Wir waren die größten Regierungskritiker & Lockdowngegner, nicht Querdenker

| Kommentar | 22. Juni 2022

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Die Pandemie treibt ihre Blüten mit uns

Gastkommentar von Dr. Roshan Mamarvar

Der Kampf gegen die Krankheit und gleichzeitig gegen Desinformation, Hass und Bedrohung ermüdet. Wir waren in der Pandemie die lautesten Kritiker des Regierungskurses und wurden gleichzeitig von Querdenkern als „Regierungsmarionetten“ bezeichnet. Wir haben lautstark Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionswellen gefordert, und laufend davor gewarnt, dass Ignoranz in einen Lockdown münden würde, nur um von Querdullies als „Lockdownfanatiker“ bezeichnet zu werden. Wenn wir dann nach Wochen der Untätigkeit bei ständig steigenden Infektions- und Todeszahlen beim Lockdown erleichtert aufatmeten, weil endlich IRGENDETWAS geschah, fühlten sich Querdenker darin bestätigt, dass wir ja „Lockdownfanatiker“ seien.

Wir sind gegen Lockdowns – deshalb müssen wir den aktuellen verschärfen #RunterAuf10

Wir haben Masken getragen und sowohl darauf verwiesen, dass diese die höchste wissenschaftliche Evidenz zum Infektionsschutz haben, als auch bestätigen können, dass Horrorszenarien von erstickten Maskenträgern erfunden seien, da wir diese schließlich seit Jahrzehnten im OP und in Funktionsbereichen tragen.

Perfide: Warum Masken-Gegner plötzlich lauter tote Kinder erfinden

Wir haben einen sicheren und milliardenfach erprobten Impfstoff. Und Querdenker behaupten im Einklang mit klassischen Impfgegnern, es handele sich um „Gift“ oder ein „Experiment“, an dem wir Geimpften im Übrigen schon mehrmals verstorben sein sollten, falls ihr das verpasst habt. Querdenker haben uns bedroht, verfolgt, haben buchstäblich Menschen ermordet, die nur um das Tragen von Masken gebeten haben. Sie haben Menschen zusammengeschlagen, nur weil diese Maske trugen. Querdenker haben sich abseits der Gesellschaft gestellt und dieser dann Spaltung vorgeworfen. Sie haben gehetzt und unsere faktenbasierten Argumente als Hetze bezeichnet.

Mord von Idar-Oberstein motiviert Maskengegner: Immer mehr „Einzelfälle“?

Und die Politik?

Wir haben gewarnt, aufgeklärt, gemahnt, diskutiert. Immer in der Fehlannahme, die Politiker würden falsch beraten, und wenn sie nur wüssten, das der Weg, den sie gingen, Menschenleben fordert, würden sie schon richtig handeln. Sie wussten genau, was sie taten. Ich glaube, ihr Weg hat in dieser Pandemie Myriaden von Menschenleben gefordert, allein in Deutschland. Die offene Ignoranz gegenüber Fachexpertise, die in dem berüchtigten Zitat „Mir sagen nicht Virologen, welche Entscheidungen ich zu treffen habe“ mündete. Die bewusste Rosinenpickerei von sogenannten Experten, die teilweise den Kurs der Politik mittrugen, entgegen jeder Evidenz. Dass das so möglich sein könnte, haben nicht einmal die Macher der deutschen Pandemie-Risiko-Analyse 2012 erträumt. Niemand hat damals an Politiker gedacht, die entgegen der Expertise von Fachleuten handeln oder Bürger, die nicht FÜR eine Versorgung mit Masken und Impfstoff, sondern dagegen protestieren.

Inzwischen scheint sich politisch der Weg der Durchseuchung mit erhoffter Herdenimmunität durchgesetzt zu haben. Jeder soll jetzt für sich selbst Verantwortung tragen. Dabei wird leider ausgeblendet, dass es keine Herdenimmunität durch Durchseuchung geben wird, das zeigt der aktuelle Forschungsstand ziemlich eindeutig (Fauci et al).

Abwälzung von Verantwortung auf den Einzelnen

Die Abwälzung von Verantwortung auf den Einzelnen begann übrigens nicht erst bei Infektionsschutz. Ich und andere Kollegen haben im letzten Herbst, als es noch keine politische Entscheidung zur Impfung von Kindern gab, Impfstoff auf eigene Kosten besorgt und hunderte von Kindern unentgeltlich geimpft. Die permanente Bedrohung von Ärzten, die sich offen für eine Impfung von Kindern aussprachen, war überall spürbar, wenige trotzten dieser Angst und machten ihr Tun öffentlich. Wie viele Kinder wir durch unsere Aktion von schweren Verläufen, Long Covid und anderen Folgeschäden oder gar dem Tod bewahrt haben, kann man wohl nur erahnen.

