Ken Jebsen & Trump: Was wirklich hinter Cancel Culture steckt – und wann sie sinnvoll ist

| Analyse | 28. Januar 2021

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Sinnvolle und verwerfliche Cancel Culture

Die Geschehnisse rund um Donald Trump, “Ken Jebsen”/KenFm und weitere Verschwörungsmystiker:innen, aber auch um Dieter Nuhr, Lisa Eckhart und Monika Maron verleiten einige Menschen dazu, von einer vermeintlich stets gefährlichen Cancel Culture zu fantasieren, die Meinungskorridore in unzulässiger Weise verenge. Doch ganz so einfach ist die Lage nicht und dass bei den Versuchen zur Einschränkung bestimmter Äußerungen ein gewaltbereiter Mob eine Rolle spielt, ist eher die Ausnahme als die Regel.

Ein Kommentar von Constantin Huber

Nachdem Anhänger:innen von Verschwörungsmythen über Jahrzehnte hinweg praktisch ungehindert ihre Inhalte über Social-Media-Plattformen verbreitet haben, sind zumindest Facebook, Twitter, Instagram und YouTube mittlerweile dazu übergegangen, nachweislichen Falschmeldungen weitestgehend keine Bühne mehr zu liefern. Reihenweise wurden Hashtags gelöscht, das Hochladen bestimmter Links verunmöglicht, Nutzer:innen zeitweise oder dauerhaft gesperrt, Gruppen geschlossen oder Seiten stillgelegt. Dieses sogenannte Deplatforming ist keinesfalls stets verwerflich, sondern kann, ganz im Gegenteil, sogar einen positiven Effekt haben und der Gesellschaft damit nutzen. Etwa durch Trumps Twitter-Bann ist die Verbreitung von Desinformation massiv zurückgegangen.

Wie Deplatforming Verschwörungsideologen und Rechtsextreme ausbremsen kann

Auch der Verschwörungsideologe Ken Jebsen (bürgerlich: Kayvan Soufi Siavash) ist mittlerweile von YouTube gesperrt worden und kann dadurch weniger effektiv in die Mitte der Gesellschaft hineinwirken. Doch neben dieser offensichtlichen Sinnhaftigkeit eines Deplatformings gibt es auch andere Fälle, in denen bestimmte Einschränkungen diskutiert und vollzogen werden. Warum das so ist und wann ein “Canceln” sinnvoll ist und wann nicht, wird im Folgenden genauer erörtert.

Wann “Canceln” sinnvoll ist

Der Kabarettist Dieter Nuhr hat die Erklärung des Klimanotstands mit Hitlers Ermächtigungsgesetzen verglichen und rassistische Taten wie etwa sogenanntes Blackfacing relativiert. Unter anderem dafür hat er einen lang anhaltenden Shitstorm kassiert, den er wiederum als Pogrom verstanden wissen will. Die Kabarettistin Lisa Eckhart bediente antisemitische Klischees und wurde von einem Literaturwettbewerb ausgeladen, nachdem die Veranstalter Kritik aus der Nachbarschaft befürchteten. Angebliche Gewaltandrohungen, wie sie durch die Presse gingen, gab es jedoch nicht.

Es gab gar keine Drohungen: Fake-“Cancel Culture” um Lisa Eckhart

Die Schriftstellerin Monika Maron ist mit rechtspopulistischen Aussagen zur Flüchtlingspolitik aufgefallen, weist eine Nähe zur Pegida-Bewegung auf und hat im Buchhaus Loschwitz, das mit dem Antaios Verlag kooperiert, Schriften veröffentlicht. Antaios ist ein Verlag, der auch rechtsextreme Inhalte und Werke aus dem Dunstkreis der Identitären Bewegung veröffentlicht. Daraufhin entschied sich der S. Fischer Verlag, ihr nach 40 Jahren der Zusammenarbeit keine weiteren Aufträge mehr zu erteilen.

Öffentlich beanstandet wurden die Inhalte dieser Autor:innen sowie deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Daraufhin entfachte eine feurige und bis heute anhaltende Debatte. Zwei Begriffe fallen in diesem Kontext immer häufiger. Zum einen Kontaktschuld und zum anderen Cancel Culture. Beide verdienen eine etwas genauere Betrachtung. Vor allem, weil sie nicht – wie fälschlicherweise gerne angenommen – zu jedem Zeitpunkt abzulehnen sind, sondern unter bestimmten Umständen eine sinnvolle und wichtige Funktion haben.

