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Grünen-Politikerin: Krankenkassen sollen wirkungslosen Zucker zahlen

von | Aug 29, 2022 | Analyse

Faktenbasierter Diskurs ist keine Einbahnstraße

Die Grünen leiten sowohl ihren Regierungsanspruch als auch ihr Programm aus wissenschaftlichen Fakten ab: Nämlich aus dem weltweiten Konsens unter allen Klimawissenschaftlern, dass der Mensch für den aktuellen dramatischen Klimawandel verantwortlich ist. Um möglichst viele Menschen von der Notwendigkeit zu überzeugen, gegen den Klimawandel vorzugehen, ist ein fakten- und evidenzbasierter Diskurs extrem wichtig. Gerade zu diesem Thema würde eine faktenbasierte Herangehensweise allen Parteien bei der Klimapolitik guttun. Aus diesem Grund gehen auch wir regelmäßig gegen Falschmeldungen zu Klimathemen vor. Nur scheint das Thema “Faktenbasierter Diskurs” auch bei den Grünen an seine Grenzen zu stoßen, wenn es in Konflikt zu einigen merkwürdigen Ansichten bezüglich Homöopathie innerhalb von Teilen der eigenen Öko-Bubble steht. So auch bei der Diskussion ob Krankenkassen die Kosten für Homöopathie übernehmen sollten.

Fakt: Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus

Homöopathie hat erwiesenermaßen keine Wirkung, die über den Placebo-Effekt hinausgeht (Quelle, mehr dazu). Es gibt keinerlei wissenschaftliche Erklärung, warum bis zur Unkenntlichkeit verdünnte Substanzen irgendeinen Effekt auf den menschlichen Körper haben sollten. Die Erklärungen, die die Homöopathie angibt, sind frei erfunden und haben keine valide Basis in der Naturwissenschaft. Daher gab es wiederholt Forderungen, die Homöopathie nicht mehr aus öffentlichen Krankenkassen zu fördern. Denn jedes andere Medikament muss seine Wirkung nachweisen. Wir berichteten:

Doch dagegen stellt sich nun ausgerechnet die Landeschefin der Grünen Baden-Württemberg Lena Schwelling mit deftigen Worten. Sie spricht von einem “Kreuzzug” gegen die Homöopathie (Quelle). Und um das an dieser Stelle nochmal klarzustellen: Kaum jemand ist dafür, Menschen zu verbieten, homöopathische Medikamente einzunehmen oder entsprechende Ärzte aufzusuchen. Es geht hier um die öffentliche Finanzierung! Oder um “offizielle” Weiterbildungsangebote! Umso merkwürdiger erscheint Schwellings Wortwahl und auch ihre Argumente, die bekannte Fake-News Techniken nutzen, die wir an dieser Stelle aufdecken wollen.

Wieso ausgerechnet Schwelling nun so verbissen für den Erhalt der Finanzierung für Homöopathie kämpft, ist verwunderlich. So hat doch der grüne Bundesvorstand im August 2020 bereits einen Beschluss gefasst, dass Homöopathie von den Kassen künftig nur noch als Wahltarif angeboten werden soll – wenn auch mit der Option einer solidarischen Umverteilung der Kosten (Quelle). Bei der Landesdelegiertenkonferenz in Donaueschingen im September diesen Jahres gibt es zudem den Antrag, dass Homöopathie künftig nicht mehr zum Weiterbildungsportfolio der Ärzte zählen soll (Quelle). Dies ist bereits in 12 anderen Bundesländern der Fall.

Strohmann Argument – Wahlfreiheit

Lena Schwelling behauptet, dass die Wahlfreiheit von Patient*innen in Gefahr sei, sowohl bei der Wahl der Behandlung als auch bei der Wahl der Ärzt*innen. 

Nur: Das ist ein Strohmann Argument, also sie argumentiert hier gegen etwas, das gar niemand fordert. Würde Homöopathie nicht mehr von den Krankenkassen gefördert, könnte man sie ja dennoch weiter kaufen, nur eben auf eigene Kosten. Es sind wirkungslose Zuckerkugeln, es wäre extrem schwer dafür ein “Verbot” zu rechtfertigen oder ihren Handel einzuschränken.

An dieser Stelle liefert Schwelling sogar selbst das perfekte Gegenargument: Sie sagt, dass die Kosten bei den Krankenkassen kaum ins Gewicht fallen. 

Nur widerlegt das ihr vorheriges Argument zur Wahlfreiheit. Wenn Globuli so billig sind, kann man sie sich auch leisten, ohne dass die Krankenkasse das erstattet. Dadurch könnte auch endlich die exorbitante Gewinnmarge für homöopathische Produkte sinken, die weit über der von tatsächlich wirksamen Medikamenten liegt (Quelle). Ja richtig: Homöopathie ist aktuell ein staatlich gefördertes Profit-Geschäft. Fast wie die Gasumlage – scheint irgendwie so ein Ding zu sein bei den Grünen.

Das “Wahlfreiheit”-Argument wird auch oft von Klimaleugnern verwendet, die ihren Unwillen, sich den Fakten des Klimawandels zu stellen, hinter einer vermeintlichen “Freiheit” verstecken – die für alle sinkt, wenn der Klimawandel voranschreitet. Auch nutzen Klimaleugner oft Strohmann-Argumente, wie “Ihr wollt uns deindustrialisieren” (während sie gleichzeitig nicht zukunftsfähige Technologien wie den Verbrennungsmotor erhalten wollen) oder “Deutschland kann nicht allein das Klimaproblem lösen” – was nie jemand behauptet hätte – und im Pariser Abkommen auch global geregelt ist. 

