sorgen um die “Kaffer” (rassistische Hasssprache, die von Weißen für Schwarze im Süden Afrikas verwendet wird), das sind doch eh keine echten Menschen! Du, die paaren sich mit Affen und bekommen Kinder hier Afrika, nur wird das der Welt verschwiegen, weil das nicht passt!“

Was. Zur. Hölle!!!

Mein Herz stand fast still vor Schock und ich war froh, dass es Nacht war, denn sonst hätte er mein entsetztes Gesicht gesehen. Bis dahin war Namibia mein Traum. Nun begann es eher, eine Art Alptraum zu werden. Ich protestierte gegen diesen widerlichen Rassismus, argumentierte dagegen und versuchte klar zu machen, dass solche Aussagen für mich indiskutabel sind.

„Anke, K***er sind deine Sorge nicht wert, das wirst schon merken, das sind alles nur dreckige, arbeitsscheue, saufende N*gger!“

Ich musste heftig schlucken

Unsere Tage in Swakopmund waren dann nicht mehr so entspannt, trotz tollen Ausflügen und Erlebnissen. Ich hatte ständig das Gefühl, in einem völlig falschen Film zu sein. Denn ich habe mich erbärmlich geschämt. Geschämt für meine Hautfarbe. Müssen die Einheimischen mich auch für so ein Monster halten? Im Supermarkt packte ein freundlicher, schwarzer Mann unsere Einkäufe ein und ich gab ihm ein paar Dollar (Man soll “K***er” angeblich kein Trinkgeld geben). Ich hätte am liebsten laut geschrien, dass sie doch auch Menschen sind.

Namibia ist ein schwarzes Land mit überwiegend schwarzer Bevölkerung. Und nur einem kleinem Anteil von etwa 5% Weißen. Die aber den größten Teil des Reichtums des Landes besitzen. Diese fünf Prozent Weiße leben in ihren Villen, Häusern und Anwesen hinter dicken Mauern, Stacheldraht und Gittern, damit die “bösen Schwarzen” nicht ihren Besitz “klauen” können. Sie dürfen zwar rein, aber nur zum Putzen, kochen und um den Garten zu machen.

Ich denke heute noch gerne an Rebecca, die mir jeden Morgen einen heißen, süßen Roibuschtee brachte. Ich sagte immer gern “Danke” und lächelte sie an. Sie versuchte, mir ein paar Worte in ihrer Sprache beizubringen, aber die Sprache der San mit ihren Klicklauten ging mir einfach nicht über meine grobmotorischen Lippen. Wir haben immer zusammen darüber gelacht.

„Sag ihr nicht danke, selbst unter den K***er ist sie das letzte! Ihr Mann versäuft alles und sie ist zu dumm ihn zu verlassen, die braucht das!“

Und ich habe trotzdem immer Danke gesagt.

Die Unterdrückung durch Weiße

Als ich dann viel zu früh nach Deutschland aufbrach, hatte sich mein Weltbild verändert. Ich hatte bittere Armut und Reichtum in goldenen Käfig gesehen: Ich habe gespürt, wie sehr ein jahrhundertelanger Rassismus die Menschen einschränkte. Auch mich als Weiße, denn einfach mal die drei Kilometer in die Stadt zu laufen war mir verboten.

Ich sah, wie selbst 5% einer Bevölkerung es schaffen, die restlichen 95% zu unterdrücken, klein zu halten, nicht mal als Menschen wahrzunehmen. Wer sich nun fragt, was das mit Deutschland zu tun hat, dem sei in Erinnerung gerufen, dass diese 5% zumeist aus den Nachfahren der Deutschen aus der Kolonialzeit sind. Eine Zeit, in welcher es zu einem Völkermord an den Herero kam, welcher bis heute nicht als so anerkannt ist, wie es sein sollte. Erst seit 2015 erkennt die Bundesregierung es überhaupt erst als Völkermord an (Quelle). Die Familien der Opfer warten bis heute auf Entschädigung (Quelle).

Das Reiterstandbild hatte eine Gedenktafel, auf der folgendes zu lesen war:

„Zum ehrenden Angedenken an die tapferen deutschen Krieger, welche fuer Kaiser und Reich zur Errettung und Erhaltung dieses Landes waehrend des Herero- und Hottentottenaufstandes 1903 bis 1907 und waehrend der Kalahari-Expedition 1908 ihr Leben ließen. Zum ehrenden Andenken auch an die deutschen Buerger, welche den Eingeborenen im Aufstande zum Opfer fielen. Gefallen, Verschollen, verunglueckt, ihren Wunden erlegen und an Krankheiten gestorben, von der Schutztruppe: Offiziere 100, Unteroffiziere 254, Reiter 1180, von der Marine: Offiziere 7, Unteroffiziere 13, Mannschaften 72, im Aufstande erschlagen: Maenner 119, Frauen 4, Kinder 1.“ (Quelle)

Dem gegenüber stehen übrigens 50.000 bis 70.000 tote Schwarze, meist Hereros, die auch zum Teil in Konzentrationslagern getötet wurden. Diese Tafel musste ein Schlag ins Gesicht eines jedes Schwarzen in Namibia sein.
Die Statue steht heute nicht mehr dort, zum Glück (Quelle).

