Die Zerstörung des „Great Reset“-Verschwörungsmythos – Was wirklich dahinter steckt

| Hintergrund | 17. Mai 2021

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The Great Reset – der große Dummbruch

Verschwörungsideolog:innen raunen immer wieder darüber – ein „geheimer Plan“ der „Eliten“: Der „Great Reset“. Eine relativ überschaubare Gruppe intellektueller und wirtschaftlicher Eliten, die sich zu einem bestimmten Anlass trifft, um über das Weltgeschehen und unsere Zukunft zu entscheiden. Mit dabei oft genug jüdische Milliardäre. Im Kontext der von ihm geteilten antisemitischen Inhalte kam auch CDU-Kandidat Maaßen mit dem „Great Reset“ in die Kritik, den er als „Kriegserklärung“ bezeichnete und als „verfassungsfeindlich“. Dabei fallen die Namen Klaus Schwab, der WEF und Davos. Wir werden euch zeigen, wie Rechtsextremist:innen, „Querdenker:innen“ und andere Verschwörungsideolog:innen diese antisemitische codierte Verschwörungserzählung verbreiten. Und was wirklich dahinter steckt.

„Great Reset“ – was ist das eigentlich?

Vorneweg: Es gibt die Idee eines „Great Reset“ wirklich. Verschwörungsideolog:innen erfinden selten Dinge völlig aus dem Nichts, sie nehmen echte Personen und Ereignisse und erfinden ihre Verschwörung nur dazu. Die Initiative (nicht das, was Verschwörungsideolog:innen daraus machten) stammt vom Direktor des Weltwirtschaftsforums (WEF), Klaus Schwab, gemeinsam mit Prinz Charles, dem Thronfolger des Vereinigten Königreichs. Das WEF ist eine 1971 von Klaus Schwab gegründete Stiftung, die ein jährliches dreitägiges Treffen in Davos veranstaltet Dort finden für bis zu ca. 3.000 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien mehrere hundert Vorträge und Workshops statt.

Und bei der Idee geht dabei auch tatsächlich um einen globalen Umbruch. Nur halt nicht so diabolisch und apokalyptisch, wie euch manche erzählen wollen. Das Konzept wurde nämlich im Mai 2020 vorgetragen, als die erste Corona-Welle zumindest in Europa größtenteils abebbte. Während in den USA, Lateinamerika und anderen Teilen der Welt die Pandemie erst in Fahrt kam, sollte die „Great Reset“-Initiative ein Plan werden, der den „Wiederaufbau“ und die damit verbundenen Umstrukturierungen global koordiniert.

Der geheime, ganz öffentliche Plan?

Die Initiative, die übrigens eine eigene Kategorie auf der Website des WEF hat, beschreibt diese Situation als „unique window of opportunity to shape the recovery“ („Einzigartiges Zeitfenster, um die Erholung zu gestalten“). WEF-Direktor Schwab veröffentlichte sogar ein Buch gemeinsam mit dem Ökonomen Thierry Malleret, welches die Situation analysiert und sich an eine umfassende Zukunftsprognose wagt. Im Kern geht es darum, dass das wirtschaftsradikale System, wie wir es kennen, durch die Corona-Krise an seine Grenzen gekommen sei. Das bedeute, dass der Einfluss des Staates in der Pandemie wieder gestiegen ist. Und die radikale Freiheit der Märkte durch mehr staatliche Eingriffe reduziert wird und eine Umverteilung bevorsteht.

Echt dumm von diesen ganzen geheimen Eliten, dass sie ihre ach so diabolischen Pläne einfach so offen ausplaudern, damit Held:innen auf Telegram investigativ diese in den veröffentlichten Büchern oder Websites entdecken können.

