Von der Wahlniederlage der Union, dem Ende der Boomer und ihrer Hegemonie

| Kommentar | 27. Oktober 2021

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Ein Essay über das Ende der „Boomer“ – und über den nötigen Wandel des deutschen Konservativismus

Vor einiger Zeit äußerte ich meine Erklärungsansätze dafür, warum aktuell die CDU und ihre Wählerschaft während des Wahlkampfs eine besondere Dünnhäutigkeit an den Tag legten und zwischenzeitlich fast schon panisch wirkten und düstere Bilder von „Linksrutsch“ malten.

Aufgrund meiner Äußerungen wurde ich dann darum gebeten, meine Idee doch als Artikel zu formulieren. Ein bisschen hätte ich mir gewünscht, dass ich meine Theorien nicht geäußert hätte. Denn ich bin Soziologe – und ein ziemlicher Fachidiot dazu. Diese Theorien runterzubrechen ist immer etwas schwierig, aber versuchen wir es mal. In den Kommentarspalten werde ich ja sehen, ob mir das halbwegs gelungen ist.

Der Wahlkampf als Kampf um kulturelle Hegemonie

Vorweg: Ich selber hatte dem Wahlkampf eher gelangweilt zugesehen. Denn nicht nur die Slogans auf den Wahlplakaten hätten sich ähnlicher nicht sein können, auch, dass alle mehr Klimaschutz wollen, was auch nicht mehr vermeidbar ist. Die einen wollten, dass der Staat dies umsetzt, die anderen, dass der Markt das regeln soll.

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Irgendwas mit Gerechtigkeit und Digitalisierung wollen auch alle und es wird entsprechend auf die wohl kommende Ampel-Koalition hinauslaufen. Es werden mit Sicherheit Weichen gestellt und auch Dinge in die richtige Richtung gelenkt, aber vieles wird auch auf der Strecke bleiben oder unzureichend reformiert werden, nicht zuletzt mit dem Blick auf Klimaschutz. Einen großen Umbruch erwartete ich genauso wenig wie eine Katastrophe.

Im Grunde zeigte sich in diesem Wahlkampf, wie dieser als Stellvertreterkonflikt für etwas ganz anderes herhalten musste. Denn es geht um etwas, dass sich kulturelle Hegemonie nennt. Doch was ist das? Im Grunde beschreibt der Begriff Vorstellungen, die in einer Gesellschaft unhinterfragt existieren dürfen. Diese Vorstellungen prägen Menschen, werden aber auch von Menschen geprägt. Letztere haben dadurch Macht, ihre Vorstellungen durchsetzen zu können, auch gegen andere.

Die Hegemonie der „Boomer“ ist vorbei

Klingt kompliziert? Dann machen wir das mal an einem Beispiel fest: Es gibt eine Generation, die inzwischen als „Boomer“ bezeichnet wird, die in den letzten 30-40 Jahren ihre Vorstellungen von Gesellschaft durchsetzen konnten: Was wird in der Arbeitswelt erwartet, was gilt als Erfolg, was muss man im Leben erreicht haben usw.? Deren Vorstellungen haben sie auch anderen aufgezwungen, was sich zum Beispiel daran zeigt, dass diese abfällig über nachfolgende Generationen reden, die eben kein Einfamilienhaus gebaut haben, in kleinen Wohnungen leben. Und von diesen fordern „die müssten sich mehr anstrengen“.

Dabei wird offensichtlich, dass das reine Ideologie ist, denn trotz Mehranstrengung ist es für meine und nachfolgende Generationen sozioökonomisch deutlich schwieriger, diesen Wohlstand zu erreichen (Quelle, Quelle). Aber die Behauptung von „Faulheit“ und „Wehleidigkeit“ konnten Boomer lange durchsetzen. Eine Annahme, die auch von vielen geteilt wurde. Grotesk auch, was über meine Generation gesagt wurde: Sie wäre postmaterialistisch, weil zum Beispiel ein Auto als Statussymbol nicht mehr so wichtig war. Ne, Leute. Es war schlicht und ergreifend nicht zu bezahlen und in Städten mit gut ausgebautem ÖPNV ist es auch gar nicht mehr notwendig. Aber wie so Mythen unreflektiert eben die Runde machen und sowas in die Welt setzen können: Genau das ist Hegemonie, die eigene Weltsicht gegen andere durchsetzen.

Zu lange kein Widerstand gegen die Hegemonie

Nun hat diese Generation sehr lange keinen Widerspruch kassiert, auch meine Generation, ich bin irgendwo zwischen Millennials und Generation Z, also die, die unpolitisch waren, angeblich nur an sich gedacht haben usw. Wenn man übrigens denen, die damals noch nicht „Boomer“ hießen, widersprach, war man schnell „überheblich“, „vorlaut“ oder Ähnliches. Ja, so konnten andere Positionen lange zum Schweigen gebracht werden, während man sich jeder Selbstreflexion verweigerte.

Inzwischen sind wir aber einige Jahre weiter und es gibt eine Generation nach meiner, die noch anders sozialisiert wurde – und diese macht gerade den Boomern ihre hegemoniale Position streitig und vor allem unbequem. Und was passiert, wenn die eigene Machtposition infrage gestellt wird? Es wird versucht, sich dagegen zu wehren.

