Pseudo-Empörung: Warum BILD & die CDU so tun, als seien sie zu dumm für Satire

| Schwer verpetzt | 19. August 2020

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Sie wissen ganz genau, dass das normale Satire ist

Teile der CDU, der rechten Presselandschaft rund um das Boulevard-Blatt BILD und die Polizeigewerkschaften sind empört. Da ich nicht glauben will, dass die Politiker, Beamt:innen und Journalist:innen fundamental unfähig sind, eine wesentliche Kunstgattung zu (er)kennen, insbesondere direkt nach einer breiten medialen Diskussion um genau jene Kunstgattung nach dem Pseudo-Eklat um Lisa Eckhart (mehr dazu), kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass hier gezielt ein Skandal inszeniert wird, wo keiner ist, und sich bewusst dumm gestellt wird, um bestimmte politische Narrative zu propagieren.

Als ich vor ein paar Tagen den Clip des Fernsehmoderators und Komikers Aurel Mertz gesehen habe, habe ich gelacht und mir nichts weiter gedacht. Die Debatte um Rassismus und übermäßige Gewalt bei der Polizei ist ja nicht neu. Ganz aktuell sorgen gleich zwei Skandale wegen überzogener Gewaltanwendung von Beamten für Schlagzeilen, in Düsseldorf (Quelle) und in Frankfurt (Quelle). Ein Petition, die eine Studie über Racial Profiling bei der Polizei fordert (für die es eindeutige Hinweise gibt, mehr dazu), hat ebenfalls gerade das Quorum erreicht (Quelle). Die Polizei steht unangefochten derzeit in der Kritik, übermäßige Gewalt anzuwenden und überproportional gegen PoC.

Wie sähe eine Satire über die Vorwürfe aus? Ich will eigentlich nicht der Typ sein, aber als Literaturwissenschaftler möchte ich an dieser auf die Definition von Satire verweisen: „Kunstgattung, die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert […].“

Also: Würde man eine Satire machen, würde die die Polizei als übertrieben rassistisch darstellen, würde eine lächerlich überzogene, gewalttätige Reaktion porträtieren und (selbst)ironisch mit rassistischen Einstellungen und dem Deutschsein umgehen.

Genau das hat Aurel gemacht: Bilderbuch-Satire

Da es wichtig ist, den ganzen Clip gesehen zu haben und sich nicht nur darauf zu verlassen, was empörte Politiker oder Journalist:innen darüber behaupten, ist der Original-Clip hier eingebettet: Wichtig auch hier (für später) der Begleittext von Aurel persönlich. Eine Debatte über die Satire (oder besser: über die gekünstelte Empörung über die Satire) ist sinnlos, wenn man sie nicht angesehen hat.

Es ist genau das, was man von einer Satire erwarten würde: Die Beamt:innen sind gerade zu lachhaft rassistisch, tragen sogar Farbkarten mit sich herum. Die überzogene Polizeigewalt wird durch Hubschrauber und einen Scharfschützen, der nur einen Meter neben an liegt überspitzt aufs Korn genommen. Und Socken in Sandalen stehen ja schon ikonisch für ein (selbst)ironisches Klischee des Deutschen. Wenn wir also meine rückwärts aufgezogene Analyse wieder umkehren: Aurel stellt satirisch die Vorwürfe von Rassismus und überzogener Polizeigewalt dar. Ich persönlich fand besonders das Ende lustig, aber der persönliche Geschmack spielt für die künstlerische und erst Recht politische Bewertung nicht wirklich eine Rolle.

An dieser Stelle könnte sich das ganze Video erübrigt haben, wenn es nicht Gruppierungen geben würde, die das Video ganz bewusst falsch verstehen wollen, um gewisse politische Narrative zu bedienen und von einem Diskurs abzulenken, dem sie sich ganz offensichtlich nicht stellen wollen. Hier ist ganz wichtig, dass Aussagen aus dem Kontext gerissen werden, Falschbehauptungen gemacht werden und darauf vertraut wird, dass Menschen einfach den bedienten Narrativen vertrauen und den bewusst falschen Interpretationen, weil sie sich gerne darüber aufregen wollen. Es ist das gleiche Märchen wie bei Umweltsau.

