Keine Empörung, kein „Trauermarsch“: Der Messer-Mord, den dir die AfD verschweigt

| Kommentar | 5. Februar 2020

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Weil der mutmaßliche Täter Patrick S. aus Sachsen-Anhalt ist

Es war eine schreckliche Tat: Ein Stalker stellte jahrelang der 23-jährigen Sophie N. nach. Die Flugbegleiterin wollte einen neuen Job in Österreich antreten – doch der tatverdächtige Patrick S. aus Dessau in Sachsen-Anhalt, der sie jahrelang gestalkt hatte, brach in ihr Apartment ein und tötete sie mit einem Stich in den Hals. Später stellte er sich selbst der Polizei und soll gestanden haben (Quelle). Das war vor zwei Wochen. Während der Fall durchaus in einigen Medien berichtet wurde, so entstand jedoch keine politische Diskussion über diesen „Messer-Mord“.

Ein „Messer-Mord“ an einer jungen Frau und eine Tragödie. Jedoch kein AfD-Sharepic, kein Hashtag zu Sophie oder Hannover auf Twitter, der trendet. In den Kommentarspalten der Medienberichte finden sich keine wütenden Kommentare, die Kanzlerin Merkel oder ihre Politik beschuldigen. Stört diese Schreckenstat nicht das Sicherheitsempfinden? Ist es kein „Politikversagen“? Ist sie es nicht wert, einen Trauermarsch zu veranstalten oder eine Mahnwache abzuhalten? Offensichtlich nicht, da der Täter anscheinend keine dunkle Haut hatte.



AfD will dich manipulieren.

Die AfD erwähnt den Fall nicht, weil ihr deine Sicherheit oder die von Frauen allgemein völlig egal ist. Sie möchte einfach nur, dass du Schutzsuchende, Nichtdeutsche und Menschen mit anderer Hautfarbe hasst. Die AfD ist zutiefst rassistisch. über die Tat am Frankfurter Hauptbahnhof wurde tagelang gesprochen, gab es politische Vorwürfe, weil der Täter eine dunkle Hautfarbe hatte. Aber mit Merkels Flüchtlingspolitik hatte er rein gar nichts zu tun. Grenzkontrollen hätten ihn nicht aufgehalten. Er lebte seit 2006 in der Schweiz.

Der endgültige Beweis, dass alle Frankfurt-Hetzer nur Rassisten sind

Aktivist*innen haben sich alle Fälle angeschaut, in der die AfD Messerstechereien durch Migranten beklagt und insgesamt 564 Fälle überprüft. Die Fälle haben sie alle von der AfD-Website gesammelt. Die komplette Liste aller Fälle haben sie hier in einer Excel-Datei gelistet. Ihre Ergebnisse sprechen Bände.

87 % aller Fälle sind falsch. Bei 310 Fällen handelt es sich überhaupt nicht um Messerstechereien. Und bei weiteren 178 Fällen fehlt eine Angabe über die Herkunft der Täter. Die AfD hat lediglich unterstellt, dass es sich um Nicht-Deutsche handele. Somit bleiben lediglich 76 Einzelfälle. Das heißt: Wenn die AfD den Messerangriff eines Migranten anprangert, ist es höchstwahrscheinlich falsch. Am Wochenende nach Augsburg – bei einem deutschen (!) Täter wurden auch massiv Lügen von 43 Messerstechereien verbreitet:

Dreiste AfD-Propaganda: Keine 43 “Messer-Taten” am Wochenende!

Doch selbst ohne die Lügen der AfD kann die AfD uns alle mit ihrer selektiven Darstellung verarschen. Deutschland war 2018 zum zweiten Mal in Folge so sicher wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr (Quelle). Die Anzahl der Tatverdächtigen ist auf dem niedrigsten Stand seit 1992. Und ja, auch die tatverdächtigen Nichtdeutschen und Schutzsuchenden sind weniger geworden. Was soll man da noch sagen?

Mehr dazu, wie die AfD die Realität verzerrt hier

Auch Meldungen, dass die Anzahl der Messerstecher zugenommen haben sollte sind Fake News von der BILD-Zeitung und der AfD:

Analyse: „BILD“ wetzt die Messer und schneidet dabei sehr schlecht ab….