Für mich zählt jedes einzelne Kind. Und ich werde nie vergessen, wie ein vierjähriger Junge mit schwerer Vorerkrankung nach der Injektion freudig durch den Raum sprang und „Ich bin geimpft! Ich bin geimpft!“ skandierte. Ich habe unglaublich viele Dankesbilder von geimpften Kindern, die deutlich zeigen, dass diese den Ernst der Lage viel besser verstanden haben, als so ziemlich alle Abwiegler und Leugner.

Egal wie sehr wir es uns wünschen – die Pandemie ist nicht vorbei

Derzeit tut die Regierung alles, um den Anschein eines Endes der Pandemie aufrechterhalten zu können. Es wird im Vergleich zum letzten Jahr kaum noch getestet, Quarantäne und Isolation sind auch nur noch theoretisch vorhanden und bauen stark auf die Eigenverantwortung der Betroffenen. Dass das Unsinn ist, wenn es um den Schutz unbeteiligter Dritter geht, scheint egal. In frappierender Weise steigen die Infektionszahlen trotzdem an, sinken die Todeszahlen trotzdem nicht wirklich. Klar ist die FDP derzeit führend beim Vorantreiben der Vogel Strauß Politik. Allerdings sind die anderen Parteien keineswegs zutiefst widerwillig gegen ihre Überzeugungen handelnde Geiseln, die nur ein Auseinanderbrechen der Koalition verhindern wollen. Sie sind offenbar vielmehr Gefangene ihrer eigenen Wunschvorstellung, dass es ein „Normal“ im Sinne der Zeit vor Corona noch geben kann. Dies gilt im Übrigen für alle Parteien in Deutschland, die auf Bundes- oder Landesebene in Regierungsverantwortung sind.

Wir haben jetzt 2,5 Jahre verschwendet, in denen wir Maßnahmen hätten treffen können, die ein weitgehend unbeeinträchtigtes Miteinander unter Wahrung einiger Sicherheitsvorkehrungen hätten erlauben können. Wo sind flächendeckend die Luftfilter für Schulen, während viele Parlamente wie selbstverständlich längst damit ausgestattet sind? Wo bleibt die Verbesserung von Netzinfrastruktur, damit Heimarbeit, Distanzunterricht usw. genauso problemlos funktionieren, wie in anderen Ländern? Es fehlt viel Ausrichtung der Pandemiemaßnahmen an wissenschaftlicher Evidenz?

Wir haben in den letzten zwei Jahren einen Kurs gesehen, der sich genau zwischen sinnlosem Aktionismus, Verharmlosung und maximaler Gängelung der Bürger bewegt hat. Statt die effektivsten Maßnahmen wie Maskentragen und social distancing zu fördern und zu propagieren (mehr dazu), wurden Geschäfte in ein sinnloses „2G+ mit Termin“ gezwängt. Wenn sie überhaupt öffnen durften, wobei Analysen schon aus dem ersten Lockdown zeigten, dass hierdurch keine wesentliche Verbesserung des Infektionsschutzes zu erwarten war.

Liebe politischen Entscheidungsträger: Das funktioniert so nicht!

Wir müssen nach vorne denken! Corona ist hier und geht nicht so einfach weg. Mit Corona zu leben bedeutet nicht, so zu tun, als sei es nicht da. Sondern es immer im Kopf zu haben. So wie wir inzwischen Sex mit Kondom normalisiert haben, wenn es um die Vermeidung von HIV-Infektionen geht, müssen wir gedanklich entsprechende Maßnahmen zur Vorbeugung von Coronainfektionen normalisieren. In Zukunft sollten Masken im Gesundheitswesen oder bei körpernahen Dienstleistungen genauso zur Normalität gehören, wie Handschuhe.

Es sollte normalisiert werden, dass man krank zu Hause bleibt. Eine durch Ansteckung in großen Teilen arbeitsunfähige Belegschaft ist viel kritischer für Unternehmen, als eine normale Krankheitsquote. Sollte jemand milde Erkältungssymptome haben und trotzdem arbeitsfähig sein, so sollte das Tragen von Masken ebenso selbstverständlich sein, wie das Benutzen von Taschentüchern statt des Ärmels. Tests wird es nur noch anlassbezogen beim Hausarzt geben, Telearbeit und Distanzunterricht in Kombination mit Präsenzunterricht sollten normal werden.

Und bei all dem geht es um die angestrebte Situation einer endemischen Covidlage. Solange wir immer noch massive pandemische Wellen mitzehn- oder gar hunderttausenden von täglichen Neuinfektionen haben, solange täglich eine dreistellige Zahl von Menschen an Covid sterben, solange ist die Pandemie auch nicht vorbei. So gerne wir das alle hätten.

Dieser Gastartikel und Kommentar ist ein Gastbeitrag von Dr. Roshan Mamarvar, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Notfallmedizin und stellt dessen Meinung und Perspektive dar. Auf Twitter ist er als „Emergency doc“ (@Dr_Emergencydoc) unterwegs. Der Artikel basiert auf folgendem Twitter-Thread:

Zum Thema:

Was eine Impfpflicht wirklich gebracht hätte – und was nicht

Artikelbild: shutterstock.com fizkes

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