Fahrspurende & weitere Blamagen – was sich die AfD von Peinlichkeiten erhofft

| Social Media | 28. Juli 2020

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Hoch die Hände, Fahrspurende!

Die AfD versucht, verschiedene anti-wissenschaftliche Narrative zu verbreiten: Dass es Menschenrassen gäbe und Hautfarbe und Herkunft eine Rolle beim Wert des Menschen spielen würden, dass es den menschengemachten Klimawandel gar nicht gäbe oder das antifeministische Narrativ, dass die Wissenschaft der Genderforschung gar keine wäre (mehr dazu). Dieser „Genderwahnsinn“-Wahnsinn versucht, jeden Versuch der Gleichstellung von Frauen, Homosexuellen und Trans-Personen als unwissenschaftlich und unlogisch darzustellen. Dazu greift die AfD nach vielen Strohhalmen, um ihre Ideologie zu inszenieren. Gestern Abend schaffte es der AfD-Politiker Lindemann mit „Fahrspurende“.

Richtig, das zusammengesetzte Nomen „Fahrspurende“ hielt der rechtsradikale Politiker für eine geschlechtsneutrale Version von „Fahrspur“, was selbstverständlich Blödsinn ist. Er möchte kritisieren, dass das Gendern von „Fahrspur“ Blödsinn sei. Dass das aber keiner gemacht hat, sondern er sich das nur einbildet, akzeptiert er nicht. Im Gegenteil, er legt noch einen drauf: Aus Angst davor, zuzugeben, sich völlig blamiert zu haben, behauptet er, die B.Z. könne gar nicht das Ende einer Fahrspur gemeint haben (völlig, abwegig, nicht?^^), weil es das Wort nicht im Duden gibt:

Twitter lacht sich kaputt

Dass das ein gerade zu lächerliches Scheinargument ist, weiß er sicherlich selbst am besten. Nur weil ein Wort nicht im Duden ist, heißt das nicht, dass es nicht existiert. „AfD-Politiker“ gibt es auch nicht im Duden. Gibt es demnach keine AfD-Politiker? Pardon, AfD-Politiker*innen.

P.S.: „Genderwahnsinn“ existiert im Duden übrigens auch nicht. Aber Scherz beiseite: Im Deutschen gibt es die Komposition. Im Deutschen darf man ein neues Wort bilden, indem man mindestens zwei vorher existierende Worte miteinander verbindet. So zum Beispiel „Fahrspur“ und „Ende“ zu „Fahrspurende“. Dass dieser angebliche Verteidiger der „deutschen Kultur“ seine eigenen Schwierigkeiten mit eben jener hat, hat er schon des öfteren unter Beweis gestellt:

„Deutsche Küche“: Dieser AfD-Post wurde mit nur einem Kommentar zerlegt

Entsprechend hat sich der AfD-Politiker Spott auf Twitter verdient:

Wie die AfD versucht, „Genderwahnsinn“ zu konstruieren

Ob er diesen lächerlichen Unsinn wirklich selbst glaubt oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle: Es ist Teil einer Strategie. Zumindest eines Versuches davon. Die AfD möchte alles, was nicht in ihre reaktionäre, frauenfeindliche, homophobe und teils rechtsextreme Ideologie passt, als „linksextrem“, „Genderwahnsinn“ und „abnormal“ inszenieren. Völlig egal, wie sehr sie dabei lügen, verzerren und verdrehen muss. Lindemann blamierte sich auch erst kürzlich dabei, der DB zu unterstellen, sie sei „linksextrem“:

Peinlich: Deutsche Bahn „linksextrem“?! AfD-Politiker blamiert sich auf Twitter

Die AfD hat sich mit „Lügenpresse“-Vorwürfen in eine eigene, hermetisch abgeschlossene Filterblase manövriert, in welcher ihre Anhänger*innen täglich die vermeintlichen Belege, Verschwörungsmythen und Fakes geliefert bekommen, die sie von den „Linksgrünen“ behaupten – damit sind natürlich alle normalen Menschen gemeint, die nicht zur extrem rechten Minderheit gehören. Alles, was ihrem Weltbild widerspricht kann man bequem als „Fake“ und „Lügenpresse“ abtun, aber in Wahrheit kommen die meisten Fakten und guten Argumente nicht an.