Kontaktschuld – eine Medaille mit zwei Seiten

Mit Kontaktschuld ist gemeint, dass ein Mensch deshalb zur Persona non grata wird, weil er oder sie Verbindungen zu vermeintlich oder tatsächlich fragwürdigen Organisationen oder Personen aufweist.

Hier gibt es zwei Seiten derselben Medaille. Einerseits gibt es Menschen, die Aussagen allein deshalb für falsch halten, weil sie von der “falschen Person” stammen – also etwa von jemandem, der sich nicht von einem Philosophen wie Peter Singer distanzieren mag. Das ist die zweifelsfrei gänzlich ablehnenswerte Interpretation einer Kontaktschuld. Denn analog zur kettenrauchenden Ärztin, die recht haben kann, wenn sie vor den Gefahren des Rauchens warnt, gilt das auch für alle anderen Menschen. Individuelles Verhalten hat keinen Einfluss die Gültigkeit eines Arguments.

Andererseits:

Wer etwa Verschwörungsplattformen oder -beiträge teilt, macht sich eben mitschuldig an deren Adelung sowie der unnötigen Erhöhung ihrer Reichweite. Und Analoges gilt für jegliches andere extremistische Gedankengut, samt dessen Verbreitung. Außerdem wird dadurch das Credo “Menschen dort recht geben, wo sie recht haben und dort widersprechen, wo sie irren” untergraben bis hin zu verunmöglicht. Hier klare Kante zu zeigen und eben auch dort vehement zu widersprechen, wo Rechtspopulist:innen & Co. irren, geschieht noch viel zu wenig und ist auch kaum möglich, wenn deren Inhalte, zum Beispiel durch eine Zusammenarbeit, aufgewertet werden.

Die Kontaktschuld pauschal als etwas Negatives zu betrachten, ist demnach unzulässig. Es gibt aber eine ganze Reihe von Menschen, die denken, dass es prinzipiell etwas Verwerfliches sei, Personen aus der Öffentlichkeit in die Verantwortung zu nehmen, wenn diese Fragwürdiges äußern oder tun. Sei es etwa bei der Reproduktion von Verschwörungsmythen, Faschismus, Rassismus, Frauen- oder LGBTIQ-Feindlichkeit. Dabei ist es eindeutig sehr erstrebenswert, wenn im Kern menschenverachtende oder nachweislich irreführende Aussagen beanstandet werden und deren Reichweite – und damit deren Wirken in die Gesellschaft hinein – nicht unnötigerweise erhöht wird. Ähnlich verhält es sich bei der sogenannten Cancel Culture.

Cancel Culture – ein zweiseitiges Schwert

Mit dem Begriff Cancel Culture sind sämtliche gesellschaftlichen Bestrebungen gemeint, um als unliebsam wahrgenommene Ansichten in deren öffentlicher Verbreitung einzuschränken.

Um diese Bestrebungen verstehen zu können, sollten wir uns davor hüten, in die rhetorische Falle der Neuen Rechten zu tappen, die über die Debatte zur Cancel Culture einem nur weismachen wollen, dass man heutzutage ja gar nichts mehr sagen dürfe. De facto war die Meinungsfreiheit nämlich noch nie so stark gegeben wie heute. Die “Grenzen des Sagbaren” werden tendenziell sogar eher noch erweitert. Zum Beispiel durch die AfD in den Parlamenten, die eine menschenverachtende Sprache salonfähig machen will. Was wohl eher als fragwürdiges Unterfangen interpretiert werden muss.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass es mehr und mehr zum Konsens wird, die Ausdehnung des Sagbaren in eine menschenverachtende oder verschwörungsmythische Richtung abzulehnen und zu verhindern. Wer derlei öffentlich äußert, muss mit entsprechenden Konsequenzen rechnen. Wie etwa Ausladung, Shitstorm, Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Diskurs und so weiter. Niemand darf zwar an der freien Meinungsäußerung gehindert werden. Doch besitzt auch niemand einen Freifahrtschein, um Unsinn kritiklos zu verbreiten.

Dass fragwürdige Begriffe, Phrasen, Ansichten und Einstellungen immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden und ein gesellschaftlicher Diskurs über deren Sinnhaftigkeit geführt wird, ist ein begrüßenswertes Prozedere. Mit nicht staatlich legitimierter Gewalt Veränderungen herbeizuführen, ist jedoch zu keinem Zeitpunkt hinnehmbar. Wobei legitime Kritik niemals als Gewalt missinterpretiert werden darf.