Argumentum ad popolum

Schwelling argumentiert, dass laut Umfragen die Mehrheit der Deutschen bereits Homöopathie probiert habe und viele sie für wirksam halten. So ganz stimmt das zwar nicht, eine Umfrage zum Thema haben wir bereits zum Thema Covid auseinandergenommen. Das Problem: Daraus leitet sie einen Wahrheitsanspruch ab. Sie argumentiert: Es kann nicht falsch sein, weil viele es tun. Das ist ein mächtiges Werkzeug von Fake News-Verbreitern, welches auch oft genutzt wird um effektive Klimapolitik zu verhindern: “Was soll falsch an Autofahren, mit Gas heizen etc. sein, wenn es doch alle tun?”

Genau können Krankenkassen nicht einfach alles fördern, was beliebt ist. Das würde ja dann auch für Kuchen oder Alkohol gelten.

Hier kommt dann dem “Querdenker” im klassischen Sinne seine Rolle zu. Also nicht dem Querdenker, wie die naiven Schafe der Pandemie-Leugner den Begriff verwenden. Sondern wie er vorher verwendet wurde. Der Querdenker muss dann der Mehrheit widersprechen, mit Fakten, die sie nicht hören will. Mit unbequemen Wahrheiten. Wie Greta Thunberg zum Beispiel. Ihr Mut scheint bei den Grünen in dieser Frage nicht besonders verbreitet zu sein. 

Interessanterweise sinkt die Zustimmung zur Homöopathie bereits. Das Argument geht also auch aus diesem Grund nach hinten los:

Krankenkassen: Glauben vs. Fakten?

Der grüne Gesundheitsminister von Baden-Württemberg erklärte, er “glaube” an Homöopathie. Das ist sein gutes Recht. Wir haben aber aus gutem Grund in Deutschland eine Trennung zwischen Staat und individuellem Glauben. Aufgrund von “Meinungen” und “Glauben” eine Politik für Alle zu machen ist falsch, denn es gefährdet die Konsensfähigkeit unserer Demokratie. Gesundheitspolitik der Krankenkassen muss sich nach Fakten richten!

Es gibt ein Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Auch Schwelling behauptet, dass es Studien gäbe, die ihre Meinung zu Homöopathie stützen. Dabei verschweigt sie, dass diese Studien heftig kritisiert wurden und systematische Reviews zeigen, dass es beispielsweise keinen Beleg für den Effekt von Homöopathie auf Krebs-Überlebensraten gibt (Quelle): “Our analysis of published literature on homeopathy found insufficient evidence to support clinical efficacy of homeopathic therapy in cancer care.” 

Die Studie, die Schwelling zitiert (Frass et al.), zeigt starke Anzeichen von Selektionsbias. Das erkennt man daran, dass Kriterien und Studiendesign mehrfach geändert wurden, sogar während der Studie (hier dokumentiert). Dies schränkt die Aussagekraft und Glaubwürdigkeit stark ein. Hier ist die vollständige Kritik an der Studie. Auszug: “Die Autoren haben die Follow-Up Zeit von zwei Jahren auf 18 Wochen verkürzt, was Bedenken bezüglich unvollständigen Daten weckt.” Also: was hier kritisiert wird, ist, dass die Verkürzung der Follow-Up Zeit eventuell verschleiert, dass die folgenden 1,5 Jahre (!) dann doch etwas andere Ergebnisse haben. Auch zeigen sich nur Unterschiede in der Überlebensrate während der ersten paar Wochen, was ebenfalls ein Hinweis auf Selektionsbias ist. Deshalb läuft auch aktuell ein Verfahren gegen die Studie (Quelle).

Die zweite Studie, die Schwelling zitiert (Lotan et. al.) hat ebenfalls einen deutliche Schwäche. Sie untersucht wie lange Patient*innen nach Brust-OP eine Drainage benötigen. Und tatsächlich: In der Studie haben mit Homöopathie behandelte Personen eine kürzere Drainage-Dauer. Doch gibt es einen kausalen Zusammenhang? Daran lässt sich stark zweifeln, denn die Placebo-Gruppe war älter, beinhaltete mehr Raucher und die entfernten Brüste in der Placebo-Gruppe waren wesentlich größer, alles Dinge, die ebenfalls einen Einfluss auf das Ergebnis haben könnten, was alles bei der Randomisierung hätte berücksichtigt werden können.

Ähnliche Ansätze finden sich auch unter Klimawandelleugnern. Da werden dann Außenseiter-Einzelmeinungen bemüht, um abwegige Erkenntnisse in den Raum zu stellen. Beispiel:

Für den Laien wirkt es dann so, als gäbe es doch keine Einigkeit über den menschengemachten Klimawandel. Ähnlich ist es bei der Homöopathie. Es gibt alles in allem keine überzeugenden Belege für eine Wirksamkeit, aber es werden immer wieder verzerrte Einzelmeinungen als “Belege” angeführt. 

Die selben Techniken wie Klimaleugner

Schwelling argumentiert für die Finanzierung von Homöopathie: Mit falschen Experten, mit Strohmann-Argumenten, Argumentum Ad Populum, Selektions-Bias und einem seltsamen Freiheitsverständnis. Exakt dieselben Argumentationsformen, die sonst Klimawandelleugner nutzen und damit unsere Zivilisation gefährden. 

Die Grünen berufen sich gern auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Um glaubwürdig zu sein, müssten sie das aber auch tun, wenn es gerade mal nicht opportun ist. Sie unterlaufen sonst sämtliche Bemühungen, Klimaleugnern das Handwerk zu legen, wenn sie die selben Argumentationsformen nutzen.