Während man früher Leute durch Vorwürfe zum Schweigen bringen konnte, geht das nun nicht mehr. Es müssen härtere Bandagen her. Und das erklärt dann auch die oft sehr unsachlichen Angriffe auf Fridays for Future oder die Grünen oder ihre Spitzenkandidatin Baerbock. Sicherlich, an allen gäbe es Dinge zu kritisieren und Kritik sollte auch geäußert werden. Kritik und Angriffe sind aber zwei paar Schuhe.

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Nervöses, konservatives Lager

Erinnern wir uns konkret an die Vorwürfe wegen der kopierten Passagen im Buch Baerbocks. Als bei Laschet Ähnliches auffiel: Wie reagierte die konservative Presse bei beiden? Sind irgendwem diese Doppelstandards etwa nicht aufgefallen? Und das ist nur ein Beispiel. Inzwischen gelten Kinder, die kritische Fragen stellen als „instrumentalisiert“, wenn diese die Fragen vorgegeben bekommen. Ja, man kann diese Art auch unangebracht finden, aber der „hinterhältige Angriff“, zu dem es von manchen gemacht wurde, war es nicht. Es zeigt nur: Offenbar ist das konservative Lager, und damit das der „Boomer“, aufgrund seines Bedeutungsverlustes sehr nervös.

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Politisch gibt es bei den Grünen mittlerweile sogar Ideen, die sie für CDUler interessant machen würden. Wenn diese es doch nur mit ihren Werten ernst meinen würden und nicht versuchen würden, ihre Pfründe mit Zähnen und Klauen zu verteidigen…

Nun gäbe es taktisch klügere Wege:

Einerseits zu gucken, wie das eigene Wertesystem ausrichtbar ist an dem, was die Menschen wollen, also eine Transformation. Tatsächlich hat die CDU einiges aufgegeben, was früher für sie undenkbar gewesen wäre: Sie hat zum Beispiel die Homo-Ehe akzeptiert, wobei das als „Linksruck“ interpretiert wurde. Im Grunde war es aber nur ein Zugeständnis der im Grundgesetz Allen zustehenden Grundrechte an eine Gruppe, die diese bislang nicht bekam, also nur eine Zivilisierung der Gesellschaft – doch auch hier: Der Verlust an Macht über andere schmerzt die, die in der Machtposition sitzen.

Stellvertretergefechte gibt es übrigens auch woanders: Wenn es ums Gendern geht, um diskriminierende Begriffe: Die politisch Korrekten wollen bestimmte Worte, die mit N. oder M. oder Z. anfangen, z. B. bei einer Soße, verbieten und „spielen“ Sprachpolizei – dieselben wollen aber das Gendern verbieten. Dass die Nicht-mehr-Verwendung von Begriffen nicht automatisch Diskriminierung beendet, ist klar, aber wenn schon da Rücksicht genommen wird – wo müssen jene, die nie Rücksicht genommen haben denn dann noch Rücksicht nehmen – und letzten Endes Macht abgeben?

Man könnte sich transformieren und aus konservativer Sicht analysieren: Was ist erhaltens- und schützenswert an unseren Ideen?

Wie wäre es mit universellen Menschenrechten? Nicht alles, was als konservativ gilt, ist grundsätzlich falsch. Manche haben die Transformation übrigens geschafft, denn das Bürgertum teilt sich in zwei Lager: das konservative … und das grüne. Letzteres hat viele Probleme, die das Konservative hat, nicht. Auch wenn es da auch Engstirnigkeiten gibt, verkürzte Vorstellungen, ja. Wenn man es wertfrei betrachtet, fällt aber auf, dass dieses eben immer mehr dabei ist, selber eine hegemoniale Stellung einzunehmen. Die Männer dort haben weniger Probleme, eine Frau als Vorgesetzte zu haben, sie sind toleranter gegenüber anderen Kulturen usw. und sind bereit, diese als Teil zu respektieren. Sie geben auch Macht ab, um die eigene zu erhalten, kann man verkürzt sagen.

Aber wenn man die Transformation nicht will, gibt es nur einen anderen Weg: Entweder kämpfen – auch mit unfairen Mitteln – was aber den eigenen Abstieg nicht aufhält. Oder nicht kämpfen und sich heroisch als jemand stilisieren, der über den Dingen schwebt und sein Fähnchen nicht nach dem Wind ausrichtet. Ernst Jünger betrachtet beispielsweise eine Periode der Niederung, bis die Gesellschaft wieder bergauf geht. Wer da die Züge eines Chefredakteurs einer großen Tageszeitung, die in den letzten Jahren an Auflage verloren hat, erkennt, mag dies gerne tun. Aber wichtig ist auch: Konservative reden gerne vom Untergang, wenn sich eine Gesellschaft wandelt. Ihren Abstieg projizieren sie auf die eigene Gesellschaft, wenn sie ihre Ideen nicht mehr durchsetzen können oder nicht verstehen, wie die sich wandelnde Welt funktioniert.

