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Rechte reißen altes Video aus Kontext: Baerbock erwartet keine 8 Mio neuen Geflüchtete

von | Okt 17, 2022 | Analyse, Politik, Social Media, Uncategorized

Es ist mal wieder so weit. Das nächste aus dem Kontext gerissene Video von Annalena Baerbock wird wie die Sau durchs rechte Internet-Dorf getrieben. War ja auch mindestens 2 Wochen Ruhe, warum beschweren wir uns eigentlich? Vermutlich bekommt keine Politikerin, und erst recht kein Politiker, so viel Fakes ab wie Baerbock. (Siehe hier, hier, hier und hier. Hier außerdem ein Artikel dazu, warum ausgerechnet zu Annalena Baerbock so gerne Fakes verbreitet werden). Mit dem neusten Fake werden der Außenministerin falsche Behauptungen unterstellt, die dann den Startschuss für rassistische Hetze geben. Auch teile der AfD beteiligten sich an der Verbreitung der falschen Behauptungen.

Neues Baerbock Fake Video

Aktuell geht es um einen Videoschnipsel einer Rede von Annalena Baerbock, der aus dem Kontext gerissen wurde. In dem Schnipsel ist zu hören , wie sie sagt, man müsse sich auf die Ankunft von 8-10 Millionen Geflüchteten einstellen. „Und wir werden sie alle aufnehmen“, schließt Baerbock ab. Dabei fehlt wesentlicher Kontext, außerdem ist das Video in einer völlig anderen Situation entstanden.

Ein Account, der sich besonders durch Hetze gegen die Grünen auszeichnet, hatte den Videoausschnitt auf Twitter gepostet, wo er dann zahlreich retweetet und weiterverbreitet wurde.

Dabei wurde der Eindruck erweckt, es handele sich um eine aktuelle Aussage. Außerdem wurde sie so interpretiert, dass die Zahl sich alleine auf Deutschland bezieht. Viele der Retweets sind von hämischen Kommentaren, rassistischen Sprüchen und Hetze gegen die Grünen begleitet.

Beides ist natürlich falsch, ihr werdet es schon gedacht haben.

Am Tag darauf postete die AfD-Paderborn dann das Video auf Facebook, und in den Kommentaren sammelte sich der geballte Hass:

Trick 17: EIn altes Video…

Das Video stammt vom Landesparteitag der Brandenburger Grünen, der am 26. März 2022 in Cottbus abgehalten wurde. Bei den Geflüchteten, die hier angesprochen werden, handelt es sich um Menschen aus der Ukraine, die vor dem Angriffskrieg Russlands fliehen. Wir erinnern uns: Nach Beginn des Krieges Ende Februar, konnte Russland zunächst weite Teile der Ukraine besetzen. Russland hatte aus Norden über Belarus, Osten und Süden angegriffen. Während Annalena Baerbock ihre Rede auf dem Landesparteitag hielt, waren die Vororte der ukrainischen Hauptstadt Kyiv zum teil besetzt. Später sollten dort zahlreiche ermordete Zivilist:innen gefunden werden.

Stand des Krieges am 25. März 2022, nach einer Karte der Neuen Züricher Zeitung.

Zu diesem Zeitpunkt, als Russland noch auf dem Vormarsch war und zwischenzeitlich eine großflächige Besatzung der Ukraine zu befürchten war, war es durchaus angemessen, von 8-10 Millionen Menschen auszugehen, die das Land verlassen wollen würden.

Trick 18: … ohne Kontext

Darüber hinaus ist das Videoschnipsel so geschnitten, dass relevanter Kontext fehlt. Schaut man sich das Original an (hier, ab Minute 2:10:51) wird klar, dass Baerbock mit dem „wir“ nicht Deutschland meint, sondern alle aufnahmewilligen Länder in Europa und den Amerikas. Entsprechend geht sie auch nicht davon aus, dass 8-10 Millionen Menschen nach Deutschland kommen würden, sondern eben nach Europa und darüber hinaus.

Hier ist die ganze Rede im Original zu sehen, ab 2:10:51:

YouTube player

Entschuldigung, wo geht es hier zum Nächsten skandälchen?

Baerbock hat also nicht behauptet, dass Deutschland in den nächsten Wochen 8-10 Millionen Menschen aufnehmen wird. Sie hat statt dessen vor einem halben Jahr, als der Krieg gerade begonnen hatte und noch wesentlich schlechter für die Ukraine aussah, eine Prognose gewagt, dass circa 8-10 Millionen Menschen das Land verlassen wollen werden und in verschiedenen Ländern Schutz suchen würden. Tatsächlich waren im September 2022 7 Millionen Menschen insgesamt aus der Ukraine geflohen, weitere 7 Millionen lebten als Binnenvertriebene in der Ukraine (Quelle).

Aber Fakten interessieren die rechte Hetzblase natürlich wenig. Sie verbreiten lieber aus dem Kontext gerissene, veraltete Aussagen, um sich in ihren rassistischen Panikmache bestätigt zu sehen.

Artikelbild: Screenshot/Shutterstock