Köln: Wer gegen “Umweltsau” protestiert, hat das Video nicht verstanden

„Gebührenfinanzierter Hass“ Oder: Angriff auf die Pressefreiheit und Zensurversuch

„Gebührenfinanzierter Hass“ nannte CDU-Abgeordneter Hauer das Video auf Twitter, das Schlagwort nutzten das Kampagnen-Blatt BILD oder der Focus, um gegen die Satire zu hetzen. CDU-Politiker wie Herbert Reul taten so, als sei das Video ein „Schlag ins Gesicht jedes Polizeibeamten“ und behaupteten, das Video sei „menschenverachtend“. Natürlich durfte der obligatorische Vorwurf an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht fehlen. Im Focus fantasierte ein Autor gar, dass eine Satire über Polizeigewalt zu Gewalt gegen die Polizei führen würde. Dass die offiziellen Zahlen zu „Gewalt“ eine völlig andere Sprache sprechen, wird einfach bewusst wegignoriert.

Zahlen zu angeblicher “Gewalt” gegen Polizisten: Täter-Opfer-Umkehr in der Polizeigewalt-Debatte

In den Chor der Pseudo-empörten stimmten auch FDP-Politiker ein, die gleich die Finanzierung des ÖRR in Frage stellen, weil sie die Satire für „schlecht gemacht” halten. Von den Stimmen ganz rechtsaußen brauchen wir natürlich gar nicht einmal anfangen. Das alles ist umso absurder, da wir buchstäblich erst letzte Woche eine breite Debatte darüber geführt haben, ob es für die österreichische Kabarettistin Eckhart in Ordnung war, antisemitische Klischees zu reproduzieren. Aber lassen wir mal potentielle Doppelmoral zur Seite.

Wie gesagt, ich will nicht glauben, dass diese Personen alle nicht fähig sein sollen, zu verstehen, dass bei Satire nicht alles wörtlich zu verstehen ist. Klar sind die Beamten im Clip „ausländerfeindliche Dumpfbacken“ (Reul), aber wer hat gesagt, dass Aurel die Polizei exakt so sieht? Diese Menschen wissen doch, was Satire ist. Es ist per Definition übertrieben. Hier wird die Darstellung der Polizei als übertrieben kritisiert (gar „menschenverachtend“), aber man möchte so tun, als sei diese Übertreibung nicht das eindeutige Anzeichen, dass es ein Satire-Video ist, sondern dass es völlig ernst gemeint sei und dann im zweiten Schritt kritisieren, dass es übertrieben ist. Das ist buchstäblich sinnlos.

Wer hätte es gedacht: Satire ist nicht ernst gemeint

Wenn also die CDU, BILD und Co. so tun möchten, als sei die überzogene Darstellung der Polizei in diesem Satire-Clip ernst gemeint und solle ein realistisches Bild der Polizei darstellen, wenn sie sich also dazu entschließen, den Satire-Text (im literaturwissenschaftlichen Sinn) wörtlich zu nehmen, wie können sie dann gleichzeitig zum Schluss kommen, mit der Darstellung seien alle Polizist:innen gemeint? Hauer behauptet, es sei ein „Pauschalvorwurf“ gegen die Polizei, Reul ebenfalls. Aber wo haben die denn das heraus gelesen?

Nirgendwo im Video wird gesagt: „Ach ja, und wir stehen stellvertretend für alle Polizist:innen“ oder „So läuft das bei jeder Begegnung einer PoC mit der Polizei ab“. Im Gegenteil, im Paratext dem Kommentar auf Twitter von Aurel steht buchstäblich: „Es geht nicht darum die gesamte Polizei unter Generalverdacht zu stellen aber so lange uns Bilder wie aktuell aus Frankfurt und Düsseldorf erreichen und Racial Profiling-Studien abgesagt werden, müssen wir den Finger in die Wunde legen.“ Wenn wir also davon ausgehen, dass das Video (eindeutig fälschlicherweise) wörtlich genommen wird, ist das Herauslesen von „Pauschalvorwürfen“ Unsinn.