Die Forderung und ihre Folgen

Basierend auf diesen Analysen und Prognosen fordert die Initiative, den Neuaufbau global und aktiv zu gestalten. Dabei sollen die Bedürfnisse der Stakeholder im Vordergrund stehen. „Stakeholder“ sind alle diejenigen, die von den Entscheidungen von einem Unternehmen beeinflusst werden, auch wenn sie sonst nichts mit diesem zu tun haben. Das bedeutet, dass Unternehmen nicht mehr nur im Interesse ihrer Anteilseigner:innen („Shareholder“) handeln. Sondern die Angelegenheiten aller Gruppen im Blick haben sollten, die sie durch ihr Handeln direkt oder indirekt beeinflussen. Besonders Nachhaltigkeit steht dabei im Blick der Initiative. Auf der Website ist die Rede von einem „new social contract that honours the dignity of every human being“. („Neuer Gesellschaftsvertrag, der die Würde eines jeden Menschen achtet.“)

Diese Idee erzeugte besonderes Aufsehen, nachdem verschiedene Politiker:innen mehr oder weniger direkt ihre Zustimmung ausdrückten oder ankündigten, eigene Aufbaupläne an die Ideen des WEF anzulehnen. Dazu gehörten der britische Premier Boris Johnson und der im November gewählte US-Präsident Joe Biden in seiner „Build Back Better“-Kampagne. Letztere Kampagne inspirierte auch den kanadischen Premier Justin Trudeau, welcher in einer Rede vom November 2020 diese Kampagne zitierte und auch das Wort „reset“ verwendete. Und da liefen dann die Verschwörungserzählungen so richtig heiß. Hierzulande ist die jüngste Kampagne gegen die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die als Mitglied der Young Global Leaders Initiative von Schwab auch Teil der extrem rechten Verschwörungserzählung wird.

Vom WEF zu „Die Juden sind Schuld“

Bei Verschwörungsseiten oder einschlägigen Portalen wie z. B. dem „KenJebsen“-Telegramkanal wird das dann zu einer „Agenda“ von „Drahtziehern“ mit dem Ziel der „Versklavung der Menschheit“, in der Corona als „künstlich geschaffene Krise“ bezeichnet wird. Bei diesen Leuten glüht dann schnell der Aluhut.

Und ja, das wird dann ganz schnell zu einer geheimen globalen Elite und mit jüdischen Milliardären wird das ganz schnell zur altbekannten antisemitischen Verschwörungserzählung, die der Antisemit Attila Hildmann dann auch deutlich ausspricht. Dieser hat im Gegensatz zu den Anderen inzwischen aufgehört, in Codes zu sprechen.

Im Kontext der Desinformations-Kampagne gegen Baerbock haben wir das bereits hier genauer behandelt:

Bist du auf eine dieser Lügen & Verschwörungsmythen über Annalena Baerbock hereingefallen?

Antisemitismus, getarnt als „Kritik“?

Pierre Poilievre, Abgeordneter der konservativen Opposition in Kanada, sammelte mit einer Unterschriftenaktion in 3 Tagen 80.000 Unterschriften dafür, den „Great Reset“ zu stoppen. In einem YouTube-Video spricht er von einem „sozialistischen Reset“, ein Mantra, welches sich natürlich in konservativen Kreisen, aber auch bis Rechtsaußen schnell etablierte. Doch die Welt der Verschwörungserzählungen wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht früher oder später aus diesen weit hergeholten Vorwürfen eine Verschwörung der „Elite“ basteln würde.

Die Idee, eine „globale Finanzelite“ würde alle Fäden ziehen, ist in Kreisen, die ohnehin überall Verschwörungen vermuten, altbekannt. Ein angeblicher „Great Reset“, geplant vom Weltwirtschaftsforum und unterstützt von verschiedenen Mächtigen der Welt, passt natürlich perfekt in diese Struktur hinein. Eine Struktur, die nicht selten antisemitischen Mythen nahesteht. Letztlich laufen all diese „Theorien“, die keine sind, darauf hinaus, dass es eine „jüdische Weltverschwörung“ gäbe, deren Ziele ihr Machterhalt und komplette finanzielle Kontrolle seien. Reale Personen und Gruppen werden in diesen Verschwörungsmärchen zu grotesken Feindbildern mit diabolischen Plänen verzerrt.