Leute, die unbedingt wollen, dass Lindemann Recht hat, werden einfach akzeptieren, dass das mit dem Duden ein valides Argument ist. Weil sie es wollen. Und da kann auch jede Logik nichts dagegen tun. Es reicht, dass es den Anschein hat, hier gibt es ein Gegenargument. Im Gegenteil wird Blödsinn wie Fahrspurende in diesen Kreisen immer wieder verteilt, um ihre eigenen Missverständnisse als das darzustellen, was die Genderforschung denn sein soll.

Nicht das erste Mal

Original

Dabei sind das alles (absichtliche!) Missverständnisse, Manipulationen, Fakes und angebliche „Satire“. Ihnen kann völlig egal sein, dass es Quatsch ist. Im Gegenteil, weil es Quatsch ist, halten sie es für einen Beweis für ihre verquere Ideologie. Deshalb ist kein Blödsinn, kein Fake dumm genug, um nicht instrumentalisiert zu werden. Wenn auch nur eine Person darauf herein fällt und wirklich denkt, „Fahrspurende“ sei aus irgendeinem Grund gegendert, haben sie einen Punkt gewonnen. Eine Person mehr, die überzeugter wird: Gender muss lächerlich sein. Obwohl sich hier eigentlich die rechtsextreme Ideologie entblößt.

Aber darum geht es nicht. Es ist ein Kampf um Meinungshoheit, um Inszenierung. Sie wissen, dass die meisten sie ohnehin nicht ernst nehmen. Aber Stück für Stück, mit jedem Fake, mit jeder Blamage hoffen sie, mehr Leute überzeugen zu können. Wenn diese nämlich einmal in der eigenen Propaganda-Blase sind, spielen Gegenargumente und die Wahrheit keine Rolle mehr. Darum tun AfD-Politikernde (Konnte nicht widerstehen) so, als wären die Blamagen ein Erfolg für sie. Und freuen sich über die Aufmerksamkeit.

Blamieren bis zum Erfolg

Keine Frage, die meisten Deutschen wissen, dass die AfD eine Mischung aus verfassungsfeindlichem Rechtsextremismus, antisozialem Marktradikalismus und vielen Peinlichkeiten ist. Doch die Mischung ist Teil ihrer Strategie – denn die ständigen Blamagen verhelfen zu Aufmerksamkeit und Selbstverharmlosung. Wer die AfD (nur) für lächerlich hält, hält sie für keine Gefahr. Auch AfD-Politiker Stephan Brandner, der menschenverachtende Tweets zum rechtsextremen Anschlag von Halle verbreitet hatte und deswegen von allen anderen Parteien geächtet wurde und sogar als erster Vorsitzender des Rechtsausschusses in der Geschichte dieses Postens abgewählt wurde (Mehr dazu), hatte einen vermeintlichen Aufreger gefunden: Er verbreitete ein Foto, auf dem ein Adventskalender von Kinder zu sehen ist. Brandner war wütend darüber, dass dieser angeblich nicht Adventskalender heiße.

Was Brandner jedoch verschwieg: Das ist die Rückseite des Adventskalenders. Wie man auf der Produktseite (Und das Produkt heißt übrigens sogar „kinder Mix Adventskalender“) sehen kann, befinden sich die Türchen auf allen Seiten. Auf der Vorderseite sieht man deutlich die Aufschrift: „Adventskalender“.

