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Was man dir über die deutschen Medien verschweigt

von | Okt 12, 2023 | Analyse

Wenn deutsche Medien und auch der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk nicht neutral genug berichten, dann nachweislich zu RECHTS. Verschiedene Studien zu verschiedenen Themengebieten haben die Berichterstattung der Medien über Jahre beobachtet und dokumentiert. Und es zeigte sich darin, dass die Medien tatsächlich zu rechts berichten. Gleichzeitig verbreiten Rechte das Märchen der „linken Medien“ – um den Diskurs immer weiter nach Rechts zu verschieben. Und viele Journalisten fallen darauf herein. Langzeitstudien zur Berichterstattung über Flucht und Migration zeigen, dass grundsätzlich zu negativ über diese Themen berichtet wird.

Die Berichterstattung über den Klimawandel wurde ein Jahrzehnt lang völlig vernachlässigt, noch heute wird sie in Teilen auch vom Öffentlich Rechtlichen Rundfunk verfälscht. Und wir müssen dringend über journalistische Methodik und falsch verstandene Neutralität sprechen. Darum fassen wir hier für euch zusammen, wie sehr die Berichterstattung der Medien tatsächlich nach rechts verrutscht ist – und zeigen damit, dass Friedrich Merz offenbar keine Studien liest. Mehr dazu später.

Mangelnde Ausgewogenheit der Medien: So Rechts wird tatsächlich berichtet

Im ersten Beispiel gucken wir uns die Berichterstattung über Flucht und Migration an. Herausgeber der Studie „Fünf Jahre Medienberichterstattung über Flucht und Migration“ ist das Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.

Die Studie untersuchte die Berichterstattung zwischen Februar 2016 und Dezember 2020. Bei der quantitativen Inhaltsanalyse wurden die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, die BILD, die ARD Tagesschau, ZDF heute und RTL Aktuell untersucht. 

In der Studie wurde deutlich, dass die Medien über Flucht und Migration zu rechts berichten. Die Berichterstattung war unausgewogen und hat rechte Narrative gefördert, die mit der eigentlichen Faktenlage nicht übereinstimmen.

Unter anderem sieht die Studie das Problem bezüglich der unausgewogenen Berichterstattung darin, dass die Medien über Aussagen von Politikern berichteten und diese dabei wiederholten und verbreiteten. Politische Aussagen prägten somit die Berichterstattung stärker als die Geflüchteten selbst.

Unter den untersuchten Themen zur Flucht und Migration waren das Verhalten der Politik sowie legislative und exekutive Maßnahmen jeweils mit 18% am stärksten vertreten. Auf Platz 3 wurde mit 13% über den Themenbereich Kriminalität von Geflüchteten gesprochen. Am wenigsten vertreten in den deutschen Medien war mit nur lächerlichen 3% die Kriminalität gegen Geflüchtete

Kriminalität gegen Flüchtlinge steigt – Medien schweigen?!

In der Betrachtung der Kriminalität von Flüchtlingen reicht ein einfacher Blick in die Statistiken nicht aus. Dazu verlinke ich euch einen Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung, die die Thematik genauer betrachtet hat und die Komplexität der Kriminalität im Zuge von Zuwanderung aufarbeitet. Dort zeigt sich, dass Flüchtlinge und Asylanten nicht mehr oder weniger kriminell sind als Deutsche. Und die Ethnie auf Kriminalität keinen Einfluss hat. Viel mehr sind es sozioökonomische Umstände, die sowohl bei Deutschen, als auch anderen Ethnien Einfluss auf die Kriminalität haben. Oder kurz: deine Lebensumstände beeinflussen dein Handeln. 

Die Kriminalität gegen Geflüchtete ist allerdings massiv gestiegen. Im Jahr 2021 waren es noch 1184 politisch motivierte Angriffe auf Geflüchtete. In 2022 gab es nach Angaben der Bundesregierung 1420 politisch motivierte Angriffe. Im ersten Halbjahr 2023 ist die Anzahl der Angriffe verglichen mit dem Vorjahreszeitraum nochmal stark gestiegen.

Im Untersuchungszeitraum der Studie war die Zahl der Angriffe noch höher und trotzdem wurde in den Medien nur zu 3% über Kriminalität gegen Geflüchtete berichtet.

Insgesamt findet die Perspektive der Geflüchteten viel weniger statt und es wird vor allem über sie berichtet mit einer Betrachtungsweise von außen. Die Studie zeigt, dass nur 16% der Akteur*innen in der Berichterstattung Geflüchtete selbst waren. Auch das veranschaulicht, dass das Interesse der Medien vor allem in der Politik liegt und weniger bei den Menschen als Individuen. 

