Medien-Wahlkampf mit unwichtigen Details: Mehr Inhalte bitte!

| Schwer verpetzt | 9. Juli 2021

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CDU plakatiert mit Mitarbeiter:innen – Ja und?

„Wirbel um Wahlplakate mit CDU-Mitarbeitern“ lautete eine dpa-Meldung. Die immer skandalgeile BILD titelte „Peinliche Plakate: CDU verkleidet ihre Mitarbeiter für Kampagne“. BILD findet auch einen Medienpsychologen, der mangelnde Authentizität attestiert, gar von „fadenscheinig und albern“ spricht. Was war passiert? Die CDU möchte mit Pfleger:innen oder Polizist:innen werben, hat dafür aber keine echten genommen, sondern Mitarbeitende der CDU.

Und jetzt frage ich mich: Ja und?

Ach, Fotomodels sind gar nicht die Berufe, für die sie posieren? Man nutzt in der Werbung etwa gestellte Fotos für ein Fotoshooting? Als Nächstes erzählt ihr mir noch, die glückliche Familie in der Müsliwerbung ist auch gar keine echte Familie, sondern bezahlte Schauspieler:innen?! Und Uschi Glas hat auch nur eine Werbekampagne für Impfungen gemacht. Und sich trotzdem gegen Corona impfen lassen.

Uschi Glas ist geimpft: Impfgegner verstehen nicht, wie Werbe-Bilder funktionieren – Peinlich!

Hier sieht man mal wieder ein Beispiel, wie gewisse Medien versuchen, Skandale künstlich zu produzieren. Weil Skandale sich gut verkaufen und Klicks bringen. Nicht zwingend, weil es wirklich Dinge sind, über die man sich aufregen müsste. Versteht mich nicht falsch: Ich will damit nicht sagen, dass es jegliche Kritik daran ungerechtfertigt sei.

Wäre die Alternative besser?

Die größte Polizeigewerkschaft GdP kritisiert, dass sie keine „Garnitur für Wahlprogramme“ sei und Parteien nicht mit Fake-Polizist:innen werben sollten (Quelle). Aber die Tatsache, dass die CDU nicht echte Pfleger:innen oder Polizist:innen genutzt hat, ist doch kein Skandal. Im Gegenteil, wäre es so gewesen, hätte man das auch kritisieren können: Dass man diese Leute von ihrer wichtigen Arbeit abhält. Oder das Risiko einer Corona-Ansteckung.

Oder dass bei bezahlten Schauspieler:innen oder Stockfotos Personen dabei sind, die das nicht möchten oder die man nicht haben möchte. Die rechtsextreme AfD blamierte sich hier erst kürzlich gehörig, als sie in ihrem Propaganda-Spot „Deutschland, aber normal“ Bilder zeigte… die gar nicht aus Deutschland stammen (Quelle). Alles Gründe, die die CDU auch selbst aufführte. Mit Freiwilligen, die dafür stehen können und zu denen man stehen kann, die getestet sind. Ehrlich gesagt finde ich das im Gegenteil sogar eher lobenswert.

So fair waren übrigens auch die politischen Gegner:innen. Außer natürlich die heuchelnde AfD, was aber wenig verwundert. Der SPD-Bundestagskandidat und Vorsitzende des Bundes deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler, twitterte: „Eine echte Polizistin hätte es gar nicht sein dürfen. Besser über den »Inhalt« streiten!“ Auch die Grünen schüttelten den Kopf:

„Besser über den Inhalte streiten“ – bitte auch bei Baerbock & Co.

Weil es hier vielleicht nicht um nebensächliche (und ziemlich übliche) Schönungen im Lebenslauf von Baerbock geht oder schlampiges Kopieren ihres Ghostwriters, was aber kein Plagiat darstellt (mehr dazu), können wir vielleicht weniger mit der parteiischen Brille das Problem analysieren. Medien machen Auflage durch Skandale und politische Gegner:innen nutzen gern Schwachstellen aus. Das ist halt Wahlkampf, wenn auch die wenig wünschenswerte Seite.

Das sollte vielleicht mal ein kleiner Weckruf sein – auch an Teile der Union – sich auf tatsächliche Inhalte zu konzentrieren. Aber wenn ein (abgelehnter) Änderungsantrag für den Titel des Wahlprogramms der Grünen, gegen den die Parteispitze die ganze Zeit gewesen ist, für die Union ausreicht, um zu fabulieren, die Grünen wollten „Deutschland streichen“ und hätten ein „gestörtes Verhältnis zu Deutschland“ (Blume, CSU), dann bekommt die CDU hier (nur einen Bruchteil) ihrer eigenen Medizin. Was es natürlich nicht weniger verwerflich macht.

