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Das dubiose Lobby-Netzwerk hinter Anti-Windrad-Bürgerinitiativen

von | Feb 16, 2023 | Analyse

Im Landkreis Altötting soll der größte Onshore-Windpark Deutschlands entstehen. Die Abstimmungen der Gemeinden stehen noch aus. Es hat sich aber die Bürgerinitiative „Gegenwind Altötting“ gebildet, um den Windrad-Park zu verhindern. Wir haben ihren Flyer analysiert: Es werden Windkraft-Mythen verbreitet und für dubiose Organisationen geworben. Unsere Recherche über die Hintermänner hinter dem Flyer führt in die Schwurbelszene. Zentrale Akteure sind das Otto-Hug-Strahleninstitut für Gesundheit und Umwelt, das Falschinformationen verbreitet und der Altöttinger AfD-Kreis- und Stadtrat Günther Vogl, der die Initiative verdeckt im Hintergrund anführt. Es handelt sich um eine gezielte Desinformationskampagne von Klimalügen-Profiteuren und Verschwörungsideologen.

Für günstigen und zuverlässigen Strom brauchen wir mehr Windräder, nicht weniger

Bevor wir über die Hintermänner hinter dem Anti-Windrad-Flyer und der Bürgerinitiative blicken, sollten wir aber erst einmal fair deren Argumente unter die Lupe nehmen und einem Faktencheck unterziehen.

„Gegenwind Altötting“ betont, dass Windenergie nicht ausreiche, um die Grundlastversorgung zu decken und unzuverlässig sei. Windkraft ist aber nur eine Säule im Erneuerbare-Energiemix und somit nicht als alleinige Energiequelle vorgesehen. Der bisherige Mix aus Sonne, Wind, Wasser, Bioenergie und Geothermie ergänzt sich und ist sehr zuverlässig. In den dunklen Wintermonaten wird sogar der meiste Strom erzeugt. Wenn es in Deutschland zu größeren Ausfällen kommt, dann meist aufgrund der konventionellen Energien.

Außerdem werden Windräder auf die Bedingungen vor Ort angepasst. Folglich gibt es Modelle für windarme Regionen. Dort, wo sich Windräder nicht lohnen, werden auch keine aufgestellt. Die Initiative behauptet, dass der Windpark der Wirtschaft vor Ort schaden würde, weil man über Windkraft nicht genug Strom produzieren könne. Laut bayerischem Windatlas weht in der Region jedoch durchschnittlich starker Wind.

Windkraftexperte Peter Beermann geht von einem jährlichen Stromertrag pro Windrad von mindestens zwölf Mio. Kilowattstunden aus, was einen rentablen Betrieb möglich macht. Darüber hinaus werden auch die Projektentwickler selbst eigene Windmessungen durchführen, die zeigen werden, ob sich die Windkraftanlage rentiert. „Gegenwind Altötting“ macht folglich falsche Aussagen zur Rentabilität, da sie noch gar nicht wissen können, was die Windmessungen letztlich ergeben. Als „Quelle“ für ihre Aussagen ist die Homepage der NZZ (Neue Züricher Zeitung) angegeben. Vermutlich beziehen sie sich auf diesen NZZ-Artikel, den wir bereits hier widerlegt haben.

Weil es nicht genug Windkraft gibt, brauchen wir nicht noch mehr…?

Der Flyer verweist darauf, dass konventionelle Energiequellen und Importe nötig seien, um Versorgungslücken zu decken, was wiederum teuer ist. Das ist richtig, aber kein Argument gegen Windkraft. Denn schuld an der Lücke ist die hinausgezögerte Energiewende und nicht, dass Erneuerbare nicht zuverlässig wären. Wäre der Solar- und Windkraftausbau schneller vorangegangen, hätten wir heute günstigeren Strom und wir könnten auch bei wenig Wind und Sonne mehr davon produzieren. Weil zu wenige Ökostrom-Anlagen installiert wurden, wächst die Ökostromlücke und der Preis an der Börse steigt. Möchten wir günstigeren Strom, müssen wir also die Energiewende noch schneller antreiben. Das heißt: mehr Windräder.

Der Flyer behauptet also im Klartext, man sollte keine neue Windrad-Anlagen bauen, weil man bisher nicht genug Windrad-Anlagen gebaut hat. Dass das ein Argument FÜR den Windpark ist, fällt offenbar überhaupt nicht auf.