So übertrieben negativ stellen Medien die Realität dar

Politische Thesen, Zitate und Diskussionen werden aufgegriffen, besprochen und im besten Fall sollten sie ausgewogen eingeordnet werden. Und genau das passiert eben nicht. Die Studie hat die Bewertung der Geflüchteten in den Medien erfasst und es zeigt sich, dass über den gesamten Untersuchungszeitraum durchweg negativ berichtet wurde. Als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, wurde die Berichterstattung im untersuchten Zeitraum kontinuierlich negativer.

Bildquelle: Bildquelle: Stiftung Mercator

Besonders negativ berichtet hat – wer hätte es gedacht – die BILD. Den zweiten und dritten Platz belegen allerdings überraschenderweise die Tagesschau und ZDF heute, zwei öffentlich-rechtliche Nachrichtensendungen. 

In der Gegenüberstellung von Chancen zu Gefahren von Zuwanderung berichteten alle Medien deutlich mehr über die Gefahren. Auch hier führt die BILD wieder die Statistik an, mit einem Überhang von -80% Seitens der Gefahrenberichterstattung.

Zusätzlich wurde der Debatte die menschliche Nähe genommen, denn 2016 wurde in den medialen Beiträgen noch überwiegend die Bezeichnung „Flüchtlinge“ verwendet, die dann durch „Asylbewerber“ und später durch „Migranten“ ersetzt wurde. Flucht impliziert eine Schutzbedürftigkeit und einen Fluchtgrund. Wohingegen Migration eine Freiwilligkeit impliziert. Auch das Völkerrecht trennt Migranten und Flüchtlinge voneinander. Migranten fallen nicht unter das internationale Flüchtlingsschutzsystem. Flüchtende Menschen als Migranten zu bezeichnen, ist deshalb eine gezielte Taktik vom politischen rechten Spektrum. So soll den Betroffenen implizit die Schutzbedürftigkeit abgesprochen und die Akzeptanz in der Bevölkerung reduziert werden.

Bildquelle: Screenshot Stiftung Mercator

Insgesamt konnte die Studie zeigen, dass die untersuchten Medien stark tendenziös berichteten. Das Aufbauschen von Gefahren, das widerrechtliche Absprechen der Schutzbedürftigkeit, Framing durch Bild und Text und eine grundlegend negative Berichterstattung prägen die Wahrnehmung von Flucht und Flüchtlingen in der Bevölkerung und haben Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung. Es entsteht ein falsches Bild, das immer öfter in Fremdenfeindlichkeit endet.

Noch mehr Studien die zeigen: Die deutschen Medien sind zu rechts

Zu den gleichen Ergebnissen kommt eine zweite Studie mit dem Titel „Die Unsichtbaren“. Die Untersuchung des Hamburger Journalistik-Professors Thomas Hestermann im Auftrag des Mediendienstes Integration konnte 2019 ebenfalls dokumentieren, dass in den Medien überwiegend aus Sicht der Politik und über Gefahren gesprochen wurde, statt über Chancen. Des Weiteren wurde auch in dieser Studie herausgearbeitet, dass Flüchtlinge selbst in den Medien kaum zu Wort kommen.

Zusätzlich haben wir vor kurzem schon in einem anderen Artikel über eine Studie zur Berichterstattung über Flüchtlinge berichtet. Auch hier hat sich eindeutig gezeigt, dass die Medien zu negativ über Geflüchtete berichten.

Eine verzerrte Darstellung und eine Unterrepräsentation der Chancen erschaffen ein Feindbild und spielen den Rechten in die Hände. Die Bevölkerung wird in ihrer Meinungsbildung beeinflusst, Politiker richten sich dann an Umfrageergebnissen aus oder nutzen gezielt das bereits verfälschte Meinungsbild, finden in der Berichterstattung statt und stärken so wiederum Feindbilder durch Aussagen, die erneut durch die Medien gereicht werden. Ein Teufelskreis.

Bald muss man nicht mehr über tatsächliche Probleme und reale Lösungen sprechen, sondern nur noch über das geschaffene Feindbild, das vermeintlich an allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen Schuld hat. So, als hätte es vor der Flüchtlingskrise 2015 in Deutschland nur blühende Landschaften gegeben, der Reichtum war gleichmäßig verteilt und Armut war nur ein Märchen. Aber jetzt, da „die Ausländer“ hier sind, sei ja alles anders. *Achtung: Ironie

Dass rechte Politiker Feindbilder schaffen, ist nichts Neues, dass Medien diese durch ihre Berichterstattung befeuern, muss sich jedoch dringend ändern.