Aber natürlich wissen die Kritisierenden, dass nicht alles wörtlich gemeint ist, sonst würden sie nicht (richtig) schließen, dass die dargestellten, überzeichneten Beamten pars pro toto für die gesamte Polizei stehen. Aber wenn sie eingestehen, dass manche Aspekte des Videos nicht wörtlich zu verstehen sind und der Interpretation bedürfen warum um alles in der Welt dann die Übertreibung nicht? Sie tun einfach so, als könnten sie sich willkürlich aussuchen, welche Teile wörtlich zu verstehen sind und welche interpretiert werden müssen. Das ist Quatsch und intellektuell unehrlich. Und politisch perfide. Vor allem, da der Kontext der bewusst falschen Interpretation ja deutlich widerspricht.

Eine politische Kampagne

Vergessen wir also die hohlen Phrasen und Anschuldigungen gegen die Satire. Die letzte Ebene der möglichen, bewussten Falschdarstellung könnte als nur noch darin liegen, dass man kritisiert, dass die implizite Kritik an Rassismus und übermäßiger Polizeigewalt selbst unberechtigt wäre. Und hier sieht man, warum so getan wird, als sei es nur angebliche Satire (Reul): Damit die Satire als legitime Überspitzung fungiert, muss ja etwas real existieren, das überspitzt werden kann. Andernfalls ist es keine Satire mehr, sondern ein Überdrehen von Klischees.

Aber wer so tun möchte, als gäbe es gar keine Vorfälle von Rassismus oder übermäßiger Gewalt in der Polizei, disqualifiziert sich offensichtlich selbst für den Diskurs und leugnet die blanke Realität. Nicht umsonst hat Aurel im Teaser zum Video selbst (!) aktuelle Vorfälle genannt. In Frankfurt wurde gegen drei Polizisten ein Disziplinarverfahren eingeleitet, es wird ermittelt (Quelle). Seit 1990 gab es 176 Todesfälle in Polizeigewahrsam. Von den Opfern haben die meisten einen Migrationshintergrund (Quelle). Der Großteil der Fälle wurde nicht aufgeklärt oder die Ermittlungen sind eingestellt worden. Der prominenteste Fall innerhalb der Bundesrepublik ist die Ermordung von Oury Jalloh im Polizeigewahrsam in Dessau 2005. Und vieles mehr. Und fangen wir nicht von den ganzen rechtsextremen Terrorgruppen in der Polizei an (mehr dazu).

Und wer von all dem nicht überzeugt ist: Am Ende steht immer noch die persönlich, nicht zu leugnende alltägliche Erfahrung der Opfer rassistischer Diskriminierung. Selbst wenn das nicht zu einem Pauschalvorwurf reichen würde: Für eine Satire, die genau diese realen Erfahrungen anprangert, reicht es. Dass es Pauschalvorwürfe sein sollen ist eine Erfindung der CDU und ein Strohmann-Argument. Aurel selbst war vor zwei Monaten in einem Video, in dem Betroffene von ihren Rassismus-Erfahrungen berichtet haben:

Die Carolin Kebekus Show: "Das Erste Deutsche Weiße Fernsehen" mit einem "Brennpunkt"

"Das Erste Deutsche Weiße Fernsehen" mit einem "Brennpunkt".Shary Reeves Aurel Mertz Denyo Mo Asumang Hadnet Tesfai Aminata Touré Aminata Belli Dr. Karamba Diaby Dr. Sylvie Nantcha Malcolm Ohanwe Luna Simao Tyron Ricketts Marius Jung Alice Hasters Quattro Milf Patrick Owomoyela Thelma Buabeng – Fanpage"Die Carolin Kebekus Show" hier als Video: www.DasErste.de/-die-carolin-kebekus-show-folge-3-100

Gepostet von ARD Mediathek & Das Erste am Donnerstag, 4. Juni 2020

 

Wir haben also alle Elemente für eine Bilderbuch-Satire: Einen echten Missstand, der durch Übertreibung kritisiert wird. Satire soll einen Spiegel vorhalten: Stell dir vor, es wäre so schlimm, wie in dieser absichtlich absurden Darstellung. Würdest du dann den Rassismus sehen? Und umgekehrt führt es dann zur Frage: Ab wann ist es rassistisch?

Rassismus in der Polizei

Auch die Polizeigewerkschaft GDP kritisiert auf Twitter, dass sie sehr empört sei über das Video. Ich möchte nur nach dem Hinweis unseres Autors Stephan Anpalagan an diese extrem rassistischen Karikaturen aus einem Polizei-Kalender erinnern (Quelle).