Demnach gibt es zwei Seiten – eine sinnvolle und eine verwerfliche.

Zusammenfassen lassen sich diese zu den folgenden beiden Formeln.

Eine “Cancel Culture” ist immer dann sinnvoll, wenn sie LGBTIQ-feindliche, frauenfeindliche, faschistische, rassistische oder verschwörungsmythische Beiträge sowie nachweislich irreführende Standpunkte scharf kritisiert und diese mit einer starken Begründung eindämmt. Indem solchen Inhalten nicht unnötigerweise ein Forum geboten wird. Auch nützlich ist sie dann, wenn sie gesellschaftliche Debatten etwa über die Sinnhaftigkeit von sprachlichen Veränderungen oder die Eingrenzungen respektive Erweiterungen des Sagbaren anregt.

Eine Cancel Culture ist immer dann verwerflich, wenn sie mit intellektuell unredlichen Methoden oder staatlich nicht legitimierter Gewalt agiert. Man denke etwa an den wütenden rechten Mob, welcher vor dem Gebäude des WDR in Köln aufgrund des “Umweltsau”-Liedes demonstrierte und (zumindest in Teilen Straftaten beging) oder aber an linksgerichtete Krawallmacher, die Veranstaltungen an Universitäten mit Zwischenrufen stören, statt im Vorfeld hinreichend starke Argumente aufzufahren, damit eine strittige Veranstaltung gar nicht erst stattfindet.

Köln: Wer gegen “Umweltsau” protestiert, hat das Video nicht verstanden

Es gibt Ansichten, die verdienen kein breites Podium

Demnach ist es nicht sinnvoll, jegliche Eindämmungsversuche pauschal in Abrede zu stellen. Es gibt Ansichten, die verdienen kein breites Podium. Ein völlig falsches Konzept von Liberalismus und Meinungsfreiheit hat jede:r, die:der annimmt, dass es bei Diskussionen notwendig sei, immer auch die Außenseiter-Ansichten abbilden zu müssen. Bei einer Talksendung über die Beschaffenheit der Erde würde ja auch niemand auf die Idee kommen, jemanden einzuladen, der denkt, dass die Erde flach sei. Ebenso wie Impfgegner:innen oder andere Verschwörungsgläubige nicht aufgrund eines fragwürdig konstruierten Ausgewogenheitsprinzips in der öffentlichen Debatte so zu Wort kommen müssen, dass deren Ansichten jenen der Wissenschaftler:innen ebenbürtig gegenüberstehen.

Gesellschaftliche Debatten leben davon, Sinnhaftes von Unsinn zu trennen. Es gibt Grund zur Annahme, dass gesellschaftlicher Fortschritt sogar nur dann möglich ist, wenn wir die als falsch entlarvten Ansichten sukzessive in den Hintergrund drängen. Und nur auf Basis jener Ansichten weitere Debatten anstoßen, die sich bewährt haben. Dass uns Rechtspopulismus, Verschwörungsmythen & Co. nicht voranbringen, ist ein erreichter Konsens, hinter den wir nicht zurückfallen fallen sollten. Allerdings muss hier sehr genau differenziert werden. Und Menschen aus allen politischen Richtungen sollten für eine Sensibilisierung offen sein.

Notwendige Einsichten

Einige links und/oder grün eingestellte Menschen müssen begreifen, dass Religionskritik nicht per se rassistisch ist, nicht jeder mit allen Forderungen der Critical Whiteness d’accord geht und nicht alle Argumente aus dem Queer-Feminismus überzeugen können. Dabei ist Religionskritik, solange sie rein auf das Denkgebäude oder die eindeutig schändlichen Taten von religiös motivierten Verbrecher:innen abzielt, völlig legitim. Ebenso, wie sich bestimmten Ansichten und Einstellungen zu verwehren, solange die Begründungen dafür als nicht ausreichend wahrgenommen werden.

Auf der anderen Seite müssen einige konservativ und/oder liberal eingestellte Menschen allerdings auch einsehen, dass nicht jede Form der Einschränkung des Wirkens in die Gesellschaft hinein und das zur Verantwortung ziehen von Menschen auf Grundlage ihrer Taten und Äußerungen zwingend verwerflich sein muss. Es gibt sehr gute Gründe, sich unter bestimmten Umständen nicht mit den Feinden der offenen Gesellschaft gemein zu machen, diese auszuladen, eine Zusammenarbeit zu beenden oder diese scharf zu kritisieren. Außerdem ist Meinungsfreiheit nicht mit einer Kontakt-Unschuld gleichzusetzen und öffentliche Statements oder Handlungen, die die Gesellschaft betreffen, sind gewiss nicht neutral, sondern können politisch verortet und überprüft werden.