Und à propos Politiker und Medien: Da war doch was…

Fake-Framing als gezielte Taktik

Politiker appellieren immer wieder an die Medien, doch bitte ausgewogen zu berichten. So auch der CDU-Vorsitz Friedrich Merz auf dem bayerischen Volksfest Gillamoos Anfang September. Erinnert ihr euch noch?

Wie wir bis hierhin gesehen haben, stimmt es ja sogar: Die Medien berichten zu unausgewogen – zu rechts! Das wird Merz damit sicherlich gemeint haben – oder? Naja. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, in welche Richtung das geht.

Am Ende seiner – auch nicht gerade vor Ausgewogenheit strotzenden – Rede auf dem Volksfest Gillamoos, richtete Friedrich Merz eine Bitte an die Medien, die sich überlegen sollten, welche Verantwortung sie in Deutschland haben und dass sie zulassen sollen, dass ein breites Meinungsspektrum zum Ausdruck kommt. Auf X (Twitter) schrieb er am selben Tag noch:

Das ist auch nicht das erste Mal, dass sich Friedrich Merz und die CDU vermeintlich für die Ausgewogenheit des ÖRR einsetzten. Dabei machten sie, entgegen der Faktenlage, deutlich, dass aus ihrer Sicht die Medien „zu links“ berichteten. Bereits im August 2022 stellte die CDU „Forderungen an den öffentlichen-rechtlichen Rundfunk“ auf ihrer Webseite. Auch hier wird sich explizit nochmal über die angebliche „linke“ Ausrichtung der Berichterstattung beschwert. Das ist aber, wie wir oben gesehen haben, kompletter Unsinn. Und Merz liegt sogar noch falscher, als man denkt.

Schweigen zur Klimakrise

Schauen wir uns beispielsweise die Berichterstattung zum Klima an. Im August 2022 widerlegten wir dazu einen Öffentlich-Rechtlichen Fail. Damals zeigten die Tagesthemen der ARD eine manipulierte Umfragegrafik, die eine überaus positive Bewertung von Windkraft durch die Bevölkerung einfach verschwieg und stattdessen Kohle als Spitzenreiter darstellte. Die fossile Industrie freut sich. Genaueres könnt ihr hier nachlesen:

Der ÖRR selbst hat eine Studie in Auftrag gegeben, die die Klima-Berichterstattung in ihrem eigenen Programm untersuchen sollte. Fazit der Studie: Die Berichterstattung kam Jahre lang viel zu kurz und im Vergleich zur Relevanz des Klimawandels für die gesamte Menschheit wird nach wie vor viel zu wenig darüber berichtet und das, obwohl sich die Bevölkerung mehr Beiträge dazu wünscht. Auch hierzu haben wir bereits einen Beitrag veröffentlicht: 

Selbst beim Thema Atomausstieg bedient der ÖRR leider rechte Narrative. Mehrere Sendungen im ARD haben massive Fehlinformationen verbreitet und natürlich damit auch Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung gehabt. Unser Beitrag dazu:

Gefährliche Überschriften

Auch im gesellschaftlichen Bereich und den grundlegenden Menschenrechten von Marginalisierten nehmen Medien die Rolle der Helfer von z.B. queerfeindlichen Bewegungen ein. Das geschieht oft auch unbewusst.

Rechtsextreme Narrative werden aufgegriffen und behandelt, als wären es legitime Positionen, über die es zu diskutieren gilt, und entsprechende Vorurteile werden unkommentiert wiederholt.

Studien haben gezeigt: Viele lesen nur die Überschriften von Artikeln. Deswegen ist es vielleicht gut gemeint, aber schlecht gemacht, wenn Tag24 rechte Narrative versucht, mit folgender Überschrift zu entkräften: “‘Drag-Shows sind Kindeswohl-Gefährdung’: Das steckt hinter dieser Aussage.” Im Artikel wird die Aussage selbstverständlich als rechtes Narrativ richtig herausgearbeitet und es wird auch bewusst nicht darauf eingegangen, was Rechte damit meinen “könnten”. Und das ist gut. Jedoch ist es unvermeidbar, dass anhand der Schlagzeile die Aussage bei vielen Lesern uneingeordnet hängen bleibt und so Drag-Shows mit der Gefährdung von Kindeswohl in Verbindung gebracht werden.