Keine Belege und fehlende Quellen

Auch wird behauptet, dass das Kernkraftwerk Ohu 2 (Isar) rechnerisch mehr als 1200 Windräder ersetze. Wie diese Berechnung zustande kommt, wird nicht erklärt. Fakt ist, es lässt sich nur schwer bestimmen, wie viele Windräder ein Kernkraftwerk ersetzen können. Der Energieausstoß der Kernkraftanlagen hängt von mehreren Faktoren ab und schwankt. Außerdem werden Windräder durch immer stärkere Anlagen ersetzt, sodass ihre Leistung stetig zunimmt.

Stellen wir einmal eine ebenso willkürliche, nicht aussagekräftige Gegen-Rechnung mit echten Zahlen auf, um Vergleichswerte zu haben: Isar 2 produziert im Jahr rund 11 Milliarden kWh Strom. Laut Windatlas kann man für ein Windrad dort ca. 12 Millionen kWh Strom erwarten. Dann wäre etwa ein Viertel weniger Windräder nötig als der Flyer behauptet. Dazu kommt, dass sich im Erneuerbaren-Mix die Energieeffizienz steigert und sich die benötigte Strommenge dadurch reduziert. Sprich: Wir brauchen dann insgesamt auch immer weniger Energie und somit auch immer weniger Windräder um ein Atomkraftwerk zu ersetzen.

Windräder sind viel klimafreundlicher als Atomstrom

Der Flyer verweist auch auf den Materialverbrauch und den damit verbundenen CO2-Einsatz für ein Windrad. Ausgeklammert wird, dass eine durchschnittliche Windkraftanlage nach drei Monaten ihren CO2-Ausstoß ausgeglichen hat. Auch in Hinblick auf den „Erntefaktor“, also wie lange es dauert, bis man die investierte Energie wieder zurück erhält, hat sich eine typische Windkraftanalage an Land (Erntefaktor 30 mit 20 Jahre Laufzeit) nach ca. acht Monaten energetisch amortisiert. Auf welcher Berechnungsgrundlage „Gegenwind Altötting“ ihre Aussagen zum CO2-Ausstoß trifft, wird im Flyer nicht deutlich. Verschwiegen wird auch, dass Atomkraft umgekehrt aus den gleichen Gründen und wegen des Abbaus, der Aufbereitung und des Transports von Uran ja auch nicht CO2-netural ist.

Dieses Argument ist somit durchaus Täuschung, denn bis auf Wasserkraft ist Windkraft der klimafreundlichste Strom. Folglich ist das ein Schein-Argument, denn CO2-Verbrauch kann man jeder Form der Stromerzeugung vorwerfen, und zwar noch mehr als der Windkraft.

Initiative verschweigt die Hauptursachen für Infraschallbelastung und Tiersterben

Auch Falschinformationen zur Infraschallbelastung werden verbreitet. Fakt ist, dass die Schallwerte in der Nähe von Windanlagen weit unterhalb der gefährlichen Grenzwerte liegen. Alles was bisher nachgewiesen wurde waren Nocebo-Effekte. Dies sind negative gesundheitliche Reaktionen, die sich aus der Erwartung negativer Folgen heraus ergeben. Im Alltag sind wir vielen Infraschallbelastungen ausgesetzt (Verkehr, Klimaanlagen, Kühlschrank, etc.). Windkraftanlagen leisten hierzu keinen nennenswerten Beitrag. Wir haben ähnliche Argumente bereits hier widerlegt.

Die Initiative verweist darüber hinaus ebenfalls auf bedrohte Fledermaus- und Vogelarten sowie Insektensterben. Sie verschweigen aber, dass die Hauptursachen für das Artensterben nicht Windräder sind. Das ist ein ähnliches Scheinargument wie die Emissionen für das Material. Die Hauptursachen bei Fledermäusen sind Biotop- und Quartierverlust, Insektizide, Pestizide, Störungen, Straßenverkehr, glatte Fassaden und künstliches Licht. Die betroffenen Vogelarten sind durch intensive Landwirtschaft, Jagd und Bleivergiftungen durch das Fressen erschossener Tiere bedroht. Bei Insekten sind es Pestizide und Düngemittel. Unerwähnt bleibt, dass schwarze Rotoren und Überwachungssysteme, sowie eine an die Tiere angepasste Flächenplanung viele Unfälle verhindern können.