Die ganze Geschichte haben wir hier erklärt:

 

Adventskalender: Die Strategie hinter der „Weihnachts-Hysterie“ der AfD

Brandner behauptete später, das sei alles Absicht gewesen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Und hier sehen wir den Kern der Strategie: Der AfD ist es völlig egal, dass das Blödsinn ist. Sie glaubt (oder tut zumindest so), dass das Problem, sei es ihre „Islamisierungshysterie“ oder „Genderwahnsinn“, ein echtes ist. Und zur Not kann man auch mit Fakes Aufmerksamkeit darauf richten. Das Problem: Die ideologisch Verblendeten sehen die Realität vor lauter Fakes nicht mehr.

Denn in ihrer Filterblase sind sie (ohne es je zu prüfen) überzeugt davon, dass es viele echte Beispiele von „Genderwahn“ gibt, selbst wenn sie erfahren sollten, dass Fahrspurende Quatsch war. Dass es aber jedes Mal derartige Fakes und Missverständnisse sind, realisieren sie nicht. Ihr eigenes, geschlossenes Weltbild verhindert eine Auseinandersetzung mit echten Argumenten. Und der Realität hinter ihren ganzen Märchen. Gibt es genug Lügen, werden sie irgendwann trotzdem geglaubt.

„Mir egal, dass es Fake ist“

Schaut, wie sie reagieren, wenn sie erfahren, dass eine Lügengeschichte über angebliches „Weihnachtsgeld für Flüchtlinge“ völlig erfundener Blödsinn ist:

„Tut doch nichts zur Sache!!!“ – Es geht gar nicht um den Wahrheitsgehalt dieser Meldung. Und wenn wir das aufdecken, interessiert das niemanden, der diese Meldung ursprünglich geteilt hat. Denn ob die Meldung stimmt oder nicht, das ist sind „Kleinigkeiten“:

Mehr dazu:

Darum glauben so viele die Lüge, dass „Migranten“ „700€ Weihnachtsgeld“ bekommen

Was heißt das jetzt?

Keine Frage – so eine Blamage ist viel zu lustig, als dass man sie ignorieren könnte. Aber wichtig ist für alle: Retweetet nicht seinen Original-Tweet. Teilt die Screenshots nicht ohne Einordnung und Erklärung. Nicht alle eure Leser.. Lesenden checken, dass ihr euch darüber lustig machen wollt. Ihr dürft die Inszenierung nicht ohne klares Framing verbreiten. Denn dahinter steckt eine bösartige, hasserfüllte Ideologie: „Gender-Gaga“ entsorgen wir auf  dem „Müllhaufen der Ideologie-Geschichte“, sagte der Faschist Höcke, der immer noch in der AfD ist (Quelle).

Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die AfD nur lächerlich und damit harmlos ist. Sie wird nicht umsonst in großen Teilen bereits vom Verfassungsschutz beobachtet. Höcke möchte Menschen deportieren, den Nationalsozialismus positiv betrachten und hat nichts dagegen, „ein paar Volksteile [zu] verlieren“. Mehr dazu:

Enthüllt: Die AfD will nicht, dass du diese 25 Höcke-Zitate verbreitest

Auch Lindemann ist nicht bloß eine Witzfigur. Seine Verbindungen in die Szene der Verschwörungsfanatiker, zu Russland und Putin, Bedrohungen gegen 16-Jährige und verschiedene, gezielte Behauptungen hat Ben Schneider hier in diesem Twitter-Thread zusammengefasst:

Hitler wurde vor seiner Wahl ausgelacht. Trump auch. Gezielte Lächerlichkeit ist Teil der Selbstverharmlosung. Das ist eine konkrete Strategie der AfD (mehr dazu). Es muss allen klar sein: Das ist ein Manipulationsversuch. Und entsprechend müssen wir damit umgehen. Entlarven und auslachen – ja. Denn die Inszenierung darf nicht unwidersprochen bleiben. Aber passt auf, wie ihr dieser gefährlichen Ideologie Aufmerksamkeit gebt. Selbst wenn sie noch so lächerlich ist. Jetzt bloß nicht das Textende übersehen.

Artikelbild: Jihan Nafiaa Zahri

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