Sonderweg Schweden: Wirtschaft nimmt schweren Schaden, auch ohne Lockdown

| 30. April 2020

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Sonderweg Schweden hilft der Wirtschaft nicht wirklich

In vielen Debatten wird immer wieder der Sonderweg Schweden angeführt, der doch viel besser sei als das, was wir hier in Deutschland machen. Ich möchte hier einfach kurz mal ein paar Faktoren zur schwedischen Wirtschaft nennen, damit nicht immer so getan wird, als sei dort drüben alles ganz toll und viel besser als hier. Denn auch die schwedische Wirtschaft nimmt Schaden, selbst ohne einen ähnlichen Lockdown.

Zunächst möchte ich zeigen, wie die Aktienmärkte den schwedischen und deutschen Markt einschätzen:

Vergleich zwischen Aktienmarkt Schweden (Quelle) und Aktienmarkt Deutschland (Quelle) (Ansicht 6 Monate)

Sonderweg Schwedens juckt die Investoren nicht

So, man muss denke ich nicht Volkswirtschaft studiert haben, um eindeutig erkennen zu können, dass die Investoren am Aktienmarkt überhaupt keinen Unterschied machen zwischen dem schwedischen Sonderweg oder der deutschen Lockdown Variante. Die Bewegungen dort sind nahezu identisch.

Verantwortliche gestehen Fehler ein

Wir berichteten bereits, dass die Todesrate pro Millionen Einwohner in Schweden deutlich höher liegt als in vielen anderen europäischen Ländern:

Diese Statistik widerlegt alle, die den Sonderweg von Schweden lobten

„Wir haben die Entwicklung der Todeszahlen unterschätzt“, gab jetzt Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell zu (Quelle). Trotzdem rät Tegnell von einer Maskenpflicht ab und warnt, Schweden „müsse immer auch auf die Wirtschaft schauen“. Damit stützt er den Weg von Ministerpräsident Stefan Löfvén, der weiterhin auf ein freiwilliges „Distancing“ setzt. Tegnells Vorgänger Johan Giesecke wiederum sagte, dass der große Unterschied Schwedens zu Deutschland sei, „dass Deutschland gerade seine Wirtschaft zerstört“. So einfach ist das aber nicht.

Wirtschaftliche Fakten zu Schweden

Kommen wir zu ein paar Zahlen zur wirtschaftlichen Situation in Schweden:

  • Der schwedische Autobauer Volvo hat angekündigt, 1300 Stellen im Zuge der Corona-Krise zu streichen (Quelle). Zuvor hatte Volvo zwischenzeitlich sämtliche Fabriken in Europa stillgelegt und 20.000 schwedische Mitarbeiter zwangsbeurlaubt (Quelle).

 

  • Die skandinavische Fluggesellschaft SAS will bis zu 5000 Stellen abbauen und damit das Personal nahezu halbieren.

 

  • Laut Prognose soll die Arbeitslosigkeit in Schweden deutlich steigen (Quelle). So werden bis zu 70.000 Arbeitslose in den Bereichen Einzelhandel, Friseure, und Touristik erwartet. Die Arbeitslosigkeit könnte laut IWF auf 10 % steigen (Quelle) 

 

  • Die schwedische Wirtschaft wird in diesem Jahr deutlich schrumpfen, das Bruttoinlandsprodukt wird laut einer Prognose des Nationalen Instituts für Wirtschaftsforschung voraussichtlich um 7 Prozent sinken (Quelle) 

Auch die schwedische Wirtschaft nimmt eindeutig einen schweren Schaden durch die Corona-Krise, trotz ihres Sonderwegs ohne Lockdown. 

Schweden Land ohne Lockdown: Wirtschaft wird trotzdem hart getroffen

Das staatliche Konjunkturinstitut Schwedens äußerte sich erst kürzlich zur Wirtschaftsentwicklung in Schweden. Dazu der Ökonom Eric Specter (Quelle):

„Wir sehen den größten Einbruch seit den 50er-Jahren”

Schweden verzeichnet die höchste wöchentliche Sterblichkeit seit der Jahrhundertwende

Nach vorläufigen Zahlen des schwedischen Statistikamtes starben in der Woche vom 6. bis 12. April insgesamt 2.505 Menschen, was 358 Todesfällen pro Tag entspricht. Das sind fast 150 mehr Todesfälle pro Woche als in der zweittödlichsten Woche des Jahrhunderts in Schweden, in der in der ersten Woche des Jahres 2000 2.364 Menschen starben. (Quelle) 

Schweden hatte zuletzt nur über 18.000 Fälle und damit, absolut gesehen, weit weniger als Deutschland. Auf die weit niedrigere Einwohnerzahl von gut zehn Millionen Personen heruntergerechnet aber hat das Land eine vergleichbare Infektionsrate. Gut 2000 Covid-19-Infizierte starben bereits an Corona. Damit liegt die Sterblichkeit in Schweden 10-mal höher als in Finnland, 5-mal höher als in Norwegen und 3-mal höher als in Deutschland. (Quelle)

Erst kürzlich räumte der Staatsepidemiologe Anders Tegnell ein, dass man besonders die Altenheime besser schützen hätte müssen. (Quelle) 

Bevölkerung in Schweden mehrheitlich für härtere Maßnahmen

Laut aktueller Umfrage der Stockholmer Handelshochschule sind drei von vier Schweden inzwischen mit dem lockeren Virus-Umgang unzufrieden und wünschen sich strengere Maßnahmen. (Quelle). Merkwürdig, dass es hierzulande Leute gibt, die meinen, wir sollten unsere Strategie an die schwedische anpassen, während die Schweden sich eher mehrheitlich lieber unserer Strategie nähern möchten.

Wahrscheinlich, weil Deutschland als internationales Vorbild im Kampf gegen Corona gilt, wie Virologe Drosten erst kürzlich betonte, nachdem er Morddrohungen erhalten hat:

Laut Virologe Drosten: Wir sind weltweites Vorbild im Kampf gegen Corona – und ihr wollt diesen Erfolg riskieren?

Und hier haben wir erläutert, warum harte Maßnahmen gegen die Pandemie langfristig besser für eine Wirtschaft sind:

Coronomics: Warum die harten Corona-Maßnahmen unsere Wirtschaft schützen

Fazit: Die Schweden stehen nicht besser da als wir – kein Grund also, die Strategie zu wechseln

Nur weil die Schweden nicht einen solchen Lockdown wie wir angewendet haben, bedeutet das nicht, dass dort alles in Ordnung wäre. Die Sterblichkeit pro Einwohner liegt dort deutlich höher als bei uns und die Wirtschaft nimmt so oder so einen Schaden durch die Krise. Daher gibt es auch keine ersichtlichen Gründe, die dafür sprechen unsere Strategie zur Bekämpfung von Corona an die Schweden anzupassen. Die Schweden wünschen sich eher mehr wie wir zu handeln.

Hört also bitte auf darüber zu Jammern, dass bei uns alles so schlecht sei:

Wir alle haben keinen Bock mehr auf Corona: Euer Jammern juckt das Virus aber nicht!

Wer grundsätzlich nachvollziehen möchte, warum getan wird, was getan wird, kann das hier nachlesen: 

Was getan werden muss, um bald wieder raus zu können: Der Hammer & der Tanz



Artikelbild: pixabay.com, CC0

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