Dieser Rassismus hat sogar mich als Weiße unterdrückt

Ich habe Rebecca zum Abschied umarmt, ein wenig geweint und mich darüber gefreut, dass weder mein Chef dort noch die angestellte Helferin so waren wie der andere Tierarzt. Namibia ist trotzdem noch mein Traumland, das ich vermisse. Es hat mich aber eine harte Lektion gelehrt. Rassismus, auch der der übelsten Sorte, ist allgegenwärtig. Und du bist sogar (natürlich vergleichsweise viel harmloser) davon betroffen, wenn du weiß und privilegiert bist. Und wegen diesem widerlichen Rassismus muss ich mich schämen, weiß zu sein.

Diese Scham ist nie vergangen und zurück in Deutschland war ich erleichtert, dass das hier nicht so ist. Dachte ich zumindest. Studium abgeschlossen, ab nach Berlin und zur Doktorarbeit. Ich hatte einen wunderbaren Vorgesetzten und Lehrer. Schwarz, klug und wie ich auch aus dem Ruhrpott, wir verstanden uns gut. Eines Tage sagte ich zu ihm im Labor: „Hey David, eigentlich könnten wir doch mal zusammen mit deiner Tochter und Frau mal an die Ostsee fahren. Ist ja nicht weit bis nach Kühlungsborn, und es wird bestimmt Spaß machen, vielleicht zelten?“

“Anke, ich möchte nicht, dass mein Kind sieht, wie ihr Vater verprügelt wird“

Dann Stille und in seiner ruhigen, unnachahmlichen Art sagte er: „Ich kann nicht an die Ostsee fahren!“ „Warum nicht?“ „Anke, ich bin schwarz und ich möchte nicht, dass mein Kind sieht, wie ihr Vater verprügelt wird!“

Mein Unterkiefer hing eine Etage tiefer. Und wieder war es da, dieses tiefe Gefühl der Scham, das ich so nur aus Namibia kannte. Klar, ich wusste, es gibt Neonazis und Rassisten in Deutschland. Solingen hatte sich tief in meine Erinnerung gebrannt. Ich bin aufgestanden, gegen Rassismus und Gewalt, war Teil von Lichterketten. Aber trotzdem – so dachte ich – waren es doch nur wenige Idioten gewesen. Und die agierten im Dunkeln und hinterhältig und nicht offen und systematisch. Dachte ich, ich Närrin!

Und nun konnte mein Freund nicht an die Ostsee, weil er schwarz ist – was zur Hölle!

Seitdem hat mich diese Scham nie wieder verlassen. Das ohnmächtige Gefühl der Wut und Trauer. Immer wieder flammt es stärker auf, als man z.B. Oury Jalloh ermordet in seiner Zelle fand, oder die Morde des NSU aufgedeckt wurde.

Rassismus ist kein Randphänomen

Nach 2015 nahm dieses Gefühl nach einer kurzen Pause der Freude über unsere „Willkommenskultur“ einen immer größeren Teil in meinem Leben ein. Eine offen rassistische Partei zog 2017 in den Bundestag ein und Dinge, die ich in Deutschland für unsagbar, nein, sogar für undenkbar hielt, wurden gesagt, geschrieben und geschrien. Rassismus ist kein Randphänomen, es ist ein tief in der Gesellschaft verankertes, systematisches Übel, was mich immer wieder dafür schämen lässt, Teil des Problems zu sein.

Was macht mich denn besser als meine schwarzen Freunde? Dass ich schneller einen Sonnenbrand bekomme?! Ich weiß es nicht und ich verstehe es auch nicht. Aber ich verstehe, dass ich nicht weiß, wie es sich anfühlt, systematisch wegen meiner Hautfarbe diskriminiert zu werden. Wegen meiner Figur oder als Frau schon. Aber deswegen hält mich niemand automatisch für kriminell, dumm oder gewalttätig. Ich weiß aber, wie sich meine Scham anfühlt. Und ich will mich nicht mehr schämen. Schämen für ein System, das Menschen nach Hautfarbe und Herkunft sortiert.

Ich will auch nicht Teil dieses Systems sein. Und ich versuche täglich, es auch nicht zu sein.

Ich darf nicht schweigen. Ich lasse den N-Wort-Witz der entfernten Onkels nicht durchgehen. Ich stelle mich vor eine Frau, die in der U-Bahn rassistisch beleidigt wird. Ich werde niemals meinen Mund halten, wenn Unrecht geschieht. Ich werde, wenn nötig, schwarze Menschen mit meinem Körper vor Gewalt schützen. Weil es sonst niemand tut.

Wenn jemand meine schwarzen Freunde auf Facebook oder Twitter anpöbelt, Rassismus herunterspielt und meint, man solle mal jetzt nicht so „rumopfern“, dann schreibe ich dagegen an. Solange weiße Menschen den Rassismus anderer Weißer zulassen und nicht aktiv dagegen aufstehen und kämpfen, solange wir nicht begreifen, dass wir alle ausnahmslos und immer kämpfen müssen für die Gerechtigkeit aller, solange werde ich mich wohl weiter schämen müssen.

Ich weiß nicht, wie sich Rassismus als Opfer anfühlt. Aber ich weiß, dass diese Erfahrung niemand machen sollte. Und solange das so regelmäßig, so häufig und so ungeahndet noch passiert, so lange ist es meine gottverdammte Pflicht, dagegen aufzustehen. Denn irgendwann möchte ich mich nicht mehr schämen müssen, weiß zu sein.

Zum Thema (Link):

Ich kann auch nicht atmen: Mit George Floyd stirbt auch ein Teil von mir



Artikelbild: pixabay.com, CC0

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