Der Chef der Polizeigewerkschaft DPolG, Rainer Wendt verteidigte diese Motive: Dass es Rassismus sein solle sei absoluter Quatsch (Quelle). Also dass Polizist:innen über einen Affen als Asylanten lachen sollen ist in Ordnung, aber eine Satire, dass die Polizei rassistisch ist, sind menschenverachtend? Das würde ich sehr stark anzweifeln.

Blanke Verzerrung der Realität für einen Pseudo-Skandal

Der ÖRR weist diese haltlosen Anschuldigugnen also völlig berechtigt zurück:

Der satirische Clip “Racial Profiling” thematisiert Erfahrungen von Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Der Clip ist in seiner Überspitzung und Darstellung eindeutig als Satire erkennbar.

Und darum meine ich, dass die ganze Kritik nur eine große Inszenierung ist. Hier wird bewusst und absichtlich der Satire-Clip falsch interpretiert, damit man so tun kann, als wäre die Polizei Opfer, nicht Täter. Ja, während zuvor die Debatte darum ging, dass Aurel anprangern muss, rassistisch diskriminiert zu werden, dass Videos kursieren, in welchen Beamte auf den Nacken von Opfern knien oder auf sie eintreten, kann man jetzt so tun, als sei die Polizei das arme Opfer genau dieser Kritik.

Man reißt die Darstellungen bewusst aus dem Kontext, negiert ohne jeglichen Beweis, dass es eine satirische Überspitzung sein soll und erfindet gar, dass Menschen wegen so einer Satire leichter die Polizei angreifen würden. Der Stich gegen den ÖR ist da noch die Vollendung des rechten Narrativs und neben der bewussten Täter-Opfer-Umkehr in der Polizeidebatte, die der Ablenkung dient kommt noch das rechte Feindbild des ÖR hinzu. Rechtsextreme Gruppierungen hetzen pausenlos dagegen und die CDU und BILD liefert den Pressefeinden weiteres Futter.

Der Journalistenverband wirft der CDU, die diese Farce zum Anlass nimmt, die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrages zu blockieren, einen Zensurversuch vor (Quelle). Richtig: Hier findet vor unseren Augen ein Angriff auf die Kunst- und Pressefreiheit statt. Dieses Narrativ führt übrigens dann wirklich dazu, dass es mehr Angriffe gibt. Aber halt auf die Presse. Letztes Jahr haben sich die Angriffe auf Journalist:innen verdreifacht (mehr dazu). Fast alle Angriffe aus dem rechten Spektrum. Nach so einer Pseudo-Empörung wird Dunja Hayali auf einer Pandemie-Leugner-Demo dann angegriffen.

Fazit: Ablenkungsmanöver

Das Video von Aurel könnte nicht deutlicher ein Satire-Video sein und das Gepolter von Rechts nicht deutlicher ein Ablenkungsmanöver. Die wenigsten, die dem Narrativ des linksgrünversifften ÖR und der Polizei als Opfer von Pauschalvorwürfen glauben schenken wollen, werden das eigentliche Video überhaupt gesehen haben. Und selbst wenn ist es nach dem Priming durch BILD und Co ein Leichtes, die Überspitzung als solche bewusst auszublenden, wenn man es denn so wahr haben möchte.

In der rechten und bürgerlichen Blase kann man es sich gemütlich machen, dass hier gegen die Polizei “gehetzt werde womit man die impliziten und expliziten Vorwürfe beruhigt ignorieren kann, denn die Welt ist wieder in Ordnung. Es gibt kein Problem und wenn, dann ist es der ÖR, der gebührenfinanzierten Hass betreibt. Dass das alles Quatsch ist, erreicht diese Menschen gar nicht, weil ihre Zeitungen und ihre Politiker die bewussten Täuschungen mit voller Inbrunst wiederholen. Der Angriff auf die Freiheit der Kunst bleibt. Und nächste Woche könnten die gleichen Personen völlig ironiebefreit Angriffe auf die Kunst einer Cancel Culture beklagen, ohne dass es jemand bemerkt.

Artikelbild: Screenshot twitter.com / Volksverpetzer

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