„Gegenwind Altötting“ verbreitet wissentlich Falschinformationen?

Es wird wird wider den wissenschaftlichen Konsens behauptet, dass ein Windrad den „Klimawandel verstärken und Dürre auslösen“ würde. Dies bezieht sich auf mikroklimatische Effekte. Doch die Veränderungen durch Windkraft sind im Vergleich zu Kohle geringfügig, sodass Windkraft immer noch eine um Längen bessere Klimabilanz hat. Hauptursache für trockene Böden und Dürren in Deutschland ist der durch fossile Brennstoffe verursachte Klimawandel. Interessanterweise scheint das auch der Initiator von „Gegenwind Altötting“ zu wissen, wie er im dazugehörigen Telegram-Chat selbst zugibt:

Im Flyer wird jedoch nicht erwähnt, dass die Warnung vor Dürre „zu übertrieben“ sei. Vogl weiß offenbar von der Falschheit der Aussage, trotzdem steht sie auf dem Flyer, der zu seiner eigenen Telegram-Gruppe führt. Es muss davon ausgegangen werden, dass er den Inhalt kennt und in vollem Wissen darüber den Flyer trotzdem drucken und verbreiten lässt. Da kommt es natürlich gelegen, dass im Sinne des Presserechts nicht er, sondern jemand anderes verantwortlich für den Inhalt ist.

Die Initiative tarnt sich hinter Schwurbel-Institut und wirbt für atomlobbynahe Organisation

Initiator der Initiative ist der eben erwähnte AfD-Politiker Günther Vogl. Verantwortlich im Sinne des Presserechts ist für den Flyer aber das Otto Hug Strahleninstitut für Gesundheit und Umwelt (OHSI). Das Institut veröffentlichte die Schrift „Kohlendioxid und Klima: Fakten – Propaganda – Irreführung“, in welchem es den bewiesenen, menschengemachten Klimawandel leugnet und Verschwörungsnarrative verbreitet. Auf der Website finden sich Falschinformationen, u. a. zu Covid-19 (z. B. angeblich höhere Sterblichkeit nach Impfung, was falsch ist). Im Impressum ist keine Adresse angegeben, laut Vereinsregister befindet sich das Institut in einem Wohnhaus in München.

Vorsitzender ist der ehemalige LMU-Professor Edmund Lengfelder. Kürzlich hielt er einen Vortrag, in welchem er den anthropogenen Klimawandel leugnete. Außerdem trat er für die AfD als Redner zu Klima und Corona auf und referierte für Bewusst-Treff, welches dem Esoterik- und Verschwörungsszene nahestehendem Projekt Bewusst.TV angehört.

Das OHSI produziert anti-wissenschaftliche Inhalte, deren Neutralität in Frage gestellt werden können. So ist z. B. eine Grafik der Seite „Vernunftkraft“ auf der Website. Die Grafik basiert auf einer Veröffentlichung von Detlef Ahlborn, zweiter Vorsitzender von „Vernunftkraft“. Er und „Vernunftkraft“ sind laut LobbyControl eng mit der Atomlobby sowie AfD und FDP verflochten.

Ahlborn trat außerdem als Redner bei einer Infoveranstaltung von „Gegenwind Altötting“ in Kastl auf. Auch auf dem Flyer von „Gegenwind Altötting“ ist die Mediathek von „Vernunftkraft“ als „wichtige Videoempfehlung“ verlinkt. „Gegenwind Altötting“ wirbt damit indirekt für eine der Atomlobby nahestehenden Organisation und bietet ihr wie auf der Veranstaltung in Kastl eine Plattform.

Wer dahinter steckt: AfD-Politiker und Verschwörungsideologen sind Hintermänner

„Vernunftkraft“ unterstützt Bürgerinitiativen gegen Windrad-Anlagen und verzeichnet diese auf einer Karte. Wie eine Studie feststellte, ist diese Karte extrem aufgebläht und bildet nicht die tatsächliche Situation in Deutschland ab. Auf der Karte befindet sich die Initiative unter dem Namen „AG Windkraft-Gegenwind Altötting“. Als Kontakt ist Altöttinger AfD-Kreis- und Stadtrat Günther Vogl angegeben. Im Flyer ist als Kontakt die Telegram-Gruppe „Gegenwind Altötting“ gelistet, die ebenfalls zu Vogl führt. Er ist Inhaber der Gruppe. Vogl ist außerdem Autor von Büchern, in welchen er Verschwörungsnarrative zu Covid-19 und Klimawandel verbreitet (z.B. „Great Reset“ bzw. eine „große Transformation“ durch Corona und Klima).