Warum Verschwörungsmythen so schnell antisemitisch werden

Altbekannte Verschwörungserzählungen wie die erfundenen „Protokolle der Weisen von Zion“, die auch von den Nazis genutzt wurden als Begründung für den Holocaust, sprechen auch von einer internationalen „Agenda“ und dem Ziel einer „neuen Weltordnung“: wahlweise Marxismus oder Ökofaschismus, digitale Gesundheitsdiktatur, Ausrottung/Unterjochung aller Normalsterblichen usw. Die „Bösen“ in dieser Erzählung (und es ist nur eine Erzählung), nennt man dann Freimaurer, „Globalisten“, den „deep state“ … oder einfach „Zionismus“ und „Juden“.

Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung erklärt, dass „Globalismus“ eine rechtsextreme „dog whistle“ (mehr dazu) ist, die sich auch antisemitischer Chiffren bedient. Die Bundeszentrale für politische Bildung erklärt:

„Bewusst oder unbewusst genutzte antisemitische Codes und Chiffren (etwa »Finanzeliten«, »1 %«, »Drahtzieher«, »Globalisten«) zur Beschreibung der mutmaßlichen »Verschwörer*innen«, die in sozialen Medien oder Messenger-Diensten geteilt werden, können schrittweise in explizit antisemitische Online-Milieus führen, in denen der Mythos der »jüdischen Weltverschwörung« und die »Protokolle« schließlich offen verbreitet werden.“

Warum Codes so gefährlich sind

Hierzu gibt es ein sehr aufschlussreiches Interview von der Zeit mit Meron Mendel, Pädagogen und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.

Natürlich können sich Verschwörungserzähler:innen nicht einfach hinstellen und rufen: „Die Juden sind an allem schuld!“, denn die Mehrheit der Bevölkerung hat aus der Geschichte gelernt und verstanden, wohin dieser offene Antisemitismus führt. Darum werden diese antisemitischen Verschwörungsideologien nun in Codes bzw. sogenannten „dog whistles“ verpackt. Damit sind Aussagen gemeint, die auf den ersten Blick unverfänglich erscheinen, aber der „eingeweihten“ Zielgruppe den eigentlichen Inhalt versteckt übermitteln. Im konkreten Fall kann damit der Antisemitismus in entsprechenden rechten Ecken weiter geschürt werden, ohne dass es für die Mehrheitsgesellschaft erkennbar oder gar justiziabel wäre.

Darum waren die Codes von Maaßen so problematisch

Am Montag (16.05.) erschien unser Artikel zu Hans-Georg Maaßen mit Belegen für die Behauptung, der ehemalige Chef des Verfassungsschutzes teile antisemitische Inhalte. Diese Behauptung hatte Luisa Neubauer am Sonntag in der Talkshow „Anne Will“ aufgestellt, aber live nicht die Belege liefern können. Wir wollten das mit dem Artikel nachholen; das Ziel war es, eine Übersicht über antisemitische Inhalte zu geben, die Maaßen teilte oder wiedergab.

Faktencheck Neubauer: Maaßen teilt wirklich antisemitische & rechtsextreme Inhalte

Natürlich wäre hier eine noch aufwendigere Analyse möglich gewesen, doch unser Ziel war es, den Artikel so kompakt wie möglich zu gestalten. Dabei ist naturgemäß einiges an Tiefe verloren gegangen. Beispielhaft dafür steht das Thema „Great Reset“ oder die Chiffren der „Globalisten“. Gerade ein Ex-Chef des Verfassungsschutzes müsste über den antisemitischen und verschwörungsideologischen Kontext dieser Dinge Bescheid wissen, selbst wenn sie nicht beabsichtigt gewesen sein sollten.

Kritik an Maaßens teils antisemitisch codierten und rechtsextremen Inhalten kommt von Antisemitismusforschern und auch von CDU-Funktionären (Quelle, Quelle, Quelle).