Die wahre gefahr für frauen: Ihre männlichen partner

Die meisten Straftaten in Deutschland werden von Deutschen begangen. Deutsche mit „typisch deutschen“ Vornamen, für die Rassisten. Wer „unsere Frauen“ schützen will, der soll sich nicht von der AfD von den wahren Tätern ablenken lassen. Die Täter sind mehrheitlich Männer. Zu 70 % sind es Deutsche, die Frauen schwere Gewalt antun. Fast zwei Drittel aller Täter sind Lebensgefährten oder Ehemänner, 37 % ehemalige Partner. Allein im Jahr 2016 wurden fast 82.000 Frauen Opfer von einfacher oder schwerer Körperverletzung. Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit höher.

Wo sind die AfD-Demos gegen die tägliche häusliche Gewalt gegen Frauen?

Häusliche Gewalt ist ein großes Problem, dem viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es gibt keine einheitliche Finanzierung, zu wenig Geld und zu wenig Personal. Weil zu oft weggeschaut wird oder es als eine private Angelegenheit gehandhabt wird, bekommen diese Frauen viel zu wenig – oft jedoch auch gar keine – Hilfe. Und sie schweben oft in Lebensgefahr. Frauenhäuser sollen dem Abhilfe schaffen, doch es fehlen bundesweit mindestens 5000 Plätze.

Das Perverse ist, dass das Thema jahrzehntelang regelrecht totgeschwiegen wurde. Jetzt ist es endlich in aller Munde, eine Partei schreibt sich den „Schutz unserer Töchter und Frauen“ auf die Wahlplakate. Aber nur dann, wenn sie Opfer von Ausländern werden. Dabei ist der Fall der Vergewaltigung durch einen Fremden, erst Recht durch einen nicht-deutschen Fremden, die große Ausnahme. Die meisten sind (Ex-)Partner. Die meisten sind Deutsche.

Lass dich nicht von Rassisten verarschen

Auch im Fall von Hannover war es wohl ein Stalker, der eine Abweisung durch eine Frau nicht verkraften konnte. Und im Zuge dessen eine junge Frau ermordete. Ihn wird hoffentlich die volle Härte des Rechtsstaats treffen. Genau wie jeden anderen Straftäter, völlig unabhängig von dessen Hautfarbe. Wenn eine Partei die Fälle und nur die erwähnt, die in ihr rassistisches Weltbild passen – und somit die Berichterstattung dazu anheizt – dann nur, um auch dich dazu zu manipulieren, dass du rassistisch denkst.

Wenn du kein Rassist bist, wenn du wirklich um die Sicherheit von Frauen besorgt bist, dann darfst du eben nicht auf die Manipulation der AfD hereinfallen. Wir brauchen endlich politische Stimmen, die sich für alle Frauen einsetzen, die Opfer von (sexualisierter) Gewalt werden. Nicht nur für diejenigen, deren Täter eine andere Hautfarbe hatte.

Im Gegenteil, wenn die AfD so tut, als sei Gewalt gegen Frauen ein Problem, das erst mit Flüchtlingen aufgetaucht sei, verharmlost sie teilweise jahrzehntelange Gewalt und zeigt ihren Unwillen, daran etwas zu ändern. Wer Hilfe braucht, kann sich an das Hilfetelefon unter der 08000 116 016 wenden oder online unter www.hilfetelefon.de. Dort sind Helfende rund um die Uhr erreichbar. Kostenlos, anonym und vertraulich.

Lass dich und deine Wut oder Trauer nicht instrumentalisieren. Instrumentalisieren von Menschen, die den Opfern nicht wirklich helfen wollen. Denen die Opfer egal sind, weil sie sich nur für die Täter interessieren. Die den mutmaßlichen Mörder von Sophie nicht erwähnen, weil sie ihn nicht ausschlachten können. Weil sie zugeben müssten, dass ihnen die Opfer eigentlich völlig egal sind. Ich wünsche den Hinterbliebenen viel Kraft, mein aufrichtiges Beileid.

#metoo: Doch leider waren meine Täter nur Deutsche

 

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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