Wer sich dieser Einsichten ohne gute Begründung verwehren möchte, muss sich zu Recht dem Vorwurf stellen, regressiv zu sein und im Zweifelsfall mindestens indirekt die Populist:innen jeglicher Couleur zu unterstützen.

Wo ist nun die Grenze zu ziehen?

Das ist eine Frage, die wohl nie abschließend beantwortet werden kann. Was im öffentlichen Raum geäußert werden kann, ohne zu (massiver) Kritik zu führen, handelt die Gesellschaft kontinuierlich neu aus. So sind Menschengruppen und so ist unsere Sprache eben: kein starres Konstrukt, sondern dynamisch und wandelbar. War es vor einigen Jahrhunderten noch Gang und Gäbe von Sklaverei als etwas Positivem zu sprechen, so hat sich das im Vergleich zu heute enorm geändert.

Während bis vor wenigen Jahrzehnten noch öffentlich sexistische Sprüche geklopft werden konnten, so ist dies heute nicht mehr ohne heftige öffentliche Reaktionen möglich. Hier hat ein zwar langsames, aber nachhaltiges Umdenken eingesetzt. Es gibt wenig Grund, anzunehmen, dass dieser Prozess je ein Ende finden wird. Und das ist – da reicht ein Blick auf die kollektiv noch nicht erreichte Sensibilisierung hin zum Erkennen von Diskriminierung – auch gut so.

Aber Kunst und Satire dürfen doch alles, oder?

Definitiv! Doch müssen sich diese auch den Realitäten und Ansprüchen ihrer jeweiligen Zeit stellen.

Wenn Satire während eines Erstarkens der Rechtsextremen deren falsche Narrative reproduziert, dann muss sich Satire nicht wundern, wenn diese neben Lachern eben auch enormen Gegenwind erzeugt, da diese sich dann eindeutig auch politisch betätigt. Wer etwa wie Herr Nuhr junge Klimaschutzaktivist:innen als das Böse schlechthin darstellen möchte, obwohl Fridays for Future Rückendeckung aus der Wissenschaft erhält oder aber wie Frau Eckhart rassistische Parolen verbreitet, der:diejenige muss sich nicht wundern, als Rechtspopulist:in bezeichnet zu werden. Und der:diejenige sollte sich auch fragen, ob er:sie die eigene Reichweite wirklich auf diese Art und Weise nutzen möchte.

Warum manche Dieter Nuhr mit einem Neuen Rechten verwechseln

Fazit

Es ist wichtig, gesellschaftliche Debatten auszutragen. Und es gehört zur Demokratie, über alles streiten zu können. Allerdings muss nicht überall über längst widerlegte Annahmen gestritten werden. Dass der anthropogene Klimawandel real ist, LGBTIQ nicht gefährlich sind oder welche Form die Erde hat, darüber – und längst nicht nur darüber – sollte ein Grundkonsens bestehen. Meinungen, die diesem zuwiderlaufen, basieren auf Fake News oder sind kulturrelativistisch. Wer diesen unkritisch den Einzug in die Gesellschaft gewährt, ebnet den Weg zurück ins Mittelalter.

Eine lebendige Öffentlichkeit, die stark Kritikwürdiges benennt und einzudämmen ersucht – und zwar nicht ausschließlich bei illiberalen Positionen, sondern auch bereits bei nachweislich irreführenden Standpunkten ­–, ist etwas Begrüßenswertes und gewiss nichts Verwerfliches. Wie sinnvoll kollektive Empörung hin und wieder sein kann, zeigen zum Beispiel Unternehmen, die nach einem angeregten Reflexionsprozess sexistische oder rassistische Werbung zurücknehmen und sich dafür entschuldigen. Welch hohen gesellschaftlichen Nutzen ein öffentlich aufgebauter Druck entfalten kann, zeigen etwa auch die strukturellen Veränderungen in der Polizei, die durch diesen initiiert wurden.

Autor: Constantin Huber. Artikelbild: Frederic Legrand – COMEO, picture alliance / dpa

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