Grüne wollen „Deutschland“ BEIBEHALTEN: Absurde Fake-Kampagne der Union

Und bemerkenswerterweise übrigens nicht so von den Grünen, die (vielleicht meistens zu) stoisch die Diffamierungskampagnen ertragen, und (wenig erfolgreich) versuchen, sich durch Fairness auszuzeichnen. Klar kann man der Meinung sein, geschönte Lebensläufe seien unschicklich oder kopierte Textpassagen seien einer Kanzlerkandidatin unwürdig. Aber Laschet und Scholz haben ihren Lebenslauf auch beschönigt (Quelle). Um die beiden Letzteren machte man weitaus weniger Wirbel. Ich vermute, viele lesen davon sogar zum ersten Mal.

Über Glaubwürdigkeit – im Kritisieren

Wer perfekte Vorbilder als Kanzlerkandidat:innen erwartet, wird enttäuscht werden. Und völlig egal, ob Kritik berechtigt ist oder nicht, das Ausmaß, in welchem politische Gegner:innen, besonders die extrem rechte Blase, um jeden Preis Diffamierungskampagnen starten, ist offensichtlich einseitig und übertrieben. Erst Recht, wenn es Lügen sind. Und es sind viele.

Bist du auf eine dieser Lügen & Verschwörungsmythen über Annalena Baerbock hereingefallen?

Hierbei ist zu bemerken, dass die Politiker:innen untereinander oft fairer und sachlicher sind, als die Medien es darstellen. Bei den vermeintlichen Plagiatsvorwürfen wurde Baerbock von der CDU oder FDP teilweise in Schutz genommen:

Bei der sinnlosen Debatte über Spritpreise stellte sich Lindner schützend vor die Grünen mit der richtigen Feststellung, dass konsequenter Klimaschutz zwangsläufig mit Verteuerung einhergehen muss. Alle demokratischen Parteien haben dazu Vorschläge – oder schon Dinge beschlossen (mehr dazu).

Vielleicht lohnt es sich an der Stelle darauf hinzuweisen, dass es allen Demokrat:innen geboten wäre, einen Moment innezuhalten und sich kritisch zu reflektieren, bevor man reflexhaft auf den politischen Gegner einprügelt, wenn Medien anfragen. Denn was wirklich für Unglaubwürdigkeit sorgt, ist Heuchelei, zweierlei Maß und zu zeigen, dass einem Gewinnen wichtiger ist als gute Politik zu machen.

(Axel-Springer-)Medien

Oft sind es skandalgeile Medien, besonders negativ hervorzuheben der Axel-Springer-Verlag mit BILD und WELT, die Kampagnenjournalismus machen, Skandale künstlich aufbauschen wollen und Zwietracht säen. Denn damit verdienen sie ihr Geld. Dass BILD mit Angst und Aufregung Auflage macht, ist doch keine Neuheit. Es täte uns kollektiv gut daran, speziell dieses Medium zu meiden.

Mit der offensichtlichen Ausnahme der in großen Teilen rechtsextremen AfD können Politiker:innen aller Parteien selbst für einen faireren Wahlkampf sorgen, und nicht zu jedem schmutzigen oder überzogenen Vorwurf greifen, wenn sich die Möglichkeit bietet. Im Falle der Mitarbeiterplakate kann man sehen, dass das in alle Richtungen passiert, auch wenn besonders die Grünen das extrem abbekamen in den letzten Wochen.

Man kann ja über Inhalte reden

Auch bei der CDU-Wahlplakatkampagne kann man lieber über die Inhalte reden als über die Models. Luisa Neubauer kritisiert, dass die CDU in Sachen Klima „verlogen“ sei.

Pfleger Ricardo Lange, dass in seinen Augen Pflegekräfte von der CDU in der Corona-Pandemie im Stich gelassen werden, und diese jetzt damit wirbt.

Man könnte über Skandale reden, die mit dem Inhalt zu tun haben. Laschets wissenschaftsfeindliche Argumentation und Zustimmung ausgerechnet zur AfD (mehr dazu). Scholz’ Verantwortung beim menschenrechtswidrigen Einsatz von Brechmitteln bei Verdächtigen in Hamburg (mehr dazu) oder vom G20 Einsatz (mehr dazu, mehr dazu).

Laschet hat als Dozent Klausurnoten ausgewürfelt und Baerbock hat ein paar Textstellen in einem Sachbuch kopiert. Das ist ein ganz anderes Kaliber, das in meinen Augen zwar gerne diskutiert werden kann, aber kein Wahlkampfthema sein muss. Insbesondere da es einseitig und unfair instrumentalisiert wird. Das macht den Wahlkampf schmutzig.

Meine Bitte an alle: Mehr über politische Pläne sprechen. Und nicht, wer das Stockfoto ist, das dazu lächelt

Artikelbild: Screenshot

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