Ja, Minderheiten werden lauter. Das ist kein Untergang

Wir kennen ja auch das Gerede davon, dass die Gesellschaft auseinanderfällt und kein Diskurs mehr möglich sei – oder dass laute Minderheiten ihre Befindlichkeiten überall anmelden würden. Auch das ist natürlich Teil des Versuchs, die eigene Machtposition zu erhalten. Ja, Minderheiten werden aktuell lauter: Menschen mit interkultureller Familiengeschichte, Menschen, die nicht heteronormativ sind, Frauen sprechen über sexuelle Belästigung usw. Wenn man es aber anders formuliert, dann passiert auch etwas anderes: Es gibt viele Gruppen von Menschen, die durch die „Boomergeneration“ sehr lange im Schwitzkasten gehalten wurden und all diese Gruppen befreien sich aus diesem.

Sie sagen: Es reicht! Es kommt immer weniger gut an, Herrenwitze zu machen oder solche über Menschen anderer Hautfarbe. Denn diese Gruppen fordern lediglich den Respekt ein, den „Boomer“ für sich selbst genauso einfordern – aber teilweise nicht bereit sind, anderen entgegenzubringen: Kennt jemand den Satz „Man darf anderen nicht die Meinung aufzwingen!“ – wer tut das denn seit Jahren und das auch noch mit einer völligen Selbstverständlichkeit? Ach und kommen wir noch zum Anmelden von Befindlichkeiten: Wer meint denn die eigenen Befindlichkeiten wären so wichtig, dass andere diese nicht stören dürfen? Wer fühlt sich durch Minderheiten, die sich Diskriminierung nicht mehr gefallen lassen, so angegriffen und hat so wenig Verständnis für die Probleme dieser Menschen, dass sie meint, diese Probleme als Befindlichkeit abwerten zu dürfen?

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„Boomer“ ist eine Mentalität

Boomer sind natürlich vor allem eine Gruppe, die sich durch eine bestimmte Mentalität auszeichnet, oft wird aber auch eine bestimmte Altersgruppe damit betitelt. Nun ist es so, dass nicht alle Menschen in dieser Altersgruppe eine Boomermentalität haben, mitunter haben auch Menschen, die jünger oder älter sind, diese Mentalität. Letztendlich könnte man sagen, es ist eine Gruppe, die in den nächsten zehn Jahren vom Berufsleben in den Ruhestand gehen wird. Übrigens auch etwas, das für eine Krise sorgt: Wenn man in der Arbeitswelt nichts mehr zu melden hat und Jüngere nachkommen und die eigenen Ideen nicht mehr die größte Rolle spielen, da es zum Teil auch neue Erkenntnisse im Vergleich zu früher gibt. Ja, die aktuelle Situation ist auch eher ein Generationenkonflikt zwischen einer Generation, die nicht in der Lage ist, ihre Macht in Würde an nachfolgende abzugeben und sich stattdessen an dieser festklammert.

Wo wir übrigens bei Minderheiten sind: Aktuell machen die „Boomer“ an der Gesellschaft – je nachdem wen man dazuzählen will – ca. 20 % der Bevölkerung aus, fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist jünger. Manchmal wird so ein Schuh draus: Wer also in Wahrheit eine „kleine laute Minderheit“ ist, die ständig meint, die eigenen Befindlichkeiten anmelden zu müssen, sollte so deutlich werden.

Abstiegskampf der „Boomer“

Wir müssen wohl noch etwas warten, bis die „Boomer“ endlich ihre immer größer werdende Bedeutungslosigkeit anerkennen, bis dahin wird es noch einige Attacken auf die Grünen & Co. geben. Aggressives Rumgebeiße von Leuten wie Friedrich Merz, der früher gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe stimmte und Frauen, die dafür warben, im Parlament auslachte. Welche, die die Sozialleistungen kürzen oder Arbeitslosen das Wahlrecht nehmen wollen – grundgesetzwidrig.

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Stellen wir uns die Reaktionen der „Boomer“ mal vor, wenn nun Leute, die so Vorschläge machen, als sexistische Verfassungsfeinde bezeichnet werden würden? Irgendwann wird es bei so Aussagen auch (noch) weniger Widerspruch geben. Die CDU-Politikerin Caroline Lünenschloss aus der Jungen Union sprach diese Reformation in der Union auch bereits aus, als sie über Merz sagte: „Aufbruch sehe ich nicht in einem alten weißen Mann, der regelmäßig verloren hat“ (Quelle).

Abschließend: Ich mache mir wenig Illusionen darüber, ob nun diejenigen, die nach den „Boomern“ am meisten Einfluss auf die Gesellschaft haben, diese besser machen. Macht kann auch korrumpieren und ob deren Vorstellungen immer ethischen Standards entsprechen und wie diese reagieren, wenn mal deren Macht von einer neuen Generation infrage gestellt wird… Aber das ist Zukunftsmusik – aktuell ist es spannend zu sehen, wie es zu tektonischen Machtverschiebungen in der deutschen Politik kommt.

Artikelbild: Michael Kappeler/dpa

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