Über diesen Verschwörungsmythos haben wir schon geschrieben.

Folglich profitiert er wohl finanziell von Desinformation. Er ist wohl der eigentlich Verantwortliche der Initiative. Die Herkunft des Flyers soll jedoch über das OHSI verschleiert werden, wie er offenbar selbst zugibt:

AfD-Nähe, Klimawandelleugner-Netzwerk

Vogls Ansichten reihen sich in die AfD-Positionen zum Klimawandel ein. Die AfD profitiert verstärkt von antiwissenschaftlicher Klimarhetorik. Sie steht außerdem in Verbindung zum Lobbyinsitut EIKE, welches die Klima-Desinformation in Deutschland organisiert. Laut LobbyControl gibt es starke personelle Überschneidungen zwischen EIKE, „Vernunftkraft“ und AfD. Die Initiative verschleiert offenbar absichtlich Vogls Verbindung zur AfD und macht das seriös klingende OHSI zum Aushängeschild.

Die Initiative versteckt sich damit nach außen hinter einem neutral klingenden Namen des Institutes. Nach innen öffnet sie sich der Schwurblerszene und erweitert deren Strukturen. So wird „Gegenwind Altötting“ offenbar gezielt bei den Montagsspaziergängen von Querdenken im Landkreis beworben.

Wer genau die Inhalte des Flyers verfasst hat, ist nicht ganz eindeutig. Verfolgt man den im Flyer angegebenen Link unter „Kontakt“ führt dieser zum Telegram-Channel „Gegenwind Altötting“. Im Chatverlauf dieses Channels gibt sich ein @Orangecake2020 („Kate“; ehemals „Frieden mit Russland anstatt Waffen!“) als einer von mehreren Mitverfassern des Flyers zu erkennen. Diese Person ist auch ein Administrator des „Gegenwind Altötting“-Channels. Sie ist darüber hinaus ein QAnon-Anhänger, wie ein Blick in ihre Telegram-Bio offenlegt. „QAnon“ ist ebenfalls eine rechtsextreme Verschwörungsideologie.

In der Telegram-Bio des Administrators @Orangecake2020 findet sich „WWG1WGA“ („Where we go one, we go all)“, ein Erkennungscode der verschwörungsideologischen und rechten Qanon-Szene. Folglich ist eine Person, die den unter Kontakt angegeben Telegram-Channel von „Gegenwind Altötting“ in ihrer Funktion als Admin mit verwaltet und nach eigenen Angaben Teilen des Flyers mit verfasst hat, mindestens ein Sympathisant einer rechtsextremen Verschwörungsideologie.

Intransparenz und Desinformation

Die Initiative gibt vor basisdemokratisch zu sein, basiert jedoch auf Intransparenz und Desinformation – mit Verschwörungsideologen und Rechten als Hintermännern. Das Netzwerk dahinter besteht aus einem pseudowissenschaftlichen Schwurbelinstitut, Querdenken-Verbindungen und Drahtziehern aus AfD und QAnon-Sympathisanten. „Gegenwind Altötting“ wird so zum politischen Instrument von Antidemokraten (Quelle, Quelle, mehr dazu).

Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Neutralität verbreiten sie Windrad-Mythen und Desinformation in der Öffentlichkeit, um die Bürger für ihre Ideologien zu mobilisieren. Diesen werden nicht nur wichtige Fakten und Kontexte bewusst vorenthalten, sondern auch, dass im Hintergrund dubiose Netzwerke gegen die Wissenschaft konspirieren. Davon profitiert insbesondere Vogl; einerseits als AfD-Politiker, andererseits als Autor.

Am meisten profitiert davon jedoch die organisierte Klimaleugnerszene und die dahinterstehenden Akteure aus der Öl-, Kohle- und Atomindustrie. Diese pushen seit Jahren gezielt Verschwörungsideologien und Desinformation, um wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel zu delegitimieren und ahnungslose Menschen für ihre Profitmaximierung zu instrumentalisieren. Die Altöttinger Initiative spielt ihnen damit zu und schützt bewusst oder unbewusst die Gewinne von Natur- und Umweltzerstörern.

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