Das WEF-Video aus 2016

Ein gutes Beispiel, wie die Ideen des WEF rund um den „Great Reset“ von Verschwörungserzähler:innen aus dem Kontext gerissen werden, um in ihr Feindbild gequetscht zu werden ist das WEF-Video aus dem Jahr 2016, das acht Vorhersagen für die Welt im Jahr 2030 machen sollte. Dieses Video wird massiv als vermeintlicher Beleg für die Verschwörungsmärchen herangezogen.

Allein schon die Aussage „You’ll own nothing, and you’ll be happy“ sorgt wohl bei so einigen „Great Reset“-Verschwörungsideolog:innen weltweit für eine gedankliche Kernschmelze. Doch was genau steckt dahinter? Erkundigt man sich genauer nach dem Video, bekommt man diesen sehr aufschlussreichen Beitrag dazu. Hier wird erklärt, wie es zu dieser und weiteren Aussagen überhaupt kam und wie Schwabs WEF dazu steht. Ceri Parker, Autorin des Beitrags dazu:

„We asked experts from our Global Future Councils for their take on the world in 2030, and these are the results, from the death of shopping to the resurgence of the nation state.“

Also hat man nur ein Gremium nach seinen Prognosen befragt, anstatt eine große „sozialistische“ NWO-Agenda zu beschließen? Interessant, schauen wir uns mal ein paar Punkte dazu genauer an:

„You’ll own nothing, and you’ll be happy“ ist auf diese Prognose zurückzuführen:

Also hat das weder Schwab gesagt noch wurde es vom WEF verkündet. Klar kann man Frau Auken vielleicht sozialistisches Gedankengut unterstellen, aber eine Ankündigung zur umfangreichen Enteignung klingt anders.

Nationalstaaten werden ein Comeback haben? Klingt ja nicht gerade nach einer global gesteuerten Weltregierung. Und zu guter Letzt dazu noch die Distanzierung des WEF vom angeblichen eigenen, eigens propagierten Plan:

Wie wir sehen, haben wir bei dem sogenannten „great reset“ und mit beispielsweise eher unglücklich kommunizierten Videos und reißerische Titeln wie diesem einen guten Antrieb für einen Verschwörungsmythos, der sich beliebig instrumentalisieren lässt, je nach Ereignis und eigener Gesinnung. Das wird auch getan mit aus dem Kontext gerissenen Auszügen aus dem Buch „The Great Reset“.

Fazit

Als Erstes muss man verstehen, dass es manchmal nicht mehr so einfach ist, Antisemitismus zu erkennen. Man kann nicht einfach sagen, „wenn die Person Aussage xyz tätigt, dann ist sie Antisemit:in und wenn nicht, dann nicht“. Der moderne Antisemitismus findet gerade in der westlichen Welt vor allem zwischen den Zeilen und hinter gewissen Codes statt.

Außerdem muss man auch den Plan des „Great Reset“ nicht gut finden. Auch aus gemäßigten und linken Kreisen wurde die Kritik geübt, dass die Änderungen nicht weitreichend genug oder auch nicht ernst gemeint seien. Auch wurde die Befürchtung vorgetragen, der Plan des WEF sei letztlich nur Imagepflege der Reichsten, ohne dass sich an Armut und Elend etwas ändere. All diese Kritikpunkte sind legitim und kann man definitiv diskutieren.

Doch wenn es um „geheime Pläne“ nicht näher benannter „Eliten“ geht, wenn man von „globalen Finanzeliten“ und „Globalisten“ und ihrer „Kriegserklärung“ munkelt, dann sollten bei jedem kritisch denkenden Menschen die Alarmglocken läuten: Hier geht es höchstwahrscheinlich nicht mehr um inhaltliche Kritik, sondern um eine Verschwörungserzählung und versteckten Antisemitismus. Das sollte allen Menschen bewusst sein – auch und insbesondere dann, wenn sie in Südthüringen der rechtsextremen AfD Stimmen abjagen wollen.

Zum Thema:

Ex-Verfassungsschutz Maaßen retweetet Lügen von Rechtsradikalen

Autoren: Frederik Mallon, Thomas Laschyk, Lukas W. Artikelbild: pixabay.com, CC0

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