Methodisches Versagen der Berichterstattung

Es wird deutlich, dass provokante Äußerungen konservativer und rechter Politiker große Auswirkungen auf die Berichterstattung haben. Der heutige Journalismus lebt von Klicks und Aufmerksamkeit und so wird Berichterstattung zum Spektakel. Politiker nutzen das sehr gern, um ihre Thesen in der Bevölkerung zu verbreiten.  

Eine falsch verstandene journalistische Objektivität birgt ebenfalls die Gefahr, rechte Narrative und Feindbilder als legitime Position darzustellen. Lügen, Hass und Desinformationen müssen als solche benannt werden und dürfen nicht uneingeordnet verbreitet werden. Demokratie- und Menschenfeindlichkeit gehören nicht in einen demokratischen Diskurs.

Auf dem Cover einer aktuellen Stern-Ausgabe (Nr.41 vom 05.10.2023) ist groß Friedrich Merz zu sehen, mit dem Titel “Hat Merz recht? Von Abschiebung bis Zahnersatz: 15 Thesen zur Migration im Faktencheck” Spoiler: Hat er nicht. Der Titel suggeriert aber, dass er recht haben könnte und das ist gefährliches Framing. Menschen, die online oder im Laden im Vorbeigehen die Überschrift lesen, könnten allein deshalb glauben, dass an seiner Aussage was dran ist. Und im Falle der Zahnersatz-Lüge von Merz hat bereits der Präsident der Bundeszahnärztekammer der Aussage widersprochen. Auch Volksverpetzer berichtete, warum Merz über die Zähne von Migranten lügt:

ÜberMedien haben treffend betitelt: ”Vor lauter Faktenchecks sehen Medien die Fremdenfeindlichkeit nicht”- 

Ein reiner Faktencheck verfehlt bei rechter Propaganda oft den Kern der Aussage. Er reproduziert die rechten Narrative und legitimiert sie allein dadurch, dass diese genauso behandelt werden wie jede andere Aussage auch. Und genau das ist das Ziel. Merz schert sich nicht um die Fakten, das was er sagt ist austauschbar, aber das, was transportiert wird und beim Konsumenten hängen bleibt, ist das fremdenfeindliche Narrativ und ein Feindbild.

Fazit: Medien als Steigbügelhalter für rechts

Wir haben jetzt an Studien gesehen, dass die mediale Berichterstattung im Sinne des politisch rechten Spektrums verläuft. Auch in der Methodik der Reproduktion von rechten Narrativen und Lügen gibt es massive Probleme. Rechte Akteure sind gut darin, mit menschenfeindlichen Aussagen zu provozieren und durch Empörung Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Reproduktion solcher Aussagen heißt auch die Reproduktion gefährlicher Framings, denn rechte Diskurse fördern rechte Gewalt. 

Rassistische und diskriminierende Sprache sollte, wenn überhaupt, nur dann wiedergegeben werden, wenn explizit die Problematik daran erklärt und eingeordnet wird. In keinem Fall sollte sie unkritisch Teil der alltäglichen Berichterstattung sein. Die Beispiele oben mögen die Reichweite steigern und somit mehr Umsatz generieren, helfen aber auch bei der Verbreitung rechtsextremer Narrative. Und leider steht dann der Gewinn über der Unversehrtheit der Menschen, der Demokratie und den Fakten.

Gleichzeitig spielt die Perspektive von marginalisierten Gruppen und generell Betroffenen in den Medien kaum eine Rolle. Es wird über Betroffene gesprochen, aber nicht mit Ihnen. Dieses Ungleichgewicht verzerrt massiv den Diskurs und die Meinungsbildung der Konsumenten. Menschlichkeit und Empathie müssen der Distanz weichen. Rechte Akteure wissen genau, was sie tun und nutzen diese Mechanismen des Kapitalismus aus, um ihre Ideologie zu verbreiten. 

Für die Berichterstattung über provokante, meist gefährliche, Aussagen, gibt es nicht nur für die Presse ordentlich Reichweite, sondern auch eine Verbreitung der getätigten Aussagen. Win-Win quasi … nur für die Menschen nicht, die unter der steigenden politisch rechten Gewalt leiden, also beispielsweise Schutzsuchende. Und ich will gar nicht damit anfangen, was passieren wird, wenn Rechtsextreme noch mehr Macht hinzugewinnen. Aber abgesehen davon, Win-Win. *Achtung: Ironie 

Und so spielt die aktuelle Art und Weise der Berichterstattung vieler Medien den Rechten genau in die Karten.

Zum Thema:

Artikelbild: Ronny Hartmann/dpa